Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Haim, Khruangbin und Arca

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Haim, Khruangbin, Carlos Niño & Miguel Atwood-Ferguson, Sofie, Benjamin Biolay, Gordi, Becca Mancari, Jessie Ware, PC Nackt und Nadine Shah und Arca.

Von: Angie Portmann

Stand: 25.06.2020

Cover: Khruangbin - Mordechai | Bild: Dead Oceans

Haim - Women In Music Pt. III

Bisher waren mir Haim meistens zu glatt, zu cheesy. Aber „Women in Music Pt. III“ hat mich positiv überrascht. Sehr charmante Feel-Good-Music ist das diesmal. Plötzlich liegt da eine Unschärfe, ein Retro-Filter über den Songs, der auch eine Two-Step-Nummer wie „I know alone“ zeitlos und gleichzeitig völlig zeitgemäß wirken lässt. Ebenso wie einen gut gelaunten, aber seltsam verzerrten Pop-Song wie „Up from a dream“, eine R’n’B-Nummer wie „3 am“ oder „Leaning on you“, der in Richtung Folk geht. Hier hat sich ein Twist in den Haim-Sound eingeschlichen, eine Abkehr vom Hochglanz-Pop und eine Ahnung von Lo-Fi, die ihrer Musik sehr gut steht.

Die drei Schwestern Danielle, Alana und Este Haim veröffentlichen jetzt schon seit  2012 zusammen Musik, aber noch nie klangen sie in meinen Ohren so abwechslungsreich, stilistisch so experimentierfreudig und gleichzeitig so homogen. Ihre Texte erzählen vom Down-Sein, obwohl doch die Liebe des Lebens neben einem liegt („I’ve been down“), dem Durchhalten auf Tour, während beim eigenen Freund und Produzenten des Albums Ariel Rechtshaid Krebs diagnostiziert wird („Summergirl“). Aber auch von den Vorurteilen, wenn man als Frau in einem Gitarrenladen einkaufen geht. Die großen und kleinen Dramen im Leben der drei Schwestern werden hier sehr offen verhandelt.

Ihre ersten Auftritte hatten die drei Schwestern übrigens schon in jungen Jahren als Coverband zusammen mit ihren Eltern, ihrer Mutter Donna und ihrem Vater Mordechai. Ein hebräischer Name, der momentan gerade sehr en vogue zu sein scheint … denn auch das neue, das vierte Album von Khruangbin heißt „Mordechai“. (7,9 von 10 Punkten)

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HAIM - Don't Wanna (Official Audio) | Bild: HaimVEVO (via YouTube)

HAIM - Don't Wanna (Official Audio)

Khruangbin – Mordechai

Laura Lee Ochoa, Mark Speer und Donald Ray „DJ“ Johnson Jr. veröffentlichen gerade jedes Jahr ein Album, Khruangbin geben richtig Gas. Im Gegensatz zu ihrer Musik, die klingt nach wie vor ultra entspannt, smooth und wunderbar psychedelisch. Mit “Con todo el mundo” hatte das texanische Trio 2018 seinen Durchbruch und landete in den ZF-Jahrescharts, „Hasta el cielo“ war dann der Dub-Nachfolger. Mit „Mordechai“ ist jetzt Album Nummer 4 erschienen. Und auch diesmal werden beim Hören wieder Glückshormone ausgeschüttet. Es groovt angenehm sanft und der kosmopolitische Feel-Good-Funk der Band kommt uns diesmal sogar mit Gesang. Und der klingt so zurückgenommen, verstrahlt und elegant wie der Rest der Platte. In der Info der Plattenfirma heißt es, auf dem Album sei Gesang in 14 Sprachen zu hören – außer englisch und spanisch wär mir, ehrlich gesagt, nichts aufgefallen. Was aber auffällt ist z. B. eine Latin-Rock-Nummer wie das schwungvolle „Pelota“, runtergedimmte Disco-Banger wie „Time (you and I)“ oder schön angeschrägter Slowmotion-Gospel wie „If there is no question“. Unglaublich wie diese Band es immer wieder schafft so unangestrengt, so zeitlos cool zu klingen und gleichzeitig so einzigartig, so absolut nach Hier und Jetzt. (8,2 von 10 Punkten)

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Khruangbin - Mordechai (2020) | Bild: escavações sonoras (via YouTube)

Khruangbin - Mordechai (2020)

Sofie – Cult Survivor

Sofie Fatouretchi ist in Kalifornien und in Wien aufgewachsen. Der Vater Iraner, die Mutter Österreicherin. Auf FM4 ist sie immer wieder zu hören, wenn sie in der Sendung „Sofies Tapes“ ihre Plattensammlung vorstellt. Und die ist umfangreich: denn die 28-jährige hat schon als Kuratorin für die Streaming-Plattform Boiler Room gearbeitet. Und für Stones Throw Records. Da war sie Digital Manager. Vor vier Jahren ist sie nach Wien zurückgekehrt und dort ist jetzt auch ihr charmant verschwommenes Dream-Pop-Debüt „Cult survivor“ entstanden. Melancholischer Bedroom-Pop mit wehmütig-warmen Synthie-Vibes aus den 80‘s, die mich an Ariel Pink und seine psychedelischen Westcoast-Harmonien erinnern. (7,5 von 10 Punkten)

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Sofie - Guest | Bild: Stones Throw (via YouTube)

Sofie - Guest

Benjamin Biolay – Grand Prix

Nouveau Chanson-Routinier Benjamin Biolay feiert auf seinem neunten Album „Grand Prix“ den Motorsport bzw. dessen Hauptakteure. "Das Leben der Piloten hat mich schon immer von einem romantischen und fast schon shakespearesken Standpunkt aus fasziniert", gesteht der Franzose. Und so geht es in fast jedem Song um die Formel 1, um verunglückte Fahrer wie den Formel-1-Piloten Jules Bianchi genauso wie um verunglückte Lieben. Die Rennstrecke als Metapher für unser rastloses Leben quasi. Das Chanson-hafte kreuzt dabei Biolays Liebe zu britischen Bands wie New Order oder Teenage Fanclub. Das mag jetzt etwas verwegen klingen, diese Kombi, hat aber einen grandiosen Schmelz. Und dafür lieben wir sie doch, die Franzosen, oder nicht? (7,6 von 10 Punkten)

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Benjamin Biolay - Vendredi 12 (Clip Officiel) | Bild: BenjaminBiolayVEVO (via YouTube)

Benjamin Biolay - Vendredi 12 (Clip Officiel)

Gordi – Our Two Skins

Sophie Payten aka Gordi war schon mit Bon Iver und Troye Sivan im Studio. Mit „Our two skins“ veröffentlicht die junge Ärztin aus Australien morgen ihr zweites Album. Ein Album, das vor allem in seinen ruhigen Momenten bei mir punkten kann. Wenn Gordi z.B. in dem Song „Aeroplane Bathroom“ eine Panikattacke besingt, die sie auf der Flugzeugtoilette während eines Flugs von Australien nach Europa hatte. Dann erzählt der Raum zwischen den Tönen mehr als viele Worte. Auch „Volcanic“, „Radiator“, „Hate the world“ und „Look like you“ sind minimalistische, eindringliche Songs, die die Stille zelebrieren. Der Folk-Pop dazwischen läuft manchmal Gefahr etwas zu belanglos zu klingen … etwas mehr musikalische Experimente a la Bon Iver hätten Gordi sicher nicht geschadet. (7,4 von 10 Punkten)

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Gordi - Volcanic (Official Video) | Bild: GordiVEVO (via YouTube)

Gordi - Volcanic (Official Video)

Becca Mancari  - The Greatest Part

Becca Mancari hat italienisch-puertoricanische Wurzeln, kommt ursprünglich aus New York, lebt aber mittlerweile in Nashville. Dort ist sie ein Teil der Band Bermuda Triangle, zusammen mit Jesse Lafser und Brittany Howard von den Alabama Shakes. Solo macht sie subtil-sanften Folk auf dem Weg zum Dream Pop. Mit ihrem neuen Album „The greatest part“ reiht sie sich jetzt ein in den illustren Kreis von wunderbaren weiblichen Folk-Stimmen, zu denen z.B. auch Lucy Dacus oder Julien Baker gehören. Oder auch die von mir hochgeschätzte Alynda Segarra, Frontfrau von Hurray for the Riff Raff, mit der Mancari auch schon auf der Bühne stand.  

In ihren Songs verhandelt Mancari u. a. ihr Verhältnis zu ihrer strikt christlich-fundamentalistischen Familie nach ihrem Coming-Out. Wühlt in ihren Wunden, um sich endlich davon zu befreien. Erstaunlicherweise hört man ihr sehr gern dabei zu. (7,8 von 10 Punkten)

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Becca Mancari - Lonely Boy (Official Video) | Bild: BeccaMancariVEVO (via YouTube)

Becca Mancari - Lonely Boy (Official Video)

Jessie Ware – What’s Your Pleasure?

Die Britin Jessie Ware dagegen sagt: Schluss mit der Traurigkeit und „let’s have some fun now”. Angeblich hatte sie ein künstlerisches Tief. Rausgekommen sei sie da nur dank des Food-Podcasts, den sie zusammen mit ihrer Mutter macht. In „Table manners“ reden die beiden beim gemütlichen Essen über genau das: Essen und Familie. Und empfangen dazu Superstars wie Ellie Goulding, John Legend und Ed Sheeran.

Für ihr neues Album hat ihr James Ford (fame of Simian Mobile Disco) hübsche Dance-Beats gebastelt. Der ein oder andere hätte vielleicht auch den Pet Shop Boys gefallen, nur dass deren Texte wesentlich cleverer sind als die schmachtenden Lyrics von Ware. „Stop go fast slow“, Jessie Wares Wegweiser in Richtung pleasure dome ist etwas dürftig. „What’s your pleasure?“ ist Musik für eine imaginäre Clubnacht, in der getrunken, gefeiert, getanzt und geflirtet werden soll. Ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, die Menschen in die Clubs locken zu wollen, momentan vielleicht etwas schwierig, aber das wird sich hoffentlich wieder ändern. Mein Problem an dieser Disco-Pop-Platte ist nur, dass ich persönlich niemals in diesen Club gehen möchte, für den Jessie Ware dieses Album gemacht hat. (6 von 10 Punkten)

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Jessie Ware - Save A Kiss | Bild: JessieWareVEVO (via YouTube)

Jessie Ware - Save A Kiss

Nadine Shah – Kitchen Sink

Wir bleiben noch etwas in der Küche, aber in einem ganz anderen Kontext. Nadine Shah, britische Musikerin mit norwegisch-, pakistanischen Wurzeln hat ihr jüngstes Album „Kitchen sink“ genannt. Es geht um die Küche und ihre Abgründe, um Sexismus und Frauen in ihren Dreißigern, deren Leben sich seltsam anfühlt nur weil sie noch nicht verheiratet bzw. noch kinderlos sind. Es geht um den Druck, den die Gesellschaft auf diese Frauen ausübt. Einen Druck, den auch Nadine Shah spürt und dem sie sich mit viel Witz, Trotz und sägenden Gitarren entgegenstemmt. Ein schwer groovendes Statement in Sachen weiblichem Empowerment. Eines meiner Alben der Woche. Danke Nadine. (8,1 von 10 Punkten)

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Nadine Shah - Club Cougar (Official Audio) | Bild: Nadine Shah (via YouTube)

Nadine Shah - Club Cougar (Official Audio)

Arca – Kick I

Arca ist ein Gesamtkunstwerk mit einem bedingungslosen Gestaltungswillen, der nicht nur die Musik, sondern auch den eigenen Körper betrifft. 1989 in Caracas, Venezuela, als Alejandro Ghersi geboren ist Arca mittlerweile Alejandra und hat sich als nicht-binär geoutet. Ihre Kreativität ist immens und seit 2013 Kanye West sein Album Yeezus teilweise von Arca produzieren ließ, ist sie eine mehr als gefragte Produzentin. Björk, FKA Twigs oder Sophie gehören u.a. zu ihren Kundinnen. Für sie und auch für ihr viertes Album hat Arca Sound-Skulturen geschaffen, die in ihrer Radikalität kaum zu toppen sind. Der Arca-Sound verletzt und hat gleichzeitig eine unbändige Strahlkraft, ist fragil und brutal zugleich. Noise trifft auf Glas, zerspringt und mutiert zu Future-Pop. Nicht ohne ihm vorher noch Bubblegum, Reggaeton oder Dancefloor-Banger implantiert zu haben.

Für „Kick I“ hat Arca ihre Kontakte spielen lassen, die Gästeliste ist prominent. Von den bereits erwähnten Björk und Sophie über die Flamenco-Retterin Rosalía bis zu Shygirl, mit der Arca erst vor kurzem einen Song veröffentlicht hat, „Unconditional“, um damit Geld für die Black-Lives-Matter-Bewegung zu sammeln.

Sich selbst und ihre Musik bringt Arca mit zwei Sätzen perfekt auf den Punkt: “I don't want to be tied to one genre,” sagt Arca über ihren Sound und “I don't want to be labeled as one thing". Damit trifft Ghersi nicht nur sich und ihre Musik, sondern auch den Zeitgeist direkt in sein fluides Auge. Was gestern noch fix war ist heute schon im Wandel und hat sich spätestens morgen völlig neu erfunden. Transformation ist das neue Normal und Arca das perfekte Role-Model für diese neue Pop-Ästhetik. (8 von 10 Punkten)

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Arca — Time | Bild: Arca (via YouTube)

Arca — Time

PC Nackt - Plunderphonia

„Plunderphonia“ nennt sich eine neue Serie, die Sampling mit Klassik verbindet, quasi die DJ-Kicks der klassischen Musik. Das Debütalbum für „Plunderphonia“ hat der Grammy nominierte Künstler PC Nackt aufgenommen. Hinter dem schönen Pseudonym PC Nackt verbirgt sich der Berliner Musiker, Komponist, Produzent und Performancekünstler Patrick Christensen, der unter anderem schon mit Apparat und José González zusammengearbeitet hat.  Klassische Klavierkompositionen von Bach, Schubert, Mozart, Scarlatti und Schumann wurden von PC Nackt radikal bearbeitet, editiert, geloopt und live neu eingespielt. Dadurch entstanden Kompositionen, die Klassik in einem völlig neuen, teilweise sehr hippen Outfit zeigen.

Zu „Space“, der ersten Single von Franz Schubert, sagt PC Nackt: "Mit Franz Schubert kam ich erstmals in Berührung, als mich der deutsche Punkpoet Schorsch Kamerun dazu inspirierte, Stücke aus Schuberts "Winterreise" auf dem ipad zu remixen, als Teil der Elektro-Opern, die wir seit 2015 gemeinsam kreieren. Für das Stück "Space_Schubert" wählte ich "Impromptu Nr 4", weil ich das Klaviermotiv so sehr liebe, dass es wie ein elektronischer Sequenzer klingt, und weil ich mich in Schuberts aufrichtige und doch melancholische Musik verliebt habe.“ (7,3 von 10 Punkten)

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PC Nackt - Exobase_Scarlatti (Plunderphonia) | Bild: 7K! (via YouTube)

PC Nackt - Exobase_Scarlatti (Plunderphonia)

Carlos Niño & Miguel Atwood-Ferguson  - Chicago Waves

Was klingt wie Field-Recordings aus der Vogelvoliere verschlungen mit Improvisationen aus dem Orchestergraben sind allein die beiden Musiker Carlos Niño & Miguel Atwood-Ferguson. Beide kommen aus LA, Miguel Atwood-Ferguson ist Violinist, Komponist, Produzent und Session-Musiker, der auch schon mit Kamasi Washington, Thundercat und Flying Lotus zusammengearbeitet hat. Sein langjähriger Freund Carlos Niño ist ebenfalls ein gefragter Musiker und Produzent, ist aber neben seinem Musiker-Dasein als Ammon Contact oder Build an Ark auch ein leidenschaftlicher Produzent von Radio-Shows. Die beiden haben schon oft zusammengearbeitet, u.a. haben sie 2009 „Suite for Ma Duke“ veröffentlicht. Ein kammermusikalisches Tribute-Album für J. Dilla. Post-HipHop sozusagen. Vor allem die Videos zu diesen Live-Sessions sind absolut sehenswert.

Auch ihr aktuelles Album „Chicago Waves“ war ursprünglich eine Live-Session. Die beiden waren in Chicago, um beim Album-Release-Konzert von Makaya McCravens „Universal Beings“ mitzuspielen. Am Abend danach improvisierten sie noch ein Set, was jetzt, zwei Jahre später, von International Anthem veröffentlicht wird. Jenem Label, das in Sachen Outstanding Jazz gerade so groß ist. Mit Jazz hat „Chicago Waves“ allerdings wenig zu tun, ich würde es eher als sehr atmosphärische, sehr ambitionierte Meditationsmusik bezeichnen. Als New Age - was hier durchaus positiv gemeint ist. Etwas Harmonie schadet uns schließlich nicht in diesen manchmal so unfreundlichen Zeiten. (7,7 von 10 Punkten)


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