Bayern 2 - Nachtmix


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Prince The funky Icon

2016 ist das Jahr, das uns die großen Idole entreißt: zuerst David Bowie, jetzt auch noch Prince. The funky Icon, der Mann, der die 80er gerettet hat, ist im Alter von 57 Jahren gestorben. In diesem Nachtmix Playback von 2013 huldigt Judith Schnaubelt dem großen Prince.

Von: Judith Schnaubelt

Stand: 22.04.2016 | Archiv

Prince gestorben | Bild: picture-alliance/dpa

Die Karriere des kleinen Prinzen aus Minneapolis/ Minnesota begann mit der futuristischen Hymne "1999". Prince hat sie 1982 veröffentlicht. Und noch heute kommt "1999" auf jedem Dancefloor exzellent. 

Das wichtige US-Branchenblatt Billboard Magazin hat Prince im Mai 2013 den „Icon Award“ für sein Lebenswerk verliehen. Anschließend rockte Prince mit seiner neuen Damenkapelle 3rdEyeGirl die feierliche Galaveranstaltung in Las Vegas fast bis zum Exzess. Und drei Wochen vor seinem 55. Geburtstag haben Prince und 3rdEyeGirl einen neuen Song plus Video auf veröffentlicht: Fixurliveup.   

Musikalisch betrachtet nicht unbedingt meine Tasse Tee, diese Single, aber zielgenau hard rockend auf den Mainstream gerichtet. Die Botschaft soll schließlich auf breiter Front ankommen. Prince gibt hier den Kapitalismuskritiker, Ankläger und Mahner. Kleiner Auszug aus den Lyrics:

"Wie kommt es, dass die einen auf der Sonnenseite stehen? Und die anderen im Dunkeln, an ein parkendes Auto gedrängt, die Hände auf den  Rücken gefesselt und vorm Gesicht den Lauf einer Knarre? Amerika, du könntest gerechter agieren. London, du wirst sicher bald am Ende sein. Es wird Zeit umzudenken. Es geht nicht darum, dass jeder seinen Traum erfüllt, sondern bekommt, was er zum Leben braucht."

Prince

Im Video zu Fixurliveup sind kurze Szenen von Demonstrationen zu sehen, die an die „Occupy-Bewegung“ erinnern. Und nebenbei gibt Prince auch noch den Feministen: „Eine junge Frau an der Gitarre ist zwölfmal besser als die hundertste durchgeknallte Jungmännerband“, singt er.

Und mit den Leaders, den Mächtigen dieser Erde, geht er auch ins Gericht. Ja, da kommt einiges zusammen in diesem Song Fixurliveup, da hat Prince viel verschwurbelt, aber wir können uns ganz generell einen Reim darauf zu machen.

Politisch und kritisch

Es ist ja auch nicht zum ersten Mal, dass Prince sich politisch und kritisch äußert. Im Song Resolution beispielsweise, auf seinem 2007er Album Planet Earth, beschäftigte er sich mit dem Klimawandel. Der Schlusssong auf Planet Earth, der so poppig leicht swingt, ist ein Antikriegssong, getragen von der Hoffnung, dass der Mensch irgendwann doch einmal umdenken möge. Amen, möchte man fast sagen. Aber Ausflüge ins Religiöse hatte Prince schon länger nicht mehr unternommen, möglicherweise war sein früher beschworener „God“ jetzt ein privater.

In einem Interview sagte Prince:

"Ich habe viele Wandlungen durchgemacht; meine Fans erlaubten mir, mich weiter zu entwickeln; weshalb wir jetzt ein paar ernste Themen anpacken und versuchen können, bessere Menschen zu sein. Jeder von uns."

Prince

Prince, eine wichtige Stimme im Chor der Gegenbewegten? Dahingehend lässt sich vielleicht auch Princes Outfit interpretieren: Die neue Afrofrisur, die Nickelsonnenbrille, das hippieske Samtjacket. Mehr denn je erinnerte Prince an Jimi Hendrix, der ja einer der großen Stimmen und Freigeister der Woodstockgeneration war. In Princes Musik aber hallte der Geist von Jimi natürlich immer schon nach.

Zum Beispiel im Song When doves cry, den Prince and the Revolution 1984 für’s Purple Rain-Album einspielten. Purple Rain, sein bis heute bestverkauftes Werk, war auch Soundtrack zum sehr erfolgreichen Purple Rain-Film, in dem Prince in der Hauptrolle den Musiker Kid spielt.

Die Purple Revolution

Princes große „Purple Revolution“ fand tatsächlich schon in den 1980er Jahren statt. Da hat er mit seinem Genre überwindenden Mix aus Funk, Soul, Rock und Pop nicht nur die Postmoderne visionär abgefeiert, sondern auch gleich missioniert: Mit tiefgründiger Sexiness und Slogans wie: „Make love not war, Erotic City come alive.“

Dazu holte er sich immer wieder andere Mitstreiter und Visionäre nach Minneapolis in den „purple pleasuredome“, seine inzwischen legendären Paisley Park Studios. Und er gab seinen jeweiligen Band-Kollektiven programmatische Namen: The Revolution, The Family, The Time, The New Power Generation oder Madhouse. Und immer wieder lud er berühmte Gastmusiker zu sich ins Studio: Miles Davis, George Clinton oder Chaka Khan, die übrigens mit Princes Komposition I feel for you 1984 einen Welthit landete.

Retrospektiv betrachtet, veröffentlichte Prince mit The Revolution sein erstes wirklich relevantes Album 1980: Dirty Mind. Auf dem Cover ein flaumbärtiger Twen, nur bekleidet mit Slip und Jackett. Ans Revers einen Sticker geheftet, auf dem „Rude Boy“ zu lesen ist. Der wahre Rude Boy war damals zwar funkin’ Rick James, dem 1981 mit Superfreak sogar ein Hit gelang, die große Karriere aber blieb ihm versagt. Prince überholte Rick James einfach mit aller Energie.

Das Testament des Funk

Auf Dirty Mind deutete sich schon an, dass Prince im Laufe der nächsten Jahre das neue Testament des Funk verfassen wird, wenn wir James Brown, Sly Stone, Jimmy Hendrix oder George Clinton mal kurz als die alttestamentarische Funkposse verstehen.

Neue Black Power also von Prince. Und mit seinem 85er Album Around The World In A Day gelingt Prince auch der Sprung mitten hinein ins von den Beatles definierte Land des Pop. Poplife ist die Hymne dazu.

Diesen Song wird James McNew, Ex-Bassspieler von Yo La Tengo, mit seinem Seitenprojekt Dump im Jahr 1998 wunderbar covern und seine Kassetten-Edition, Prince zu Ehren, „That skinny M*F* with the high voice“ nennen. Das sei deshalb hier erwähnt, weil James McNews Pop Life-Version eine sehr anrührende ist. Und weil es generell selten gelang, Princes Songs gut zu covern. „Poplife, everybody needs a thrill.“ Bei Dump klang das 1998 wie ein sehr melancholischer Nachruf auf jenes Pop-Leben. In der Prince-Version von 1985 war der Song noch pure Affirmation.

Ein Derwisch auf der Bühne

Während seiner Konzerte Mitte der 80er Jahre wirbelte Prince wie ein Derwisch über die Bühne, besprang die Lautsprecher, tanzte auf ihnen den Funk, ließ es purple regnen und rocken, schleuderte seine schwarze Lederjacke Richtung Publikum, fing sie wie einen Bumerang selbst wieder auf und jammte mit seiner Revolution-Band, dass allen Anwesenden fast das Hören und Sehen verging. Der Mann: ein Vulkan, der zuverlässig ausbrach, auf jedem Konzert. Unvergesslich.

Und bald darauf begann Prince an seinem absoluten Meisterwerk zu arbeiten, das 1987 als Doppelalbum erschien: Sign O The Times. Eines der besten Pop-Alben der 80er Jahre. „Produced, arranged, composed and performed by Prince“ ist auf dem steht auf dem Cover zu lesen. Und das O im Titel ist als Peace-Zeichen erkennbar. Ein Musikkritiker schrieb damals über Sign O The Times:

"Die Beatles waren zu viert, als sie ihr White Album schufen, dieser kleine Knirps schafft das ganz alleine!"

Musikkritiker (unbekannt)

Mit dem Unterschied, möchte ich hinzufügen, dass Princes Revolution No. X wesentlich energetischer und auch teilweise hedonistischer ablief, als die der Beatles. Aber auch Princes Blick war ein kritischer auf die Welt und ihre Erdlinge.

Die Menschen, die Prince im Titelsong "Sign O The Times" besingt, rauchen Crack, haben sich mit Aids infiziert oder sind mit Maschinengewehren bewaffnete Jugendgangs. Eine verzweifelte  Mutter, die ihr Kind tötet, weil sie es nicht ernähren kann, kommt im Song vor und die Opfer eines Hurricans. Das Spaceshuttle Challenger explodiert beim Start und „trotzdem wollen alle noch weiterfliegen ins All“, singt Prince. Aber Prince wäre nicht Prince, wenn er neben all dem Düsteren nicht auch immer ein Gegenkonzept parat halten würde: Pop. Als da wären: Musik, Liebe, Sex, ein Seestern  und Kaffee, auf’s Schönste vertont im Song Starfish and Coffee.

Immer lande ich, obwohl sich unzählige Alben, Singles, Maxis, Bootlegs in meinem Plattenregal vom Meister stapeln, dann doch wieder bei Princes musikalischem Meilenstein von 1987: Sign O The Times. Hier verkörpert und fusioniert er auch alle Rollen, die er sich in den kurzen sieben Jahren auf seinem Weg vom flaumbärtigen Youngster zum umschwärmten Weltstar mit Urgewalt und meisterhaft erarbeitet hat: Exzentrischer Narziss, glamouröser Lover; räudig Begehrender, verführerische Hure, gottgläubiger Preacherman; funkender Teufel bis hin zum Tabubrecher.

His Royal Badness eben. Letztendlich aber glaube ich, dass Prince ein Romantiker war. Sein heute noch gültiges Credo, 1985 in einen Song gegossen, lautet: „Make love not war, Erotic City come alive.“ Und: „Make love not war.“ Dieser alte Slogan, in den 60er Jahren entstanden zu Zeiten des Vietnamkriegs, hat ja eigentlich nie seine Gültigkeit verloren, wie viele Kriege wurden seitdem geführt? Und wie viele finden heute noch statt! Prince hat seiner Utopie, seinem Traum von „Make love not war“ und „Erotic City come alive“ tatsächlich einen realen Raum geschaffen. In seinen Paisley Park Studios. In den Clubs, Konzerthallen und Arenen dieser Welt. Wenn er auftrat, dann baute er mit seinem Publikum zusammen jedes Mal eine neue Erotic City, wenigstens für kurze Zeit.

Und auch ein Geschäftsmann

Natürlich war Prince auch ein Businessman, aber ein sehr freigeistiger, der sich dem Druck und den üblichen Regeln eines Musikkonzerns nicht unterordnen will. Deshalb wurde in den 90er Jahren aus Prince Symbol. The artist formerly known as Prince. The Artist. The Love Symbol. Als er dann aus dem Vertrag mit Warner Bros. endlich raus war, nannte er sich wieder Prince und verkaufte seine Werke gerne übers Internet. Homepage als Marketplace. Früh erkannt. Trotzdem waren es - um’s kurz zu machen - geschäftlich, aber auch künstlerisch lange Jahre mit tiefen Tälern und mittelprächtigen Zwischenhochs für ihn.

2004 wurde Prince schließlich in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Späte Ehre, aber kein schlechtes Jahr. Prince veröffentlicht sein Album Musicology, bekommt zwei Grammys, begibt sich auf eine 96 Konzerte umfassende Tour, wird vom Rolling Stone als bestverdienender Musiker der Welt dokumentiert. Runde 56 Millionen Dollar hat er umgesetzt. Und: Prince covert in diesem Jahr den Jimi Hendrix Bluessong Red House für das Hendrix-Tributealbum Power of Soul. Klar, dass Prince aus dem Red House ein Purple House zaubert.

Ab 2004 schon bahnt sich also das Comeback des Mannes an, der nie wirklich verschwunden war, der in den Nullerjahren ständig respektvoll von allen möglichen Akteuren im Popbusiness als Genie, als große Inspirationsquelle, als Vorbild erwähnt wurde und doch kaum mehr als Superstar im Focus der Weltpresse stand. Eine neue Fan-Generation war auch nicht wirklich nachgewachsen. Das hätte sich Prince selbst zuzuschreiben, meinte Questlove von den Roots, der sich erst im letzten Jahr darüber beschwerte, dass Prince sich der You Tube-Generation verweigere.

Keine Videos, nirgends

Ja, der You Tube-Space ist rabenschwarz in punkto offizielle Prince-Videos. Handyaufnahmen von Konzerten und TV-Mitschnitte konnte aber auch ein Prince nicht verhindern, trotz einer sehr aktiven Armada von Rechtsanwälten. Er suchte sich andere Kanäle als You Tube. Und Princes Fanpage „prince.org“ ist so umfangreich, dass mein eigentlich geschätztes Firefox-Programm, während ich mich da einloggen wollte, immer nur abstürzte und sich anschließend höflich entschuldigte.


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