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Sparks RocK'n'Roll People in einer Disco-Welt

"Rock'n'Roll People in a Disco World", so der Titel eines ihrer Songs, genau das sind Ron Mael und Russell Mael, die beiden Brüder aus Los Angeles, die seit über vierzig Jahren als Sparks auf dem schmalen Grat zwischen diese Genres flanieren.

Von: Klaus Walter

Stand: 10.10.2013 | Archiv

Ron und Russell Mael alias Sparks | Bild: picture-alliance/dpa

Der Rock'n'Roll der Sparks hat etwas sehr Flaneurhaftes, er ist das Gegenteil von harter Arbeit im Steinbruch des Roc'n'nRoll, ihm fehlt der ehrliche Schweiß, er schillert mehr - wie eine Discokugel. Am 5. Oktober wurde Russell Mael 65 Jahre alt, er ist der Sänger der Sparks. Sein Bruder Ron ist noch drei Jahre älter. Ron Mael, das ist der mit dem markanten Schnauzer, mit dem er manchmal aussieht wie Charlie Chaplin als Adolf Hitler im Großen Diktator. Auf der LP "Terminal Jive" gibt es noch so einen Signatursong, gewissermaßen ein Selbstporträt der Gebrüder Mael, das auch 33 Jahre danach noch gilt: Noisy Boys are happy boys, laute Jungs sind glückliche Jungs.

"Noisy Boys" erinnert von fern an "Boys keep swinging" und den jungen David Bowie, wie überhaupt die Sparks eine sehr europäische amerikanische Band sind. Da holen sie sich zum Beispiel den Tiroler Giorgio Moroder als Produzenten. Diese Europa-Orientierung hat vielleicht mit der Herkunft der Brüder Mael zu tun, ihr Vater Meyer Mael war ein russisch-österreichischer Jude, der als Zeichner und Karikaturist in Hollywood gearbeitet hat. Etwas Karikaturenhaftes haben ja auch die Sparks, im Auftreten, in ihrer Musik und auch im Design ihrer Schallplatten-Hüllen. Ihre literarischen Qualitäten haben die Brüder Mael vielleicht von ihrer Mutter Miriam Moskowitz, auch sie eine Jüdin, die als Bibliothekarin gearbeitet hat.

"This town ain't big enough for the both of us"

Eine gewisse literarische Anmutung – und wieder etwas Selbstbezügliches - das hat auch der berühmteste Song der Sparks. Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide - "This town ain't big enough for the both of us" der größte Hit der Sparks. Der genialisch überkandidelte Song erscheint 1974, also ein Jahr vor dem auch nicht wenig überkandidelten "Bohemian Rhapsody" der britischen Band Queen. Hört man beide Songs hintereinander, dann kann man schon auf die Idee kommen, dass Freddie Mercury und Queen sich von den Sparks zu ihrer Bohemian Rhapsody haben inspirieren lassen. Und wenn man die frühen Aufnahmen der Sparks hört, dann glaubt man schon mal, eine kalifornische Ausgabe von Queen vor sich zu haben.

Albumcover "Kimono My House"

In den frühen Siebzigern sind die Sparks buchstäblich ein Fremdkörper im amerikanischen Hippierock. In England steht damals gerade der Glam Rock vor der Tür, die ersten Hits von Roxy Music und T.Rex sind im Anflug, da ist London der richtige Ort für die Brüder Mael. Unter der Regie von Muff Winwood, dem Bruder von Stevie Winwood, landen die Sparks ihren ersten großen Erfolg, das Album "Kimono My House" mit dem Riesenhit "This town ain't big enough for the both of us".

Anfangs haben sie noch eine Band aus englischen Musikern um sich herum, aber schon bald schrumpfen sie zum Duo: der attraktive Sänger Russell und der etwas schrullige Ron an den Keyboards – so hinterlassen die Brüder einen bleibenden Eindruck bei zwei jungen Engländern, die Jahre später auch so ein Duo bilden sollten: schrulliger Keyboarder und literarisch begabter Sänger. Die Pet Shop Boys. Ironie der Geschichte: "When do I get to sing My Way", der größte Pet Shop Boys-Hit der 90er, der gar nicht auf das Konto der Pet Shop Boys geht, der stammt von den Sparks.

Die Pet Shop Boys waren in ihrer Jugend Fans der Sparks.

Wer hat da eigentlich wen beeinflusst? Die Sparks die Pet Shop Boys oder umgekehrt? Wahrscheinlich beides. Klar ist, das Tennant und Lowe in ihrer Jugend Fans der Sparks waren und ebenso klar dürfte sein, dass die Sparks bei ihrer Hinwendung zur elektronischen Tanzmusik in den Neunzigern sich zumindest an den Pet Shop Boys orientiert haben. Überhaupt: Was die Sparks von vielen anderen Bands ihrer Altersklasse unterscheidet, das ist ihre Fähigkeit zur Erneuerung. Sie haben die elektronischen Revolutionen der Achtziger und Neunziger Jahre verstanden und haben Techno und House vorsichtig und elegant in ihren eigenen Sound integriert und ihr campiges Image dabei weiterentwickelt.

Das androgyne und theatralische Auftreten hat immer wieder für Spekulationen über die sexuelle Orientierung der Brüder gesorgt. Bei den Pet Shop Boys war das von Anfang an klar, dass sie schwul sind. Anders bei den Sparks. Die schirmen ihr Privatleben ab und scheinen sich über solche Spekulationen eher zu amüsieren. Angeblich sind beide nicht verheiratet und haben keine Kinder. Von Russell ist der folgende Satz überliefert:

"Wir sind nicht schwul… so weit wir wissen…"

Russel Mael

Und Ron Mael hat darauf hingewiesen, dass zwar einige Musiker, mit denen die Sparks immer in Verbindung gebracht werden, schwul seien. Aber deswegen müsste das doch nicht gleich für sie selbst gelten. Also lassen sie Hintertüren offen und sie streuen Signale für Kaffeesatzleser. Signale wie "The Ghost of Liberace", eine Hommage auf den einen amerikanischen Entertainer, der nun der Inbegriff des effeminierten Homosexuellen seiner Zeit war. Im Text heißt es:

"Sie machen sich lustig über ihn, sie wollen ihn fertig machen, ich wünschte, sie würden ihn in Ruhe lassen, er tut doch keinem was, höchstens, dass er mal Autofahrer mit seinen glitzernden Klamotten blendet."

Zitat aus 'The Ghost of Liberace'

Albumcover "Plagiarism"  | Bild: Virgin/EMI

Albumcover "Plagiarism"

Der Geist von Liberace, der berühmte Entertainer kehrt ja in diesen Tagen zurück, verkörpert von Michael Douglas in einem Hollywood Melodram von Steven Soderbergh, "Behind the Candelabra" heißt der Film, deutscher Titel: "Zuviel des Guten ist wundervoll". "The Ghost of Liberace" ist nicht der einzige Link der Sparks zu einem flamboyanten Künstler, der nicht unbedingt als Inbegriff heterosexueller Männlichkeit gilt.

Morrissey hat die Sparks abgöttisch geliebt

Vom jungen Morrissey ist überliefert, dass er die Sparks abgöttisch geliebt hat, so sehr, dass er angeblich sogar ihre Frühstücksbrötchen geklaut haben soll. 2008 haben sich die Sparks dann gewissermaßen revanchiert. "Lighten up, Morrissey" heißt die ziemlich lustige Retourkutsche. Der Protagonist des Songs ist verliebt in ein Mädchen, doch er kann nicht bei ihr landen. Die Angebetete ist verschossen in Morrissey und im Vergleich hat unser Mann keine Chance: er ist nicht intelligent genug, er hat nicht diesen hintergründigen Witz, er ist viel zu männlich und zu allem Überfluss isst er am liebsten T-Bone-Steaks. Und ganz allgemein ist er nicht so habituell melancholisch wie Morrissey. Also wünscht er sich einen entspannteren Morrissey. "Lighten up, Morrissey" ruft er dem ewigen Trauerkloß zu, dann könnten meine Chancen steigen.

Albumcover "Pulling Rabbits out of a hat" | Bild: Smd Reper/Sony

Albumcover "Pulling Rabbits out of a Hat"

Morrissey war so angetan von diesem Song, dass er ihn gerne mal vor seinen Konzerten hat laufen lassen. Weitere Links ins weite Feld jenseits der Heteronorm finden sich auf "Plagiarism". Auf dem 1997er Album mit dem sprechenden Titel liefern die Sparks Selbstplagiate in Form von Überarbeitungen alter Songs. Dazu laden sie Gäste ein. Neben der amerikanischen Operetten-Crossover Band Faith No More dürfen auch Erasure und Jimmy Somerville Sparks-Hits mit einer Portion Extra-Pathos veredeln. Somerville, die glockenhelle Stimme von Bronski Beat und den Communards, sowie Erasure mit dem nicht minder discodivenhaften Sänger Andy Bell gehören bekanntlich zur Fraktion des sexuell andersdenkenden (und singenden) britischen Elektropop der Achtziger und Neunziger Jahre. Die richtigen Freunde für Rock'n'Roll People in a Disco World.


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