Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von The Streets, Soko und Rufus Wainwright

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von The Beths, NZCA Lines, The Streets, The Residents, Three Queens in Mourning & Bonnie Prince Billy , Jayhawks, Soko, Rufus Wainwright, Mr. Ben & The Bens, Otta und Julianna Barwick.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 10.07.2020

Rufus Wainwright: Unfollow The Rules | Bild: BMG Rights

The Beths - Jump Rope Gazers

The Beths aus Auckland, Neuseeland um Sängerin Elizabeth Stokes sind schwer angesagt in der Zündfunk Neigunxgruppe auf Facebook. Da wird von den Mitgliedern jede Single reingepostet und besprochen. Der Song “I’m not getting excited” ist auch bei Zündfunk und Nachtmix-DJs sehr beliebt, er ist in der Top10 der Redaktionshitparade auch schon aufgetaucht. Leider - und jetzt die schlechte Nachricht - ist er das Beste, was das neue Album “Jump Rope Gazers” zu bieten hat. Wir hören bittersüßen Gitarren-Indie-Rock, wie wir ihn in den 90er oder Nuller Jahren schon hundertfach gehört haben, wie er zweifelsohne auch funktioniert, aber von dieser Band habe ich mehr erwartet als eine Platte voller mediokrer Songs. Vielleicht verbuchen wir es auch nur unter “das schwierige zweite Album”. (6,5 von 10 Punkten)

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The Beths - "Dying To Believe" (official music video) | Bild: The Beths (via YouTube)

The Beths - "Dying To Believe" (official music video)

NZCA Lines - Pure Luxury

Der Brite Michael Lovett war Gitarrist bei Christine & The Queens, er war Tourmusiker bei Metronomy und er macht seit ein paar Jahren als NZCA Lines Soloalben. Sein neues Album heißt “Pure Luxury” und will funky Tunes wie die von Prince mit Indie-Pop verheiraten. Nicht, dass wir das schon aus den Nuller Jahren kennen würden. NZCA Lines scheitert nicht wirklich mit dem Vorhaben, seine Songs sind catchy und tanzbar, erinnern in den besten Momenten an Style Council und ABC, aber wie auch der Albumtitel “Pure Luxury” fällt die Platte gerade in die falsche Zeit. (6,5 von 10 Punkten)

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NZCA LINES - Pure Luxury (Official Video) | Bild: NZCALINESVEVO (via YouTube)

NZCA LINES - Pure Luxury (Official Video)

The Streets - None Of Us Getting Out Of This Life Alive

In den Zehner Jahren kann man festhalten, dass es für Mike Skinner nur läuft, wenn The Streets draufsteht. 2011 kam das letzte Streets-Album, dann der Versuch als Labelchef und DJ Fuß zu fassen, ein peinliches Projekt mit The D.O.T. und dann letztes Jahr die erfolgreiche Comeback-Tour als The Streets. Und jetzt ein Mixtape bzw. ein Rap-Duettalbum, wie Skinner es nennt. In den besten Momenten knüpft das an das großartige Album “Original Pirate Material” an, ist dann sowas wie “Original Pirate Material”-Lite. In den schlechtesten ist es einfach nur belanglos. Aber gut, offiziell ist das Comeback ein Mixtape, dem verzeiht man solche Tracks. Und tatsächlich kann das Tape mit Gästen wie den Idles, Ms Banks oder Tame Impala der Anfang eines glorreichen Comebacks werden - aber immer nur wenn fett The Streets draufsteht. (6 von 10 Punkten)

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The Streets, Donae'O - I Wish You Loved You As Much As You Love Him ft. Greentea Peng | Bild: TheStreetsVEVO (via YouTube)

The Streets, Donae'O - I Wish You Loved You As Much As You Love Him ft. Greentea Peng

The Residents - Metal, Meat & Bone: The Songs Of Dyin’ Dog

Jemand -  ich hab vergessen wer - hat vor ein paar Tagen getwittert: In den 90ern wäre das die Riesennachricht gewesen, dass Frank Black von den Pixies bei den Residents singt. Wir haben 2020 und es ist nun mehr eine kleine Randnotiz - die aber fantastisch klingt.

Das Avantgarde-Kollektiv aus San Francisco wollte sich dem Blues annehmen und ist auf einen Mann namens Alvin Snow gestoßen, er ist als Mensch mit Albinismus in einer multi-ethnischen Familie groß geworden und hat als Dyin’ Dog in den 70ern Demos veröffentlicht. Sein Vorbild: Howlin Wolf. The Residents spielen jetzt die Songs von Dyin’ Dog, unter anderem singt sie Frank Black. Und ich muss sagen: In den 90ern wäre “Metal, Meat & Bone” wirklich ein Referenz-Album gewesen. Auch bemerkenswert: The Residents legen in ihren Videos Trump und Coronavirus über den Blues. Die Residents bleiben stabil und relevant. (7,5 von 10 Punkten)

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The Residents' DIE! DIE! DIE! | Bild: theresidents (via YouTube)

The Residents' DIE! DIE! DIE!

Three Queens in Mourning & Bonnie Prince Billy - Hello Sorrow, Hello Joy

Es gibt wieder Bonnie Prince Billy-Songs in neuen Gewändern - diesmal nicht von ihm persönlich, sondern von Three Queens in Mourning. Dahinter steckt ein Trio: der schottische Songwriter Alasdair Roberts, der Brite Alex Neilson und Jill O’Sullivan, die mich hier immer wieder an Sandy Denny erinnert. Das Trio spielt Versionen von Bonnie Prince Billy-Klassikern wie “I See A Darkness” oder dem “Ohio Riverboat Song”. Der Prince revanchiert sich postwendend, denn auf der Platte gibt es noch vier Songs von den anderen Künstler*innen, die wiederum Will Oldham interpretiert. Und es ist wie ich immer bei Bonnie Prince Billy und seinen vielen Versionen sage: Ein sehr guter Song bleibt ein sehr guter Song bleibt ein sehr guter Song. (8 von 10 Punkten)

Jayhawks - XOXO

Wenn das elfte Studioalbum der Jayhawks aus Minnesota eine Schlagzeile wäre, dann: Jayhawks führen Demokratie ein. Seit 35 Jahren gibt es die Alternative-Country-Band schon, seither schreiben Gary Louris oder Mark Olson die Songs und singen sie. Olson ist gerade mal wieder raus aus der Band. Aber Louris dachte sich, warum nicht auch mal die anderen drei Bandmates schreiben und singen lassen. Das hat sich gelohnt: “XOXO” ist sogar am stärksten, wenn man Keyboarderin Karen Grotberg hört, finde ich. Ansonsten kriegen wir unverkennbar die Jayhawks mit ihrem Jingle-Jangle-Gitarren-Harmonie-Sound, der nie auf einer Party laufen wird, zu melancholisch machen einen die Lyrics. (8 von 10 Punkten)

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This Forgotten Town (official audio) | Bild: The Jayhawks (via YouTube)

This Forgotten Town (official audio)

Soko - Feel Feelings

Ein Großteil der Songs, die wir auf “Feel Feelings” hören, sind bereits aus dem Jahr 2016, als die Französin Soko den immer gleichen Schlag Männer gedatet hat, dann die Schnauze voll hatte und eine Weile nur mit sich verbracht hat. Mittlerweile ist Soko Mutter, preisgekrönte Schauspielerin und legt jetzt erst ihr drittes Album vor, inspiriert von Air und Serge Gainsbourg. So hören wir auch den ersten Song mit französischem Text auf “Feel Feelings”, er heißt “Blasphemie”. Es ist das bisher erwachsenste, vielleicht sogar beste Album von Soko. Es ist eines der wenigen Alben in dieser Zeit, die anhand ihrer Songabfolge auch eine Entwicklung einer Künstlerin zeigen, die nicht mehr so traurig ist wie früher, aber die immer noch das Recht einfordert, es auch mal zu sein - ohne gleich stigmatisiert zu werden. “Being Sad Is Not A Crime” ist einer der besten Songs auf dem neuen träumerischen, formidablen Album von Soko. (7,5 von 10 Punkten)

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SOKO :: Being Sad Is Not A Crime (Official Video) | Bild: SoKoMusic (via YouTube)

SOKO :: Being Sad Is Not A Crime (Official Video)

Rufus Wainwright - Unfollow The Rules

Rufus Wainwright hat sich zum Mediator zwischen der Pop- und Klassik-Welt entwickelt. Zuletzt hat er Opern geschrieben - und ein ziemlich furchtbares Hybrid-Album produziert. Aber die Erkenntnis ist: Entweder oder. Anders kann es nicht funktionieren, auch wenn das Herz für beides schlägt. Mit “Unfollow The Rules” hören wir wieder ein Pop-Album, das stark an die Want-Doppelalben erinnert - und auch fast so stark ist. Komponist Nico Muhly beschreibt es als die perfekte Mischung zwischen Dekadenz und Einfachheit - und ich nicke Muhly dabei zustimmend zu. Inhaltlich geht es darum, den Moment festzuhalten, es werden wieder Schicksalschläge kommen, aber gerade läuft es bei Rufus, der mit seinem deutschen Mann Jörn ein Kind großzieht: “I've had my fair share of struggles, whether it's with my husband Jörn or having a child, or being healthy and taking care of myself, I deserve this moment of peace in my life. It's not going to last forever you know. What is it? George Harrison you know „All Things Must Pass.“ You know a sunset wouldn't be a sunset if it just stayed a sunset. You know…”, erzählt Rufus. Schon George Harrison wusste: Alles geht vorbei. Rufus Wainwright “Unfollow The Rules” sagt genau das. Eines der besten Alben in seiner Karriere und in dieser Veröffentlichungswoche. (8,5 von 10 Punkten)

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Rufus Wainwright - Unmaking Unfollow The Rules | Bild: Rufus Wainwright (via YouTube)

Rufus Wainwright - Unmaking Unfollow The Rules

Mr. Ben & The Bens - Life Drawing

Als ich gehört habe, es erscheint ein Album von Mr. Ben & The Bens, da dachte ich als erstes an die Bens der Nuller Jahre: Ben Folds, Ben Kweller und Ben Lee. Toll, die drei machen wieder was zusammen. Aber nix da: Mr. Ben & The Bens, das ist der Brite Ben Hall, der jetzt sein zweites Album veröffentlicht. Und natürlich ist es kein Zufall, dass eine so Beatles-inspirierte Platte in der Woche erscheint, in der Ringo Starr 80 wird. Wir hören die britische Pop-Historie, durchdekliniert in 12 Songs - mit einer Stimme, die sehr gut zu den Original-Bens dazu passen würde. Wenn ihr das lest, liebe Bens, holt euch Mr. Ben & The Bens einfach noch dazu. (7 von 10 Punkten)

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Mr Ben & The Bens - Watering Can | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Mr Ben & The Bens - Watering Can

Otta - Songbook

Die britisch-finnische Künstlerin Otta legt jetzt ihre zweite EP vor - und die ist sehr spannend, muss man sich aber erst erarbeiten. Denn anfangs kommt man nur schwer rein, sehr experimentell und disharmonisch kommen die Songs daher, erinnern an eine elektronisch sperrige Variante von Cocorosie. Ab der zweiten Hälfte der Acht Song starken EP gibt sich Otta dann zugänglicher, aber auch verletzlicher. Ich freu mich sehr auf das Debütalbum. (8 von 10 Punkten)

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never see | Bild: otta - Topic (via YouTube)

never see

Julianna Barwick - Healing Is A Miracle

Spotify spuckt unter “Wem das gefällt, gefällt auch” bei Julianna Barwick Acts wie Grouper, Tim Hecker, sogar Oneohtrix Point Never aus. Sorry, lieber Algorithmus, nicht ganz falsch, aber ich hätte die New Yorkerin mit den zugegeben sehr sphärischen, experimentellen Tunes da nicht wirklich verortet. Der Mensch weiß immer noch mehr als DJ Algorhythm, so weiß ich auch, dass Julianna Barwick eine tiefe Verbindung nach Island hat, und unter anderem zu Jonsi, dem Sänger von Sigur Ros, den wir auf dem neuen Album “Healing Is A Miracle” auch hören. Außerdem hat Barwick auch mit dem Produzenten Nosaj Thing und der Harfinistin Mary Lattimore zusammengearbeitet. “Healing Is A Miracle” beschreibt das Wunder der Selbstheilung, körperlich wie seelisch, und kommt wie der Name vermuten lässt, meditativ und spirituell daher. Ein Album, dass selbst heilende Kräfte hat. (7,5 von 10 Punkten)

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Julianna Barwick - In Light ft. Jónsi (Official Video) | Bild: JuliannaBarwickVEVO (via YouTube)

Julianna Barwick - In Light ft. Jónsi (Official Video)


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