Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Paul Weller, Haiyti und Willie Nelson

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Paul Weller, Haiyti, Keleketla!, Dream Wife, Willie Nelson, Henry Green, Mulatu Astatke & Black Jesus Experience, Hempolics, Denai Moore und JPattersson.

Von: Angie Portmann

Stand: 02.07.2020

Haiyti - Perroquet | Bild: Vertigo Berlin (Universal Music)

Paul Weller – On Sunset

Mittlerweile an die 50 Jahre im Popbusiness, als Sänger, Songwriter, Soulboy und Stil-Ikone, mit The Jam, Style Council und jetzt schon lange solo. Paul Weller, der God- bzw Modfather of Britpop macht immer weiter. Will sich weder auf seinen Lorbeeren (die Queen wollte ihn schon zum Ritter schlagen, was Weller jedoch ablehnte) noch auf einem Genre ausruhen. Erst Anfang des Jahres hat er eine EP im Musique concrete-Style veröffentlicht. Und auch sein neues Album „On sunset“ steckt voller Überraschungen.  

Der Titeltrack „Sunset“ z.B. besticht mit einem psychedelisch sonnendurchfluteten Laurel-Canyon-Charme. Das simple, aber sehr soulfule „Baptiste“ geht „straight to your heart“ und zurück in die „Wild Wood“-Ära. Und das trippige „More“ feiert auf einer epischen Länge von fast sieben Minuten wieder experimentellere Klänge, mit Sitar, Querflöte und melancholischen Streichern. Dazwischen singt kurz Julie Gros von der französischen Band Le Superhomard ein paar Zeilen.

Aber egal, was Weller auf „On sunset“ tut, es klingt immer smooth, immer cool und hat immer Melodien galore. Damit kann Weller vermutlich beide Fanflügel pleasen, die konservativen Traditionalisten und jene, die sich auch für seine avantgardistischen Sound-Experimente begeistern können. (7,9 von 10 Punkten)

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Paul Weller | On Sunset (Official Trailer) | Bild: paulwellertv (via YouTube)

Paul Weller | On Sunset (Official Trailer)

Keleketla! - Keleketla!

Keleketla! ist ein Projekt des britischen Elektronik-Duos Coldcut zusammen mit Musikern aus Südafrika, Lagos, London, New York und Papua-Neuguinea. Das Ganze basiert auf einer Idee der südafrikanischen Bibliotheks- und Medienkunstinitiative Keleketla. Auf Wunsch der Kuratoren von Keleketla und mit Unterstützung des British Council sind die Ninja Tune-Gründer Coldcut, sprich Matt Black und Jonathan More, nach Südafrika geflogen. Zu den Aufnahmesessions in Soweto kamen vor allem südafrikanische Jazz-Musiker und HipHop-Aktivisten. Ziel des Projekts: one nation under a groove. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Zurück in London ließen Coldcut ihre Kontakte spielen und machten daraus: four continents under a groove.

Dieser Groove stammt u.a. von dem erst im April verstorbenen Afrobeat-Pionier Tony Allen, der hier wiederum Afrobeat mit südafrikanischem Gqom mixt. Aber auch von der New Yorker Combo Antibalas. Oder den Jazz-Erneuerern Shabaka Hutchings (The Comet Is Coming, Sons Of Kemet)  und Joe Armon-Jones (Ezra Collective) aus London. Mit dabei sind aber auch Spoken-Word-Aktivisten wie z.B. The Watts Prophets aus L.A. oder Benny Wenda aus West-Papua. Wenda ist vor dem indonesischen Militär nach Oxford geflohen. Von England aus führt er jetzt seinen Widerstandskampf, auch in Form von Musik. Seine Performance in dem Song „Papua Merdeka“ geht unter die Haut, wie so vieles auf diesem wirklich tollen Album, das sehr elegant und aufwühlend Pop, Politik und Polyrhythmik, Jazz und interkontinentale Jams miteinander verbündet. (8,3 von 10 Punkten)

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Keleketla! - 'Future Toyi Toyi (Edit)' (Official Audio) | Bild: Coldcut (via YouTube)

Keleketla! - 'Future Toyi Toyi (Edit)' (Official Audio)

Haiyti – Sui Sui

Auch auf ihrem neuen Album schafft Ronja Zschoche aka Haiyti wieder den Spagat zwischen der glamourösen Fahrt im roten Ferrari und der dunklen Seite des Gangsta-Business. Wenn die 27jährige Hamburgerin in „Photoshoot“ z.B. sprechsingt „Ich bin rich, denk nur an Sui Sui“, wird schnell klar, dass „Sui Sui“ hier nicht für ein hippes Modelabel steht, sondern für Suicide. Eine triste Trap-Ballade, statt Bling Bling geht’s hier um die spooky Seite der Model-Medaille, um Drogen, Depressionen und eine Deepness, die im Rap-Business ihresgleichen sucht. Selbst eine Liebeserklärung der Trap-Queen klingt nur bedingt romantisch. Über dunklen verschleppten Beats liegt die heisere Autotune-Stimme von Haiyti und singt: „Für dich würd ich auf die Gangster schießen … wenn es sein muss stürm ich für dich in eine Bank … fahre den Fluchtwagen ins LaLaLand“.

Haiyti haut sie nur so raus, die deepen Beats und coolen Rhymes. „Sui sui“ ist ihr mittlerweile viertes Album. Nach dem Mixtape „Follow mich nicht“, ihrem Major-Debüt „Montenegro Zero“ und dem Nachfolger „Perroquet“. Plus dem spektakulären Video, das sie 2019 in einer Villa auf Ibiza gedreht hat – genau dort, wo zuvor ein österreichischer Politiker eine folgenschwere Party feierte, die sein Land in eine Staatskrise stürzte.

Ein fabelhafter Flow durchzieht dieses Album, aber auch eine tiefe Traurigkeit. Die glamourösen Moscow Mule-Parties sind offensichtlich vorbei. Auf „Sui Sui“ klingt Haiyti fast durchwegs melancholisch bis desillusioniert. Hier wird unglaublich eindringlich und schonungslos eine Szene skizziert, die so high wie verletzlich ist.

Ob die Rap-Kids tatsächlich diesen 13 Tracks langen Endorphin-Kater hören wollen, ist fraglich – die Feuilletons werden Haiyti und ihren coolen Gangstapop auf alle Fälle wieder lieben. (8,1 von 10 Punkten)

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Haiyti - La La Land | Bild: HaiytiOfficial (via YouTube)

Haiyti - La La Land

Denai Moore – Modern dread

Die in Jamaica geborene Denai Moore kam mit ihren Eltern als 10jährige nach London. Ihre frühen HeldInnen hießen Lauryn Hill, Feist oder auch Bon Iver. Die auf ihrem neuen Album „Modern dread“ verhandelten Themen sind die klassischen: die Emotionen und Ängste einer 27-jährigen Britin, inklusive Ups and Downs. Alles in einem klar abgesteckten, sauberen Rahmen. Keine Abgründe, keine Exzesse. Dafür ist Moore vermutlich zu bodenständig. Eben erst hat sie ihr Elternhaus verlassen und hat in Margate ein veganes Restaurant eröffnet. Produziert hat „Modern dread“ Alex Robertshaw von einer weiteren, ehemaligen Lieblingsband von Moore, Everything Everything nämlich. Entstanden ist so sehr ambitionierter Pop bzw. R’n’B, der mich, man möge mir verzeihen, immer wieder an die Sugababes erinnert. Nur kantiger, elektronischer, vertrackter, was den Sound betrifft, aber wir leben schließlich auch in vertrackten Zeiten. Allerdings spätestens bei einem Refrain wie dem von „Fake sorry“ dürfte das Stadion wieder kollektiv mit dem Kopf wippen. (7,3 von 10 Punkten)

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Denai Moore - Fake Sorry (Official Video) | Bild: Denai Moore (via YouTube)

Denai Moore - Fake Sorry (Official Video)

Dream Wife - So when you gonna…

Ihr Debüt 2018 war ein Knaller. Sandra Grether hat sie damals in der Spex begeistert mit den Strokes verglichen – inklusive popfeministischem Überbau. Das zweite Album des britisch-isländischen Indie-Rock-Trios klingt jetzt – von einigen Ausnahmen wie der Single „Sports“ abgesehen – leider wesentlich poppiger, sogar zu einer Ballade haben sich Dream Wife hinreißen lassen. Inhaltlich sind sie aber immer noch die alten, vorrangig geht es nach wie vor um weibliches Empowerment, wunderbar nachzuhören z.B. in der Single „Sports“. Dream Wife wissen genau, was sie wollen und wie sie es wollen.

Und auch mit ihrer gleichnamigen Podcastreihe „So when you gonna…“ versucht das Trio die weibliche, queere und non-binäre Community zu unterstützen. Indem sie hier Frauen vorstellen, die in den unterschiedlichsten Bereichen der Musikproduktion arbeiten … wovon es nach wie vor immer noch viel zu wenig gibt. Konsequenterweise haben dann auch nur Frauen ihr neues Album produziert, gemischt und gemastert. (7,7 von 10 Punkten)

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Dream Wife - So When You Gonna... | Bild: DreamWifeVEVO (via YouTube)

Dream Wife - So When You Gonna...

Willie Nelson – First rose of spring

In den vergangenen zehn Jahren hatte Willie Nelson neun Alben in den Top 10 der Country Charts und konnte sich drei weitere Grammys ins Regal stellen – dass der Mann mittlerweile 87 ist, merkt man seinem Output definitiv nicht an.

Wie immer hat es etwas gedauert bis ich mich an den gemächlichen, super entspannten Vibe gewöhnt hatte, das runtergedimmte, reduzierte dieser neuen Willie Nelson-Platte. Aber dann fand ich’s wieder super, Willie Nelson hören ist fast wie meditieren: es erdet, holt einen runter. Mit „First rose of spring“ veröffentlicht die 87-jährige Country-Legende ihr, Achtung!, 70. Album. Mit Traditionals, Songs von anderen Country-Stars und -Songschreibern und zwei Songs, die Nelson selbst geschrieben hat – zusammen mit seinem musikalischen Partner Buddy Cannon. „What’s done is done“. Willie Nelson blickt hier viel zurück, besingt die Liebe, den Tod und so einiges dazwischen. Denkt nach über die Sterblichkeit, von Freunden oder auch die eigene. Und klingt dabei immer unglaublich zeitlos …. Hier reitet einer ruhig und gelassen in den Sonnenuntergang dem nächsten Grammy entgegen. (7,8 von 10 Punkten)

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Willie Nelson - First Rose of Spring (Official Lyric Video) | Bild: WillieNelsonVEVO (via YouTube)

Willie Nelson - First Rose of Spring (Official Lyric Video)

JPattersson – Mood

JPattersson aka Johann Beger, ist ein Leipziger Trompeter, Sänger und Produzent. Sein drittes, meist instrumentales Album „Mood“ schaukelt zwischen Electronica, Off-Beats und Dub beschwingt hin und her. Das Tempo ist gedrosselt, der Synthie-Glamour in den Cinemascope-Tracks von JPattersson glitzert sanft.  File under Filmmusik. (7,5 von 10 Punkten)

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JPATTERSSON - Mood (Official Video) | Bild: JPATTERSSON (via YouTube)

JPATTERSSON - Mood (Official Video)

Henry Green – Half light

Die Vorbilder von Henry Green aus Bristol heißen Ry X und Mike Milosh von Rhye. Und da beginnt für mich schon das Problem. Denn auch auf „Half light“ treffen sehr intime Stimmen auf sanfte Beats und weite Synthieflächen. Epische Soundscapes für einen Vormittag bei Starbucks. „Half light“ ist mir persönlich zu geschmackvoll, zu glatt, zu viel Wellness und zu wenig Kante. Hier fließt alles sehr gepflegt dahin, aber auch ganz schnell an einem vorbei. Die Streicher, die Beats, die Stimme, alles sehr wohltemperiert, sehr atmosphärisch. Perfekt für jede Spotify-Chill Out-Liste. (6,5 von 10 Punkten)

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Henry Green - Fabric (Official Audio) | Bild: Henry Green (via YouTube)

Henry Green - Fabric (Official Audio)

Hempolics - Kiss Cuddle & Torture Volume II

Der Kopf der Band heißt Grippa Laybourne, hat auch schon mit Mattafix oder Faithless zusammengearbeitet. Laybourne weiß also, wie wichtig ein cooler Hook, eine Prise Catchiness sein kann, wenn man mit seiner Musik Erfolg haben will. Und er hat damit nicht gespart auf dem neuen Album der Hempolics.

Der Dub-Reggae der Briten kann nämlich nicht nur Soul oder Hip Hop, sondern auch Pop. Und hat prominente Gäste: Maxi Jazz von Faithless, Solo Banton oder Paolo Nutini. Und erinnert mit seinem zwingenden Groove manchmal sogar an die fabelhaften Stereo MC’s. Mit „Kiss, Cuddle and Torture Volume II“ kann die nächste Wohnzimmer-Party kommen. (7,7 von 10 Punkten)

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The Hempolics - Play On (Album 2020 "Kiss, Cuddle & Torture Vol II" By Zee Zee Records ) | Bild: King Lion of Judah (via YouTube)

The Hempolics - Play On (Album 2020 "Kiss, Cuddle & Torture Vol II" By Zee Zee Records )

Mulatu Astatke & Black Jesus Experience - To know without knowing

Mulatu Astatke, der Godfather des Ethio-Jazz, hat sein neues Album wieder zusammen mit der zwölfköpfigen Global-Funk-Band Black Jesus Experience aus Melbourne produziert. Astatke, den Jim Jarmusch mit seinem Film „Broken Flowers“ quasi weltberühmt gemacht hat, hat schon 2016 mit diesem australischen Musiker-Kollektiv zusammengearbeitet. „To know without knowing“ heißt jetzt der grandiose Nachfolger, der wieder die eleganten Vibraphon-Klänge des 76-jährigen Astatke, mit traditionellen, äthiopischen Klängen, aber auch mit HipHop, Funk, Jazz und Reggae verbindet. Das Ganze ergibt einen aufregenden Hybriden. Und hat mich nicht nur musikalisch fasziniert, sondern gibt sich auch polemisch bzw. politisch, wenn z.B. der zentrale Song „Living on stolen land“ den australischen Aborigines gewidmet ist oder gleich der Opener „Mulatu“ mit einem Rap des australischen HipHoppers Elf Tranzporter endet, der ebenfalls den Aborigines Respekt zollt. (7,9 von 10 Punkten)

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Mulatu Astatke & Black Jesus Experience - Kulun Mankwaleshi | Bild: Michel CB (via YouTube)

Mulatu Astatke & Black Jesus Experience - Kulun Mankwaleshi


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