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The Fugees "Killing Me Softly"

DIE ZEIT schrieb über die Fugees, das Trio habe die Härte des Rap, die Leichtigkeit des Reggae und die Wärme des Soul zu einer verblüffenden Vision schwarzer Musik verschmolzen.

Stand: 08.12.2014 | Archiv

The Fugees | Bild: picture-alliance/dpa

Die Fugees waren auch großer Pop, auf den sich schwarze Hardcore Hip Hop Heads, wie weiße Hausfrauen einigen konnten.

Mit ihrer Mischung aus Rap, Reggae, Soul und folkigen Einflüssen, läutete das Trio zusammen mit seiner Band eine neue Hip Hop Ära ein. Politisch, aber nicht so aggressiv wie Public Enemy, geschichtsbewußt, gespickt mit Samples, mit Sound- und Textzitaten afroamerikanischer Kultur und einem rapkritischen Bewußtsein, war das warme Fugees-Model von der Eastcoast der Gegenentwurf zum kalten, Synthesizer-generierten Gangsta Rap der Westcoast.

Auch die Onkel-Tom-Entertainer bekommen ihr Fett weg

Back then: The Fugees

Die Fugees kommen aus South Orange/New Jersey. Rapperin Lauryn Hill, die an der Columbia High School Geschichte studierte und ihr Klassenkamerad Pras Michel starteten in den späten 80ern die Rap Translators und Tranzlator Crew. Später stieß Wyclef Jean aus Brooklyn zu den beiden. Wyclef, der Cousin von Pras hatte seine ersten neun Lebensjahre auf Haiti verbracht. Als Immigranten und Flüchtlinge, als „Refugees„, gründeten die drei die „Fugees“. Beeinflußt von De La Soul und ihrem weichen Blümchen-Rap und dem „Daisy Age“ setzten die Fugees auf sozialkritische, afrozentristische und selbstreflexive Themen mit spirituellem Tiefgang.

In „Nappy Heads„ kriegt auch Jazz-Ikone Louis Armstrong sein Fett weg als Onkel Tom Entertainer der Weißen.

"And I say to myself what a wonderful world. But what the hell was so wonderful bout' cotton in the farm Mr. Slave Man"

aus Nappy Heads

Im Interview erklärte Wyclef Jean 1994 , dass subtile Texte ja schön und gut seien, er als Sohn eines Predigers aber immer mal wieder Klartext reden müsse. Der Dampf müsse raus aus dem Kessel. Und die bezaubernde und charmante Lauryn Hill erklärte damals augenzwinkernd, wer bei den drei das Sagen habe und alle Texte schreibe.

"The Score" wird zum Welterfolg

1994 traten die Fugees in München-Riem in der Charterhalle als Vorband vom Rödelheim Hartreim Projekt und DasFX auf. Da konnte noch keiner wissen, dass die Fugees zwei Jahre später durch die Decke gehen würden. Aber nach dem Live-Auftritt mit ihrer großartigen Band, war zumindest etwas zu erahnen. Für ihr zweites Album "The Score" überlegten sich die Fugees 1996 folgendes Konzept: Das Album sollte sich wie der Soundtrack eines Musicals anhören.

Mit "The Score" räumen The Fugees ab

Während einer Autofahrt hörten die Drei den Song "Killing Me Softly" von Roberta Flack im Radio, und es macht klick. Der Song passte perfekt zu ihrer Idee eine Liebesgeschichte ins Zentrum dieses Albums zu stellen. Doch erst sorgt eine andere Single in der Szene für Furore. Im Dezember 1995 veröffentlichen die Fugees "Fu-Gee-La", der erste Hit aus „The Score“. Doch die Cover-Version "Killing Me Softly" einige Monate später brachte erst den richtigen Hype um die damalige Rap-Sensation. Mehrfach platin-veredelt enterte der Track die Charts-Pole Position in zahlreichen Ländern. Genauso wie das Album, das mit über 17 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfogreichsten Hip Hop-Platten aller Zeiten aufstieg. "The Score" räumte fast alle Preise ab: Grammys, American Music Awards, MTV Awards, und und und.

Und dann kam der Bruch

Lauryn Hill nimmt einen Preis entgegen

Doch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist es nach einer großen Tour plötzlich vorbei mit den Fugees. Bis heute ist nie offiziell erklärt worden, warum sich die Fugees 1997 getrennt haben. Angeblich war ein Streit zwischen Lauryn Hill und Wyclef Jean der Auslöser. Lauryn Hill wollte eine Auszeit und eine Familie gründen, Jean den Erfolg ausnützen und mit den Fugees in neue musikalische, wie kommerzielle Dimension vorstoßen. Lauryn Hill wurde 1997 schwanger. Der Vater ist Rohan Marley, ein Sohn der Reggae-Legende Bob Marley. Mit Rohan, ebenfalls Musiker und ehemaliger American Football-Spieler hat Lauryn Hill fünf Kinder, ein sechstes von einem anderen Vater. Den Streit und die Trennung von den Fugees verarbeitete Lauryn Hill 1998 auf ihrem Solo-Debüt und Hit-Meisterwerk "The Miseducation Of Lauryn Hill“ - und zwar im Song „To Zion“.

"Unsure of what the balance held / I touched my belly overwhelmed / I knew his life deserved a chance / But everybody told me to be smart / Look at your career they said / Lauryn, baby use your head / But instead I chose to use my heart"

aus To Zion

singt Lauryn Hill auf „To Zion“ über die Schwangerschaft mit ihrem ersten Sohn. Ihre Botschaft, die sie später auch in Interviews wiederholte: Erfolg kommt und geht vorbei, die Familie liebt mich auch morgen.

Lauryn Hill wird auch solo erfolgreich

Doch mit ihrem Solo-Album konnte Lauryn Hill ihren Erfolg mit den Fugees noch toppen. „The Miseducation Of Lauryn Hill“ verkaufte bis heute über 17 Millionen Exemplare. Das Album wurde für elf Grammys nominiert und gewann in fünf Kategorien. „The Miseducation Of Lauryn Hill“ war inspiriert von Dr. Carter G. Woodsons Buch „The Miseducation Of The Negro“, das 1933 erstmals veröffentlicht wurde. Darin beschreibt Woodson die kulturelle Indoktrination und Manipulation der Afroamerikaner und fordert eine eigenständige, autodidaktisch geprägte Bildung der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaaten.

Lauryn Hill live

Für ihr aufklärerisches Werk gewann Lauryn Hill den „Kora All African Music Award„ in der Sparte „Diaspora“. Die anderen Fugees-Mitglieder waren mit ihren Solo-Veröffentlichungen ebenfalls erfolgreich. Pras Michel hatte seinen größten Hit mit „Ghetto Superstar“. 1999 gab Pras sein Filmdebüt in Ben Stillers Filmkomödie „Mystery Men“und seit 2002 arbeitet er als Hip Hop-Produzent und taucht immer wieder als Gast auf diversen Singles auf, zum Beispiel bei den Hitsingles des Michael Mind Projects „Nothing Lasts Forever“ und „Feeling So Blue“.

Wyclef Jean zwischen Haiti und Santana

Der musikalisch aktivste und umtriebigste des ehemaligen Trios ist aber bis heute Wyclef Jean. Er muss sich jeden Tag mit Musik beschäftigen. Die große Plattensammlung seines Onkels wirkt bis heute bei Wyclef nach. Von Miles Davis bis Country reichen seine Vorlieben. Er lebt seine Reggae-Leidenschaft als DJ, SoundSystem-Selector und Produzent aus, pflegt die kreolische Musik seiner ersten Heimat Haiti und hat mit fast allen Popstars von Mick Jagger bis Santana und Michael Jackson bis Whitney Houston zusammengearbeitet. Ganz zu schweigen von unzähligen Hip-Hop-Kollaborationen und Remixen. Am spannendsten und vielfälltigsten sind Wycelf Jeans Soloalben. Zum Beispiel sein Debüt "The Carneval" von 1997 mit Hits wie „Guantanamera“ und „Gone Till November“

Wyclef Jean und Pras Michel wären bereit für eine Reunion

Der Tausendsassa und musikalische Hans Dampf in allen Gassen, der mal mit Shakira bei der Fußball WM 2006 in Deutschland auftauchte, um im nächsten Moment in den Ghettos von Kingston oder Haiti jungen Talente zu entdecken und als Soundsystem- und Dancehall-Entertainer aufzutreten. Genauso wichtig, ist ihm sein soziales und politisches Engagement im Geburtsland Haiti. Nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 organisierte Wyclef ein riesiges Benefiz-Konzert. Mit seiner Organisation „Yele Haiti“ unterstützt er Gesundheits-, Bildungs- und Umweltprojekte auf der Insel.

Wyclef for President

2010 wollte Wyclef sogar für das Amt des Staatspräsidenten kandidieren, die Wahlkomission lehnte ihn allerdings ab. 2011 geriet er in Port-Au-Prince in eine Schießerei und wurde an der Hand verletzt. Bei den nächsten Wahlen möchte er es aber erneut versuchen. Musikalisch bleibt Wyclef für Überraschungen gut. Das hat er oft bewiesen, zum Beispiel auf „The Carnival II – Memories Of An Immigrant“, als er 2007 mit dem armenischen Immigranten Sery Tankian von System Of A Down „The Riot“ aufnahm.

Trotz aller Solo-Aktivitäten, Gerüchte um eine ernsthafte Fugees-Wiedervereinigung sind immer mal wieder im Umlauf. Das Comeback 2005 war halbherzig und zum Scheitern verurteilt. Das Trio war zerstritten, die Europa-Tour wurde nach enttäuschenden, blutleeren Auftritten mit einer zickigen Diva Lauryn Hill an der Spitze abgebrochen, die Single „Take it easy“ floppte. Für Pras Michel schien damals ein Treffen von Osama Bin Laden mit George W. Bush bei Starbucks wahrscheinlicher, als eine erneute Zusammenarbeit mit Lauryn Hill.

Reunion? Vielleicht nur eine Frage des Preises

Doch einige Jahre später erklärte Wyclef Jean in diversen Interviews, er wolle Lauryn Hill helfen, sie bräuchte einen Psychiater. Und auch eine Fugees Reunion hielt er nicht mehr für unmöglich. Zumindest solo versuchte Lauryn Hill 2012 ein Comeback. Aber der soulige Glanz der 90er Jahre war verflogen, die Stimme brüchig. Beim Konzert im Berliner Tempodrom buhten die Fans und flohen in Scharen, ebenso beim Konzert in London im September 2014, das ihr verheerende Kritiken bescherte. 2013 sorgte Lauryn Hill für Schlagzeilen, als sie wegen Steuerhinterziehung für drei Monate ins Gefängnis musste.

Aber Lauryn Hill gibt sich kämpferisch, bastelt weiter an ihrem Solo-Comeback und schließt auch eine Fugees Reunion nicht mehr aus. Vielleicht ja alles nur eine Frage des Preises.


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