Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Weyes Blood, Smashing Pumpkins und Malva

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei u. a. Weyes Blood, Felix Laband, Brockhampton, Richard Dawson, Wild Billy Childish, Malva und Pole.

Von: Matthias Hacker

Stand: 17.11.2022

Natalie Mering nennt sich Weyes Blood und sieht man hier mit einem roten Herzen in der Brust in die Kamera blicken | Bild: Neil Krug

Felix Laband – The Soft White Hand

Der Südafrikaner Felix Laband hat wieder viele Text-Snippets eingebaut. Sie stammen aus alten 80er Jahre Dokumentationen über die Opfer der Crack-Epidemie. Laband, der selbst eine harte Drogenvergangenheit hat, will diesen Alptraum zeigen und gleichzeitig auf die Opfer des sogenannten „War On Drugs“ aufmerksam machen. „The Soft White Hand“ ist wieder mal sehr gelungen. Er setzt auf seine bewährte Cut-Up- und Collagentechnik. Das zeigt sich auf dem Albumcover, das er wieder selbst gestaltet hat. Und eben auch in der Musik. Wortschnipsel, Fieldrecordings, klassisches Klavier-Geklimper, Amapiano Beats Techno´, Jazz Bassläufe, ja sogar Indierock-Momente. Er collagiert diese Elemente klug. Mir fällt dabei immer dieser unterkühlte trockene Felix Laband-Sound auf, der etwas Verstörendes mit sich bringt. Im positiven Sinne. (8,5 von 10 Punkten)

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Felix Laband - 7 Rise 7 House | Bild: Compost Records (via YouTube)

Felix Laband - 7 Rise 7 House

Weyes Blood – And In The Darkness, Hearts Aglow

Die Sängerin Weyes Blood wird auf ihrem neuen Album von Zukunftsängsten geplagt. Es ist das zweite Album einer Trilogie. Wir rasen hier unentwegt auf den Untergang zu. Die Songs sind Warnungen, Klagelieder und dunkle Prophezeiungen. Desillusioniert meint Weyes Blood dazu:

"Wir befinden uns in einer voll funktionsfähigen Shitshow"

Weyes Blood

Die Menschheit entfremde sich immer mehr voneinander. Ob durch Isolation, neue Technologien oder den eigenen Narzissmus. Uns allen droht dann noch der Klimakollaps. Bei aller Untergangs-Rhetorik, Schwarzmalerei und dem unheilvollen Schleier über ihrem Bombastfolk - Der Funke Hoffnung ist noch nicht ganz erloschen: „Und in der Dunkelheit leuchten die Herzen“.

Weyes Blood vertont dieses apokalyptische Endzeit-Szenario monumental. An den Streichern, Harfen, dem Klavier hören wir, dass sie ursprünglich aus der Kirchenmusik und dem sogenannten Barock-Pop kommt. Aber sie war früher eben auch im Underground unterwegs, vor allem bei Jackie-O-Motherfucker. Ein Spannungsfeld, das meist gute Musik hervorbringt. (8 von 10 Punkten)

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Weyes Blood -  God Turn Me Into a Flower (Official Audio) | Bild: Weyes Blood (via YouTube)

Weyes Blood - God Turn Me Into a Flower (Official Audio)

Richard Dawson – The Ruby Cord

CDs und Alben haben ja gerne mal eine Spiellänge von 30 bis 40 Minuten. Bei Richard Dawsons neuem Album „The Ruby Chord“ dauert allein der erste Track 41 Minuten. Dann kommen noch sechs zusätzliche Lieder, die uns immer weiter in den verspulten Kopf des Briten hineinziehen. The Ruby Chord ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie. Auf der ersten Platte waren wir in einem vormittelalterlichen Königreich, dann kam die Gegenwart und nun erwartet uns die Zukunft. Ob in Computerwelten, der virtuellen Realität oder in Filterblasen, in die sich Verschwörungsanhänger zurückziehen. Das Fazit von Richard Dawson: Menschen werden sich immer häufiger ihre eigenen Welten zusammenbasteln. Abgekoppelt von der echten Realität. Der Folk-Sonderling zeigt auf „The Ruby Chord“ wieder seine große Musikalität. (7,8 von 10 Punkten)

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Richard Dawson - The Hermit (Film Trailer) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Richard Dawson - The Hermit (Film Trailer)

Helen Ganya – Polih The Machine

Helen Ganya war früher schon unter dem Namen „Dog In The Snow“ aktiv. Aber auch unter ihrem bürgerlichen Namen schreibt sie düstere, orchestrale Elektropop-Songs. Polish the Machine funktioniert wie eine reinigende Katharsis. Die Songs laden sich immer weiter mit Beats und neuen Schichten auf, gleichzeitig entladen sich in den Texten ihre Emotionen und Dämonen. Mächtige Synthesizer treffen auf markige Slogans wie: „Young girls never die, we just rot inside“. Übersetzt: Junge Frauen sterben nicht, sie verroten innerlich.” (6,5 von 10 Punkten)

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Helen Ganya - afterparty | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Helen Ganya - afterparty

Wild Billy Childish & The Singing Loins – The Fighting Temeraire

Wild Billy Childish – der Alt-Punker mit dem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Schnauzer. Er übernimmt hier am Mikrofon seiner Freunde “The Singing Loins”. Deren Sänger ist Anfang des Jahres gestorben. Ihm widmen sie „The Fighting Temeraire“. Das Album wirkt mit Akkordeon, Geige und dem hemdsärmeligen Gesang wie zünftiger Folk. Es sind gesellige Schmähsongs fürs Pub und ein paar Seemanns-Shanties für den Zeitvertreib der Schiffsbesatzung. Letzteres passt auch zum Titel und Look: Die HMS Temeraire war ein Kriegsschiff, das in Childishs Heimat – der Hafenstadt Chatham - einst vom Stapel gelaufen ist. Auf dem Cover zeigen sich die drei Musiker auch in alter Kluft, mit Pistolen und Gewehren und mit dem Schiffsanker auf ihren Hüten. Ahoi. (7 von 10 Punkten)

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The new Billy Childish & The Singing Loins single - Preview video | Bild: Damgoodrecords (via YouTube)

The new Billy Childish & The Singing Loins single - Preview video

Malva – Das Grell in meinem Kopf

Von alten Haudegen zu einer 20-jährigen Newcomerin. Malva aus München. Ihre Musik ist eine Mischung aus Chanson und Indiepop. Malva schreibt ihre Lieder und Gedichte immer handschriftlich in ihr Notizbuch, das sie stets bei sich trägt. Auch auf dem Albumcover hält sie es in der Hand und zeigt sich dazu sehr nachdenklich. Malva knipst auch gerne Fotos mit ihrer analogen Kamera. Ob Foto, Gedicht oder Lied. Es entstehen gedankenverlorene Momentaufnahmen ihres Lebens – sie fotografiert mit ihren jungen Augen und hat einen feinen Blick für die Dinge. Auf ihrem Debüt sammelt sie selbstaufgenommene Stücke wie das Eröffnungsstück „Pieces & Shards“, ein Lied über toxische Beziehungen, einsame Gedanken aus den Lockdowns und mit “Polly” ein Tribute für Kurt Cobain. Zu den den Songs gesellen sich auch zwei von ihr geschriebene und gelesene Gedichte. In der Summe ist das Album zu lieblich, doch gegen schöne Poesie ist wenig einzuwenden. (7 von 10 Punkten)

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MALVA "Kandierter Kummer" (Official Video) | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

MALVA "Kandierter Kummer" (Official Video)

Brockhampton – The Family

Brockhampton sind bzw. waren ein Musikerkollektiv aus L.A.. Zusammengestellt von Bandchef Kevin Abstract. Anfang dieses Jahres kam die Nachricht, dass die Band sich auflöst. Im gleichen Atemzug hat Kevin Abstract aber noch verraten: „Band is over. We broke up. Final album before the year is over“. Zum Abschied gibt es also noch ein Brockhampton Album. Das ist jetzt da, heißt „The Family“ und zeichnet die Geschichte der Band nach. Sie waren eins der spannendsten Kollektive aus Los Angeles und wurden zurecht mit anderen großen Kollektiven wie Odd Future oder der A$AP Crew verglichen. Es ist schade, dass sie sich mit diesem Album verabschieden. Bandleader Kevin Abstract wird sich wohl mehr auf seine Solokarriere konzentrieren. Mit „The Family“ und vielen souligen und sonnenschein-getränkten Samples abzutreten, ist auf jeden Fall keine Schande. EIn harmonisches Ende. (7,5 von 10 Punkten)

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The Ending - BROCKHAMPTON | Bild: BROCKHAMPTON (via YouTube)

The Ending - BROCKHAMPTON

Pearls Before Swine – The Wizard Of Is

Es erscheinen gerade etliche Jubiläumsausgaben: Neil Youngs „Harvest“ zum 50. Geburtstag des Albums. Michael Jacksons „Thriller“ zum 40. Hier soll eine andere Perle aus der Popgeschichte emporgetaucht werden. „Pearls Before Swine“ – Perlen vor die Säue. Die Psychfolk Band von Tom Rapp, die Ende der 60er und Anfang der 70er bekannt war. Vier Jahre nach seinem Tod erscheint jetzt die Tapesammlung „The Wizard Of Is“ auf Doppel-LP. Darauf sind neue Versionen alter Songs und Coverversionen von Leonard Cohen, Bob Dylan und Joni Mitchell. (7 von 10 Punkten)

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The Wizard of Is | Bild: Pearls Before Swine - Topic (via YouTube)

The Wizard of Is

Smashing Pumpkins – Atum: Act 1

Der erste Teil von "ATUM" - einer Poprockoper in drei Akten. Jede der drei Platten wird elf Songs haben und parallel erscheint ein Podcast von Billy Corgan mit dem Titel „Thirty-Three with William Patrick Corgan“. Darin wird der Smashing Pumpkins Frontmann jeden der 33 Songs einzeln vorstellen. Das macht die Musik aber auch nicht besser. Es ist das schlechteste Smashing-Pumpkins-Album. Und der Vorgänger war schon nicht gut. Der digitale Gitarren- und Schlagzeugsound ist grauenvoll, die Stimme von Billy Corgan wird immer nöhliger, und das Synthie-Progrock-Gedudel - not my cup of tea. Sogar die Fans zerreißen diese Platte. (2 von 10 Punkten)

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The Smashing Pumpkins - Beguiled (Official Music Video) | Bild: Smashing Pumpkins (via YouTube)

The Smashing Pumpkins - Beguiled (Official Music Video)

Pole – Tempus

Im Hauptberuf mastert Stefan Betke Musik für andere Künstlerinnen und Künstler. Parallel macht er aber auch selbst Musik als Pole. Auf dem renommierten Mute Label erscheint sein neues Album "Tempus". Der Titel deutet es an. Es geht um die Zeit und unsere Wahrnehmung davon. Schon auf dem Vorgänger hat er sich mit Themen wie Demenz und Vergänglichkeit beschäftigt. Tempus macht da weiter. Eine sehr kluge und feinfühlige Mischung aus Ambient, Dub, Jazz und Electronica. Soundtechnisch mit das Beste, was ich seit langem gehört habe. Das ist Musik für die Hi-Fi-Abteilung. (7,8 von 10 Punkten)

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Pole - Tempus (Official Audio) | Bild: Mute (via YouTube)

Pole - Tempus (Official Audio)