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Manchester United Das Label Factory Records

Factory Records ist eines der ersten und einflussreichsten Independent-Labels Großbritanniens. 1978 in Manchester gegründet, entdeckte Firmenchef Tony Wilson Bands in der eigenen Stadt: Joy Division und The Durutti Column.

Von: Ralf Summer

Stand: 12.07.2013 | Archiv

Plattencover von "Blue Monday", New Order | Bild: Peter Saville

Als eines der ersten Labels überhaupt hatte Factory Records eine eigene Corporate Idendity: Grafiker Peter Saville entwarf die Covers und Posters. Mit Martin Hannett, dem Studioproduzenten, ebenfalls Teilhaber des Labels, entwickelte sich auch so etwas wie ein Factory-Sound: dunkel-eleganter Pop mit elektronischen Elementen und viel Hallräumen.

Joy Division- und New Order-Manager Rob Gretton ergänzte das Label. Zu Factory gehörte auch der Hacienda-Club, der Manchester ab Mitte der 80er weithin bekannt machte: Mit Bands wie den Happy Mondays oder den Stone Roses – und ihren neuen, tanzbaren „Madchester“-Sound, später „Rave“ genannt.

Manchester Rave

Unzählige Fernseh-Dokus und ein Kinofilm erzählen die Geschichte dieser Plattenfirma: Factory Records steht für Bands wie Joy Division, Cabaret Voltaire, Human League, OMD, New Order, die Happy Mondays, Electronic – all diese namhaften britischen Post Punk-, New Wave und Rave-Bands veröffentlichten dort ihre ersten Songs oder ihr Gesamtwerk. Das Besondere: Der Sound des Labels ist mehr oder minder zeitlos. Und die Geschichte von Factory nimmt ein ordentliches Kapitel der englischen Pop-History ein.

Factory wurde 1978 in Manchester gegründet – von Tony Wilson und seinem Kumpel, dem arbeitslosen Schauspieler und Bandmanager Alan Erasmus. Wilson wurde bekannt, als er 1976 als Erster die Sex Pistols ins Fernsehen holte. Noch bevor er mit 27 Plattenfirmenchef wurde, hatte er sich junge Bands der ins Fernseh-Studio eingeladen – so entdeckte er z.B. die jungen Lokalhelden Joy Division und The Durutti Column.

Ein Label mit eigener CI

Das Besondere war: Als eines der ersten Labels überhaupt hatte Factory Records - den Namen hatte er sich von Warhols gleichnamiger Kunst-Clique in New York geborgt - eine eigene Corporate Idendity: Grafiker Peter Saville entwarf die Covers und Posters – und wurde Teilhaber. Heute zählt Saville zu den Grafik-Granden Englands.

Plattencover Unknown Pleasure von Joy Division | Bild: Joy Divison / Factory Records

"Unknown Pleasures" von Joy Division.

Und mit Martin Hannett, dem Studioproduzenten, ebenfalls Labelteilhaber, entwickelte sich auch so etwas wie ein eigener Factory-Sound: Dunkel-eleganter Pop mit ersten elektronischen Elementen und viel Hallräumen. Die ersten Aufnahmen wurden 1978 veröffentlicht: eine Splitsingle – ua mit Cabaret Voltaire und Joy Division (mit deren Song „Digital“). Joy Division lieferten nicht nur die ersten Songs, sondern auch die erste LP für Factory Records ab: „Unknown Pleasures“ (Juni 1979).

In den späten 70ern war in England gerade Punk das neue Ding. Doch schnell ging es auch für die großen Plattenfirmen wie CBS, EMI oder Virgin darum, sich die ach so politischen Bands wie The Clash, die Sex Pistols oder die Gang Of Four unter den Nagel zu reißen, so Tony Wilson in einem BBC-Fernsehinterview.

Factory wollte künstlerfreundlicher als die großen Labels sein

Durutti Column, A Certain Ratio, Joy Division, OMD – sie alle wurden von Factory unter Vertrag genommen, weil das kleine Indie-Label aus Manchester es besser, künstler-freundlicher machen wollte, als die großen, gefräßigen Major-Labels in London, so Wilson stolz über seine Labelpolitik.              

Da war dem Ex-TV-Moderator noch nicht klar, wie viel Geld sein Label durch Misswirtschaft verbrennen sollte, bis nach 15 Jahren, Anfang der 90er nichts mehr von dem übrig sein sollte, was Bands wie Joy Division, New Order oder die Happy Mondays eingespielt hatten. Factory im medienarmen Manchester blieb in der Post-Punk-Zeit nichts anderes übrig, als ein bisschen auf die Pauke zu hauen, um bei der BBC und den Magazinen in London Gehör zu finden. Nicht aber die Musik, die durfte auch schüchtern sein.

Vorbild für The xx sind heute zB The Durutti Column – ihr Instrumental „Sketch For Summer“ von 1980, kann man heute auch als Früh-Song des Chillwave-Genres einsortieren. The Duritti Column war das Duo um den Pianisten und Gitarristen Vini Reilly, der Name stammt von der Buenaventura Durutti, einer anarchistischen Kolonne aus dem spanischen Bürgerkrieg. Ein Mitglied der Band war Mick Hucknall, der später Simply Red gründete. Später schrieben The Durutti Column Geschichte, weil sie 1985 die erste Pop-CD Englands auf den Markt brachten. Das machte Factory gern: Technisch vorne sein. Was vor allem am Produzenten Martin Hannett lag: Ein jähzorniger, den Drogen nicht abgeneigter Ex-Hippie, der immer das neueste Equipment im Studio hatte.

Die unveröffentlichten Mixe des Produzenten interessieren heute am meisten

Manchmal war sein Technik-Wahn seiner Zeit so weit voraus, dass Wilson entschied, dass Hannett die Songs nochmal aufnehmen müsse – sie klangen zu avanciert. Heute sind es gerade Hannetts Versionen, die Musikfans interessieren. Im Joy Division-Kinofilm „Control“ sieht man es schön: Martin Hannett war so ein Soundfuchs, dass er vor lauter Verzweiflung über den seiner Meinung nach schlechten Snare-Sound der Schlagzeuger stattdessen das Sprühgeräusch von Insektenspray benutzte.

Nach seinem Tod – Hannett starb 1992 mit 42 an Herzversagen - zog der amerikanische Produzenten-Kollege Arthur Baker, der den größten Labelhit, New Orders „Blue Monday“ aufgenommen hatte, den Hut vor Martin Hannett: Er bewertete seine Produktionen als richtungsweisend für die 80er.  Auch wenn er in seinem Studio in Manchester die Band Joy Division mit der paradox anmutenden Anweisung „spielt schneller aber langsamer“ zur Verzweiflung brachte. Mit einer anderen aufsteigenden britischen Band der späten 70er hielt er es nur eine Single lang aus – mit U2. Angeblich unterbrach Hannett die Aufnahmen mit U2, als er vom Tode des Joy Division Sängers Ian Curtis erfahren hatte.

Auch U2 kamen nach Manchester zum Produzieren

So blieb es bei zwei Songs von U2, die aber nicht auf Factory erschien: die zweite U2 Single von 1980: „11 o´clock tick tock“/“Touch“. Hannett und Factory Records waren bereits nach zwei Jahren auch außerhalb  Manchesters bekannt. U2 kamen zu ihm aus Irland ins Studio, als er gerade den bekanntesten Song des Labels aufnahm: Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“.

Von „Love Will Tear Us Apart“ zu „Blue Monday“

Als die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Jahren ihre Leser nach dem Lieblingslied der 50-teiligen SZ-Diskothek befragte, wurde „Love Will Tear Us Apart“ Nummer 1. Factory Records hatte nach dem Selbstmord des Sängers Angst um die Zukunft des Labels, waren doch Joy Division nach dem Fortgang von OMD das einzige große Pferd im Stall. Joy Division-Manager Rob Gretton schlug der Band vor, unter einem anderen Namen weiter- zumachen – mit Gitarristen Bernard Sumner als Sänger.

Tony Wilson musste die Entscheidung oft verteidigen, wie er klagte. Nach dem charismatischen Ian Curtis mit seinen existenzialistischen Texten der süß-säuselnde Gitarrist, dessen Lyrics nicht nur unverständlich, sondern tatsächlich auch ohne tiefere Bedeutung waren, wie dieser später selbst einräumte. New Order sollten in der Tat Factorys neues Zugpferd werden – und sich auch an einer wichtigen Investition beteiligen: New Order wurden Teilhaber der Hacienda, dem Club des Labels, der ebenfalls Geschichte schreiben sollte. „Wir wussten, dass Kultur Räume braucht, ohne diese sensiblen Örtlichkeiten wäre Manchester wieder zurückgefallen“, so Tony Wilson, „darum haben wir in unsere Zukunft investiert, in die vieler Bands. So entstand der Platz, an dem sich alle wohlfühlten: die Hacienda.“

Kultur braucht Räume – so gründet das Label den Hacienda-Club

Nicht nur New Order lernten im Factory-Label-Club tanzen, auch eine neue englische Musikergeneration entwuchs dem Schuppen in Manchester, der die Labelnummer Fact 51 trug. Eine Besonderheit von Factory: Egal ob LP, Maxi, Single, Poster, T-Shirt, Anstecker, Werbejingles, Webseite, Ausstellung, Trauerkarte oder Club: alles bekam eine fortlaufende Nummer – sogar Platten, die gar nicht fertig wurden, die Bürokatze von Factory, Arbeitsverträge mit Praktikanten und der Hauswein in der Hacienda.

Muss ein großer Spaß für das Label und ihren Grafiker gewesen sein. Peter Saville, der Grafiker, der danach auch für CNN oder Adobe entwirft, sagte nach Ende des Labels (er überlebte sie alle: Wilson, Hannett und Gretton): „Factory war die letzte wahre Geschichte des Pop“.

„Factory war die letzte wahre Geschichte des Pop“                    

Hatte das Label in den ersten zehn des Bestehens keine Skandale, sollten sie Ende der 80er mit dieser Band kommen: Die Happy Mondays waren eine Clique von weißen Drogenfressern, die sich im Hacienda Club mittels Freunde an der Tür und hinter der Bar ohne Geld durchschlugen und dann eine Band gründeten. Sänger Shaun Ryder gilt heute als peinliches Drogen-wrack, nahm an der englischen Variante von „Ich Bin Ein Star-Holt Mich Hier Raus“ teil und landete als Gastsänger beim Gorillaz-Hit „Dare“ 2005 auf  Nummer 1 in den Charts.

Die Happy Mondays wurden neben den Stone Roses, die aber nicht auf Factory veröffentlichten (was sie später bereuten), das Aushängeschild dessen, was 1988, im „Summer Of Love“, den Titel „Rave“ bekam. Rave war das neue Wort für tanzbaren Gitarren-Pop, der von DJs wie Andrew Weatherall dancefloor-kompatibel gemacht wurde. Und weil der neue Sound aus Manchester und von seinen verrückten Parties kam – nicht nur in der Hacienda – sprach die Musikpresse bald von „Madchester“.

Und auch diese Geschichte ließ sich vermarkten – noch dazu, wo das Geld mehr und mehr versickerte. Labelboss Tony Wilson schrieb seine Memoiren und zehn Jahre nach der Labelpleite, 2002, kam der Film dazu in die Kinos: „24 Hour Party People“ von Michael Winterbottom – benannt nach einem Happy Mondays-Song. Der Streifen bekam die Labelnummer Fact 401. Das finanzielle Genick, so schreibt es New Order Bassist Peter Hook im Buch „Hacienda – How To Not Run A Club“, bricht dem Label die Diskothek: Der Laden kostete allein der Band New Order damals ca 10.000 Pfund im Monat.

Die Hacienda mit ihrer gelb-schwarzen Deko, bestand zwischen 1982 und 1997. Die Pop-Geschichte erzählt uns, dass dort ein DJ wie Laurent Garnier begonnen hat, und eine gewisse Madonna bei ihrer ersten England–Tour dort auftrat. Das Hauptgeschäft machten aber wohl die Dealer – wegen Drogen musste der Laden schließlich dicht machen.

Popmusik ist die Literatur unserer Zeit“, lautet das Credo von Factory. Natürlich ist vieles davon trivial, aber vieles eben nicht, und Wilson hat es immer aufgeregt, dass man das nicht auseinander hält. Dank der Popmusik kann man im Hier und Jetzt leben, sagte der Impressario, „Pop ist der Soundtrack der modernen Welt“.

Wie alles bekommt auch der Sarg von Wilson eine Katalognummer

Kurz nach dem Mauerfall, im Dezember ´89, landete Factory nochmal einen Hit: „Getting Away With It“ von der englischen Supergroup Electronic, bestehend aus Bernard Sumner (New Order), Johnny Marr (The Smiths) und den Pet Shop Boys. Anfangs war auch noch ex-Kraftwerker Karl Bartos an Bord. Das Electronic-Album von 1991 sollte der letzte Millionen-Seller für Factory sein.

Doch die Schuldenlast, verursacht durch das ausschweifende Leben der Macher und den Club, in dem sich jeder bediente, stieg und stieg: 1992 war Factory Pleite und wurde nach knapp 15 Jahren von London Records aufgekauft. Wilson, der bald schon an Nierenkrebs erkranken sollte, gründete zwar noch Factory Too und F4, doch seine neuen Bandentdeckungen konnten nicht an die alten Erfolge anknüpfen. 2007 starb Wilson im Alter von 57. Das Rathaus von Manchester hisste die Flagge auf Halbmast, Labeldesigner Peter Saville entwarf den Sarg, der die finale Katalognummer Fact 501 bekam.

Saville sagte im Spiegel-Interview nach dem Tod von Wilson:

"Tony glaubte an das Politische im Pop, deswegen hat er sich für Musik interessiert. Was ihn an Songtexten interessierte, war Selbstverwirklichung und freie Rede, nicht die Liebeslieder. Er war etwas älter als wir, und als Pop durch Punk wieder politisch wurde, erinnerte ihn das an 1968. Punk destabilisierte das Establishment, er war gefährlich und aufregend, genau wie später die Ravekultur in den Neunzigern: Wir sind in einer Lagerhalle, wir sind auf einem Feld, wir brechen das Gesetz, keiner versteht, was wir tun, außer uns. Sobald Jugendkultur aber zu passiv und verpackt wirkt, bekommt sie einen Riss. Die Platten von Factory mit meinen bescheuerten Covern boten deshalb kein Konsumerlebnis mehr, es war eher so, als würde man Anteile einer Glaubensgemeinschaft kaufen. Und jetzt sitze ich mit anderen Fünfzigjährigen in Talkshows und rede über Tony Wilson, den Mr Music von Manchester. Warum nur kann Popkultur nicht ernster genommen werden? It’s our fucking life now."

Peter Saville

Die Freundin von Ian Curtis führt in Belgien das Erbe zum Teil fort

Factory zählt zu den Labels, die Pop verändert haben: 1. durch den DIY-Indie-Gedanken. 2. durch die Öffnung zum technischen Fortschritt – auch im Sound und 3. durch die Verpackung. Das Cover muss die Vision des Labels tragen. Daran hat sich eigentlich in der Welt des Alternative Pop seit damals, seit 1978 nichts geändert: Die 35 Jahre danach haben dem Modell Factory Records Recht gegeben.

Schade nur, dass das selbstgeführte Label seinen Tribut forderte: Gründer, Produzent und Manager starben vor dem Erreichen ihres 60. Lebensjahrs. Sie haben wie kaum jemand sonst die intensive Zeit zwischen Punk und Techno in erster Reihe erlebt. Heute wird Factory von Les Disques Du Crépescule, dem Label von Ian Curtis´ belgischer Freundin Annik Honoré, weitergeführt: unter Factory Belgium werden noch hier und da Platten veröffentlicht.


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