Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Ja, Panik, Mine, Dawn Richard und Danger Dan

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. Ja, Panik, Danger Dan, Mine, Dawn Richard, Matt Sweeney & Bonnie Prince Billy und Marianne Faithfull.

Von: Matthias Hacker

Stand: 29.04.2021

Danger Dan sitzt neben einem Keyboard und ein Mops beboachtet ihn | Bild: Jaro Suffner

Os Barbapapas - DooWooDooWoo

Diese brasilianische Psychband hat Pedro Goncalves Crescenti von International Music entdeckt. Os Barabapapas vermarkten ihren Sound selbst als „Outernational Music For Interplanetary People”. Die singenden Weingläser der sogenannten Glass Harfe geben dem Sound etwas Spaciges. Die Gitarren liefern einen Touch Western und die Tropical-Rhythmen erinnern uns daran, dass diese Band aus Südamerika kommt. Wer als Khruangbin-Fan Nachschub braucht, here you go. (7,8 von 10 Punkten)

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Os Barbapapas - DooWooDooWoo | Bild: Fun in the church (via YouTube)

Os Barbapapas - DooWooDooWoo

Dawn Richard – Second Line: An Electro Revival

„Warst du jemals bei einer Second Line?“, fragt R’n‘B Sängerin Dawn Richard ihre Mutter gleich zu Beginn ihres sechsten Soloalbums. Second Lines sind großartig. Einmal habe ich in New Orleans eine dieser euphorischen, mitreißenden Paraden erleben dürfen, wenn tausende afroamerikanische und kreolische Menschen zu den dröhnenden Grooves der Brass-Bands tanzen. Aber längst wabern bei den Paraden auch die harten Bässe aus den Lautsprechern der Umzugswägen. Da kommt der R’n‘B von Dawn Richard ins Spiel, sie will die Tradition der Second Line elektronisch neu erfinden. Die junge Generation tanzt nicht mehr nach der Trompete eines Louis Armstrong, sondern zu R’n‘B, Footwork und dem basslastigen „New Orleans Bounce“. Für Dawn Richard ist es wichtig, beides miteinander zu verbinden.

"New Orleans steht für Jazz, R’n‘B, Funk und Blues. Aber meine Stadt hat so viel mehr zu bieten. Ich will mit meiner Musik zeigen, dass es hier auch Neues, Modernes und Afrofuturismus gibt."

Dawn Richard

Für die Tochter eines Kreolen und einer Cajun-Mutter ist der Kulturmix in New Orleans eine sehr persönliche Geschichte. Sie singt über die Kreolische Sprache, über Voodoo-Bräuche oder Hurrikane Katrina, vor dem sie 2005 selbst fliehen musste. Obendrein will sie junge, schwarze Frauen in der elektronischen Musikszene empowern und ruft ihnen entgegen: „Schert euch nicht um Genregrenzen - wir sind das Genre“. So mixt sie auf der neuen Platte auch HipHop, Footwork, Bounce, RnB, Pianoballaden und Pop. Dieser große elektronische Südstaaten-Eintopf harmoniert sehr gut. Vor 20 Jahren hat sie Rapper P. Diddy entdeckt, dann war sie mit ihrer Band Danity Kane in den Charts, und jetzt ist Dawn Richard auf ihrem künstlerischen Zenit. Mit dieser Platte führt sie nicht nur die Menschen auf die Tanzfläche, sondern die kreolische Tradition in die Zukunft. (8,5 von 10 Punkten)

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Dawn Richard - Bussifame | Bild: Dawn Richard (via YouTube)

Dawn Richard - Bussifame

Teenage Fanclub – Endless Arcade

Ihre erfolgreichste Phase hatten Teenage Fanclub in den 90ern. Nach fünf Jahren Pause und 30 Jahren nach „Bandwagonesque“ sind die Schotten ihrem schnörkellosen harmonischen Süßholzraspler-Indiepop treugeblieben. Es war durchaus spannend, ob sie sich jetzt doch nochmal neu erfinden. Denn ihr Bassist Gerard Love ist ausgestiegen. Er hatte einige ihrer Hits und schönsten Melodien geschrieben. Ich kann den Teenage Fanclub-Fanclub allerdings beruhigen. Sie machen da weiter, wo sie aufgehört haben. Keine Experimente. Und sie sind eine der wenigen Bands, denen man das ohne Weiteres verzeiht. Zum Titel der Platte “Endless Arcade”, sagt Raymond McGinley: "Ich habe beim Schreiben an eine imaginäre Traumstadt gedacht, deren Arkaden endlos sind und immer so weitergehen”. Das klingt wie eine Metapher für den musikalischen Stil der Band. (6,5 von 10 Punkten)

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Teenage Fanclub - In Our Dreams | Bild: Teenage Fanclub (via YouTube)

Teenage Fanclub - In Our Dreams

Matt Sweeney & Bonnie Prince Billy – Superwolves

Vor 16 Jahren hat Folkbarde Bonnie Prince Billy zusammen mit dem Gitarristen Matt Sweeney ein Album gemacht. “Superwolf” hieß das damals und wurde von Starproduzent Rick Rubin aufgenommen. Morgen erscheint ihr zweites gemeinsames Album. Der Titel ist jetzt die Mehrzahl: “Superwolves”. Auch nach vielen Jahren und etlichen Musikprojekten sind beide noch auf derselben Wellenlänge. Das gemeinsame Musikmachen sei wie eine Ehe. Man mache sich gegenseitig besser. Bonnie Prince Billy hat wieder tolle Texte geschrieben, dazu hören wir Folk oder Americana. Matt Sweeney spielt eine warme leicht verzerrte E-Gitarre oder hat auch mal die Akustikgitarre in der Hand. Sein Southern-Gothic-Einfluss ist klar zu hören.

Was besonders auffällt: Einige Songs klingen nach Tuareg-Blues à la Tinariwen oder Bombino. Dieser Einfluss kommt nicht von ungefähr. Sweeney und Bonnie Prince Billy haben sich noch mehrere Superwölfe eingeladen, beispielsweise den nigrischen Tuareg-Gitarristen Mdou Moctar. Wie wunderbar Americana und Tuareg-Blues harmonieren, hören wir beispielsweise im Song "Shorty Ark".

Zur Feier ihres neuen Albums haben Bonnie Prince Billy und Matt Sweeney exklusiv eine Stunde lang für den Zündfunk hier auf Bayern2 ihre Lieblings-Duette aufgelegt. (8 von 10 Punkten)

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Matt Sweeney & Bonnie "Prince" Billy "Hall of Death" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Matt Sweeney & Bonnie "Prince" Billy "Hall of Death" (Official Music Video)

Mine - Hinüber

Für Duette ist auch die Mainzer Musikerin Mine immer gern zu haben. Ich erinnere mich an das Duett-Album mit Fatoni. Auf ihrem neuen Album singt sie gleich zu Beginn mit der Schweizerin Sophie Hunger. An sich schätze ich ihren kühlen Pop-Sprechgesang sehr. Sie hat ein ausgezeichnetes Gespür für ambivalente Athmosphären wie im Song “Mein Herz”. Der Sound der Platte ist mit düsteren Geigen-Passagen und Trommeln sehr orchestral. Gleichzeitig gibt es in “Elefant” einen veritablen diskoiden Pophit. Auf Albumlänge gibt es allerdings mehr Filler als Killer. Dadurch bleibt “Hinüber” blass. (6 von 10 Punkten)

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MEIN HERZ | Bild: Mine - Topic (via YouTube)

MEIN HERZ

Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Mine hat übrigens auch die Streicher für das neue Album von Danger Dan komponiert. Danger Dan kennen wir als Rapper bei der Antilopen Gang. Danger Dan hat sich schon bei Livekonzerten mit der Antilopen Gang immer wieder mal ans Klavier gesetzt. Ein ganzes Album voller Pianoballaden und Liedermacher-Songs zu machen, war ein großer Traum für ihn. Den hat er sich nun erfüllt. Mit seinem Protest-Song “Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt” hat er gerade einen Hit und Medienscoop gelandet. Er rechnet hier auf schlaue Weise mit den Strategien deutscher Rechtspopulisten ab.

Das Titelstück ist aber mit Abstand das beste Lied der Platte. Dass Danger Dan ein gutes Auge für den Zeitgeist und eine scharfe Zunge haben kann, das wussten wir schon aus seinen Texten mit der Antilopen Gang. Leider zeigt er hier das Talent zu selten. Er steht hier klar in der Tradition der Liedermacher – zwischen Politkabarett und humoristische Anekdoten. In einem Song berichtet er etwa, wie er zusammen mit Hollywoodstar Penelope Cruz in Thailand Sextouristen verprügelt hat oder sich auf ein Konzert von Lou Reed schlich. Sein Humor und Wortwitz können ein scharfes Schwert sein, aber er lässt das Schwert die meiste Zeit stecken. „Das ist Alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ erfüllt nicht die hohen Erwartungen, die die gleichnamige Single geweckt hat. Es bleibt gute, solide Unterhaltung. (6,5 von 10 Punkten)

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Danger Dan - Eine gute Nachricht (Antilopen Gang) | Bild: Antilopen Gang (via YouTube)

Danger Dan - Eine gute Nachricht (Antilopen Gang)

Ja, Panik – Die Gruppe

Sieben Jahre haben uns die in Berlin lebenden Österreicher auf ein neues Album warten lassen. Obwohl die Texte schon vor der Pandemie entstanden sind, klingt das Album mit den düsteren Lyrics des Andreas Spechtl und seinem unterkühlt-monotonen Sprechgesang wie eine Corona-Platte. Es ist ganz große Kunst. Die poetisch-posenhafte Attitüde Spechtls, die kapitalismuskritischen Texte im englisch-deutschen Mix und dazu die düsteren Dronesounds und die Kakophonie des Saxophons. Großartig. Andreas Spechtl hat vieles von der Soundästhetik seines avantgardistischen Soloprojekts mitgebracht. Trotzdem verstehen sich Ja, Panik heute mehr denn je als Gruppe, als Kollektiv, als Mehrzahl von Individuen und gleichzeitig ist die Gruppe „Ja, Panik“ mehr als nur die Band und die Summe der einzelnen Teile. Sie machen mittlerweile alles selbst: Artwork, Label, Produktion. Der DIY-Gedanke passt zum Kapitalismuskritiker Spechtl, der ja schon auf früheren Alben die Folgen des Kapitalismus angeprangert hat. Gerade in Pandemiezeiten zeigt sich das Prophetische in Spechtls Worten. (8 von 10 Punkten)

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Ja, Panik - Apocalypse Or Revolution | Bild: Bureau B (via YouTube)

Ja, Panik - Apocalypse Or Revolution

Marianne Faithfull (with Warren Ellis) – She Walks In Beauty

Bleiben wir im düsteren Klangkosmos und beim Sprechgesang. Auf “She Walks In Beauty” rezitiert Marianne Faithfull britische Romantiker wie Lord Byron oder Percy Shelley. Die musikalische Untermalung kommt von Warren Ellis. Die sphärischen Streicher und die vom Synthesizer elegisch hinausgeblasenen Nebelschwaden erinnern an die Platten, die Warren Ellis zuletzt mit Nick Cave gemacht hat. Der wollte es sich übrigens nicht nehmen lassen und hat hier Klavier gespielt. Schließlich teilt Nick Cave ihre Liebe zur Poesie. Auch Brian Eno war mit von der Partie. Zum Glück sind die Aufnahmen noch vor dem ersten Lockdown entstanden, denn die heute 74-jährige Marianne Faithfull ist kurz darauf an Covid erkrankt und wäre beinahe gestorben. (7 von 10 Punkten)

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Marianne Faithfull with Warren Ellis - She Walks in Beauty (Lyric Video) | Bild: Marianne Faithfull (via YouTube)

Marianne Faithfull with Warren Ellis - She Walks in Beauty (Lyric Video)

The Coral – Coral Island

Auf diesem Doppelalbum hören wir auch gesprochenes Wort. Sänger James Skelly trägt zwischendurch immer wieder kurze Texte über die titelgebende Insel “Coral Island” vor. In den Nullerjahren haben The Coral ihre Fans mit Vintage-Melodien verzaubert. Mich eingeschlossen. Das war lange bevor Vintage wirklich hip wurde. Nun hat die Zeit die Band längst eingeholt. Trotzdem mag ich ihre Mischung aus nostalgischem Country und Indie-Folk nach wie vor gerne. Aber ein Doppelalbum hätte es nicht gebraucht. Das Verhältnis von Qualität und Quantität stimmt nicht. (6,5 von 10 Punkten)

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The Coral - Lover Undiscovered (Official Video) | Bild: TheCoralVEVO (via YouTube)

The Coral - Lover Undiscovered (Official Video)


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