Bayern 2 - Nachtmix


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Shuggie Otis Ein verlorenes Wunderkind wird sechzig

Mit 13 hat er seinen ersten Hit, mit 16 spielt er den Bass bei Frank Zappa und Gitarre mit T-BoneWalker. Mit 21 lehnt er ein Angebot der Rolling Stones ab, weil er seine "eigenen Sachen am Laufen hat". Shuggie Otis, das Wunderkind des Rhythm & Blues wird Ende November 60. Der Nachmtix widmet ihm ein Nachtmix Playback.

Von: Klaus Walter

Stand: 13.11.2013 | Archiv

Shuggie Otis | Bild: Legacy/Sony

Am 30. November 2013 wird Shuggie Otis 60 Jahre alt. "Here comes Shuggie Otis", so heißt sein erstes Soloalbum 1969. Damit beginnt die Karriere eines ganz Großen, vermeintlich.

"Er ist der unbesungene Held des Blues und Funk. Seine Musik ist so kraftvoll und potent, dass sie erst dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen richtig aufblüht."

Questlove

Das sagt Questlove von den Roots über Shuggie Otis. Der englische Kritiker David Toop feiert derweil die "enigmatischen Übertragungen von einem der mysteriösesten Soulmänner der Siebziger." Ein bißchen rätselhaft, dieser Shuggie Otis, also der Reihe nach: Als Johnny Alexander Veliotis kommt der spätere Shuggie Otis 1953 in Los Angeles auf die Welt. Sein Vater Nick Veliotis ist Sohn griechischer Einwanderer und er ist so verrückt nach der Musik der schwarzen Amerikaner, dass er sich kurzerhand selbst für schwarz erklärt – aus Nick Veliotis wird Johnny Otis, musikalisches Allround-Talent, Bandleader, Sänger, Multiinstrumentalist, Talentscout… und Vater von Shuggie Otis.

Der Sohn erbt das Talent seines Erzeugers und steht schon als kleiner Junge mit diesem auf der Bühne – und macht Platten mit seinem Vater. Auf dem Album "Cold Shot" sieht man Vater und Sohn gemeinsam, Shuggie als Teenager mit Gänseblümchen in seinem gewaltigen Afro mit den Fingern formt er das Peace-Zeichen, Vater Johnny mit deutlich hellerer Haut als sein Sohn ballt die Faust zum Gruß der Black Panther.

"Ach ja, Shuggie ist fünfzehn Jahre alt"

Bei den Auftritten mit seinem Vater Johnny erregt Shuggie Otis schon bald Aufsehen, vor allem durch sein Gitarrenspiel. Auch Al Kooper wird aufmerksam. Durch seine Arbeit mit Bob Dylan und seine Bands Blues Project und Blood Sweat & Tears ist Kooper in den späten Sechzigern eine große Nummer im amerikanischen Rock. 1969 lädt Kooper Shuggie Otis zu einer Session ein, daraus wird ein Album: "Kooper Session: Al Kooper introduces Shuggie Otis." In den Linernotes singt Kooper ein Loblied auf seine Entdeckung:

"Ich glaube Shuggie ist der Star dieses Albums. So gesehen ist es sein Debüt-Album. Ach ja, eine Sache noch: Shuggie ist fünfzehn Jahre alt."

Al Kooper

Shuggie Otis Albumcover KooperSessions | Bild: Smd Reper/Sony

Albumcover "The Kooper Sessions"

Shuggie Otis wird als Wunderkind gefeiert, der Traumkarriere sollte eigentlich nichts im Weg stehen. Eigentlich. Eigentlich müßte Shuggie Otis heute in einer Ahnenreihe stehen mit Jimi Hendrix, Sly Stone und Prince, genauer gesagt an dritter Stelle dieser Reihe, da wäre er das Bindeglied zwischen Sly und Prince. Wie diese beiden ist auch Shuggie Otis im besten Sinne colourblind, farbenblind, ein Grenzgänger zwischen den Stilen, die ja immer wieder über Hautfarben definiert sind. Durch seine Session mit Al Kooper wird Shuggie Otis zum heißen Anwärter auf wahlweise: der neue Hendrix oder doch der neue Sly Stone?

1971, Hendrix ist ein Jahr tot, kommt dann sein zweites reguläres Solo-Album. Mit Freistil-Blues-Jams aber auch mit Popsongs wie "Strawberry Letter", das später in einer discofizierten Version der Brothers Johnson zum Hit wird und 1997 von Quentin Tarantino in seinem Film "Jackie Brown" eingesetzt wird.

Und wieder fragen sich ein paar Leute: Was ist eigentlich aus diesem Shuggie Otis geworden? Es sollte noch weitere vier Jahre dauern, bis David Byrne etwas Licht ins Dunkel bringt. 2001 veröffentlicht der Gründer der Talking Heads auf seinem Luaka Bop Label eine Neuauflage von "Inspiration Information".

Warum nicht in einer Reihe mit Prince und Sly Stone?

Doppel-CD "Inspiration Information/Wings of Love"

Shuggies dritte Solo-LP war 1974 erschienen und damals von Kritik wie Publikum weitgehend ignoriert worden. Heute unbegreiflich, denn mit diesem  Album steht Shuggie Otis tatsächlich in einer Reihe mit Sly Stone und Prince – oder müsste stehen. Wie Sly und Prince ist Shuggie Otis ein Erneuerer. Als einer der ersten Musiker experimentiert er in den frühen Siebzigern mit dem Maestro. Der Maestro ist eine Drum Machine, die auch Sly Stone benutzt, Shuggie tut das mit verblüffenden Resultaten, insbesondere bei dem Song "Aht uh mi hed".

Selten hatte ein Song mit einem passenderen Titel Shuggie Otis' Kopf verlassen. Der hat es auch einigen Rappern aus Hamburg angetan. Daran erinnert im Herbst 2012 die Tageszeitung die WELT unter dem Titel "Das Drama des begabten Sohnes":

"Im Herbst 2012 steht Shuggie Otis wieder auf der Bühne. Gruenspan heißt der kleine Club in Hamburg an der Großen Freiheit, voll ist er an diesem Abend nicht, und man sieht einen älteren Mann mit Oberlippenbart, er trägt sein Haar wie einen Helm und einen Gehrock zur Gitarre. Dann spielt er 'Aht Uh Mi Hed'. Den Song hat Otis 1974 aufgenommen. Die zurückhaltenden Zuschauer geraten plötzlich außer sich. Manche singen auf Englisch mit, und manche singen deutsch: 'Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied. Ein Lied, dass ihr liebt.' Die Band starrt ihren Sänger an. Der Sänger schaut ins Publikum, er lächelt irritiert. Vor auch schon wieder 15 Jahren hatte eine Band aus Hamburg mit dem Namen Absolute Beginner aus einem Versatzstück von 'Aht Uh Mi Hed' ihr 'Liebes Lied' geformt und einen deutschen Hit gelandet. Nach seinem Konzert sitzt Shuggie Otis in der Garderobe und sagt, dass er davon schon gehört hat."

Aus 'Die Welt', Herbst 2012

"Inspiration, Information" hieß das Album mit "Aht Uh Mi Hed" von 1974. Shuggie Otis hat seither nichts mehr veröffentlicht. Die Platte taucht in jeder ernst zu nehmenden Liste ewiger Meisterwerke der Musikgeschichte auf. Den Meister selbst zählt man inzwischen zu den Musikern, die an ihrem Werk irre wurden und verloren gingen, irgendwo zwischen Brian Wilson von den Beach Boys und Syd Barrett von Pink Floyd. Auch Otis galt als nicht geschäftsfähig. Was aber weniger an ihm als am Geschäft lag:

"Jahr für Jahr habe ich neue Aufnahmen verschickt. An sämtliche Plattenfirmen. Niemand gab mir eine Chance, geschweige denn einen Vertrag. Ich war für aussätzig erklärt worden. Die Daumen blieben unten."

Shuggie Otis

Im Nachhinein bleibt das eines der großen Rätsel der Popgeschichte.

Jetzt, an der Schwelle zu seinem 60.Geburtstag jetzt doch noch ein wenig von der Anerkennung, die ihm gebührt. Vor einem Jahr ist endlich "Wings of love" herausgekommen, eine Sammlung von verstreuten Tracks, die Otis seit 1975 aufgenommen hatte, darunter einige echte Perlen. Und die Nachgeborenen erinnern (sich) an das verlorene Wunderkind. So zum Beispiel die kalifornische Band Foxygen. Deren Track "Shuggie" hat es in die Download-Charts geschafft – was immer das für Shuggie Otis bedeuten mag.


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