Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche David Byrne | Coconami | Art Brut

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von My Brightest Diamond, J.I.D., Oneohtrix Point Never, Laibach, David Byrne, Pranke, La Stampa, Art Brut, Eiko Ishibashi, Jacco Gardner und Coconami.

Von: Matthias Hacker

Stand: 22.11.2018

Cover: Coconami - Sakai  | Bild: Trikont

Coconami – Saika

Die beiden Exil-Japaner Nami und Miyaji aus München. Ihr viertes gemeinsames Album haben sie Saikai genannt, was so viel wie Neu- oder Wiederbeginn bedeutet. Sie bleiben ihrem Konzept treu und covern eigenwillig und liebevoll ihre Lieblingskünstler: Hank Williams, Funny Van Dannen, die Ramones und Johnny Cash. Sie singen deutsch, englisch und auf einem Adriano-Celentano-Klassiker auch mal italienisch. Dabei entzücken sie mit ihren Miniinstrumenten. Neben Ukulele und Melodica kommt jetzt auch noch eine viersaitige Zigarrenkiste zum Einsatz. Diese Mischung aus Liebhaberei, Selbstironie, Dilettantentum und Verspieltheit, aber vor allem Neugier auf musikalische Neuinterpretation lassen einem das Herz aufgehen. (6 von 10 Punkten)

Jacco Gardner – Somnium (8)

Bei Jacco Gardner möchte man meinen, dass er mit Ennio Morricone verwandt ist, so psychedelisch und cineastisch komponiert er seine Stücke mittlerweile. Sein Mix aus Italo-Instrumentals, Twang und Psychedelic ist gleichzeitig stilsicher im Retrosinne und ambitioniert progressiv. Mal poppiger, mal cineastischer zaubert er mit seinem krautigen Synthesizer einen SciFi-Western auf unsere innere Leinwand. Auf dem Vorgänger war Jacco Gardner noch barock-poppiger und sang auch noch. Der Niederländer setzt auf Somnium mehr auf die Kraft seiner Kompositionen. Kann er auch und entwickelt sich weiter weg vom klassischen Songwriter hin zum atmosphärischen arbeitenden Komponisten wie auch es schon John Maus vorgemacht hat. (8 von 10 Punkten)       

Eiko Ishibashi – The Dream My Bones Dream

Die Japanerin Eiko Ishibashi betreibt auf ihrem sechsten Album Ahnenforschung und erkundet die Geschichte ihrer Familie, die sie selber nicht erleben konnte. Iron Veil ist für mich das herausragende, avantgardistische Stück dieses eklektischen Albums. Hier vertont sie die Geschichte ihres Großvaters auch jenseits des Textes, wenn sie Lokomotivgeräusche. Ihr Großvater war in der Zeit der chinesischen Besatzung Arbeiter bei der japanischen Eisenbahn. Sie unterstreicht das, indem sie in der kantonesischen Sprache ihrer Vorfahren singt. Die Kombination aus schrägen jazzy Tönen mit Songwriterparts funktioniert. (8 von 10 Punkten)

Art Brut - Wham! Boom! Pow! Let´s Rock out!

Nach sieben Jahren ein neues Album der Band um Sänger Eddie Argos. Der Titel versprüht Energie, Spontaneität und Ungestüm. Die Platte kann das Versprechen nur bedingt halten. Musikalisch ist es besonders zu Beginn zu ordentlich und streberhaft. Bläsercombos werten die Songs noch dazu oft zu eingängigem Partyrock ab. Erst ab der Hälfte der Platte kommen auch die Post-Punk-Fans von Art Brut wieder auf ihre Kosten.  Aber! Eddie Argos überzeugt durchgehend als Ich-Erzähler in seinem Stream Of Consciousness. Er hat viel zu berichten aus seiner Autobiografie der letzten sieben Jahre. Er hat eine schwere Krankheit überstanden, einen Neustart in Berlin gewagt, ist Vater geworden und hat eine Trennung hinter sich. All das freestylt er mit Selbstironie und in seinem markanten südenglischen Dialekt. Hin und wieder packt er auch sein sporadisches Deutsch aus, dass er in seiner Wahlheimat Berlin gelernt hat. In Songs wie „Schwarzfahren“ oder „Good Morning Berlin“ trifft Argos den tristen und wilden Ton Berlins ganz gut – dazu braucht es keine Berliner Schnauze, sondern nur eine gute Beobachtungsgabe. Dieser alltägliche Blick und seine lakonischen Erzählungen haben mich sehr amüsiert. In Good Morning Berlin singt er beispielsweise davon, wie frühmorgens in Berlin die durchgerockten Hipster aus den Klubs in einen Falafel-Laden taumeln. (6,5 von 10 Punkten)

Pranke - Monkey Business

In Berlin, wo Art Brut etwas Energie eingebüßt haben, zählt aber nach wie vor der Berlinerische Energie-Erhaltungssatz....so viele Menschen diese Stadt aussaugt und enttäuscht, so viele fantastische Projekte und Erfolgsgeschichten bringt sie auch hervor. Beispiel: Das Duo Pranke. Daniel Bödvarsson an Gitarre und Gesang und Max Andrzejewski am Schlagzeug, Synthesizern und ebenfalls Gesang. Monkey Buisness ist ein Mix aus Post- und Mathrock mit Elementen aus Fusion, Blues und Folk. Die Melodien strahlen manchmal eine skandinavische Kühle aus, wie bei isländischen Vorbildern a la múm oder Jonsi. Aber sobald die beiden beginnen, mehrstimmig zu singen, kriegen die Songs eine melancholische Wärme, wie man sie aus Kalifornien kennt - wie bei den Beach Boys oder den Local Natives. Ein tolles Wechselbad, ein Auf- und Ab – voller Ideenreichtum, Experimentier- und Spielfreude. Durchaus fordernd – aber nicht überfordernd. Denn auch für Atempausen ist gesorgt. (7 von 10 Punkten)

La Stampa – Bonjour Trieste

La Stampa ist eine sechsköpfige Band unterschiedlichster Herkunft und Sprachen. Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch, Bosnisch. Und das zweite Album der Band bezieht sich dann auch noch auf eine italienische Hafenstadt und heißt „Bonjour Trieste“. Nicht zu verwechseln mit dem Buch oder Film „Bon jour Tristesse“, aber mit der Ähnlichkeit spielen sie natürlich absichtlich. In Zeiten, in denen Europa immer weiter auseinanderdriftet und sich Staaten immer weiter gegen die wunderbare Idee Europa verbarrikadieren – da liefern La Stampa den paneuropäischen Beweis, wie toll es sein und klingen kann. Musikalisch würde ich „Bonjour Trieste“ im angenehm groovy und arty Elektro-Pop verorten. Hier harmoniert Chopin mit Elektroclash, Poptheorie mit dystopischen Soundtracks. Die Songs sind mal absurd und komisch, wenn sie über den Sonnenschutzfaktor 20 sinnieren. Mal sind sie ernst und autobiografisch, wenn der bosnische Schlagzeuger über seine Heimat singt und sich dafür entschuldigt. Wer das Tempo, den Beat und die Melodien der belgischen Band dEUS gerne mochte und mittlerweile vermisst, der findet in diesem Album eine sehr gute Ersatzdroge. (6,5 von 10 Punkten)

My Brightest Diamond – A Million And One

Die New Yorkerin My Brightest Diamond hat ein wunderbares Album gemacht: A Million And One. It´s me on the dancefloor heißt das Eröffnungsstück und ist gleichzeitig eine Ansage, denn Multiinstrumentalistin Shara Nova geht raus aus ihrem Kammerpop-Refugium und rein ins pulsierende Nachtleben und auf die Tanzfläche. Sie singt zwar, dass sie sich dort nicht wohl fühle, trotzdem spürt man dieser Platte einen Hauch von Hedonismus. Shara Nova ist bei weitem nicht ein Pop-Star wie St. Vincent, aber sie teilt sich mit ihr die Eleganz und Extravaganz und besitzt an anderer Stelle die Widerborstigkeit einer Planningtorock. (8 von 10 Punkten)

David Byrne - True Stories, A Film by David Byrne: The Complete Soundtrack

David Byrne ist nicht nur Ausnahme-Musiker, sondern auch talentierter Regisseur. Sein erster Spielfilm "True Stories" von 1986 beweist das. Den Film kennen leider zu wenige, obwohl er so großartig und eigen ist. Untertitle: A Film About A Bunch Of People in Virgil Texas. Es geht um eine skurrile Talentshow. David Byrne spielt den Reiseführer und Gastgeber - samt riesigem Cowboyhut. Der junge John Goodman spielt mit und singt ebenfalls einen Song. Nun, über 30 Jahre später, erscheinen alle Songs des Films erstmals in einer zusammenhängenden Sammlung. 23 Songs, von denen viele zum ersten Mal auf CD erhältlich sind: Es ist ein Mix aus unveröffentlichten Stücken, Bonusmaterial und Tracks aus dem begleitenden Talking-Heads-Album „True Stories“, das damals schon erschienen ist. Jetzt alles in einer Ausgabe. Tolle Musik, oft auch so skurril wie der Film selbst. (7 von 10 Punkten)

Laibach – The Sound Of Music

Die Band Laibach wurde 2015 zu einem Konzert nach Pjöngjang in Nordkorea eingeladen. Der Auftritt sorgte für Furore: Anbiedern ans Unterdrückerregime sagten einige, ein subversiver Coup sagten die Anderen. Man mag dazu denken wie man will, der Besuch der slowenischen Gruppe inspirierte sie zur jetzt erscheinenden Platte "The Sound Of Music". Es ist ein altes Musical, woraus auch ein Hollywood-Kitschfilm enstanden ist. Der dazugehörige Soundtrack ist in Nordkorea äußerst beliebt. Schon beim Konzert in Pjöngjang spielten die Musik-Provokateure mehrere Songs aus dem Soundtrack von 1965. Zu hören sind Covers wie „Edelweiss“, „Do-Re-Mi“ oder „Maria“. Natürlich haben sich die Slowenen die Songs „einverlaibacht“. Mit einem Mix aus Orchestern und Goth. Ein Jahr nachdem die Laibach Doku zu ihrem Auftritt in Nordkorea im Kino gelaufen ist, liefern sie nun das Album dazu. Sie zeigen Parallelen zwischen dem ideologischen Kitsch von Hollywood und dem Propaganda-Wahnsinn in Nordkorea auf. Die Message könnte sein: Geriert euch nicht über einen Auftritt in Nordkorea, wenn ihr selber Unterdrücker und Unterdrückte seid – unterdrückt zum Beispiel durch die Bilder und Erzählungen aus Hollywood. (5 von 10 Punkten)

Oneohthrix Point Never - Love In The Time Of Lexapro EP

Der Frickler Oneothrix Point Never veröffentlicht eine EP. Darauf sind neue Versionen von Songs der aktuellen Platte Age Of, der titelgebende bisher unveröffentlichte Track und Rework des Songs „Last Known Image Of A Song“. Das stammt aus der Feder des japanischen Avantgarde Komponisten Ryuichi Sakamoto. (6,5 von 10 Punkten)

J.I.D. – DiCaprio 2

DiCaprio2 heißt das neue Album von J.I.D. Einem jungen US-Rapper aus Atlanta – woher sonst? Atlanta ist ja derzeit Epizentrum erfolgreicher Rapmusik. Und dementsprechend findet sich in der Gästeliste auch das Who-Is-Who: J.Cole, Method Man,Asap Ferg und Joey Badass. Auf dem Cover prangt ein schmachtendes Foto vom jungen Leonardo DiCaprio. Wieso ein junger Rapper aus Atlanta, ein Pin-Up Foto von Leonardo DiCaprio aufs Cover nimmt? Die Antwort aus Atlanta: „Dieses Album ist eine Hommage an diesen fantastischen Schauspieler. Egal in welchem Film, er liefert immer ab. So wollen wir auch arbeiten“. Das Album erhält keine Wertung, da es bei Redaktionsschluss noch nicht vorlag. (ohne Wertung)


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