Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Jacob Banks | Jens Friebe | Marianne Faithfull

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Dead Can Dance, Two Medicine, Sepalot Quartet, Kittin, Kelly Moran, Jacob Banks, Marianne Faithfull und Jens Friebe.

Von: Ralf Summer

Stand: 31.10.2018

Jens Friebe chillt | Bild: Max Zerrahn

Jacob Banks - Village

Da versucht einer die Quadratur des Kreises: eine Retro-Soul-Stimme – aber mit den Beats und Sounds von heute. Dem britischen Sänger Jacob Banks gelingt das Kunststück und manchmal bleibt auch noch Zeit für entspannte Dub-Rhythmen, wie bei der Single „Love Ain´t Enough“. Banks hat in seiner Heimat schon Pop-Geschichte geschrieben. Er hatte die Ehre, als erster Künstler ohne Plattenvertrag in der renommierten BBC Live Lounge von Radio 1 aufzutreten. Begonnen hat der gebürtige Nigerianer auf Open-Mic-Nächten in seiner neuen Heimat Birmingham. Er spielte schon mit Michael Kiwanuka, Rapper Plan B und Alicia Keys. Aber auch auf Dance-Tracks war er als Gaststimme zu hören. Manchmal geht es auch Richtung modernem Afro-Pop. Ende November tourt er mit seinem Debüt-Album „Village“ durch Deutschland – unter anderem kommt er nach Frankfurt. Jacob Banks dürfte ein global erfolgreicher Star werden, der bald vom Pop-Himmel leuchtet. (7 von 10 Punkten)

Marianne Faithfull - Negative Capability

„Es ist die ehrlichste Platte, die ich jemals gemacht habe – ich verstecke nichts. Das Leben hat sich nicht so entwickelt wie ich wollte“, sagt Marianne Faithfull über ihre neuen Platte. Sie heisst: „Negative Capability“. Mit 71 Jahren hat das einst berühmteste Rock-Groupie der Welt ein Album aufgenommen. Zusammen mit Musikern, die sie verehren, wie Mark Lanegan, Ed Harcourt oder Nick Cave – mit ihm entstand die Single „The Gypsy Faerie Queen“. „Eigentlich bin ich Mitte der 60er auf der Suche nach der passenden Uni für mich gewesen“, sagt Faithfull, „als ich den Manager der Stones traf. Statt an der Uni fand ich mich dann im Studio mit Mick (Jagger) und Keith (Richards) wieder, um ´As Tears Go By´ aufzunehmen.“ Das Stück findet sich in einer neuen Aufnahme auch auf der neuen Platte. Heute lebt die Britin, die spätestens seit „Irina Palm“ auch ein Namen als Schauspielerin hat, in Paris. Die melancholische Platte endet mit dem traurigen ´Loneliest Person´, darin heißt es: „you might be the loneliest person in the world, you never be as lonely as me“. Puh! Wie nah Glamour und Einsamkeit zusammen liegen können. (7 von 10 Punkten)

Jens Friebe - Fuck Penetration

Ja, wir haben richtig gehört: „Fuck Penetration“ heißt das neue Album des Berliner Musikers Jens Friebe. Seine vorigen Platten trugen ja schon tolle Titel wie „Das Mit Dem Auto Ist Egal, Hauptsache Dir Ist Nichts Passiert“ oder „Nackte Angst Zieh Dich An, Wir Gehen Aus“. Nun also der Wortspiel-Titel „Fuck Penetration“. Eine Platte, die sich stark mit dem Thema „Sexuelle Identitäten“ beschäftigt. Es ist außerdem seine britischte Platte geworden: mehr als die Hälfte seiner Lieder sind Englisch gesungen. Für mich ein Problem. Weil seine Art sich Deutsch auszudrücken, einzigartig ist. Okay, manches funktioniert auch auf Englisch – wie die Single "Only Because You're Jealous, Doesn't Mean You're In Love" („Nur Weil Du Eifersüchtig Bist, Heißt Noch Nicht Dass Du Verliebt Bist“). Aber trotzdem fehlt was. Die typische Friebe-Freude. An ungewöhnlichen Texten in Muttersprech – dazu hymnisch gesungen. Wie bei den Stücken „Call Me Queer“ oder „Herr Der Ringe“ zu hören. Wie sagt er im Spex-Interview: „Wenn man im Deutschen emotional wird, hat man direkt die Romantik im Nacken. Im Englischen nur die Pop-Kultur. Das ist manchmal sehr befreiend.“ Im Januar spielt Friebe in Nürnberg, Schorndorf, München und Wiesbaden. (8 von 10 Punkten)

Kelly Moran - Ultraviolet

Als Kind sah sie im Fernsehen eine Klavierspielerin und wollte das auch. Ihre Mutter schenkte ihr ein Keyboard. „Das werde ich nun immer spielen“, war sie sich sicher. Aber erst als in der New York Times ihr letztes Album zur Klassik-Platte des Jahres gewählt wurde, verstand ihre Familie, dass es Kelly ernst damit war. Kelly Moran ist John Cage-Fan und Teil der Live-Band des New Yorker Avantgardisten Oneohtrix Point Never. Das Groove-Magazin bezeichnet Kellys neue Platte „Ultraviolet“ in seiner letzten Ausgabe als „Hit des Jahres auf dem Feld der beatlosen Musik“. Die New Yorkerin spielt Piano wie niemand sonst – bei ihr klingt es nach einer Art Unterwasserspinett. Kelly ist Synästhesistin, sieht ihre Instrumental-Kompositionen als Farben. Der Song „Autowave“ ist pink, „Water music“ ist gelb mit blauer Unter-strömung. Die Platte entstand als sie im Ozean schwimmen ging und sich fragte: „Wie mache ich Musik, die sich auch so anfühlt – fliessend, leicht und mit allem verbunden?“ Zurück zuhause, spielte sie stundenlang Klavier – wie in Trance im Meer: „ungezügelt und freudig, nicht mehr akribisch und melancholisch.“ Kelly Moran - herrlich anders. Neo-Klassik am Korallenriff für unentdeckte Tiere der Tiefe. (8 von 10 Punkten)

Kittin - Cosmos

Wir kennen sie als Miss Kittin und für ihre 90er Electro-Pop-Hits „1982“ und „Frank Sinatra“. Die Schweizerin nennt sich nun wieder Kittin und veröffentlicht auf ihrem eigenen Label „Nobody´s Bizness“ ihr neues Album „Cosmos“. Eine Platte, die sich weit entfernt vom Techno-Club-Sound – eher ein experimentelles Werk für Zuhause mit Blick nach oben: ins Weltall. Kittin sagt, „mit ´Cosmos wird alles zu Energie. Wir kehren zum Kern zurück – mit Neugier und Freiheit“. Die Titel heißen „Deep Space Station“, „Last Day On Earth“ oder „Multiverse“. Und kühl kreisen die Tracks weiter bis zum Ende, zu „Utopia“. Wir erkennen zwar Kittin sofort an ihrer Stimme – aber merken: da wollte jemand raus aus dem engen Electro-Pop-Kontext, raus aus dem ewigen Strophe & Refrain-Schema. Kittin lässt vieles hinter sich auf diesem künstlerischen Befreiungs-Schlag – aber ihr Hauptwerk dürfte die Platte auch nicht werden. Trotzdem bereichernd, diese Künstlerin bei ihrem sich-frei-Machen-und-neue-Räume-entdecken begleiten zu dürfen. (7,5 von 10 Punkten)

Rosalia - El Mal Querer

Klassik arbeitet mit Beats, Jazz gibt's längst tanzbar – und nun auch das noch: Flamenco in neu. Rosalía heisst die Spanierin, die ihr Lieblings-Genre so zum Klingen bringt, dass man merkt, dass wir 2018 haben. Rosalía kommt aus der Nähe von Barcelona und bereits ihre erste Platte schlug im spanisch-sprachigen Raum ein. Nun erfahren auch wir Nicht-Hispanics von ihrem Zweitling - „El Mal Querer“ wird die neue Platte heißen, „Der böse Wille“. Rosalía wird zuhause „Flamenca“ genannt, ist aber offen für neue Einflüsse durch Beats und Raps und Sounds. Die 25jährige tanzt und singt – sieht sich aber eher als Cantaora, als Sängerin am Mikrofon. Und hat schon das Interesse von Musikern wie Diplo, Gorillaz oder Charlie XCX auf sich gezogen. Und dass der Spagat zwischen klassischem Flamenco-Folk und Latino-Pop von heute klappt, liegt auch an ihrem Produzenten: Pablo Diaz-Reixa – im Zündfunk vor ein paar Jahren mit seinem Projekt „El Guincho“ gefeiert. Hier war er also in den letzten Jahren – im Studio mit Rosalía. (6,5 von 10 Punkten)

Sepalot Quartet - A New Cycle

Fast 25 Jahre gab es Blumentopf, 15 Jahre macht ihr Beat-Bastler nun auch schon solo Musik. Aber nun schließt sich der Kreis. Sepalot hat wieder eine Band. Keine Rap-Truppe, sondern eine Jazz-Soul-Pop-Formation – „A New Cycle“ heisst das erste Album vom Sepalot Quartet. Die vier Münchner legen denn auch wie ein Band los – mit einem Live-Album. Wir hören die Songs von Sepalots beiden letzten Studio-Alben "Hide & Seek" in veränderter Instrumentierung, mehr Trompete, mehr Schlagzeug, mehr Session-Charakter. Und neuer fester Stimme: Angela Aux ist am Mikro. Am Freitag präsentieren sie die Platte in München in der Milla, im November folgt noch ein Jazz Festival in London. Die richtige A New Cycle-Tour passiert dann 2019. Auf die nächsten 25 Jahre, Sepalot! (7,5 von 10 Punkten)

The Prodigy - No Tourists

Was soll man sagen? Sie gehen unbeirrbaren ihren Weg, ihren lauten, ungestümen Weg der Boller-Beats. The Prodigy melden sich zurück mit Album Nummer 7. Es trägt den Titel „No Tourists“ - und das Londoner Trio nennt seinen Sound nun „Evil Rave“. Passt. So klingt immer noch die Musik von – wie nennt man sie – Adrenalinjunkies. (6,5 von 10 Punkten)

Paint - Paint

Herrlich windschiefer Indie-Pop – Paint ist das Projekt von einem Musiker der Band Allah-Las. Und zwar von Allah-Las-Gitarrist Pedrum Siadatian. Sein Solo-Debüt nennt sich auch „Paint“. Wenn jemand malt, hinterlässt er  Spuren. Egal ob durch 40.000 Jahre alte Höhlenmalereien – oder durch Musik. Daher der Name „Paint“. Die Vorbilder der Platte des Kaliforniers sind alte Helden: Syd Barrett, Kevin Ayers, John Lennon. Geholfen hat der Drummer der Allah-Las und ein Musiker der Oh Sees, die auch aus L.A. stammen. (7,5 von 10 Punkten)

Two Medicine - Astropsychosis

Diesmal ist es der Bassist, der sich selbständig macht: Paul Alexander spielte bei Midlake, sein neues Solo-Ding heißt „Two Medicine“. Damit kann er endlich mehr experimentieren als bei der Indie-Folk-Band. Two Medicine will auch eher Richtung Prog-Rock, wie Alexander betont. D. h. die Songs werden länger, die Strukturen psychedelischer. Aufgenommen wurde zuhause in Texas. Beteiligt war auch John Grant, mit dem Two Medicine gerade tourt – Mitte November auch dreimal in Deutschland spielen: in Köln, Hamburg und Berlin. (7,5 von 10 Punkten)

Bob Dylan - The Bootleg Series Vol. 14: More Blood, More Tracks

1974/75 hat Bob Dylan sein Album „Blood On The Tracks“ aufgenommen. Es zählt zu den herausragenden Werken der 70er Jahre und eine seiner bestverkauften Platten. Nun öffnet Mr Zimmermann wieder mal seine Archive: die „Bootleg Series“ kommt bei Nummer 14 an – passender Untertitel „More Blood, More Tracks“. So wird aus der 10-Track-LP von damals eine fette Box aus bis zu sechs CDs in der Deluxe Edition. Sein Sohn Jakob Dylan beschreibt die Stücke „als ob meine Eltern sprechen würden“, es geht um die Entfremdung in einer Ehe. Vater Bob spricht den Liedern aber autobiographische Züge ab. In seinen Memoiren "Chronicles Volume 1" räumt Dylan vielmehr ein, dass sie von den Kurzgeschichten Anton Tschechovs beeinflusst wären. „Ich schreibe keine Bekenntnislieder.“ Heute ist „Blood On The Tracks“ die Dylan-Platte, die gern für Vergleiche herangezogen wird: „die neue ist die beste seit ´Blood On The Tracks´.“ (Keine Wertung möglich, da nicht vorhörbar)

Mick Jenkins - Pieces Of Man

Kurz vor Schluss noch eine Platte, die wir von letzter Woche nachholen müssen. Es kommt ja zur Zeit so viel raus, dass man manches übersieht. Wie die neue von Mick Jenkins. Jenkins zählt zu den Conscious Rappern der USA, er ist eine der vielen guten HipHop-Stimmen aus Chicago, die man hier noch nicht so gut kennt – neben unter anderem Noname und Saba. Seine neue Platte „Pieces Of Man“ zeigt auf dem Cover einen Afro-Amerikaner, der in die Stücke eines zerbrochenen Spiegels am Boden kuckt. Textlich geht's um ihn, um einvernehmlichen Sex und um Religion. Mit dabei Ghostface Killah, Corinne Bailey Rae oder die kanadischen Jazzer von BadBadNotGood – wie beim Schlussstück, dem „Smoking song“. Mick Jenkins ist ein Talent des vorsichtigen Flows und der zurückhaltenden Rhymes. (8,5 von 10 Punkten)

Dead Can Dance - Dionysus

Seit 1981 gibt es das Duo um Oscar-Soundtrack-Komponistin Lisa Gerrard und Brendan Perry. „Dionysus“ heißt das zehnte Studiowerk der beiden Pioniere aus Melbourne. Niemand sonst hat diesen Soundmix aus Neo-Klassik und europäischer Folklore so vorangetrieben bzw. so weit rausgetrieben wie Dead Can Dance. Denn ihr Klangkosmos ist einzigartig. Die neue Platte ist ein Zwei-Akter in sieben Elementen, getragen von Folk-Instrumentierung und dem Dionysus-Mythos: dem griechischen Gott des Weines, der Freude, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. DCD wollen die Platte als Respekt vor der Zusammenarbeit von Mensch und Natur verstanden wissen – in verschiedenen Völkern. (7,5 von 10 Punkten)


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