Bayern 2 - Nachtmix


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Zum 30. Todestag Bob Marley

Bob Marley starb am 11. Mai 1981. Der König des Reggae wollte nie ein König oder Anführer sein. Deshalb wirken seine Botschaften, die von Nächstenliebe und dem Kampf für die Menschenrechte handeln, bis heute.

Von: Noe Noack

Stand: 03.06.2011 | Archiv

Bob Marley | Bild: Studiocanal

"Am 6. Februar 1981 veranstalteten Junior Marvin, Seeco Paterson und Tyrone Downie für Bob eine kleine Geburtstagsfeier in der Ringberg Klinik. Sie saßen zusammen und sahen sich einen Fernsehbericht  über die Fußballweltmeisterschaft an, in dem Höhepunkte aus der Laufbahn Peles gezeigt wurden. Bob wirkte kräftig, guter Dinge und lebhaft.

Aber als der Frühling im Tegernseetal einzog, kam schließlich der Tag, an dem der Krebsarzt Dr. Issels verkünden musste, dass er nichts mehr tun konnte. Bob wurde nach Miami geflogen. In einem Telefongespräch mit seinem Anwalt David Steinberg ließ sich Bob versprechen, dass dieser alles Menschenmögliche tun würde, um die Rechte an sämtlichen Marley-Songs ausschließlich seiner Familie zu übertragen. 'Maddah, don't cry', sagte er danach zu seiner Mutter Ciddy, die an seinem Bett stand und ihm die Hand hielt. 'I'll be alright. I'm gwan to prepare a place.' Ich werde einen Platz richten für dich.

Bob Marley starb am 11. Mai 1981 kurz vor Mittag, nur vierzig Stunden, nachdem er Deutschland verlassen hatte.

Zu eben dieser Zeit saß Judy Mowatt, die zusammen mit Rita Marley und Marcia Griffith als I-Trees jahrelang für Bob Marley & The Wailers gesungen hatte, in Kingston auf der Veranda ihres Hauses, als ein lauter Donnerschlag das Firmament erschütterte und ein Blitz durchs offene Fenster fuhr und abglitt von einem gerahmten Foto Bobs, das auf ihrem Kaminsims stand. Erschreckt begannen ihre Kinder zu weinen. Nachdem sie sie beruhigt hatte, schaltete Judy Mowatt das Radio an und hörte die JBC-Meldung, dass Bob tot war."

Catch A Fire. Die Bob Marley Biographie von Timothy White

Ein König, der keiner sein wollte

Bob Marley starb am 11. Mai 1981. Er wurde nur 36 Jahre alt. Der König des Reggae wollte nie ein König oder Anführer sein. Deshalb wirken seine Botschaften, die von Nächstenliebe und dem Kampf für die Menschenrechte handeln, bis heute. Nicht umsonst wurde Marleys Song "Get up, stand up" zur inoffiziellen Hymne von Amnesty International.

Seine Musik und sein Leben sind der ideale Nährboden für Mythen und Verschwörungstheorien. Vom armen, kleinen Landjungen, der in den Ghettos von Kingston aufwuchs und zum ersten globalen Popstar aus der Dritten Welt aufstieg, Legenden- und Mysterien-umrankt, der einen Mordanschlag überlebte und instinktiv wusste, dass seine persönliche Mystifikation ein wichtiger Teil seines Kapitals war.

Bob Marley war ein charismatischer Singer/Songwriter und Entertainer, der in Amerika und Europa für die emotionale wie politische Kraft seiner Musik bewundert wurde und in der Dritten Welt als spiritueller Führer, als Stimme und Hoffnungsträger der Unterdrückten, Entrechteten und Ausgebeuteten verehrt wurde.

Seine Wirkung und Popularität zu Lebzeiten war enorm, stand aber in keinem Verhältnis zu seinen Plattenverkäufen, die mit einigen Hundertausend pro Album recht überschaubar waren.

Bob Marleys Hitalbum erschien postum: "Legends"

Erst nach Bob Marleys Tod verkauften sich seine Platten- und CDs, vor allem das Best-of-Album "Legend" millionenfach. Heute ist Bob Marley ein Hochglanz-Mythos, die Heldenverehrung trägt mitunter absurde Züge. Das Bild vom ewig jungen Rasta-Rebellen mit der wehenden Dreadlocks-Löwenmähne, stets kiffend und kickend, dient heute als Benutzeroberfläche für Jedermann. Vom Rasta-Messias bis hin zum singenden Sozialrevolutionär, der Opfer einer teuflischen CIA-Verschwörung wurde, reicht die Palette.

Wurde Bob Marley vom umstrittenen, ehemaligen SS-Arzt Dr. Issels am Tegernsee zu Tode therapiert? Zu diesem Mythos aus Absurdistan empfehle ich auch einen Blick auf unsere Bayern2-Homepage: "Das Bayerische Feuilleton" Thomas Kernert hat sich in seiner Sendung "Babylon Bayern - Oder: Wer tötete Bob Marley?" sehr gelungen mit diesen Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und die letzten Lebensmonate Bob Marleys im Tegernseer Tal rekonstruiert.

Auch die Klärung der Frage, ob Bob Marley nun 22 oder sogar 46 Kinder mit acht oder 18 Frauen gezeugt hat, überlasse ich gerne anderen. Ebenso die Beleuchtung der Rolle seiner Witwe Rita, die auf einem Dollarberg von über 30 Millionen sitzt und sich selbst Queen nennt. Als Frau eines Mannes, der selber nie König sein wollte und alle Machtinsignien ablehnte.

Allein gegen die Bösen

"Ich halte mich für einen Revolutionär, dem niemand hilft, der keine Bestechungen annimmt und der ganz alleine mit seiner Musik kämpft"

Erzählte Bob Marley 1979 vor einer Fernseh-Kamera in Neuseeland

"Durch seine Musik war Bob ein Revolutionär. Er hätte nie eine Waffe gezogen, aber er stand vor dem Mikrofon und feuerte Schuss nach Schuss."

Erinnert sich seine Frau Rita in einem Interview

Dieses Image und die Bilder von einem in Trance singenden und tanzenden Bob Marley wirken bis heute nach und haben aus dem König des Reggae eine Pop-Ikone gemacht.

Robert Nesta Marley kommt am 6. Februar 1945 in Nine Miles, im Norden der Karibikinsel, zur Welt. Sein Vater ist ein 50-jähriger, englischer Marineoffizier, seine Mutter Cedella eine 18-jährige Jamaikanerin, die ihren Sohn alleine groß ziehen muss. Mitte der 50er Jahre versucht die kleine Familie ihr Glück in der Hauptstadt Kingston - und landet in Trenchtown, einem Slum über den Abwasserbecken und Kanälen der Stadt. Mit 16 bricht Bob Marley die Schule ab, wird auf Drängen seiner Mutter Mechaniker und arbeitet in einer Fahrradreparaturwerkstatt.

Trenchtown, wie auch die anderen Ghettos von Kingston, sind durch Gewalt und Trostlosigkeit geprägt. Musik wirkt da wie ein Ventil und ist oft die einzig mögliche Abwechslung.  

Kein Geld für Platten

Mit seinen Freunden Bunny Livingstone und Peter McIntosh begeistert sich Marley für die Musik, die Ende der 50er Jahre aus den USA kommt: Rythm'n'Blues und Soul. Fats Domino, Ray Charles, James Brown, Curtis Mayfield und Gesangsgruppen wie The Drifters stehen hoch im Kurs. Nächtelang hängen Bob und seine Freunde vor dem Radio: Zu arm für Platten, geschweige denn einen Plattenspieler - da blieb nur das Radio als billigstes Vergnügen. Bei Bob und seinen Freunden wächst der Wunsch, selbst Musiker zu werden und gegen das soziale Elend anzusingen.

In einem Hinterhof nehmen sie Unterricht beim angesehenen Musiker Joe Higgs und gründen die Gruppe The Teenagers, die nach und nach zu den Wailing Rudeboys, den Wailing Wailers und schließlich zu den Wailers mutiert.

Jimmy Cliff, der Anfang der 60er Jahre bereits einige Singles veröffentlicht hat und auch als Talentscout arbeitet, bringt Bob Marley 1962 bei Produzent Leslie Kong unter, um ihn dann nach den gefloppten Singles "Judge Not" und "One more Cup of Coffee" mit Clement "Coxone" Dodd bekannt zu machen. Dessen Studio 1 und das angeschlossene, gleichnamige Label sowie die mobile Strand-Disco, das Soundsystem Sir Coxone's "Downbeat", bildeten das Rückgrat der ersten, eigenständigen jamaikanischen Musik. Mit einer Mischung aus jamaikanischer Tanzmusik, Mento, Calypso und dem, was aus dem Radio ertönt, entsteht der Ska.

Von 1963 bis 1966 nehmen die Wailing Wailers etwa 30 Singles auf und mausern sich zu einer der angesagtesten Bands von Kingston. Die Single "Simmer Down" verkaufte damals 1964 aus dem Stand in Jamaika 80000 Stück. Auf einer Dritten-Welt-Insel mit knapp 2.5 Mio. Einwohnern eine Sensation. 

Glaubensfragen der Rastafarians

1966 heiratet Bob Marley seine Frau Rita, folgt aber kurz danach seiner Mutter in die USA, die mit ihrem neuen Mann dorthin gezogen ist. Sein Plan ist, genügend Geld für ein eigenes Platten-Label zu verdienen. Während seiner Zeit in den USA diskutiert Bob Marley viel mit anderen Exil-Jamaikanern über die Glaubensfragen der Rastas und ihren als Gott und Erlöser verehrten JAH Rastafari Makkonen, der sich 1930 zum Kaiser Haile Selassie von Ethiopien krönen ließ. Im April 1966 weilte Haile Selassie auf Staatsbesuch in Jamaika, wo er religiös verehrt wurde wie nirgendwo sonst. Die Bewegung der Rastafarians bekam durch den Staatsbesuch einen enormen Schub, was sich auch in der Musik ausdrücken sollte.

Bob Marley hatte sich in den USA intensiv mit dem Alten Testament beschäftigt, vor allem mit den Stellen, auf die sich die Rastas beziehen, z. B. dass sich die "Gerechten nicht das Haupthaar schneiden lassen sollen". Die religiöse Bewegung der Rastas gründete sich auf den Ideen und Weissagungen des jamaikanischen Gewerkschafters und Bürgerrechtsaktivisten Marcus Garvey, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Krönung eines schwarzen Königs prophezeit hatte. Außerdem hatte er die im Elend lebenden Nachfahren der Sklaven in der Karibik und den USA aufgefordert, in ihre Heimat Afrika zurückzukehren.

Nach acht Monaten kehrte Bob Marley als ein tief religiöser und auch politisierter Mensch nach Kingston zurück. In den USA hatte er sich auch mit den Ideen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auseinandergesetzt.

Langsam immer langsamer

Ab 1967 bekennen sich Bob Marley und seine Freunde Bunny Livingstone und Peter McIntosh zum Rasta-Glauben, widmen sich dem heiligen Kraut Ganja, den "Herbs", die beim "Reasoning" beim "Seele baumeln lassen" und Meditieren helfen. Die Wailers verlangsamten durch das Rauchen von Ganja nicht nur ihren Lebensstil sondern auch ihre Musik. Der hüpfende Ska war bereits vom souligen, bassbetonten, Rocksteady abgelöst worden, afrikanische Trommelrythmen wurden immer populärer, der Reggaemorgen dämmerte bereits, als Bob Marley und die Wailers den innovativsten Produzenten Jamaikas aufsuchen: Lee Scratch Perry.

Das Label der Wailers "Wail N'Soul" ist nach nur einem Jahr Pleite, aber Lee Perry hilft gerne, weil er das enorm gewachsene künstlerische Potential der Band, vor allem die Ideen Bob Marleys sofort erkennt. Von den späten 60er Jahren bis 1972 entstehen so, die für mich schönsten Soul-Reggae-Nummern von Bob Marley.
Seine spirituell und sozial-politisch so überzeugenden Themen, wie auch sein Charisma als Singer-Songwriter und Entertainer zeigen sich hier bereits deutlich.

Und Lee "Scratch" Perry wusste, wie er das Beste aus ihm rauskitzeln konnte. Der kreativste und irrste noch lebenden Reggae-Shamane Perry schwärmt heute noch von Bob Marley als seinem Schützling, dem er die Magie des Songschreibens vermitteln durfte, der durch und durch ehrlich war, ein guter Junge, der aber noch gezähmt werden musste. Und er, Lee Perry, hat das natürlich hingekriegt. Er findet nur einen Makel im Leben Bob Marleys: "Er hätte sich nie mit Politikern einlassen dürfen, denn du kannst nicht gleichzeitig zwei Herren, nämlich Gott und dem Teufel dienen."

They Harder they come

Über Perry kommen 1970 auch die Brüder Aston und Carlton Barrett, am Schlagzeug und am Bass eine Macht, mit Bob Marley in Kontakt und steigen ein. Die Wailers, wie sie nun heißen, gelten schnell als heißeste Band der Karibik und spielen in einer Liga mit Jimmy Cliff., Dem gelingt 1972 mit "They Harder They Come" ein Single- als auch Filmhit.

"They Harder They Come" brachte eine ganze Generation auf den Reggae-Geschmack und bereitete den Weg für Bob Marley. Eigentlich hatte der weiße Aristokrat und Anglo-Jamaikaner Chris Blackwell mit seinem Label Island-Records auf eine langfristige Zusammenarbeit mit Jimmy Cliff gesetzt, doch der entschied sich für die wesentlich größere und einflussreichere Plattenfirma EMI.

Als Bob Marley eines Tages in Blackwells Londoner Büro auftauchte, war der Boss von Island Records sofort elektrisiert: "Mit der Art wie er ging, verkörperte er genau den Charakter, den Jimmy Cliff in "The Harder They Come" spielt. Als er dann noch Gitarre spielte und sang, wusste ich sofort, dieses Talent ist einzigartig." Mit dem Album "Catch A Fire" eroberte Reggae die Welt der Rockmusik. Es war Chris Blackwells Idee, aus dem Trio eine richtige Band zu formen.

"Catch A Fire" wurde in Jamaika aufgenommen, aber nachträglich in England mit zwei amerikanischen Musikern, dem Gitarristen Wayne Perkins und dem Keyboarder John Bundrick überarbeitet. Die explosiven, politischen Reggae-Songs wie "Concrete Jungle","400 Years" oder "Slave Driver" entfachten durch den neuen, rockigen Sound noch mehr Wirkung.

I shot the sheriff

Reggae, anfangs als seichte Tanzmusik belächelt, wurde in der Pop-Welt plötzlich ernst genommen.
Nach einigen USA-Auftritten im Vorprogramm von Bruce Springsteen und Sly And The Family Stone nehmen Bob Marley & The Wailers 1973 das Album "Burnin'" auf, rough und aus einem Guss, der pure Roots-Rock-Reggae-Stoff. Mit drauf: "I shot The Sheriff". Als eine Coverversion von Eric Clapton kurz danach in den USA die Spitze der Singlecharts erobert, ist der Durchbruch geschafft. "I shot the sheriff" ist zugleich der letzte Höhepunkt der alten Wailers.

Bei den Aufnahmen zu "Nutty Dread" kommt es zum Streit. Unzufrieden mit der Orientierung Marleys und seinem Gewicht in der Band, gehen Bunny Livingstone und Peter McIntosh eigene Wege. Als Bunny Wailer und Peter Tosh gelingen ihnen erfolgreiche Solokarrieren. Der Frontmann nennt seine Band in Bob Marley And The Wailers um, den Begleitgesang übernimmt seine Frau Rita zusammen mit Marcia Griffith und Judy Mowatt als I-Trees. Das Album erscheint 1975 und liefert mit "No Woman No Cry" einen Welt-Hit.

Bob Marley ist nun ein gefragter Weltstar, seine Konzerte sind ab 1976 weltweit ausverkauft. Zuhause versucht er ausgleichend auf die katastrophale Politik seines Landes zu wirken und sagt zu, beim "Smile Jamaica Friedenskonzert" aufzutreten. Das Konzert wird von der PNP, der Peoples National Party organisiert.

Die beiden verfeindeten Parteien, die sozialdemokratische Peoples National Party, mit der Bob Marley vorsichtig sympathisiert und die konservative Jamaican Labour Party unterhalten bewaffnete Milizen in den Ghettos von Kingston. Dort wo die Wahlen entschieden werden, kommt es zwischen 1976 und 1980 zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen den verfeindeten Lagern.

Ende November 1976 dringen bewaffnete Männer in Bob Marleys Haus in der Hope Road ein und verletzen ihn, seine Frau Rita sowie seinen Manager Don Taylor durch mehrere Schüsse. Er kommt mit leichteren Verletzungen, Schüssen in Brust und Bein davon und tritt dennoch auf dem Friedenskonzert auf. Die beiden politischen Führer Jamaikas, Norbert Manley PNP und Edward Seaga, Spitzname "CIA Eddy", von der JLP, holt Bob Marley auf die Bühne zu einem versöhnlichen Handschlag. Politisch ändert sich nichts auf Jamaika. Im Gegenteil: Die Mordrate steigt und steigt, der Anschlag auf Bob Marley wird nie aufgeklärt, und so zieht er mit seinem Clan 1977 ins Exil nach London, wo das autobiographische Album "Exodus" entsteht:

Das Album wurde von der BBC zum besten und wichtigsten Pop-Album des 20. Jahrhunderts gewählt. Ermöglicht und gefördert wurde dieses Meisterwerk durch Chris Blackwell, der sich wie ein väterlicher Freund, Mäzen und Visionär in einer Person um Bob Marley und seinen Clan kümmerte. Der sogar Proben und Konzerte so planen ließ, dass der Fußballnarr Bob Marley ausgiebig kicken konnte und kein WM-Spiel verpasste. Fußball war eine wichtige Inspirationsquelle.

Die Journalistin und Autorin Vivien Goldman schreibt in dem Buch "Keep On Running - The Story Of Island Records" über Labelchef Chris Blackwell: "Allein die Weitsicht, Bob Marleys Entwicklung zum globalen Superstar und Shamanen zu erahnen und damit eine Gesellschaft aus der Reserve zu locken und in ihren Grundfesten zu erschüttern, eine Gesellschaft, die ihn lieber für immer im Ghetto Trench Town gestrandet gesehen hätte, das ist eine Errungenschaft, die Blackwell und seine Plattenfirma vom Gros der Big Player in der Musikindustrie abhebt."

Slums und Hunger in Afrika

1978 reist Bob Marley zum ersten Mal nach Afrika und ist erschüttert, als er dieselben Slums und hungrigen Gesichter sieht, die er auf Jamaika hinter sich gelassen hatte, dieselben korrupten, machtbesessenen Regierungen, die blind waren für das Elend ihrer Völker. Bob Marleys Aufenthalte in Kenia und Äthiopien prägen das stark politische Album "Survival". Den Song "Zimbabwe" schreibt er für den Bürgerkrieg in Rhodesien; als das Land ein Jahr später die Unabhängigkeit erlangt, lädt ihn der damals noch viel beachtete neue Staatschef Robert Mugabe als offiziellen Gast zu den Unabhängigkeitsfeiern ein. Bob Marley spielt mit den Wailers und ist zutiefst erschüttert, als anstürmende Fans vor dem Nationalstadion von Polizei und Militär niedergeknüppelt werden:

"Und jetzt, in Simbabwe, wurde er auch noch seiner letzten Illusionen beraubt. Seine rechte große Zehe, ohne Nagel und von Geschwüren zerfressen, schmerzte fürchterlich.  Wiederholt hatte er der Presse mitgeteilt, unter dem Verband verberge sich nur eine Fußballverletzung, aber der pulsierende Schmerz erinnerte ihn ständig an das, was die Ärzte ihm in den vergangenen beiden Jahren gesagt hatten: Entweder die Zehe amputieren lassen oder seinen Frieden schließen mit dem Leben. Wenn er sich nicht einer radikalen Behandlung seines Krebses unterziehe, würde er viel früher als geplant heimfliegen müssen nach Zion, um seinen Lohn im Himmel zu empfangen. 'Rasta duldet keine Amputation' hatte er sie angefaucht."

Catch a Fire. Die Bob Marley Biographie von Timothy White

Trotz der erschütternden Erlebnisse in Afrika und seiner Schmerzen gibt sich Bob Marley 1979/80 optimistisch und kämpferisch. Er stürzt sich in die Arbeit, schreibt Songs und geht mit den Wailers "Babylon By Bus" auf Welttournee.

Für mich war Bob Marley ein politisch und spirituell geprägter Poet und Singer-Songwriter. Ein Visionär dessen Rolle als Rasta, gemessen am musikalischen Gesamtwerk überbewertet wird. 

Sein Charisma, seine Energie war beeindruckend, wie 35.000 Menschen beim Open Air Konzert in München Riem im Sommer 1980 erleben durften. Eine optimistische Uprising-Tour auf der Bob Marley mit seinen Wailers am nächsten Tag in Mailand im San Siro Fußballstadion vor über 90.000 begeisterten Fans spielte.

23. September 1980: das letzte Konzert

Auf der anschließenden USA-Tour bricht Bob Marley beim Joggen im New Yorker Central Park zusammen. Die Diagnose der Ärzte lautet:  Gehirntumor und Metastasen in Lunge und Leber. Lebenserwartung: Wenige Wochen. Nur mit größter Anstrengung tritt Bob Marley am 23. September 1980 in Pittsburgh auf. Es ist sein letztes Konzert.

Zwar entscheidet er sich für eine Behandlung, aber es ist zu spät. Eine umstrittene Therapie für aussichtslose Fälle bei Dr. Issels in Rottach Egern bringt nur kurzzeitige Besserung. Bob Marley will zum Sterben zurück nach Jamaika gebracht werden. Auf dem Weg nach Jamaika stirbt der 36-jährige Marley am 11. Mai 1981 in Miami. Der König des Reggae wird in einem Mausoleum in Nine Miles, nahe seines Geburtsortes, begraben. Der Mythos Marley wächst, wird größer und größer, überhöht bis ins Absurde. Zum Glück kann das der Musik nichts anhaben.


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