Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Steve Earle & The Dukes, Katie von Schleicher, Tim Burgess und Aksak Maboul

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Steve Earle & The Dukes, Katie von Schleicher, Tim Burgess, Aksak Makboul, The 1975, Badly Drawn Boy, Indigo Girls, Yune, Ferge X Fisherman, Booka Shade und Love Songs.

Von: Matthias Hacker

Stand: 22.05.2020

Blinded by the Neon | Bild: Ferge X Fisherman

Steve Earle & The Dukes – Ghost Of West Virgina

Er zählt zu den großen Songwritern der letzten 50 Jahre, hat mit Townes Van Zandt und Guy Clarke gespielt, Songs für Johnny Cash oder Willie Nelson geschrieben. Auch unter eigenem Namen ist er erfolgreich und hat drei Grammys zuhause stehen. Ghost Of West Virginia ist ein Konzeptalbum, hinter dem sich eine bittere Geschichte verbirgt. Beispielhaft ist besonders das Lied "It’s All Blood", indem Steve Earle 29 Männernamen aufzählt. Es sind die Namen der 29 Bergarbeiter, die 2010 in einer Kohlemine in Virginia gestorben sind. Das war eines der schlimmsten Minenunglücke der US-Geschichte. Steve Earle hat darüber ein Theaterstück gemacht, wofür er die überlebenden Bergleute und ihre Familien interviewt hat. Aus dem Material und seinen Eindrücken ist nun auch dieses Konzeptalbum entstanden. Zu Country-Rock und Country-Folk singt er kleine Klangporträts über die Bedeutung der Kohle für Virginia, die Gewerkschaften, das Leben unter Tage, die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen oder eben die verstorbenen Arbeiter. Daran merkt man schon, dass Steve Earle auf manchen Songs eher mit Emotionen arbeitet und bei anderen eher politisiert. Er textet zwischen Poesie und Journalismus. Auf den Songs liegt sozusagen schwarzer Kohle-Ruß, und die Lieder tragen Trauerflor. Andere Stücke heißen "Black Lung" oder "Devil Put The Coal In The Ground". (7,5 von 10 Punkten)

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Steve Earle & The Dukes - "Devil Put the Coal in the Ground" [Audio Only] | Bild: New West Records (via YouTube)

Steve Earle & The Dukes - "Devil Put the Coal in the Ground" [Audio Only]

Katie von Schleicher – Consummation

2017 hat die New Yorker Songwriterin auf ihrem Debüt ein paar große LoFi-Balladen gepackt. Auf Consummation setzt sie jetzt auf eine düstere, ambivalente Klangfarbe. Die Songs sind eher elektronisch rockig, sie singt meist wie eine sphärische Sirene auf fuzzy Gitarren. Ich mag die avancierten Songs, in denen sie nicht mehr das Indiegirl am WG-Küchentisch gibt, sondern die intellektuelle Künstlerin. Sie behandelt Themen wie Hitchcocks Film Vertigo aus feministischer Sicht, sie singt intim und hingebungsvoll von finsteren Träumen und Traumata – und sie deutet das Thema sexuelle Gewalt an. Dazu gibt es virtuose Arrangements und einen deutlich aufwendigeren Sound als beim Debüt. (7,5 von 10 Punkten)

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Katie Von Schleicher - Caged Sleep | Bild: Katie von Schleicher (via YouTube)

Katie Von Schleicher - Caged Sleep

Tim Burgess – I Love The New Sky

Tim Burgess ist seit den 90zigern der Sänger und Frontmann der britischen Madchester-Band The Charlatans. Zwischendurch findet er auch Zeit für Soloalben.“I Love The New Sky” ist das Erste, das er wirklich komplett solo und ohne Hilfe geschrieben hat. Darauf finden wir schöne, leichte Britpopperlen mit Klavier, die oft mehr an Belle and Sebastian erinnern als seine eigene Band Charlatans. Die Songs von Tim Burgess sind musicalesk und mit allerhand Querflöten, Harfen und Glöckchen ausstaffiert. Eine gute Mischung aus Brit- und dem Barock-Pop, der besonders in den in den 60ern in Großbritannien sehr in war. (7 von 10 Punkten)

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Tim Burgess - Empathy For The Devil (Official Video) | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Tim Burgess - Empathy For The Devil (Official Video)

Aksak Maboul – Figures

Aksak Maboul sind eine legendäre belgische Avantgarde-Band, die in den 70ern von Mark Hollander – dem Labelchef von Crammed Discs – und seiner Frau Veronique Vincent gegründet worden ist. Zwischen 1984 und 2014 gab es aber eine dreißigjährige Schaffenspause der Band. Vor sechs Jahren erschien unveröffentlichtes Material, ein paar Remixe und Co. Aksak Maboul sind nun also wieder aktiver und jetzt erscheint gleich ein Doppelalbum. Berühmt für ihre Musikexperimente und wilde Mischungen, ist es nicht möglich, einen Song auszuwählen, der beispielhaft für das Album steht. Auf den zwei CDs mit jeweils elf Songs gibt es so viele unterschiedliche Klangklekse, die sie auf die Leinwand spritzen. Das Gesamtkunstwerk umfasst French Pop, Freejazz-Elemente, Psychedelic, französische Chansons, Progrockgitarren, Interludes und Avantgardepop. In Summe: ihre Art musique obscure. Immer wieder lullen sie uns mit klassischen Songelementen und Mustern ein, führen uns aufs Glatteis, um uns mit schrägen Eskapaden und Soli aus der Comfort Zone zu reißen. Figures von Aksak Maboul - höchst anspruchsvoll, abwechlungsreich und entertaining. (8 von 10 Punkten)

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Aksak Maboul - Tout a une fin/everything ends (official video) | Bild: CrammedDiscs (via YouTube)

Aksak Maboul - Tout a une fin/everything ends (official video)

The 1975 – Notes On A Conditional Form

Ob sie es mit diesem Album wieder auf Platz 1 der britischen Charts schaffen? Mit den drei Vorgängern hat das ja jeweils geklappt. Natürlich muss man gleich den großen Gast auf der Platte erwähnen. Das erste Stück heißt wie die Band und ist eine vierminütige, mit Musik untermalte Rede von Greta Thunberg. Die haben sie letztes Jahr schon veröffentlicht. Die Band hat ein ökologisches Gewissen und will nach Ende der Corona-Pandemie nicht mehr wie gehabt auf Tour gehen, um dem Klima zu helfen und die Umwelt zu schonen.  

Was nach dem Greta-Opener folgt, ist kunterbunt. Die Songs sind so unterschiedlich und klingen kalkuliert. Sprich: auf die Hörgewohnheiten der unterschiedlichsten Zielgruppen optimiert, damit möglichst viel Publikum angesprochen wird. Da ist der Punksong „People“, Schmachtballaden wie "Birthday Party", die Single „If You‘re Too Shy“ mit 80er-Touch, etwas klackernd Elektronisches, das sogar Four Tet Fans cool finden könnten. Noch ein bisschen Country, etwas College Rock und so weiter. Alles solide gemacht, aber ein homogenes Album ist das nicht. Wer es mag, für den ist es ein Genre-Roundhouse-Kick. Ich mag es nicht und halte es für kalkulierten Retorten-Poprock. Aber diese Single-Ansammlung wird’s so wohl wieder auf Platz1 der britischen Charts schaffen. (6 von 10 Punkten)

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The 1975 - Guys (Official Video) | Bild: The1975VEVO (via YouTube)

The 1975 - Guys (Official Video)

Badly Drawn Boy – Banana Skin Shoes

2010 veröffentlicht der Brite mit “It's What I'm thinking Part 1” ein Meisterwerk. Der Titel deutete es damals schon an, dass es der Anfang einer Trilogie sein sollte, die dann aber nie erschienen ist. Die Gründe: die Mutter seiner Kinder hat ihn verlassen, er stürzte sich in den Alkohol, was seine Depressionen nicht gerade besser gemacht hat, und dann hat ihm der Brexit-Wahnsinn den Rest gegeben. Es war nicht sein Jahrzehnt. Hoffentlich ist es kein schlechtes Omen, dass er auch dieses Jahrzehnt mit einem Album beginnt. Aber mit Banana Skin Shoes verarbeitet er diese Lebens- und Schaffenskrise und kämpft sich zurück ins Rampenlicht. Es ist wieder eine Nabelschau, aber im Gegensatz zum halligen, depressiven Meistwerk, klingt dieses Album nach Optimismus und Lebensfreude. Im Song “I'm Not Sure What It Is” singt er: “The best part is that the future is unknown”. Das hätte der 2010er Badly Drawn Boy nicht gesungen. Das Album beginnt schon mit einem schmissigen Pophit und Big Beat Einfluss und dann kommen auch ein paar schöne Balladen, die wie früher klingen. Es ist ein gelungenes Comeback und doch kein Meisterwerk. Aber was macht das schon? Hauptsache: Dem Badly Drawn Boy geht’s jetzt besser! (7,5 von 10 Punkten)

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Badly Drawn Boy - I'll Do My Best | Bild: Badly Drawn Boy (via YouTube)

Badly Drawn Boy - I'll Do My Best

Indigo Girls  - Look Long

Die Indigo Girls gehen mittlerweile beide auf die 60 zu. Ihr 16. Album heißt „Look Long“ und es passt zu ihrem Statement, dass sie immer noch eine Band seien, die am liebsten in Bars spielt. Arbeit an der Basis sozusagen. Der solide Folk und Countryrock passt da wunderbar hin. Es gibt gute Songs auf dem Album, besonders viel musikalische oder textliche Tiefe vermisst man aber. Selten blitzt auch mal Blues oder Bluegrass durch. Unspektakulär, aber gut. (6 von 10 Punkten)

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Indigo Girls - Look Long (Official Audio) | Bild: The Indigo Girls (via YouTube)

Indigo Girls - Look Long (Official Audio)

Yune - AGOG

Für das Debüt haben sich die Dänen von der Marokkanischen Wüste inspirieren lassen. AGOG ist zwar kein Desert Rock, aber die Bassläufe sind so schön trocken und passen zur staubigen Atmosphäre. Wenn man im Bild bleiben will, dann schleppen sich die Lieder förmlich durch die Steppe und dürsten nach Schwung. Aber diesem Bedürfnis kommt das Indie-Quintett nicht nach und versetzt uns mit minimalistischen Mitteln in eine Art meditativen Zustand. (7 von 10 Punkten)

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Yune - Odd One Out (Official Music Video) | Bild: Crunchy Frog Records (via YouTube)

Yune - Odd One Out (Official Music Video)

Ferge X Fisherman – Blinded By The Neon

Nürnberg hat eine neue vielversprechende Jazz-Rap-Kombo. Fritz Fisherman ist der rappende MC und Ferge der Produzent. Das erste gemeinsame Album bietet reflektierte Rap Musik mit viel Flow und Westcoast-Flair, musikalisch auf smoothe Piano-Samples und Beats à la Jdilla gebettet, dazu eine Cool-Jazz Trompete, die einem regelmäßig die Nackenhaare aufstellt. Der Einfluss von Miles Davis ist hier deutlich zu hören. Wenn man mäkeln will, dann vielleicht, dass das Blasinstrument ab und an mal nach kitschiger Popjazz-Fahrstuhlmusik klingt, aber das ist dann nur eine Ausnahme. Ansonsten begeistert das Debüt, auf dem es auch Unterstützung aus der bayerischen Rapszene in Form des Regensburger Rappers Maniac gibt. Ihr Jazz-Rap soll keine Antithese zum klassischen roughen Straßenrap sein. Sie haben nur keinen Nürnberger Gangster Background und bleiben mit den reflektierten Texten lieber authentisch. Ein ausführliches Interview mit Fritz Fisherman gabs im Zündfunk am Mittwoch. Hier kann man es nachhören. (7,8 von 10 Punkten)

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Ferge X Fisherman - Drunk On The Moon (Official Video) | Bild: Ferge X Fisherman (via YouTube)

Ferge X Fisherman - Drunk On The Moon (Official Video)

Booka Shade – Dear Future Self

Booka Shade sind Pioniere der deutschen House- und Techno-Szene und machen mittlerweile seit über 25 Jahren Musik. Dear Future Self ist ihr neuntes Studioalbum zurück. Das wird von einem düsteren Sound bestimmt, der durch verschiedene Sänger*innen auch mal Elektropop wird. Dancefloorhits und etwas minimalistische Studien gibt’s on top. Der Albumtitel weist in die Zukunft und es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Produzenten entwickeln wollen. Die Antwort auf die Frage, wie und wo sie sich und ihren Sound in Zukunft sehen, steht auch nach Dear Future Self noch aus. (6 von 10 Punkten)

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Dear Future Self (Extended Mix) | Bild: Booka Shade - Topic (via YouTube)

Dear Future Self (Extended Mix)

Love-Songs – Nicht Nicht

Love-Songs machen keine Liebeslieder, sondern experimentieren mit elektroakustischen Krautrock-Elementen. Das Hamburger Trio arbeitet mit vorgefertigten Patterns, zu denen sie improvisieren. Nach sechs EPs gibt`s jetzt endlich eine LP-Debüt, das bei Bureau B erscheint. (7 von 10 Punkten)

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Love-Songs - Selbstauflöser Teil 2 | Bild: lovesongsband (via YouTube)

Love-Songs - Selbstauflöser Teil 2


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