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Neuerscheinungen der Woche J Mascis | Sun Kil Moon | The Wave Pictures

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Euroteuro, The Wave Pictures, Mick Harvey & Christopher Richard Barker, J. Mascis von Dinosaur Jr., Sun Kil Moon, Charles Bradley, Mocky, Vince Staples, Waajeed, Planningtorock und System.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 08.11.2018

Cover: The Wave Pictures - Look Inside Your Heart
| Bild: Routh Trade

Euroteuro – Vol. 1

Der Song „Musik“ feat. Mile Me Deaf ist die Nummer 3 der Redaktionshitparade von Zündfunk und Nachtmix. Vier Frauen, ein Kerl, so die Bilanz für die Wiener Band Euroteuro. Wie der Bandname schon vermuten lässt, sind die schönsten Klischees gerade gut genug für ein Songthema. So heißen die Tracks “Hobby”, “Mensch” oder “Autogrill”. Euroteuro kommen dabei oft sehr trashy daher, aber gerade wenn es auch musikalisch versierter wird, wie bei den Songs “Hausverbot” oder “Kopf” dann gewinnen Euroteuro an Wert. Sie erinnern mich dann an die Goldenen Zitronen. (7 von 10 Punkten)

The Waves Pictures – Look Inside Your Heart

Man wird sich in 30 Jahren das Ouevre von den Wave Pictures anhören, man wird erkennen, es gibt keinen einzigen schlechten Song von dieser Band um Sänger David Tattersall. Dann wird man sich fragen: Warum war diese Band dann so unbekannt in den Nuller und Zehner Jahren? Und man wird keine Antwort darauf finden, genauso wenig wie ich eine dafür habe. Die Wave Pictures sind seit Jahren ein Fels in der Brandung der Veröffentlichungsflut. So auch das neue, 21. Album “Look Inside Your Heart”. Wir hören wieder mal ein Kleinod von großartigen Indie-Songs. Vielleicht fragt man sich in 30 Jahren auch, was diese Band ausgemacht hat. Darauf habe ich eine Antwort: Herz und Seele. The Wave Pictures haben Herz und Seele. (8 von 10 Punkten)

Mick Harvey & Christopher Richard Barker – The Fall And Rise Of Edgar Bourchier And The Horrors Of War

Der britische Schriftsteller Christopher Richard Barker hat für eines seiner Bücher eine imposante Figur erfunden: Edgar Bourchier, Kriegsdichter, der nur 24 Jahre alt wurde, gefallen im 1. Weltkrieg, 1918 werden seine Texte posthum veröffentlicht, deren Strahlkraft reicht bis in die Popkultur der 60er und 80er. So hat es sich Barker ausgedacht. Klingt wirklich sehr spannend, tolle Figur. Aber es wird noch besser: Barker hat den alten Nick-Cave-Kumpanen Mick Harvey dazu gebracht ein ganzes Konzept-Album um diesen fiktionalen Charakter zu schreiben: The Fall And Rise Of Edgar Bourchier And The Horrors Of War. Barker steuert als Bourchier die düsteren Kriegstexte bei, Australier Harvey lässt alles nach Bad Seeds und manchmal auch nach The Birthday Party klingen. Es gab schon schlechtere Konzept-Alben, sehr viel schlechtere. (6,5 von 10 Punkten)

J. Mascis – Elastic Days

Der Gandalf des Indie-Rock ist zurück, der weißbehaarte J. Mascis legt mal wieder ein Soloalbum vor. Der Unterschied zur Hauptband Dinosaur Jr. nach wie vor: gut 50 Dezibel. Verursacht durch überwiegend Akustikgitarren und noch mehr Gesangs-Harmonien. Was natürlich bleibt: die Gitarrensoli. Hört man fast bei jedem Song am Ende. Was mich hier aber besonders beeindruckt, Mascis ist mittlerweile 52, aber immer noch lernwillig, so hat er für die besonders schwierigen Melodien extra Gesangsunterricht genommen. Und das hört man. Melodien, die er früher gemieden hat, geht er jetzt an. Wir hören wieder mal ein formidables Solo-Album des fleißigsten Skateboard-Slackers der Welt. (8 von 10 Punkten)

Sun Kil Moon – This Is My Dinner

Ich rede ja viel und gerne über Mark Kozelek und seine Projekte, ganz einfach schon deswegen, weil er mindestens zwei Platten im Jahr rausbringt, jetzt wieder als Sun Kil Moon. Es ist die Platte nach seinem großartigen, aber auch wieder viel diskutierten Soloalbum im Mai. Worüber wir diskutieren: seine Texte, dieser Stream Of Consciousness, dieser Tagebuch-Folk, den wir da hören und auch erstmal verarbeiten müssen. Denn vor allem seine politischen Ansichten lassen einen doch recht schnell und tief schlucken.

Worüber wir aber zu wenig reden: die Musik. Denn sie ist offensichtlich in den Hintergrund gerutscht, dabei hat Kozelek mit den Red House Painters angefangen, einer Band, die den Slowcore opulent gespielt und geprägt hat. Auf “This Is My Dinner” ist die Musik größtenteils wieder nur Beiwerk - aber doch ziemlich großartig. Denn man muss es erstmal schaffen, ein Thema zu entwickeln, die diese 10-minütigen Oden tragen. Ja, auch das schaffen Sun Kil Moon hier wieder und deswegen auch wieder einmal: eines der besten Alben des Jahres kommt von Mark Kozelek. Er spielt einfach in seiner eigenen Liga. (9 von 10 Punkten)

Charles Bradley – Black Velvet

Legenden, im Soul dreht sich viel um solche märchenhaften Geschichten. Die Legende von Charles Bradley hat der Tod viel zu früh beendet. Im September letzten Jahres ist er mit 68 an Krebs gestorben. Mit 52 hatte seine Musik-Karriere erst begonnen. Die Legende sagt, dass er Anfang der Nuller Jahre wie aus dem Nichts vor der Tür von Daptone-Mitbegründer Gabriel Roth stand und ein Ansage macht: Du suchst einen Sänger, hier bin ich. Bis heute weiß Roth nicht, wer Bradley geschickt hat. 2011 kommt dann das erste Album - und es schien so als hätten die Songs nur darauf gewartet, dass Bradley sie mit seiner Lebenserfahrung füllt, mit dem ganzen Mist, den er erlebt hat, aber auch den Weisheiten, die er daraus gezogen hat. So kommen auch die Songs auf “Black Velvet” daher, dem posthumen Album, was jetzt erscheint. Wir hören unveröffentlichte Songs und die Covers, die Bradley immer so gerne gesungen hat. Diesmal ein Highlight: die Version von “Stay Away” von Nirvana. Bradley wäre am 5. November 70 geworden. (7,5 von 10 Punkten)

Mocky – A Day At United

“A Day At United” heißt das neue Studioalbum vom kanadischen Tausendsassa Mocky. Wie der Name schon sagt: Aufgenommen an einem Tag. Ohne Probe, ohne zweiten Versuch. Einfach einmal durchgespielt mit Freunden und zwar Songs, die Mocky erst ein paar Tage vorher geschrieben hat. Allerdings nicht irgendwo aufgenommen, das United ist das Studio, das Frank Sinatra so toll fand, dass er es mitfinanziert hat. Die Hoffnung: magische erste Momente an einem magischen Ort einfangen. Das klappt mit den jazzy Instrumentals leider nur selten auf “A Day At United” - trotzdem: ein Versuch war’s wert. (5,5 von 10 Punkten)

Vince Staples – FM!

Die Musik von Morgen wird jetzt kurz zur Musik von vor einer Woche, da kam ein Secret Release raus. Vince Staples hat überraschend ein neues Album veröffentlicht: Vincent Jamal Staples hat im Prinzip seine eigene kleine Radioshow produziert, das Album heißt “FM!”. Wir hören Radioansagen und richtige Banger-Hits, wie “Fun” oder “Tweakin”. Wenn man aber genauer hinhört, dann entdeckt man neben den sozialkritischen Texten und dem schwarzem Humor auch eine gewisse Melancholie in Staples Texten. Man kann nur hoffen, dass dieser Mann noch sehr lange auf diesem Niveau bleibt. (8 von 10 Punkten)

Waajeed – From The Dirt

Es geht gerade ein Cappie rum, in Anlehnung an Trumps Spruch steht darauf: Make Techno Black Again. Waajeed ist ein Kind der Techno-Hauptstadt Detroit und schwarz. Er legt jetzt sein erstes Soloalbum vor. Wir kennen ihn als Produzenten für u. a. auch deutsche Künstler wie Sammy Deluxe und Afrob. Und wir kennen ihn auch von den Platinum Pied Pipers, seinem Projekt zusammen mit Saadiq. Für sein erstes Soloalbum bedient sich Waajeed bei J. Dilla und Slum Village, mischt Techno mit Soul, sampelt viel und holt sich ein paar tolle Stimmen auf die Tracks. Den Spirit der Platte beschreibt Waajeed sehr schön nostalgisch: Früher hing ich mit J. Dilla donnerstags im Studio rum, Freitag und Samstag Party mit Theo Parrish und Sonntagfrüh dann in die Kirche zum Gottesdienst. Das ist the sound of Detroit, meint Waajeed. (6,5 von 10 Punkten)

Planningtorock – Powerhouse

Jam Rostron ist eine nicht-binärer Mensch, bekannt unter dem Namen Planningtorock. Nicht-binär oder auch genderqueer bedeutet, dass Rostron sich nicht als Mann oder Frau fühlt, sondern außerhalb des binären Systems lebt. Auf ihrem neuen Album “Powerhouse” geht sie auf die Suche nach ihrer eigenen Identität. Wer bin ich? Woher komm ich? Was macht Liebeskummer mit meiner Identität? Und inwieweit kann Musik meine Wunden heilen? Große Fragen, auf die auch nicht-binäre Künstler wie Sophie gerade Antworten suchen. Planningtorock tut das hier mit Autotune-Stimme, tanzbaren Beats und den intimsten Lyrics, die es je auf einer Planningtorock-Platte gab. (7,5 von 10 Punkten)

System – Plus

Es gibt Alben, auf denen passiert nichts und dementsprechend schlafen einem Füße und Hirn ein. Es gibt aber auch Alben, auf denen passiert wenig bis nichts und man ist trotzdem die ganze Zeit elektrisiert. “Plus” vom dänischen Trio System gehört dazu. Die Platte ist in Projektarbeit mit Nils Frahm entstanden. Der hat 10 Stunden Sound mit Piano, Orgel und Synths eingespielt, die System dann digital modelliert haben. Großartige Sphären, die sich hier eröffnen. (7 von 10 Punkten)


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