Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Neil Young, Phoebe Bridgers, Bob Dylan und INGA

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von John Legend, Phoebe Bridergs, RMR, INGA, John Legend, Bob Dylan, Neil Young, Wire, Omar Rodriguez-Lopez, Darkstar und Juse Ju.

Von: Matthias Hacker

Stand: 19.06.2020

Phoebe Bridgers | Bild: picture alliance / Photoshot

Wire – 10:20

Sie haben sich schon dreimal aufgelöst und immer wieder zusammengerauft. Die Londoner Postpunker Wire. Das Album beginnt mit dem krautigen Eröffnungsstück „Boiling Boy“, meines Erachtens auch gleich das beste Lied. Danach wird’s erstaunlich sanft für Wire-Verhältnisse. Richtig durchhörbar, wenn man den sperrigen Punk-Song „Underwater Experience“ ausnimmt. Man merkt, dass das Album aus Ausschussware besteht. Die Songs haben es nicht auf andere CDs geschafft. 10:20 ist also eine Art B-Seitensammlung. Die Band hat es in zwei Teile aufgeteilt, die 2010er und 2020er Seite, daher auch der Albumtitel. (7)

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Wire - Full Performance (Live on KEXP) | Bild: KEXP (via YouTube)

Wire - Full Performance (Live on KEXP)

Phoebe Bridgers – Garden Song

Zuletzt hatte sie mit Conor Oberst unter dem Namen Better Oblivion Community Centre firmiert. Er ist auf ihrem zweiten Soloalbum auch kurz zu hören. Phoebe Bridges war es auch, die ihren Musiker-Mentor Ryan Adams beschuldigte, dass er sie psychisch missbraucht haben soll. Mit dieser Geschichte im Hintergrund bekommt der Titel ihres zweiten Albums „Punisher“ einen unschönen Beigeschmack. Aber darauf singt sie so viele ergreifende Melodien, meist mit melancholischen und düsteren Fingerpick-Melodien auf der Gitarre. Phoebe Bridgers braucht keinen Mentor mehr, sondern hat selbst das Zeug dazu. Sie räumt hier auf Albumlänge mit dem emotionalen Durcheinander ihres Lebens auf. Mit Ryan Adams, mit einer unglücklichen Liebe, mit ihrer eigenen Unsicherheit. Dabei zuzuhören geht einem nahe und sorgt für Gänsehaut. (9)

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Phoebe Bridgers - Garden Song (Official Video) | Bild: Phoebe Bridgers (via YouTube)

Phoebe Bridgers - Garden Song (Official Video)

Neil Young – Homegrown

Ein verschollener Schatz der Musikgeschichte. Neil Young hat dieses Album 1975 aufgenommen, 45 Jahre später können wir es endlich hören. Es zeigt nochmal, wie gut der junge Neil damals war. Ob an der Gitarre, am Klavier, an der Steelguitar oder an der Mundharmonika. Beim Song White Line unterstützte ihn Robbie Robertson von The Band, Emmylou Harris ist auch zu hören. Neil Young hat „Homegrown“ damals nicht veröffentlicht, weil es ein Herzschmerzalbum war, von dem er befürchtete, es gebe zu viel von ihm preis. Es klingt auch vergleichsweise intim und erinnert an das Hitalbum „Harvest“. Statt „Homegrown“ hat Neil Young damals „Tonights The Night“ releast. Wir hören hier also ein Album, das für Neil Young eine wahre Herzensangelegenheit war und allmählich zum Mythos wurde. Die Sehnsucht danach war berechtigt. Die Vorabsingle „Vacancy“ war schon fantastisch, ist aber auf der Platte eines der härteren Folkrockstücke. Davon darf man sich nicht täuschen lassen und sich mehr auf Balladen freuen. Darunter mischt Neil Young mal eine Spoken Word Tirade im Song Florida, dann eine einfühlsame Piano Ballade mit Mexico. Aber das Gros der Songs sind feine, persönliche Folkballaden, wie das gerade gehörte White Lines. Homegrown soll nur der Anfang sein, Neil Young will noch mehr unbekanntes Material aus den Siebzigern veröffentlichen. (8,5)

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Neil Young - Try (Official Audio) | Bild: neilyoungchannel (via YouTube)

Neil Young - Try (Official Audio)

V.A. - The Ladies Of Too Slow Too Disco Vol. 2

In den 70igern kämpften viele Sängerinnen, besonders an der kalifornischen Westküste gegen die Macho-Musikindustrie. Ihre Strategie: Weibliches Empowerment auf der Tanzfläche. Der Sampler „The Ladies Of Too Slow To Disco 2“ ehrt diese Sängerinnen und zeigt, dass Feminismus und Diskomusik enger verbandelt sind als man dachte. Marcus Liesenfeld aka DJ Supermarkt hat den Sampler zusammengestellt, fasst das Genre Disco dabei sehr weit und sammelt darunter auch Soul, Funk, Country und Yacht-Rock-Sängerinnen. Viele Komponistinnen waren vielleicht nicht unter eigenem Namen in den 790igern berühmt, aber viele schrieben Hits für männliche Interpreten. Frauen wie Linda Tillery, Holly Near und Karla Bonoff sind mit auf dem Sampler. Da findet sich dann auch eine Nicolette Larson, die als Countrysängerin bekannt wurde und unter anderem auch schon auf Neil Youngs Alben zu hören war. (7)

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Martee Lebous - For David (taken from The Ladies Of Too Slow To Disco 2) | Bild: Too Slow To Disco (via YouTube)

Martee Lebous - For David (taken from The Ladies Of Too Slow To Disco 2)

Omar Rodriguez-Lopez - The Clouds Hill Tapes (Part 1)

Omar Rodriguez Lopez kennt man als den virtuosen Gitarristen bei den Post-Hardcore-Bands At The Drive In und The Mars Volta. Er macht schon lange auch Solomusik. 2016 brachte er sogar jeden Monat ein Album raus. Jetzt erscheint - über ein paar Wochen verteilt - die Reihe The Clouds Hill Tapes. Morgen kommt Part One. Sie heißen so, weil er das Songmaterial, das schon länger bei ihm rumlag, jetzt nochmal professionell in den Hamburger Cloud Hill Studios eingespielt hat. Man darf sich keinen schrulligen Punk erwarten – das Schlagzeug funkt eher als das es knüppelt wie bei At The Drive-In, es tröpfeln jazzy Piano-Triolen das Keyboard hinunter und dazu gibt’s soften, jazzy Frauengesang. (6,5)

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Roman Lips | Bild: Omar Rodriguez-Lopez - Topic (via YouTube)

Roman Lips

Bob Dylan - Rough and Rowdy Ways

Der Großmeister hat ein neues Album. Nicht nur hervorgekramte Basement Tapes. Nein. Zehn neue Dylan Songs. Das Album heißt „Rough and Rowdy Ways“. Die erste Single daraus – das famose 16- Minuten-lange Referenz-Inferno „Murder Most Foul“ über die Ermordung John F. Kennedys. Dieses 16 Minuten Stück war das erste Dylan-Lied, dass es jemals an die Spitze der Billboard Charts geschafft hat. Daran kann man schon ablesen, wie groß die Dylan-Sehnsucht ist. Und er liefert. 2016 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, schwingt er auch auf dem neuen Album die Dichter-Feder und zaubert Poesie. Oder malt er vielleicht doch eher mit seiner bildhaften Sprache ein düsteres Hieronymus Bosch Triptychon, wenn er über die vertanen Chancen und brutalen Irrwege der USA sinniert. Ganz besonders beschäftigte Dylan gerade auch der Fall George Floyd – immerhin wurde dieser in seiner Heimat Minnesota getötet. Er kommentierte den Fall sogar in der New York Times. In „I Contain Multitudes” singt Bob Dylan über seine Vielfaltigkeit: I live on a boulevard of crimes, i drive fast cars, i eat fast foods. Darauf: ich bin ein Mann der Widersprüche, ein Mann mit vielen Launen. Zieht Dylan hier etwa Bilanz seines Lebens. Könnte sein. Hoffentlich ist es nicht sein letztes Album – immerhin ist er 79. Falls es aber doch das letzte sein sollte, dann tritt er mit diesem Album Roads gebührend ab. (8,5)

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Bob Dylan - I've Made Up My Mind to Give Myself to You (Official Audio) | Bild: BobDylanVEVO (via YouTube)

Bob Dylan - I've Made Up My Mind to Give Myself to You (Official Audio)

Darkstar – Civic Jams 

Auch das britische Duo arbeitet sich an seiner Heimat ab, dem Norden Englands. Sie schreiben über den letzten Steuerbescheid, den nächsten Rave oder die Alternative zum Brexit – den Brex-In – warum denn nicht? Musikalisch, sagen sie, ist „Civic Jams“ ein Dialog zwischen sphärischen Shoegaze-Stimmungen und dem „Hardcore“ der britischen Bass Music. (8)

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Darkstar • ‘Text’ (Official Video) | Bild: Warp Records (via YouTube)

Darkstar • ‘Text’ (Official Video)

INGA – Teeth & Tears

Die Münchner Künstlerin INGA veröffentlicht morgen ihr erstes Album auf Trikont. Ihre Textcollagen – in Englisch, Deutsch, mal Französisch – spricht sie über Snippets und selbstaufgenommene Fieldrecordings. Ein Foto zeigt sie auf einer Wiese liegend – das Richtmikrofon neben sich. Was hören wir sonst: Inga verwäscht ihre Stimme durch einen Dada-Sampler wie in „Chanson Nr.2“ – ich denk gleich an den Weirdo-Sound des Animal Collective. Dann melancholischer Lofi-Pop im Song „Frau Adolf“. Das ist übrigens die Zahnärztin, die INGA im wahrsten Sinne auf den Zahn fühlt. Wir liegen mit ihr rücklings auf dem Zahnarzt Stuhl und lauschen ihrer Erlebnis-Reportage. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Dazu der Albumtitel „Tears & Teeth“ -Tränen und Zähne. Dann ein ABC, wie man es so wohl nicht in der ersten Klasse aufsagen würde, gefolgt von „As The Rain Is Pouring Down“. Hier transformiert sich INGA in eine Hildegard Knef im Dub-Schraubstock und liefert schaurig schönen Schlaftabletten-Pop. Das Album ist ganz toll – akustisch und elektronisch, gleichzeitig nüchtern und verspielt, unprätentiös avantgarde. Ich habe jeden Song gleich zwei oder dreimal gehört. Am 19.06. ist INGA im Zündfunk auf Bayern2 zu Gast. (8,5)

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INGA - Frau Adolf (Official Video) | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

INGA - Frau Adolf (Official Video)

Juse Ju - Millenium

Das fünfte Album von Rapper Juse Ju ist sehr autobiografisch. Er ist schon als Kind mit den Eltern um die halbe Welt gezogen - von Japan nach Baden-Württemberg bis nach Texas. Sozialisiert in den 90ies, wie er im Track „MTVs Most Wanted“ erzählt. Es klingt, als würde er uns jetzt mit Mitte 30 aus seinen Tagebucheinträgen zitieren. Seine Erinnerungen immer noch glasklar und detailliert, wenn er von der Zivi-Zeit in der Psychiatrie oder seinen Modeljobs in Japan berichtet. Er hat dabei jede Menge Dampf aufm Kessel, teilt fleißig aus, etwa im Track mit Panik Panzer von der Antilopengang. Da haten die beiden gegen Auto-Fanatiker. Juse Ju berichtet von der emotionalen Achterbahnfahrt in einer toxischen Beziehung. Im Track „Edgelord“ mit Links-Rapper Millie Dance von Waving The Guns wird’s dann auch mal politisch, wenn beide gegen Verschwörungstheoretiker, Maskulinisten und Tastatur-Triebäter anrappen. Musikalisch hat man bei den ersten drei Songs mal kurz den Verdacht, dass Juse Ju deutlich poppiger geworden ist, aber später gibt’s hauptsächlich klassischen Rap auf Oldschool-Beats. Hört man gern und ist gut unterhalten.  (7)

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JUSE JU - CLARAS VERHÄLTNIS (Prod. by KUSO GVKI) | Bild: Juse Ju (via YouTube)

JUSE JU - CLARAS VERHÄLTNIS (Prod. by KUSO GVKI)

John Legend - Bigger Love

Über weite Strecken ein gutes R’n’B Album mit Gospel, Soul, Blues und HipHop Einflüssen. Er bespielt die ganze Klaviatur afro-amerikanischer Musikgeschichte. John Legend ist ja auch eine der lautesten prominenten Black-Lives-Matter Stimmen seit dem Tod George Floyds. Am Mikrofon ist er ein begnadeter Sänger, der manchmal die eine oder andere Kapriole zu viel schlägt. Leider ist der Pop dann an anderer Stelle doch sehr bombastisch und glattproduziert. Highlight ist das Stück mit Rapperin Rhapsody. (6,5)

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John Legend - Bigger Love (Official Video) | Bild: johnlegendVEVO (via YouTube)

John Legend - Bigger Love (Official Video)

RMR – Drug Dealing Is A Lost Art

Ein Rap-Phantom mit Sturmmaske. Ende Februar tauchte da dieser unbekannte Künstler namens RMR (gesprochen: "Rumer") mit einem viralen Hit auf. Wer sich unter der Sturmhaube versteckt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Was wir erkennen können: er ist Afroamerikaner, kann genauso rappen wie singen und er hat gute Kontakte. Auf seiner ersten EP sind schon Stars wie Young Thug oder Future zu Gast. Das macht das Versteckspiel noch interessanter, aber RMR möchte weiterhin anonym bleiben. Spannend ist seine Musik besonders dann, wenn er Elemente des Country oder Bluegrass-Mandolinen mit Trap und Rap kreuzt. (7)

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RMR - Rascal (Official Music Video) | Bild: The New Wave (via YouTube)

RMR - Rascal (Official Music Video)


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