Bayern 2 - Nachtmix


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Zum 40sten Todestag des Doors-Sängers Jim Morrison

Vor vier Jahrzehnten starb in Paris einer der ganz Großen der Pop-Geschichte: Mit nur 27 Jahren endete das Lebene des legendären Doors-Sängers in der Badewanne seiner Wohnung. Herzversagen, heißt es. Das Nachtmix-Playback blickt zurück auf ein Leben im Extremen.

Von: Klaus Walter

Stand: 08.07.2011 | Archiv

"The Doors"-Sänger Jim Morrison | Bild: picture-alliance/dpa

Am 3. Juli 1971 stirbt Jim Morrison in Paris, der Sänger der Doors wird nur 27 Jahre alt. Posthum gewinnen viele seiner Songs durch diesen frühen Tod eine neue Bedeutung. "Break on through to the other side" ist so einer. Durchbrechen zur anderen Seite, durch die letzte Tür gehen... das gelingt Jim Morrison im Sommer 1971. Seine Freundin Pamela Courson, mit der er seit März 1971 in Paris lebt, findet ihn am Morgen des 3. Juli tot in der Badewanne. Herzversagen. Mit im Spiel ist Alkohol und vermutlich Heroin, so ganz genau wissen wir das auch vierzig Jahre danach nicht. Fest steht: Jim Morrison ist tot, mit gerade mal 27 Jahren.

Morrison ist nicht der einzige Rockstar seiner Generation, der mit 27 von der Bühne geht. Ein knappes Jahr vor ihm sterben Jimi Hendrix und Janis Joplin, auch die beiden sind 27, 1969 endet das Leben von Brian Jones von den Rolling Stones, ebenfalls mit 27. Bei aller Tragik bleibt den Jung-Gestorbenen eines erspart: Das Problem, als Rockstar zu altern, ohne sich lächerlich zu machen, ein Problem, mit dem ja gerade die Rolling Stones seit Jahrzehnten zu kämpfen haben. Ein früher Tod gibt Stoff für Mythen, für Spekulationen, für Legenden. Auch bei Jim Morrison.

Zu den Fakten: Morrison wird am 8. Dezember 1943 in Florida geboren. Sein Vater ist Admiral der US Army, seinen Sohn erzieht er auf die militärische Art. Das Leitmotiv dieser Erziehung macht sich später der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder zueigen: "Fordern und Fördern". Vater Morrison neigt zum Überfordern und zum Strafen. Für Jims künstlerische Ambitionen hat er nur Verachtung übrig. Gegen den Willen der Eltern nimmt Morrison ein Filmstudium auf. An der Universität in Kalifornien lernt er Ray Manzarek kennen, später Keyboard-Bassist, Motor und intellektueller Kopf der Doors. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums 1965 bricht Morrison den Kontakt zu den Eltern ab, noch 1967 verweigert er bei einem Konzert seiner Band ein Treffen mit der Mutter. Den Konflikt mit den Eltern verarbeitet er später zu einem dramatischen Song, "The End", der spektakulärste Ödipus-Komplex der Popgeschichte. Den Vater will er töten, die Mutter will er…dazu später mehr…

1967 landen die Doors  den ersten großen Hit. "Light my fire". Die Titelzeile geht in die Alltagssprache der Hippiejugend ein. Mit der Aufforderung. "Come on Baby light my fire" wird so manche Romanze angebahnt. Bis heute wurde der Song über hundert Mal gecovert - quer durch die Generationen, quer durch die Geschlechter, quer durch die Genres: Al Green und Pearl Jam, Shirley Bassey und die Beastie Boys, Nancy Sinatra und UB 40 und und und…die vielleicht nicht beste aber vermutlich kürzeste Version stammt von der Band mit dem sprechenden Namen El Chicano. Sie dauert 25 Sekunden. Was diese Mini-Version von "Light My Fire" mit dem Original verbindet ist die Dominanz der Orgel. Keine Band aus der Hochzeit des Rock in den späten 60ern betont so stark die Orgel wie die Doors. Im Zeitalter der gefeierten Gitarrenhelden von Eric Clapton über Carlos Santana bis Jimi Hendrix ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.

Schon ein Jahr nach "Light my fire" kommt das amerikanische Magazin Crawdaddy auf düstere Gedanken:

"Und Jim stirbt jeden Tag ein bisschen mehr, schrecklich und schön, während er darum ringt, seine Kunst zu perfektionieren."

Aus: Crawdaddy-Magazin

Das Leiden am Leben und der Flirt mit dem Tod gehört zum Programm bei den Doors. Jim Morrison hat ein sicheres Händchen für griffige Slogans und für große Gesten. Für ein berühmtes Foto posiert er als sehr männlicher, aber doch androgyner Jesus mit nackter Brust. Und dann der Name: The Doors. Die Türen. "Doors of Perception", "Die Pforten der Wahrnehmung", eine damals viel gelesene Drogen-Fibel von Aldous Huxleys stiftet den Bandnamen. Huxley gehört in den späten Sechzigern zum Kanon des Heranwachsens, so wie George Orwells "1984" und "Der Fänger im Roggen" von J.D. Salinger. Wer Ende der sechziger Jahre pubertiert, hat gute Chancen, durch Wahrnehmungstüren zu gehen, die ihm die Doors öffnen.

Jim Morrisons Grab am Pariser Friedhof Père Lachaise

Durch die Doors finden vor allem junge Männer, junge Frauen weniger. Zum Existentialismus, durch die Doors findet man zu Ödipus, durch die Doors findet man nach Los Angeles, durch die Doors findet man zum Living Theatre, durch die Doors findet man zu Bertolt Brecht, durch die Doors findet man zu Aldous Huxley und seinen Pforten der Wahrnehmung. Und am Ende findet man durch die Doors nach Père Lachaise. Auf dem Pariser Friedhof liegt Jim Morrison seit vierzig Jahren begraben, sein Grab ist bis heute die meistbesuchte Pilgerstätte von Père Lachaise. Aber wie findet man eigentlich durch die Doors zu Bertolt Brecht? Ganz einfach: Durch die Whiskey Bar.

"Show me the way to the next Whiskey Bar", heißt es im "Alabama Song". Den schreibt Bertolt Brecht 1927 für seine "Hauspostille", Kurt Weill komponiert die Musik dazu und 1930 schafft es der "Alabama Song" in die Oper: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". 37 Jahre später transportieren die Doors den "Alabama Song" von Mahagonny nach Los Angeles und flirten mit der Hochkultur. Die literarischen Anspielungen und Ambitionen von Jim Morrison wecken mit dem Debütalbum von 1967 schlagartig das Interesse auch von Kritikern, die normalerweise eher die Nase rümpfen, wenn es um Popmusik geht. Neben der Whiskey-Bar von Brecht und Weill sorgt vor allem der letzte Song für Aufsehen - und einen kleinen Skandal, weitere und größere Skandale sollten folgen.

Der Song heißt "The End" und beschreibt in epischer Breite und mit großer Fallhöhe das Leben der Kleinfamilienhölle der Morrisons. Seinen Vater will der junge Jim töten, seine Mutter will er…nun, das F-Wort wird unter einem Haufen Krach begraben: "Father I want to kill you, Mother I want to …you", brüllt Morrison, statt des Wortes Fuck hören wir eine Art Urschrei. Für viele Teenager ist das die erste Konfrontation mit dem Ödipuskomplex. Ein Schock, dass dieser Typ rausschreit, was in einem selbst schlummert, wofür man keine Worte hat. Auf dem Debütalbum der Doors 1967 ist dieses Ende 11.35 Minuten lang, bei manchen Live-Auftritten dauert das Ende schon mal eine halbe Stunde. Eine kompakte Sechs-Minuten Version benutzt Francis Ford Coppola für sein Hollywood-Inferno "Apocalypse Now", da fehlt allerdings interessanterweise das ödipale Drama um den Mord am Vater und dem Sex mit der Mutter, vielleicht doch zu viel für Hollywood.

"Die Plattenkarriere der Doors beginnt mit einem Höhepunkt, und sie endet mit einem Höhepunkt. Der langjährige Produzent Paul Rothchild steigt aus und überlässt die Band sich selbst. Jetzt stehen die Doors in der Verantwortung und sie holen das Beste aus sich heraus."

Aus: Uncut-Magazin

Mit diesen Worten adelt das englische Uncut-Magazin das Album "L.A.Woman" als Klassiker. Es ist das letzte Album der Doors vor dem Tod von Jim Morrison, der letzte Song, an dem Morrison arbeitet, ist einer von den großen Hits. "Riders on the Storm" wird getragen vom elektrischen Klavier von Ray Manzarek, dazu kommt der Regen und das Gewitter. Und die berühmte Sentenz von dem Haus, in das wir geboren, und der Welt, in die wir geworfen werden. Sind wir nicht alle Riders on the Storm? Das hat viele schwer beeindruckt damals wie heute. Böse Zungen dagegen sprechen von
Existentialismus für Siebtklässler…

Auch 40 Jahre nach seinem Tod wird Jim Morrison immer wieder zitiert, die Doors immer wieder gesampelt. Viele Zeilen von Morrison sind heute geflügelte Worte, das gilt für "Riders on the storm" wie für "Come on Baby light my fire, girl we couldn´t get much higher…"

Vielleicht wusste Jim Morrison, dass er nicht mehr sehr viel höher würde fliegen können, im Juli 1971 in Paris. Die Umstände seines Todes in der Pariser Badewanne sind bis heute nicht geklärt. Heroin? Tabletten? Selbstmord? Mord? Alle Varianten haben ihre Anhänger, auch die "Elvis lebt"-Version wird immer wieder aufgetischt: Auf den Seychellen soll Morrison gesichtet worden sein. So oder so, in Erinnerung bleibt er für seine Kalendersprüche, für ein paar mitreißende Rocksongs und für eine sehr körperbetonte Performance, so körperbetont, dass er schon mal von der Bühne weg verhaftet wurde, weil er dem Publikum den kleinen Jimmy gezeigt hat. Manche nennen Jim Morrison ein Sexsymbol.


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