Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Smerz, Adrian Younge, Julien Baker und Bob Dylan

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind unter anderem: King Gizzard & The Lizard Wizard, Smerz, Mouse on Mars, Adrian Younge, Julien Baker, Melvins und Bob Dylan

Von: Matthias Hacker

Stand: 26.02.2021

Lost Horizons – In Quiet Moments (Albumcover) | Bild: Bella Union

Menahan Street Band – The Exciting Sounds Of Menahan Street Band

Die New Yorker veröffentlichen nach neun Jahren ein neues Album. Gegründet in der Menahan Street in Brooklyn haben die Bandmitglieder schon in verschiedenen Kombos gespielt. In der Budos Band oder bei Dap Kings, der Haus- und Hofband des Soullabels Daptone Records. Dort erscheint jetzt auch das neue Album mit dem selbstbewussten Titel: „The Exciting Sounds of Menahan Street Band“. Sie zitieren den stilvollen Sound von Stax-Records, aber schwingen die Vintage-Keule nicht allzu sehr. Ich mag den Western-Touch, den Hauch Tex-Mex und den psychedelischen Voodoo-Flair. „The Exciting Sounds of Menahan Street Band” ist eine cineastische Platte. Es klingt nach einem Showdown in einem Tarantino-Western, bei dem plötzlich Shaft in seinem Schlitten lässig durchs Bild cruist. Großes Kino. (7,8 von 10 Punkten)

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Menahan Street Band "Midnight Morning" | Bild: DaptoneRecords (via YouTube)

Menahan Street Band "Midnight Morning"

King Gizzard & The Lizard Wizard – L.W.

Die australischen Psychrocker von King Gizzard & The Lizard Wizard sind experimentierfreudig. Bei ihren 17 Alben war von Heavy Metal bis Jazz schon einiges dabei. „L.W.“ ist nun der dritte Teil einer Reihe, bei der sie sich auf mikrotonale Erkundungen begeben, wie sie es nennen. Diese Erkundungen führen sie diesmal in den Orient. Das erkennen wir nicht nur an den Sitar-Sounds, sondern auch an den rockigen Gitarrenriffs, bei denen sie aber immer wieder Töne verschieben. Schon stehen wir auf einer ganz anderen Tonleiter und befinden uns bei orientalischen Harmonien. Sie nennen es universelle Musik. Das ist kein gewöhnliches Psychrock-Album, sondern erschließt neues Terrain. Die Gitarrenriffs sind nicht mukkerhaft, sondern schlau und schräg. Die Rhythmusabteilung mit einem treibenden Drummer und einem staubtrockenen Bass ist großartig. Am Ende der Platte wartet dann noch ein achtminütiger Stonerrock-Stomper. Ein Album, das begeistert. Nachteil: Mit diesem Album blutet uns umso mehr das Herz, dass wir diese Band erstmal nicht live sehen können. (9 von 10 Punkten)

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King Gizzard & The Lizard Wizard - O.N.E. | Bild: KingGizzardVEVO (via YouTube)

King Gizzard & The Lizard Wizard - O.N.E.

Altın Gün – Yol

Altın Gün würden im Lineup wunderbar dazu passen. Denn wir bleiben psychedelisch und im Orient. Die niederländisch/türkische Kombo covert wieder alte türkische Lieder der 60er und 70er Jahre. Der niederländische Bassist hatte die Idee zu dieser Konzept-Band, nachdem er bei einem Konzert in Istanbul alte türkische Psychedelic-Musik entdeckt hatte. Daraufhin hat er Altin Gün zusammengestellt, und seither covern sie alte türkische Lieder. Bei Livekonzerten habe ich jubelnde türkische und deutsche Fans Arm in Arm tanzen gesehen und viele unter ihnen konnten die Texte auswendig mitsingen. Der Erfolg der Band steckt in der Mischung aus anatolischem Rock und türkischer Folkmusik. Auf “YOL” kommt jetzt auch noch 80er Jahre Synthiepop dazu, der vor allem auf der ersten Seite der LP zu hören ist. Drehen wir die Platte um, wird’s deutlich schwungvoller und tanzbarerer. Altin Gün spielen mit dem nostalgischen Flair der Songs, geben ihnen aber mit den Neuinterpretationen und der besseren Produktion einen frischen Anstrich. Altın Gün haben es damit auch schon zu einer Grammy-Nominierung gebracht. Mit „YOL“ wird die Fangemeinde für alte türkische Musik sicher noch weiter wachsen. Die beiden türkischsprachigen Sänger*Innen wechseln sich am Mikrofon ab. (8,5 von 10 Punkten)

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Altın Gün - Yüce Dağ Başında | Bild: Altın Gün (via YouTube)

Altın Gün - Yüce Dağ Başında

Smerz - Believer

Smerz heißt aus dem Norwegischen übersetzt: Schmerzen. Die beiden Norwegerinnen leben jetzt in Dänemark, haben ihr Studium abgebrochen, um sich ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. Dieses Debüt ist mehr als besonders, weil es Kammermusik, Baroque-Pop, Klassik, RnB, Electronica, sogar Techno und Rap miteinander mischt. Das mag jetzt klingen, als wäre das Album überladen. Ist es nicht, weil die beiden Skandinavierinnen es ganz dezent und aufgeräumt mit Geigen, Harfen, Cembalo, Omnichord oder Synthesizer instrumentieren. Feine, zeitgemäße Musik, die gleichzeitig Pop und Klangkunst ist. Für mich ist das eine Bewerbung auf die Jahrescharts 2021. (9,5 von 10 Punkten)

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Smerz - Believer | Bild: Smerz (via YouTube)

Smerz - Believer

Adrian Younge – The American Negro

Adrian Younge ist Komponist und Producer, hat z.B. schon Kendrick Lamar produziert. Er legt mit „The American Negro“ sein Opus Magnum vor und verhandelt nichts weniger als die Geschichte des Rassismus und die Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Schon das Plattencover geht an die Substanz. Wir sehen einen am Baum erhängten schwarzen Mann. Das Album ist gleichzeitig Geschichtsunterricht, Mahnung und Kampfschrei. Zwischen den Liedern liest Adrian Younge immer wieder aktivistische und politische Texte vor, welche auch parallel in einem Podcast erscheinen. Musikalisch greift er natürlich die afroamerikanischen Traditionen wie Jazz, Gospel, Soul und Blues auf. Adrian Younge hat viel Wut im Buch - angesichts der systematischen Diskriminierung schwarzer Menschen in den USA und weltweit. Ein musikalisches Manifest für Black Empowerment und auch für weiße Hörer*innen Pflichtlektüre. (9 von 10 Punkten)

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"The American Negro" - Adrian Younge | Bild: Jazz Is Dead Official (via YouTube)

"The American Negro" - Adrian Younge

Mouse On Mars – AAI

Auch Mouse On Mars verhandeln auf ihrer neuen Platte ein bestimmtes Thema. Künstliche Intelligenz und Musik. Die Berliner haben sie „AAI“ getauft – was für Anarchic Artificial Intelligence steht. Künstliche Intelligenz wird auch in der Musik immer öfter als Tool verwendet. Mouse On Mars nutzen das und lassen Songtexte von AI lesen und sampeln diese Voicesnippets wiederum. Klanglich erinnert es mich an die Arbeit der Künstlerin Holly Herndon, die schon vor Jahren ihre künstliche Intelligenz SPAWN auf dem gleichnamigen Album singen hat lassen. MoM haben also keine Berührungs- oder Zukunftsängste. Im Gegenteil: Sie sehen große Chancen darin und möchten das mit AAI beweisen. Zwischen ihren Tracks hören wir gesprochene Texte über Maschinenethik, Science-Fiction und die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz. Sie liefern die Grundlagentexte also gleich dazu. Die Songtitel sind Programm und heißen: „Engineering Systems“, „Machine Rights Tools use tools“ oder „Artficial Authentic“. Das find ich hochgradig spannend und ich freu mich sehr auf ihre Klanginstallation im Münchner Lenbachhaus, die Zündfunk und Nachtmix demnächst präsentieren. (8 von 10 Punkten)

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Artificial Authentic | Bild: Mouse on Mars - Topic (via YouTube)

Artificial Authentic

Jeff Mills - The Clairvoyant

Jeff Mills gilt als Detroiter Techno-Pionier. Man könnte sagen, dass er ein Clairvoyant war – ein Hellseher. So heißt sein neues Album, auf dem er beunruhigende Harmonien anschlägt. Beim Hören schwant uns nichts Gutes. Als würde der Hellseher eine Dystopie erkennen. Mills will das Album als etwas Metaphysisches verstanden wissen, dass wir in absoluter Stille und Abgeschiedenheit hören sollten. Es ist melancholisch, introvertiert und erzeugt Verunsicherung. Es muss kein Segen sein, die Zukunft schon zu kennen. „The Clairvoyant“ ist laut Jeff Mills ein Album für zuhause, nicht für den Club. In Zeiten des Lockdowns gibt’s ist das wohl alternativlos. (7,5 von 10 Punkten)

Lost Horizons – In Quiet Moments

Die Band Lost Horizons ist das Bandprojekt von Simon Raymonde. Der ehemalige Bassist der Cocteau Twins ist der Plattenboss des renommierten britischen Indielabels Bella Union, das wiederum bekannt ist für Bands wie Fleet Foxes, Midlake oder Beach House. Auf jedem der 16 Songs der neuen Platte lässt Simon Raymonde einen anderen Sänger bzw. eine andere Sängerin ans Mikrofon. Er hat natürlich gute Kontakte und bedient sich auch fleißig an seinen Bella Union Bands. John Grant ist zu Gast, Porridge Radio oder Tim Smith von Midlake. Die ersten acht Titel von “In Quiet Moments” sind schon im Dezember erschienen, jetzt sind auch die restlichen acht Songs da. Das Album ist damit komplett. Der erste Teil ist etwas mutiger, hat auch mal düstere Momente. Der zweite Teil ist sehr verhalten soulig und sehr lieblicher Dreampop. Zu lieblich für meine Verhältnisse. (6 von 10 Punkten)

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Lost Horizons feat. Kavi Kwai - Every Beat That Passed (Official Video) | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Lost Horizons feat. Kavi Kwai - Every Beat That Passed (Official Video)

Julien Baker – Little Oblivions

Julien Baker spielte zusammen mit Phoebe Bridgers in der Band boygenius. Sie spielte auch auf Bridgers' hochgelobter Platte “Punisher” mit. Die queere Sängerin aus Memphis spielt auf ihrem dritten Album nicht mehr nur Klavier und Gitarre zum Gesang, sondern hat auch Banjos, Mandoline, Synthesizer und Schlagzeug-Beats dazu geholt. Das Album klingt dementsprechend opulenter, verliert dadurch aber auch an Intimität. In der Mitte nimmt die Platte mal vier Songs lang richtig Fahrt auf, und aus dem melodiösen Schlingerkurs wird auch mal guter Indierock. Aber sonst bleibt das Songwriting blass. Es bleibt einem kein Stück so richtig in Erinnerung. Auf eine ungewollte Weise wird das Album so seinem Titel „Little Oblivions“ gerecht. Es könnte schnell in Vergessenheit geraten. (6,5 von 10 Punkten)

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Julien Baker - "Faith Healer" (Official Music Video) | Bild: Julien Baker (via YouTube)

Julien Baker - "Faith Healer" (Official Music Video)

Cloud Nothings – The Shadow I Remember

Die Band aus Cleveland feiert den 10. Bandgeburtstag mit einem neuen Album. Der Albumtitel deutet es schon an: Erinnern, Zurückblicken, Rekapitulieren ist das Motto. Im ersten Stück „Oslo“ fragt sich Sänger Dylan Baldi: „Bin ich wirklich älter oder habe ich nur ein anderes Alter“. Da sind wir dann auch im typischen Coming of Age-Feeling, dass die Band immer schon transportiert hat. Bei all den sentimentalen Texten scheppert‘s und kracht‘s aber noch zu Genüge. Ihr Lofi-Powerpop kommt nicht mehr an das 2012er „Attack On Memory“ heran, ist aber aber immer noch unterhaltsam. (6,5 von 10 Punkten)

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Cloud Nothings - "The Spirit Of" (official audio) | Bild: Cloud Nothings (via YouTube)

Cloud Nothings - "The Spirit Of" (official audio)

Melvins – Working with God

Die Washingtoner Band, die einst schon Kurt Cobain verehrt hat. Nach etlichen Umbesetzungen sind sie fast wieder in ihrer Originalbesetzung. King Buzzo, der Bandchef mit den mittlerweile ergrauten Tingeltangel Bob Haaren, zeigt uns in seiner üblichen schlechten Manier den Mittelfinger und singt mehrmals „Fuck You“... Gleich im ersten Stück covern sie den Beach Boys-Klassiker „I Get Around“ und machen daraus „I Fuck Around“. Es ist das Lieblingswort der Melvins und kommt durchaus noch öfter. Gleich zwei Songs heißen einfach: „Fuck You“. Die Band ist der gelebte ausgestreckte Mittelfinger. Musikalisch ist diese Fuck You-Attitüde aber ein wunderbarer Motor. (7,5 von 10 Punkten)

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Melvins "I Fuck Around / Bouncing Rick" | Bild: Ipecac Recordings (via YouTube)

Melvins "I Fuck Around / Bouncing Rick"

Bob Dylan - 1970

Für eine limitierte Ausgabe der Bob Dylan 50th Anniversary Edition konnte man zuletzt als Liebhaber*in schon mal 500 bis 800 Dollar ausgeben. Die Nachfrage war also da, weswegen Sony die Compilation unter dem Namen „1970“ nochmal unlimitiert auf drei CDs veröffentlicht. Sie richtet sich vor allem an eingefleischte Dylan-Fans. Zu den mehr als 50 Nummern gehören viele unveröffentlichte Outtakes. Überwiegend aus den Studiosessions zu den Dylan-Alben „Self Portrait“ und "New Morning". Daneben gibt’s auch die komplette Aufnahmesession von 1970 mit George Harrison. Manche dieser historischen Dylan-Aufnahmen sind damals zu Recht nicht veröffentlicht worden sind. Dylan interpretiert auch Hits wie „Cant Help Falling in Love“ von Elvis Presley, „All I Have To Do Is Dream“ von den Everly Brothers oder auch „Yesterday“ von den Beatles. Die Compilation macht aber gerade dann Spaß, wenn man ins Musikstudieren kommt, die vier unterschiedlichen Versionen von „If Not For You“ miteinander vergleicht oder die Rockversion von Alligator Man gleich nach der Country-Version hört. (7 von 10 Punkten)

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Bob Dylan - Went to See the Gypsy (Take 6 - Official Audio) | Bild: BobDylanVEVO (via YouTube)

Bob Dylan - Went to See the Gypsy (Take 6 - Official Audio)


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