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The Breeders Aloha, Cannonball!

Vor 20 Jahren schlug "Cannonball" ein: Die erste Single der "Breeders" wurde zum Instant-Hit des Alternative-Rock. Die Band feiert das "Last Splash"-Jubiläum 2013 mit einer Welttournee in Originalbesetzung. Ein Playback über eine der wichtigsten weiblichen Indie-Bands der 90er Jahre, sowie über deren außergewöhnliche Protagonistinnen, die Zwillinge Kim und Kelley Deal.

Von: Valerie Trebeljahr

Stand: 09.04.2013 | Archiv

The Breeders (Pressefoto) | Bild: 4AD / Beggars

"We're the Breeders and were going to play 'Last Splash'", so simpel kündigte Kim Deal das von Kritikern gefeierte Live-Comeback der Breeders am 29. März 2013 in New York an. Das innerhalb von zwei Minuten ausverkaufte Konzert war der Auftakt zur Tour zum 20. Jubiläum des Albums "Last Splash". Ende April wird LSXX“, die Jubiläums-Deluxe-Ausgabe von "Last Splash", veröffentlicht. Ist das nur ein Marketing-Trick in Zeiten, in denen sich unzählige Alte-Helden-Bands wiedervereinigen? Könnte man meinen. Aber die Wiederveröffentlichung kommt zur rechten Zeit: Der aktuellen Popmusik tut es gut, an einen Meilenstein des Indie-Rocks erinnert zu werden, der auch heute noch so frisch, spontan und unkalkuliert wirkt wie damals. Und „LSXX“ ruft auch wieder ins Gedächtnis, dass Kim Deal eine begnadete Songwriterin und Bassistin ist – hochverehrt übrigens von Kurt Cobain und Damon Albarn von Blur.

Frauen waren im Alternative Rock der 90er Jahre nicht gerade stark vertreten. Es gab wenige Heldinnen wie Kim Gordon, Courtney Love und Shirley Manson von Garbage. Selbstbestimmt und glamourös, kurz: Popstars. Und dann gab es die ungeniert, laut-kichernden Mädchen von Nebenan: Kim und Kelley Deal, eineiige Zwillinge aus Dayton, Ohio. Einer Stadt, in der es Anfang der 80er sehr langweilig gewesen sein muss. Einer Stadt, die als ein Geburtsort der Luftfahrt bekannt ist, aber auch für ihr Basketball-Team - eine Stadt also, in die die Deal-Schwestern nie hineingepasst haben.

"We were always weird, our sense of humour was weird, what we did for fun was weird, the music we liked was weird. We did not fit in.”
I was a cheerleader, man. I fit in.
A cheerleader from hell is what you were."

Kim und Kelley Deal, The Breeders

Kim war die „Cheerleaderin aus der Hölle“, wie sie ihre Schwester in dem Dokumentarfilm "The Real Deal" beschreibt. Als Teenager favorisieren die Zwillinge Elvis Costello und Gang Of Four und gründen die Breeders als eine Art Folkrock-Band. Um Kims unzählige Songs aufzunehmen, richten sie sich ein Schlafzimmer-Studio mit einer Acht-Spur-Bandmaschine ein.

Kim Deal und die Pixies

The Pixies - anfangs war noch alles harmonisch

24-jährig heiratet Kim Deal den Air-Force-Soldaten John Murphy, und das Paar zieht nach Boston, wo Kim auf eine Zeitungsannonce stößt: Gesucht wird eine Bassistin, die sowohl auf Hüsker Dü als auch auf Peter, Paul and Mary steht. Kim ist die einzige Bewerberin und bekommt den Job bei den Pixies, obwohl sie eigentlich Gitarre spielt. Auf dem Debütalbum „Come On Pilgrim“ ist sie als "Mrs. John Murphy" verewigt, ein feministischer Witz und Anspielung darauf, wie absurd es war, dass Frauen früher unter dem Namen ihres Mannes geführt wurden.

Die Pixies müssen nicht lange auf einen Plattenvertrag warten: Das britische Label 4AD erkennt das Potential - und die Band um Sänger Frank Black wird zu einer der einflussreichsten Indiebands der 80er. Credit bekommt dafür meist Songwriter Black, dabei macht Kim Deal einen nicht unwesentlichen Teil aus: Ihr einfaches, melodiöses Bassspiel wird zum Markenzeichen, ähnlich charakteristisch wie das von Peter Hook bei New Order. Aber: Frank Black ist ein Kontrollfreak. Er möchte keinen anderen Sänger und Songwriter in der Band haben. Stücke mit einem Leadgesang von Kim Deal wie „Gigantic“ auf dem Album „Surfer Rosa“ sind also die Ausnahme. Kim, zurück an den Herd, heißt es also: Zurück zum Backgroundgesang.

"La La Love You": Mit der Liebe war es aber nicht wirklich gut bestellt bei den Pixies. Später könnte man sogar vom blanken Hass sprechen: Auf der Tour zu "Doolittle" schmeißt Frank eine Gitarre nach Deal, sie wiederum lässt aus Provokation fast einen Auftritt in Frankfurt platzen. Die beiden Kontrahenten sprechen nicht mehr miteinander, und die Pixies werden in den Winterschlaf versetzt. Gleichzeitig ist auch Kims Ehe am Ende.

Die Breeders: Roh aber poppig

"Pod" (1990) wird eines der Lieblingsalben von Kurt Cobain

Zeit für Kim Deal ihre eigene Band zu gründen – zusammen mit ihrer Freundin aus alten Tagen, Tanya Donnelly von den Throwing Muses. Sie reaktiviert den Namen Breeders - übrigens der Gay-Slang-Ausdruck für Heteros, "die Brüter", die Kinder in die Welt setzen - und 1990 erscheint das erste Album "Pod". Aufgenommen in nur einer Woche von Produzenten-Legende Steve Albini, den Kim durch die Pixies kennen gelernt hatte. "Pod" vereint Punk, Surf und Indie-Gitarrengeschrammel mit eingängigen Gesangsmelodien. Die Songs sind roh, aber poppig. "Pod" bekommt gute Rezensionen und wird von Kurt Cobain als eines seine Lieblingsalben gepriesen.

Die Breeders sind eine Mädchenband: Neben Kim und Tanya Donnelly an den Gitarren ist noch Josephine Wiggs am Bass mit von der Partie. Einzig das Schlagzeug ist mit Jim Macpherson männlich besetzt. Nach „Pod“ kehren Deal und Donnelly zu ihren Hauptbands zurück. Die Pixies veröffentlichen "Bossanova" und "Trompe Le Monde" und supporten U2 auf ihrer „Zoo TV-Tour“, was anstrengend ist und die Stimmung zwischen den Kontrahenten Black und Deal nicht gerade hebt. 1993 löst Frank Black die Pixies auf: Einfach per Faxnachricht an die übrigen Bandmitglieder.

Kim Deal konzentriert sich nun voll auf die Breeders, nun ohne Partnerin Tanya Donnelly, die zum letzten Mal auf der EP "Safari" zu hören ist. Dafür ist Schwester Kelly jetzt mit an Bord. Die kann zwar nicht Gitarre spielen, bringt aber die richtige Haltung mit. Die beiden Schwestern werden später die einzigen konstanten Mitglieder der Breeders sein. 1993 erscheint „Last Splash“ und die Breeders explodieren: Die Single „Cannonball“ landet in den englischen und amerikanischen Charts und wird Song des Jahres beim New Musical Express und beim Melody Maker. Die Breeders touren als Vorband von Nirvana. "Last Splash" erreicht Platin in Amerika.

"Cannonball" schlägt ein

"Last Splash" (1993) erreicht Platin in Amerika

"Cannonball" wirkt wie aus dem Ärmel geschüttelt, so leicht und ungekünstelt, als wenn die Band beim Proben erwischt worden wäre: Mic-Check, mal kurz zwei Takte Schlagzeug, der Bass setzt ein. Und dann kommt ein Feuerwerk an Hooklines - andere Bands hätten daraus fünf Songs gestrickt. Das Video zu „Cannonball“ wird von niemand geringerem als Spike Jonze - damals noch unbekannt - und Kim Gordon von Sonic Youth gedreht. „Last Splash“ zeigt Kim Deals ganze Bandbreite als Songwriterin: Das Album birst nur so vor Melodien und vereint Drone-Rock, Hawai-Surf und das was man in den 90ern "Alternative Rock" genannte hat, bis hin zum entspannten Indie-Country von "Drivin' On 9".

Zeitvertreiben mit The Amps

Ab 1995 wird es still um die Band: Kelley Deals langjährige Heroinsucht tritt auf den langen Touren offen zutage. Sie wird wegen Drogenbesitzes verurteilt und geht auf Entzug. Um die Wartezeit zu verkürzen, gründet Kim das Nebenprojekt The Amps. Das Ganze klingt nicht viel anders als die Breeders, ist aber rockiger angelegt. Es kann sich vom Songwriting nicht mit "Last Splash" messen. "Pacer", das einzige Album der Amps bekommt gemischte Kritiken und verkauft sich schlecht.

Auch das Solo-Projekt von Kelley - Kelley Deal 6000 - kommt nicht wirklich in die Gänge. 1996 wird "Go To The Sugar Altar" veröffentlicht und beweist, wie ungerecht die Welt doch manchmal ist: Da ist man ein eineiiger Zwilling, sieht sich zum Verwechseln ähnlich, ist aber songwritermäßig mit weniger Genialität gesegnet. Das beste Stück ist "Canyon", der Album-Opener.

"Knitting On The Road"

Die Breeders werden reaktiviert, nachdem Kelley versucht, Drogen durch intensives Stricken zu ersetzen. Tatsächlich kann man inzwischen Schals und Taschen von Kelley Deal kaufen, alles Unikate. Die Strickwut kulminierte sogar in einem Buch mit Strickanleitungen: "Knitting On The Road".

Kim frönt währenddessen ihrem Perfektionismus: Sie lernt Schlagzeug, ist auf der Suche nach dem "richtigen Sound". Sie versschleißt Produzenten und Tontechniker. Ein Glück für sie, dass Prodigy das Breeders-Stück "S.O.S" gesampelt hatten. "Firestarter" ist ein Millionenseller, von den Tantiemen lässt es sich eine Weile ganz gut leben.

2000 zieht Kim von Dayton nach Los Angeles. Durch Zufall hat sie in einer New Yorker Bar die Rhythmus-Sektion der Band Fear kennen gelernt. Man jammt eine Nacht herum und Kim hat neue Bandmitglieder.

"Title TK" (2002) ist Businnesslang und steht für "Title to come"

Trotzdem dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bevor die Band ein neues Lebenszeichen von sich gibt. Aber dann: was für eines! Die Single "Off You" erscheint 2002. "Off You" ist zugleich majestätisch und fragil. "I am the autumn in the scarlet, I am the make-up on your eyes". Waren die Pixies-Texte schon kryptisch, manch einer meinte auch: "extraterrestrisch", so stehen dem die Breeders-Lyrics in nichts nach. Man ist trotzdem gebannt.

Work-In-Progress

"Off You" ist symptomatisch für das dazugehörige Album. "Title TK" ist ruhig, sparsam instrumentiert und lebt viel von Kim und Kelleys Gesang, der das Ganze am Leben hält. Das Album hat Atmosphäre, wirkt wie ein Work-In-Progress. Es lässt ganz bewusst Platz für Fehler. Denn Kim Deal ist überzeugte Computer-Gegnerin: Keine digitalen Aufnahmen, keine Gesangskorrektur durch Auto-Tune.

The Breeders

Der Name des Albums, "Title TK", kommt übrigens vom Musikbusinness-Sprech und steht für "Title to come", , wenn der Künstler den Titel noch nicht festgelegt hat. Er zeugt von Humor, der bei den Breeders eine große Rolle spielt, auch wenn man das musikalisch nicht hört. Es ist nicht einfach, ein ernsthaftes Interview mit Kim und Kelley zu finden: Die Schwestern spielen sich die Bälle zu, alles wird irgendwie weggelacht, auch die Drogenprobleme... 2003 weist Kim sich in die Klinik ein: Alkoholsucht.

2003 erscheint auch die Coverversion "Wicked Little Town". An sich kitschig - es entstammt dem Off-Broadway-Musical "Hewdig and the angry Inch" und wird von den Deals im Rahmen einer Benefiz-Aktion für die Harvey Milk School gecovert - ist es in der Breeders-Version dank Kims rauchig-brüchiger Stimme anrührend persönlich.

Bis zum nächsten Album dauert es wieder eine Weile. Das liegt auch daran, dass sich die Pixies wiedervereinigen. Als ihre Reunion-Tour im Februar 2004 angekündigt wird, sind die Tickets innerhalb von Minuten ausverkauft. Frank Black gibt unumwunden zu, dass es ums Geld geht. Das ist natürlich bei den meisten Wiedervereinigungen der Fall, aber keiner sagt es so schön wie Black:

"We made that art fucking 20 years ago. So forget the goddamn art."

Frank Black, The Pixies

Für "Mountain Battles" (2008) wift Kim ihre Computerantipathie über Bord

2008 erscheint das Breeders-Album "Mountain Battles". Für "Overglazed" wirft Kim Deal erstmals ihr Credo über Bord, keine Computer für die Aufnahmen zu verwenden. Der Albumopener schlägt mit Synthieklängen und Hall auf den Vocals tatsächlich eine ganz neue Richtung ein. "Mountain Battles" weist eine ganze Bandbreite von Referenzen auf - von New Wave bis Country – und schließt damit wieder mehr an den Klassiker "Last Splash" an. Der ewige Vergleich zu "Last Splash" ist Fluch und Segen zugleich für die Breeders, zeigt er doch wie herausragend das Album ist, aber eben auch, dass es in seiner Intensität nicht wiederholbar ist.

"Cool as Kim Deal"

Kim Deal

Nun sind also 20 Jahre vergangen. Kim und Kelley Deal sind inzwischen 52 Jahre alt. Sie haben alle Höhen und Tiefen des Rockbusinness mitgemacht, aber sie waren – anders als andere drogengebeutelte Musiker wie Kurt Cobain, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse - immer auch die Girls-Next-Door: Sie machen ihren Soundcheck selbst und führen den Hund in der Hispanic-Community von Dayton, Ohio aus. Kim ist vor ein paar Jahren in ihre Heimatstadt zurückgezogen, um ihre an Alzheimer erkrankte Mutter zu pflegen. Hört sich alles nicht nach Popstar an. Und dennoch war und ist Kim Deal eine Ikone für die Rriot Grrls dieser Welt. "Cool as Kim Deal", wie ein Song von den Dandy Warhols heißt, mag ironisch sein: In den Blogs ist das immer ernst gemeint.


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