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Fela Kuti zum 75. Der König des Afrobeat

Er war nicht nur der Erfinder und König des Afrobeat, sondern auch die populärste und umstrittenste Erscheinung der afrikanischen Musikwelt: Fela Kuti. Am 15. Oktober wäre er 75 Jahre geworden.

Von: Noe Noack

Stand: 14.10.2013 | Archiv

Fela Kuti, Orchestra Hall, Detroit 1986 | Bild: Leni Sinclair / Knitting Factory Records

Musikalisches Genie und Gesamtkunstwerk, unbeugsamer Freiheitskämpfer und Polit-Aktivist, aber auch sexistischer und homophober Demagoge - das alles war Fela Kuti. „Freunde und Feinde“, schrieb einmal die afrikanische Zeitung Afrofun sind sich dahingehend einig, dass Fela Kuti bei all seiner Exzentrizität und seinem bisweilen unverständlichen Verhalten, die größte Sache ist, die der nigerianischen Musik widerfahren ist. Oft wurde er als der „Bob Marley“ Afrikas bezeichnet, weil er seine Musik ebenso perfekt mit politischen Botschaften verknüpfte und überall verstanden wurde. Die New York Times nannte ihn sogar „Superstar Fela“.

Am 15. Oktober 1938 wurde Olufela Olusegun Oludotun Ransome Kuti, so sein bürgerlicher Name, in Nigeria geboren. Er wuchs behütet in der nigerianischen Mittelschicht auf. Sein Vater war ein angesehener Pastor, der für die Musik schwärmte und begeistert Klavier spielte. Seine Mutter, Funmilayo Ransome Kuti, kämpfte für die Rechte der Frauen in Nigeria. Die zwei Pole Musik und Politik prägten also schon sehr früh Fela Kutis Leben.

1958 zog Fela nach London, wo er auf Wunsch seiner Eltern Medizin studieren sollte. Stattdessen schrieb er sich am Trinity College of Music ein und lernte vier Jahre lang Klavier, Komposition und Musiktheorie. Am College und in den Live-Clubs von London begeisterte sich Fela Kuti für Jazz und R'n'B und schon bald gründete er seine erste Band, die Koola Lobitos. Mit ihr entwickelte er einen ganz eigenen Musikansatz, den sogenannten Highlife-Jazz, eine Mischung aus Jazz und dem westafrikanischen Highlife.

Im Jahre 1962 verließ Fela Kuti England und kehrte nach Nigeria zurück. Er fand einen Job als Praktikant bei einem Rundfunksender in Lagos. Gleichzeitig spielte Fela Kuti mit seiner Band und wurde schnell populär. Die langen Nächte in den Clubs und Theatern forderten schnell ihren Tribut, und Fela erschien immer seltener zur Arbeit. Nach ein paar Monaten wurde er gefeuert. Ab diesem Zeitpunkt widmete er sich voll und ganz der Musik und versuchte sein Orchester, das zugleich Kollektiv und Kommune war, zu organisieren. Musik ohne Politik war für Fela Kuti undenkbar. Die Politik, die emanzipatorischen Bewegungen in den späten 60ern, waren die Treibmittel für sein Werk.

Die Erfindung des Afrobeat

Ab 1968 bezeichnete er die Musik seiner Band Koola Lobitos als "Afrobeat" und reagierte damit selbstbewusst auf die sklavische Unterordnung der meisten einheimischen Bandleader unter die schwarze Musik Amerikas. Getrieben von der Idee, diesem Trend der einseitigen musikalischen Beeinflussung entgegenzusteuern, beschloss er, mit der Band in die USA zu gehen. Bei seinem mehrmonatigen US-Aufenthalt 1969 lernte Fela Kuti berühmte Musiker wie James Brown, Miles Davis und Sly Stone kennen. Er traf sich mit schwarzen Bürgerrechtlern und Black Panther Aktivisten wie Angela Davis und den Last Poets und verinnerlichte ihre Anschauungen. Auch deren militante Strömungen. Diese Erfahrungen flossen nun in seine Musik ein. Noch in den USA nannte er seine Band Koola Lobitos in Nigeria 70 um, wenige Jahre später wurde daraus dann Africa 70, weil Fela Kuti damit die panafrikanische Idee weitertragen wollte. Elementarer Bestandteil der Band war der Drummer Tony Allen, der zusammen mit Kuti die Musik weiterentwickelte. Eine Mischung aus Soul, Funk, Jazz und afrikanischen Einflüssen: Der Afrobeat. Heute gilt Tony Allen als gleichberechtigter Godfather of Afrobeat in der internationalen Musikszene. Seit der Afrobeat auch von Indie-Pop-Bands als spannendes Antriebsmittel entdeckt wurde, ist Tony Allen ein gefragter Mann. Damon Albarn, der schon lange eine Faible für afrikanische Musik hat, gründete zusammen mit Tony Allen und dem Ex-Clash Bassisten Paul Simonon die Band The Good, The Bad & The Queen.

Enorme Popularität in Afrika

Nach seiner Rückkehr nach Lagos gründete Fela Kuti den Shrine Club, der bald zum Mittelpunkt seiner musikalischen und politischen Aktivitäten wurde. Hatte er bisher hauptsächlich als Trompeter und Komponist gewirkt, so begann er nun auch zu singen. Fela Kuti sang ganz bewusst nicht in den Stammessprachen, sondern in einem rudimentären, afrikanisch geprägten Englisch. Dadurch wurden seine Texte in allen Teilen Afrikas verstanden. Seine politischen Botschaften, seine Schreie nach Freiheit und Gerechtigkeit gepaart mit tanzbarer Musik, die einen schnell in Trance versetzen konnte, das waren die Eckpfeiler seiner enormen Popularität in Afrika. Fela Kuti war auch ein menschlicher Magnet. Sein Orchester, sein künstlerisches Kollektiv, zählte bis zu vierzig Mitglieder und bestand aus mehreren Sängern, Tänzern, Saxophonisten, Trompetern, Schlagzeugern, Gitarristen und Trommlern.

Fela Kutis Songs waren ziemlich lang, ein einziges Stück füllte oftmals eine komplette Seite einer Platte. Von ihm geleitete Aufführungen und Performances hatten den Charakter von Jam-Sessions. Das waren schamanische, Voodoo-ähnliche Spektakel. Angefeuert von hypnotischer Polyrhythmik und Afrolook, mit afrikanischen Dialoggesängen. Call and Response-Spielchen. Eine afrikanische Tradition , die in den 80ern auch wieder von US-amerikanischen Rappern aufgegriffen wurde.

Fela Kutis langen Bühnenauftritte waren wie Messen. Diese Aufführungen wurden von Predigten und Schmähreden begleitet. Seine Weigerung, bereits aufgenommene Stücke noch mal auf Konzerten zu spielen, war mitverantwortlich dafür, dass der große Erfolg in den USA ausblieb. Sein Stil war nicht kommerziell genug.

Kritik und Gefängnis

Fela Kuti erklärte seinen eigenen Grundbesitz als einzige freie Republik Nigerias

Mit Stücken wie „Colonia Mentality“ kritisierte Fela Kuti die durch die Kolonialisierung deformierten Gesellschaftssysteme in Afrika. Aufgrund seiner Beliebtheit in der nigerianischen Bevölkerung, seiner inzwischen internationalen Berühmtheit und vor allem seiner Liedtexte stellte er eine große Bedrohung für die Regierenden dar. Frech hatte er seinen eigenen Grundbesitz als einzige freie Republik Nigerias erklärt und ganz offen das Militärregime Nigerias kritisiert. Dafür musste er mehrmals ins Gefängnis.

Aber Fela Kuti blieb stets unbeugsam und wusste um seine Popularität, die ihn letztlich auch schützte. Nur 1979 wurde der Druck der Regierung so groß, dass er sein Domizil „ Kalakuta“ verlassen musste. Mit seiner Band floh er nach Ghana. Zwei Jahre später konnte er in das nun zivile Nigeria zurückkehren. Er änderte seinen zweiten Familiennamen Ransome, den er als Sklavennamen ansah, in den Namen Anikulapo, was so viel bedeutet wie „Der Jäger, der den Tod mit magischen Amuletten in Schach hält“.

"Der gefährlichste Musiker der Welt"

Fela Kuti startete eine neue Band, die Egypt 80, und gründete seine eigene Partei MOP - Movement of the People. 1984 wurde Kuti von der nun wiederum militärischen Regierung wegen angeblicher Devisenvergehen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er wurde jedoch nach einem erneuten Militärputsch nach 18 Monaten wieder freigelassen. Trotz der immer wiederkehrenden Drohungen, Verfolgungen, Verhaftungen und der Anwendung von körperlicher Gewalt durch die nigerianische Regierung setzte er seine Kritik fort und prangerte immer wieder die unterdrückenden Zustände in seiner Heimat an. Seine Musik sorgte in der Bevölkerung für viel Furore und Kritik am herrschenden System. Die Zeitschrift Rolling Stone bezeichnete ihn als den "gefährlichsten Musiker der Welt". Fela Kuti stand immer unter Strom, ging keiner Auseinandersetzung aus dem Weg und war sicher eine Person voller Widersprüche.

Freiheitskämpfer und Sexist

Fela's "Queens", so wurden Fela Kutis Frauen oft genannt

Fela Kuti bezeichnete sich selbst als antikolonialistischen Pan-Afrikaner. Viele Kritiker bezeichneten ihn als Sexisten und Demagogen. Er wurde auch als gefährlicher Fundamentalist und als homophob beschimpft. Seine Rolle als angeblicher Wiederentdecker traditioneller afrikanischer Werte gab ihm den Vorwand, Frauen als verfügbare Ware zu betrachten. Er gab wiederholt in Interviews und Liedtexten entsprechende Statements von sich wie zum Beispiel: „Frauen sind Matratzen“. In einer Massenzeremonie heiratete er 27 seiner Sängerinnen und Tänzerinnen. Homosexualität geißelte er als Strafe für ein früheres sündhaftes und unmoralisches Leben.

Seit Mitte der 90er Jahre wurde es still um Fela Kuti. Er starb am 2. August 1997 an den Folgen von AIDS. Die Existenz seiner Erkrankung hatte Kuti stets abgestritten. Kondome waren seiner Meinung nach das Mittel einer weißen Verschwörung, deren Ziel die Reduzierung der schwarzen Geburtenrate sei. Erst viel zu spät erklärte er sich bereit, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Die eindeutige Diagnose AIDS bekam er gar nicht mehr mit.

Fela Kutis Erbe

Bis zu seinem Tod hatte Kuti über 50 Alben produziert, wovon viele auch internationale Anerkennung fanden. Seine Musik und seine Texte sind immer noch Diskussionsthema und befeuern die Opposition in Nigeria und den angrenzenden afrikanischen Staaten. Den musikalischen Widerstand und die Tradition des Afrobeats führen unter anderen sein Sohn Femi Kuti und sein ehemaliger Drummer Tony Allen fort, aber auch junge Bands aus aller Welt, z. B. das Antibalas Afrobeat Orchestra aus New York oder Indie-Pop-Bands wie TV On The Radio oder Vampire Weekend.

Die Compilation „Red Hot + Riot - The Music And Spirit Of Fela" war der erste Tribut-Sampler zu Ehren von Fela Kutis Musik, ein Benefizsampler für die AIDS-Opfer in Afrika. Aufgenommen mit vielen afrikanischen Musikern und afroamerikanischen HipHop-Künstlern. Und zum 75.Geburtstag ist der Tribute-Sampler „Red Hot + Fela“ erschienen, u.a. mit TV On the Radio, dem Kronos Quartett, den Tune Yards und den Alabama Shakes.


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