Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Valerie June, DJ Muggs und Nubiyan Twist

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind Nubiyan Twist, Myles Sanko, June Cocó, Whitey, Perfume Genius, HVOB, Caribou, Repair, Driftmachine, DJ Muggs the Black Goat und Valerie June.

Von: Ralf Summer

Stand: 11.03.2021 17:20 Uhr

 Valerie June - The Moon and Stars | Bild: Fantasy Records

Valerie June - The Moon and Stars: Prescriptions For Dreamers

Valerie June ist eine US-amerikanische Sängerin und Musikerin, die zwischen Folk, Blues und Soul pendelt und ihren Sound als „organic moonshine roots music“ bezeichnet. Im 15. Jahr ihrer Plattenkarriere erscheint nun ihr sechstes Album „The Moon and Stars: Prescriptions For Dreamers“. Valerie June ist Sonderbotschafterin der Musik aus Memphis. Und die ist im Bible Belt traditionell an Gottesdienst und Gospel geschult. Die Banjo-, Gitarren- und Ukulelen-Spielerin konnte für ihr Debüt Dan Auerbach von den Black Keys als Produzenten gewinnen. Diesmal war es Alicia Keys-/John Legend-Producer Jack Splash. Der Sound ist nicht mehr so retro, moderner und auch experimenteller. Musikmachen hält sie neugierig, sagt June über die neue Platte – „Musikmachen ist eine Art Magie, wie die Träume von Kindern“. Daher auch der Untertitel der Platte. Einen Traum erfüllte sie sich auch: bei der Memphis-Soul-mäßigen Single „Call Me A Fool“ singt Stax-Records-Legende Carla Thomas mit. Und das „African Proverb“ spricht Thomas auch. Valerie June ist hier sowohl astral-folky („Stardust Scattering“, „Why the bright Stars glow“) als auch in Gedanken reisend unterwegs („Two Roads“, „Home Inside“). Das ist die Art von preisverdächtiger Musik, die am Ende des Jahres üppig dekoriert werden könnte. (7,8 von 10 Punkten)

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Valerie June - The Moon And Stars: Prescriptions For Dreamers (Full Album Visualizer) | Bild: Valerie June (via YouTube)

Valerie June - The Moon And Stars: Prescriptions For Dreamers (Full Album Visualizer)

DJ Muggs the Black Goat - Dies Occidendum

Er hat Musikgeschichte geschrieben: DJ Muggs – Kopf von Cypress Hill – und Produzent von Ice Cube, Chuck D, Freddie Gibbs u.v.m. - diesmal ohne Rapper im Studio. Und mit ganz anderem Plan: psychedelisch-instrumental, mit Einflüssen wie Gypsy Folk, Psychedelic und Progressive Rock, viel Gitarren-Gegniedel und Sprach-Samples aus alten düsteren Filmen, wahrscheinlich B-Movies. Vielleicht ist es ja Progressive Rap? Oder Horror Hop? Jedenfalls kein Album, das sich sofort erschließt. „Dies Occidendum“ („Tag des Mordes“) braucht Zeit. Um sich zu entfalten: seinen Grusel. Eine Platte, angelegt als eine Art „illuminiertes Manuskript“, wie der New Yorker Künstler sagt, der seit den späten 80ern dabei ist. Wie es Lawrence Muggerud (so sein bürgerlicher Name) wohl wirklich geht? Bei all diesen „Hate-“, „Kill-“ und „Terror“-Samples. The Black Goat nannte er sich einmal bei einem Song, den er mit Die Antwoord aus Südafrika produzierte. Am Ende grillen die Zirpen und das Lagerfeuer knistert. Vielleicht findet die Schwarze Ziege (Sinnbild für den Leibhaftigen) doch ihren Frieden. (7,4 von 10 Punkten)

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DJ Muggs the Black Goat - Nigrum Mortem (Official Music Video) | Bild: Sacred Bones Records (via YouTube)

DJ Muggs the Black Goat - Nigrum Mortem (Official Music Video)

DRIFTMACHINE – Spume and recollection

„Gischt & Erinnerung“ heisst das neue Album von Driftmachine übersetzt. Das Berliner Duo hat die Ehre, mit ihrer neuen LP den 15. Geburtstag ihres Labels Umor Rex einzuläuten, das in Mexiko sitzt. Eine Platte, entstanden nach langen Unterhaltungen der beiden Ex-Münchner - über gemeinsame musikalische Entdeckungen. Wie „Memories of the Lakeside“, ein Track, der die beiden, Andreas Gerth und Flo Zimmer, an Rhythm & Sound ft. Tikiman erinnert. Und uns demonstriert, was Driftmachine 2021 aus den Kabeln kitzeln: Dub-Techno, Modular Melancholia und „Hypno-Musik, die Mensch und Maschine zum Tanzen und Träumen bringt“ - wie sie selbst, ähm: „bladerunnern“. Klasse Platte! (8,0 von 10 Punkten)

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Driftmachine — Memories of the lakeside | Bild: UmorRex (via YouTube)

Driftmachine — Memories of the lakeside

REPAIR – Ashes under the Bed

2005 erschien das erste Album des kanadischen Electro-Pop-Projekts Repair. Vielleicht mussten sie tatsächlich ihre Synthies reparieren. Nur schlappe 16 Jahre später nun der Zweitling der Brüder Mark und Matt Thibideau. „Ashes under the Bed“ entstand mit der Sängerin Dawn Lewis. Herauskommt eine Platte – so sagen sie es – für 1. Radio, 2. Gay After Hours und 3. Europäische Festivals. Der Sound: Syntie-Pop à la Yazoo oder Everything But The Girl, Electro und House à la Hercules & Love Affair und Kelly Lee Owens. Inhaltlich geht's ums Thema „Love and loss“ - Liebe und Verlust. Für Repair ist es eine Art „written techno“ - sprich „komponierter Techno“ - nicht einfach aus den Maschinen rausgeraved, sondern aufgebaut wie Pop. Top, top, Toronto! (7,6 von 10 Punkten)

CARIBOU – Suddenly Remixes

Ein Jahr nach dem Comeback Album „Suddenly“ nun die versammelten Remixes zur Platte des in London lebenden Kanadiers. „Der stille Superstar der elektronischen Musik“ wie ihn die KollegInnen von „Titel Thesen, Temperamente“ im Ersten nannten. Er schlüpft hier in seine Rolle als Fan und lud DJ-ProduzentInnen ein, die er selbst gern mag und hört. So kommen die „Suddenly Remixes“ von Four Tet, Floating Points, India Jordan, Shanti Celeste, Toro y Moi, Jessy Lanza, Logic1000, Morgan Geist, Kareem Ali, Koreless, Prince Nifty. Also etablierte KünstlerInnen neben Newcomer. Erscheint vorerst digital.

Eigentlich klar, dass nach dem eher ruhigeren „Suddenly“-Album noch Dance-Mixes nachgelegt würden. Aber ob nochmal so Remix-Klassiker wie „Your Love Will Set You Free (Carl Craigs Set U Free Mix)“, „Melody Day (Four Tet Remix)“ oder DJ Koze Mixes von „Odessa“ und „Jamelia“ dabei sein werden? Ich finde die zurückhaltenderen von Jessy Lanza, Toro Y Moi und Logic1000 in dem Fall die Interessanteren. (7,5 von 10 Punkten)

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CARIBOU - Never Come Back (Four Tet Remix) | Bild: CaribouVideos (via YouTube)

CARIBOU - Never Come Back (Four Tet Remix)

PERFUME GENIUS – Immediately Remixes

„Immediately“ wurde in der englisch-sprachigen Presse 2020 gefeiert. Nun bringt Mike Hadreas die Platte nochmal. Durch die Brille seiner Freunde und Freundinnen betrachtet. Die Neu-Interpretationen gefallen mir besser als das Original-Album. Was an der Auswahl seiner RemixerInnen liegt: Perfume Genius-Songs gibt's nun in Interpretationen von tollen KünstlerInnen wie Jaakko Eino Kalevi, A.G. Cook, Jim-E Stack, Jason Planningtorock, Jenny Hval, Boy Harsher, Westerman, Actress, Koreless, Danny L Harle, Initial Talk und Katie Dey. Die Vorlagen überleben hier in Form von Mikes Vokalspuren, hochemotional, herzerwärmend, atmosphärisch dicht. Die neuen Beats machen in den seltensten Fällen etwas kaputt, rauben nichts, fügen eher hinzu, denken das Lied weiter. Perfume Genius bleibt auch mit den Remixes ein Garant für Pop voller Leidenschaft, Tiefe und Schönheit. Diese Art von Transformation ist uns herzlich willkommen und passt zu Hadreas wie seine eigenen, persönlichen Wandlungen. Warum sollte sich nicht auch seine Musik so verändern wie er selbst? (7,9 von 10 Punkten)

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Perfume Genius - "Your Body Changes Everything" (Boy Harsher Remix) | Bild: Perfume Genius (via YouTube)

Perfume Genius - "Your Body Changes Everything" (Boy Harsher Remix)

HVOB - Live in London

Corona und die Pop-Folgen: eine Schwemme von Remix,- Akustik- und Live-Platten. Auch das österreichische Electronic-Projekt nutzt die Lockdown-Konzert-Pause für ein Mitschnittswerk. „Live In London“ ist das klingende Ergebnis ihrer letzten, 77-tägigen Welttour - von Buenos Aires über New York bis Berlin, 34 Länder auf vier Kontinenten wurden von HVOB bespielt. HVOB steht für Her Voice Over Boys, dem Duo aus Anna Müller und Paul Wallner. Die Beiden arbeiteten auch schon an Soundtracks und für die Londoner Tate Modern. Als sie für den Amadeus Austrian Music Award nominiert waren, lehnten sie dankend ab, da KroneHit als Sponsor mit im Boot war (Radio-Ableger der einflussreichen, konservativen und FPÖ-freundlichen österreichischen Kronen Zeitung). Respekt! Sowas kommt nicht häufig vor. Zum nun erscheinenden ersten Live-Werk gibt's auch eine Kurz-Doku zu sehen. Mit zwei ihrer vier Platten schafften sie es bereits in die deutschen Album-Charts. Sollte diesmal auch klappen mit ihrem Techno-/Electronica-Melancholia-Mix. Reicht von knackigem Stadion-Beats („Kante“) über ihren locker rollenden Streaming-Hit („Blame Game“) bis hin zu zerbrechlicher Ambientronica. HVOB: höre viele organische Beats! (7,7 von 10 Punkten)

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Hvob live London 2017 | Bild: Thilina TT (via YouTube)

Hvob live London 2017

V.A. ALTERNATIVE FAKTEN (München Bandcamp Tape Sampler)

„Wir schaffen es, München aus den Brezel-Handschellen“ zu befreien, heißt es kämpferisch auf dem Tape. „Alternative Fakten“ holt sich den Begriff von Corona-Leugnern, Trumpisten & Co zurück und belegt ihn lieber mit Namen der „alternativen“ Szene der bayerischen Landeshauptstadt – zwischen „Kunstakademie, Clubkultur und Demotrack“, wie Tom Zwotausend schreibt. Mit Bands aus dem Münchner Underground, die schon einen Namen haben (Paar, H, Polizei, Seb-I & Belp, Carl Gari) und Formationen, die wir noch kennenlernen wollen / sollen: Promo-DJ, Alle Panzen Togo, San Quentin, Die Spiiiders, Nieeen, Siamese Twin, Fuel Moon, Rolf Eiswürfel, Neue Deutsche Romantik, Frauenstrasse, Bartoszek, Wlan, Bnmn x Mrtkl, Thur Deephrey, Falleri Fallera – und natürlich Herausgeber Tom Zwotausend selbst (aka BR-Kollege Thomas Bauer). Der Sound reicht von Dreckno (dreckig-verzerrtem Techno) über Indietronica, Industrial, Kraut, Dub, Goth, Synthie-Pop bis Digi-Punk. Gesungen wird auf dem 21-Track Tape auf Deutsch und Englisch. Herauskommt ein gelungenes Abbild unserer Zeit, die drängende Gegenwart wird durch ein Brennglas namens Bandcamp betrachtet. Danke für den Fokus! Reclaim Alternative Facts! (7,3 von 10 Punkten)

WHITEY – Lost Songs Vol 2: Bohemia Road

13 Songs – aufgenommen in den letzten zehn Jahren, in verschiedenen Wohnungen, in unterschiedlichen Städten, in England. „Lost Songs 2: Bohemia Road“ ist Whiteys Wander-Platte. Seine Bohème-Album. Er schreibt auf Bandcamp, nur dort ist sie bisher aufgeploppt, dass manche Stücke roh oder gar unfertig erscheinen, aber er mag sie so, wie sie sind. Als Beschreibung fügt er hinzu: „Alternative“, „Cool“, „Electronic“, „Experimental“,  „Rock“, „Los Angeles“. Die Fans bezeichnen es als sein „funky piano  melody“-Album. Unvergessen sein Auftritt beim ersten und einzigen Zündfunk Open Air – dem „Bavarian Open 2005“ - am Murner See bei Wackersdorf: Whitey – als Headliner am Schluss – demoliert zu einem Halbplayback das geliehene Equipment unserer damaliger Kuratoren, der Ingolstädter Band Slut (oder war auch was von Madsen, Klez.e, Nova International oder Girls In Hawaii dabei?). Wie lautet doch seine Eigenbeschreibung auf Bandcamp: „professional outsider“. (7,1 von 10 Punkten)

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Whitey - LOST SONGS VOL​.​2: BOHEMIA ROAD (Full Album) | Bild: goatty_OG (via YouTube)

Whitey - LOST SONGS VOL​.​2: BOHEMIA ROAD (Full Album)

Nubiyan Twist - Freedom Fables

Nach dem Ausstieg der Gründerin und Sängerin Nubiya Brandon hat die neunköpfige, englische Truppe viele GastsängerInnen ans Mikro geladen – u. a. Ghanas Highlife-Pionier Pat Thomas. Saxophonist Nick Richards ist - wie schon beim tollen Vorgänger – z. T. auch am Mikro. Und auch inhaltlich beschäftigt sich „Freedom Fables“ mit Themen wie Aufsplitterung und Trennung innerhalb der Gesellschaft. Es ist die dritte Platte des Londoner Kollektivs, das schon mit Mulatu Astatke und Tony Allen arbeitete. Sie liegt zwischen Jazz, Afrobeat und Soul. Aber auch die britischen Broken Beats treibt den Sound aus der Retro-Ecke. „Wir lieben zwar traditionelle Musik, aber sie treibt uns auch vorwärts – nicht nur als Künstler, auch als Menschen“, so Nubiyan Twist. „Die neuen Songs sind unser Kommentar zu einer mehr und mehr gespaltenen Welt. Ob durch Religion, Politik oder Medien, wir sind so schnell und leicht gespalten“, klagen sie. Hoffentlich verlieren Nubiyan Twist nicht noch mehr GründerInnen. (7,5 von 10 Punkten)

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Nubiyan Twist feat. Cherise - Flow | Bild: Strut Records (via YouTube)

Nubiyan Twist feat. Cherise - Flow

Myles Sanko - Memories of Love (Deluxe Edition)

Man möchte fast rufen: das es sowas heute noch gibt!? Myles Sanko ist Alte Schule. Macht Soul/RnB/Gospel wie in den 70ern. Ohne Mätzchen, die auf Heute verweisen würden. Ich hätte meinen Plattenhändler geglaubt, hätte er gesagt, das sei eine Wiederveröffentlichung. Sanko kommt nicht aus der Vergangenheit. Sondern aus dem Großbritannien von Heute. Und auf einem deutschen Label raus: auf Légère Records, Hamburg.

Daher auch die vielen Auftritte in Norddeutschland. Myles Sanko ist Vater geworden, was ihm half, Selbstzweifel zu zerstreuen, wie er sagt. „Memories of Love“ ist eine Platte voller Liebesgeschichten, jedes Lied eine Erinnerung an die Liebe. Die KollegInnen vom WDR-RockPalast sind sich sicher: das ist das fehlende Bindeglied zwischen den beiden großen Polen Michael Kiwanuka und Gregory Porter. (7,2 von 10 Punkten)

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Myles Sanko - Streams Of Time (Official Music Video) | Bild: Myles Sanko (via YouTube)

Myles Sanko - Streams Of Time (Official Music Video)

June Cocó - Métamorphoses

Die Songwriterin und Pianistin aus Leipzig lässt sich spiegeln. Sprich lässt sich remixen und covert selbst andere, von ihnen geschätzte KünstlerInnen. Wie der Albumtitel „Métamorphoses“ schon verrät, machten die nun vorliegenden Songs Verwandlungen durch. Es begann damit, dass June Cocó den Titel spendenden Song des französischen Duos Ravage coverte. Aus Paris kam ein klingendes Merci in Form eines Remixes („Heavy Heart“). Dieser Song-Tausch führte zur Idee für diese Platte. Auch Remixer wie Phonique (Berlin) und Mikronaut lieferten neue Versionen von Cocós Songs. (7,0 von 10 Punkten)

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June Cocó - Métamorphoses (Produkton Studio Session #17) | Bild: Produkton Entertainment (via YouTube)

June Cocó - Métamorphoses (Produkton Studio Session #17)

                     


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