Bayern 2 - Nachtstudio

Der Körper als Labor Freiheit durch Selbstoptimierung?

Der Körper ist kein Schicksal mehr, sondern eine Frage des Gestaltungswillens. Fitness als perfektes Werkzeug, um einen optimalen Körper zu erschaffen. Denn es gilt konkurrenzfähig bleiben. Oder den Körper ganz zu überwinden. Selbst im Radio nicht die leichteste Übung.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 25.05.2020

szene medusa bionic rise | Bild: Dirk Rose

Körper als Weiblichkeitsprothese

Am Anfang klingt Shelly ganz sanft, fast zart. Bis die Musik anfängt. Mit dem Beat und den Trainingsanweisungen auf Englisch wird Shelly strenger, aber nicht unfreundlich. Auch dann wollen die Körperbilder, die ihre Stimme im Kopf provozieren, so gar nicht zu dem passen, was Shelly über ihren Körper erzählt. Dass sie schon unzählige Schönheitsoperationen an sich durchgeführt hat. Dass sie injiziert hat, gespritzt, aufgeschnitten, abgesaugt, geshaped, trainiert, enhanced. Weil sie ihren Körper als Design begreift. Und ihn als Weiblichkeitsprothese nutzt. In dieser Gestalt komme sie leichter an Informationen, die ihr helfen, ihren Körper weiterzuentwickeln. Denn das will Shelly, ihren Körper entwickeln, aufrüsten, updaten. Und frisch halten. Da ist sie altmodisch. Körperlosigkeit, z.B. als Software, ist nicht ihre Utopie. Obwohl sie im Radio eigentlich im geeigneten Medium dafür wäre.

Medusa Bionic Rise – Ein Workout im Radio

Shelly ist Mitglied der online-Bewegung Medusa Bionic Rise (MBR), gegründet von der Performancegruppe The Agency. Die Bewegung hat sich radikaler Selbstoptimierung verschrieben. In Workouts trainieren die Mitglieder Neuro-Enhancement und Bodyhacking, experimentieren mit Künstlicher Intelligenz oder Hormonen. Nach dem Motto: Der Körper ist nicht Schicksal, sondern Medium der Gestaltung. Oder der Fiktion. Oder der Utopie. Also des Posthumanismus? Aber ganz so weit würde Shelly eben nicht gehen. Trotzdem sagt sie zu, als wir sie als Trainerin für eine Stunde körperloses Radio anheuern. Für ein Workout per Schalte, das ganz normale, tendenziell untrainierte, auf alle Fälle ungehackte Körper auf Touren bringen soll. Und den Kopf.

Zwischen Freiheit und Faschismus

Denn die Vorstellung vom Körper als Prothese, als Hybrid zwischen Natur und Technik, als Mittel zur Überwindung des Menschen ist ja auch nicht die einfachste Übung. Sicher, darin kann Freiheit liegen, aber auch Faschismus. Grauen oder Glück. Immer steckt dahinter die Frage: Was ist das, ein Körper? Wie sollen wir ihn für die Zukunft denken? Brauchen wir ihn dann überhaupt noch? Ganz zu schweigen davon, wie er sich anfühlen wird. Und ganz ehrlich, hängen wir nicht doch an der ein oder anderen Speckfalte als natürlichem Interface zur Wirklichkeit? Und müssten einfach nur anfangen, sie schön zu finden?

Shelly hat sich jedenfalls entschieden und ist zum Prototype mutiert. Ob ihre Aufforderung zur erneuten Begegnung "auf der anderen Seite" Einladung oder doch eher Drohung ist, wird jeder für sich entscheiden müssen. Anhören, ganz jenseits vom konkreten Körper, sollte man sie sich auf jeden Fall.

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