Bayern 2 - Nachtmix


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Randy Newman It's loney at the top

Fast jeder kennt seine Songs, nur die meisten wissen nicht, dass sie aus Randy Newmans Feder stammen. Denn seine Songs haben andere populär gemacht: Disney, Pixar, Dusty Springfield und Joe Cocker. Der Nachtmix würdigt Newman zum 70. Geburtstag mit einem Playback.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 06.12.2013 | Archiv

Randy Newman | Bild: picture-alliance/dpa

Die Schlagerschmonzette "They Tell Me It’s Summer" schrieb Randy Newman 1961 mit nur 17 Jahren und landete damit seinen ersten kleinen Hit, der im zu einem Vertrag bei einem Musikverlag verhalf. Gesungen wurde der Hit – wie so oft – von jemand anderem, hier den Fleetwoods. Wir beschäftigen uns mit einem Mann, dessen Musik jeder von uns irgendwo schon mal gehört hat, im TV, im Kino, natürlich im Radio, aber so wirklich kaum jemand kennt: Randy Newman, der am 28. November 2013 siebzig Jahre alt wurde.

Der Song "I Think It’s Going To Rain Today" aus seinem titellosen Debüt wurde bis heute bestimmt über 50 mal gecovert. Zuletzt hat der Chartstürmer Tom Odell den Song auf sein Nummer 1-Debüt gepackt. Aber auch Sängerinnen wie Dusty Springfield, Joe Cocker oder auch Spock-Darsteller Leonard Nimoy haben den Song gesungen. Die "interessanteste" Version kommt von UB40. Eigentlich ein Wunder, dass dieser Song bis heute überlebt hat, da Randy Newman bei seinem Debütalbum das Schicksal seines damaligen Produzenten Van Dyke Parks teilte: Beide Erstlinge wurden Ende der 60er auf Drängen der Plattenfirmen verramscht, weil sich die Alben so miserabel verkauften. Kein guter Start für den Solo-Künstler Newman also.

Eines kann er richtig gut: Klavierspielen

Bis 1968 hatte der Songschreiber über 50 Songs an Typen wie den Übercrooner Scott Walker, Bademantelträger Harry Nilsson oder das Animal Alan Price verkauft. Aber mal ganz von vorne, gehen wir zum Anfang: Randy Newman wird am 28. November 1943 in Los Angeles geboren. Der Vater ist Internist jüdischer Abstammung, die Mutter Deutsche. Randy Newman ist ein Kind der Südstaaten. Er wächst in New Orleans, im Big Easy auf. Er ist ein schlauer Kopf und vor allem eines kann er richtig gut: Klavier spielen. Das bleibt auch seinen drei Onkeln nicht verborgen, die alle im Filmgeschäft sind. Einer von ihnen: Alfred Newman. Der wohl einflussreichste Filmkomponist Hollywoods in den 50ern und 60ern.

Albumcover "Sail Away"

45 mal wurde Alfred Newman für den Oscar nominiert, neun mal hat er ihn bekommen. Randy hat in seinem Onkel Alfred also ein Vorbild. Er wird Auftragskomponist, schlägt sich nach seinem Musikstudium so durch. Nach dem Flop seines Debuts schreibt er trotzdem weiter - für sich und andere. Anfang der 70er bietet er Frank Sinatra den Song "Lonely at the top" an. Der lehnt großkotzig ab. Also sang Randy Newman "Lonely At The Top" selbst, auf seinem Album "Sail Away" aus dem Jahr 1972.

Vielleicht wollte Frank Sinatra diesen Song nicht singen, weil er gemerkt hat, wieviel Ironie darin steckt. Schon nach seinen ersten drei Alben hatte Newman den Ruf weg, ein scharfzüngiger, oft auch zynischer Kommentator zu sein. Seine Themen: Bigotterie, Politik, Rassismus. Dazu passte dann auch das theatralische Lamento das in seiner Stimme steckt. Viele konnten mit Newmans Gesang nicht viel anfangen, zu dünn, zu knödelig. Das war letztendlich wohl auch der Grund warum die ersten beiden, eigentlich formidablen Soloalben floppten. Bei Newman gilt: It’s perhaps the singer, definitely not the song.

"Irgendwie schrieb ich immer 'Third-Person-Songs'. Fast meine ganze Karriere als Songschreiber lang. Ich glaube nicht, dass dies das beste Medium für Schreiben ist, da man es gewohnt ist, dass sich was zwischen zwei Personen abspielt. Das ist direkter. Aber in meinen besten Songs sehe ich Charaktere."

Randy Newman bei ArtistHouseMusic

Geschichten in der dritten Person

Der nette Onkel im Hawaiihemd, der boshafte Dinge sagt und recht hat: Randy Newman.

Seine Songs werden also immer mehr Plattform für fiktive oder auch reale Protagonisten, mit denen Newman seine Geschichten in der dritten Person erzählt. Die Hörer sind dabei natürlich meistens schlauer als seine Charaktere. Nicht er selbst geht durch die Songs, er erfindet Charaktere, Perspektiven wie kein anderer. Auf dem Opener zum Album "Good Old Boys" aus dem Jahr 1974 gibt er den niggerhassenden Redneck. Auf "Rednecks" konterkariert das Rag-Piano den bitterbösen Text. Ein gefährliches Spiel, was Randy Newman da spielt. In seiner Rolle als rassistischer Redneck lobt er den ehemaligen Gouvernour Georgias und Befürworter der Rassentrennung, Lester Maddox. Das sorgte Mitte der 70er für  Protest, da viele die den abgründigen Spott nicht verstehen.

Dazu kommt, dass das Album "Good Old Boys" nur mit solch provozierenden Nummern gespickt ist. Randy Newman nimmt sich die ganze amerikanische Landkarte vor: Birmingham, Louisiana, Cleveland, St. Louis, San Francisco, Boston. Jeder Bürger, die ganze Gesellschaft, vorzugsweise die Südstaatler werden abgewatscht: Politiker, Alkoholiker, Inzestbrüder, religiöse Fanatiker. So böse war Newman noch nie. Und fast schon ironisch, dass just auf "Good Old Boys" sein erster wirklicher Hit folgt. Aber natürlich einer, der erneut empört: Short People.

Sein erster und auch einziger kommerzieller Solo-Hit, Platz 2 in den Billboard Hot 100 im Jahr 1978. Randy Newman ist mittlerweile bei allen Anti-Diskriminierungsvereinen der USA dick im Telefonbuch angestrichen, aber trotz zahlreicher Empörungen über missverständliche Songs wird über Newman nie der Stab gebrochen. Mittlerweile weiß man: Dieser Mann ist viel zu schlau, um es wirklich ernst zu meinen. Er ist mit einem jüdisch-schwarzen, woody-allen-haften Humor gesegnet. Randy Newman ist ein sarkastischer Intellektueller, so ein bisschen wie unser Harald Schmidt. Auf seinem vielleicht besten Album, "Little Criminals", zeigt er das in dem Song "In Germany Before The War". Da wird Newman sehr ernst, es geht um den Serienmörder Dieter Kürten, der 1925 als „"Vampir von Düsseldorf" in die Geschichte einging.

Der erste Oscar 2002 für einen Pixar-Filmsong

Oscar- und Grammypreisträger Randy Newman.

Bis 2002 musste Randy Newman warten - viel länger als sein Onkel Alfred Newman -bis er seinen ersten Oscar bekam. Und zwar für den vielleicht schlechtesten Filmsong, den er je geschrieben hat, für "If I Didn’t Have You" aus dem Pixar-Film "Monsters Inc.". 15 mal war er zuvor schon nominiert. Seine erste Filmmusik schrieb Randy Newman 1981 für Milos Formans Film "Ragtime". Es folgte ein eigenes extrovertiertes Musical namens "Faust", was auch an Goethes Faust angelehnt war, womit er sich aber wenig übernahm. Aber gleich danach gab es mit dem Pixar-Film "Toy Story", zu dem Newman die Musik schrieb, einen riesengroßen Erfolg.

Oft opulent und wirklich großartig arrangiert, so klingen Randy Newmans Filmkompositionen. Und natürlich waren sie nie so bösartig wie seine Soloalben. Die Disney-Soundtracks waren ja größtenteils für Kinder gedacht. Aber die Auftragsarbeiten ließen ihn lethargisch werden, Newman verschläft einen großen Teil der 90er – zumindest was seine Solo-Karriere angeht. Erst im Jahr 1999 erscheint wieder eine relevante Platte: "Bad Love". Jochen Distelmeyer von Blumfeld sagt damals dem Rolling Stone, er wäre felsenfest davon überzeugt, dass die Blumfeld-Platte "Old Nobody" die beste Platte des Jahres werden würde. Aber dann kam "Bad Love" von Randy Newman. Die Themen darauf sind wieder die großen: Natürlich die Liebe, aber auch der Tod, sein Heimatland, Europa und die Welt.

Mit "Harps And Angels" erschien vor fünf Jahren ein ebenso scharfes, wie umwerfendes Spätwerk. Vor zwei Jahren hat Newman sein zweites Songbook veröffentlicht, eine Sammlung seiner alten Songs neu und reduziert am Klavier eingespielt. So wie er sie auch live am liebsten spielt. Im Studio waren sie fast immer großartig arrangiert und ausstaffiert mit jeder Menge Bläsern, Streichern oder sogar Rock n Roll-Gitarren.

70 Jahre und immer noch herrlich klug und böse

70 Jahre, aber immer noch nicht müde. Randy Newman tingelt momentan durch die USA, gibt viele Interviews, lässt immer noch eine Menge böse Zoten über seine Mitbürger ab, aber so richtig scheint es ihm keiner übel zu nehmen. Warum? Wahrscheinlich, weil die meisten Amerikaner ihn nicht verstehen – oder verstehen wollen. Doch vielleicht treibt ihn genau das an, immer weiter so boshaft zu sein. Auf seine Homepage hat Newman gerade erst einen neuen bissigen Song zum kostenlosen Download gestellt. In "I’m Dreaming" frotzelt er:

"I’m dreaming of a white president, just like the ones we’ve always had."

Randy Newman im Song 'I’m Dreaming'

Aber Vorsicht: Alles nur Spaß, alles nur Ironie.

Grammygewinner, zweifacher Oscar-Preisträger, er hat einen Stern auf dem Walk Of Fame in Hollywood und dieses Jahr wurde er in die Rock n Roll Hall Of Fame aufgenommen. Und obwohl er sich erst fragte 'Ich und Rock N Roll?' war er eigentlich ganz stolz darauf, denn irgendwie ist doch alles seit 1954 Rock'n'Roll, sagte er bei den Feierlichkeiten.

Randy Newman ist heute der eigentlich liebenswerte, nette Onkel im Hawaihemd, der auf Familienfeiern die boshaftesten Dinge über die Familie sagt, die aber keinen aufregen, weil jeder weiß: Er sagt die Wahrheit.


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