Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Gorillaz, Adrianne Lenker und Loma

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Neue Platten gibt's unter anderem von Juana Molina, Gorillaz, clipping, Loma, This Is The Kit, Laura Veirs, Bruce Springsteen, Jeff Tweedy, Adrianne Lenker, Ela Minus und Actress.

Von: Thomas Mehringer & Ralf Summer

Stand: 22.10.2020

Loma - Don't Shy Away | Bild: Sub Pop Records

Juana Molina – Anrmal (Live in Mexico)

Mit “Anrmal” hören wir eines der wenigen, halbwegs aktuellen Livealben zur Zeit - und die erste Liveplatte überhaupt von der argentinischen Indie-Heldin Juana Molina. Aufgenommen im März in Mexiko, kurz bevor die Pandemie die Welt zum Stillstand gebracht hat. Tatsächlich wirken die Aufnahmen wie aus einer anderen Zeit, weil das Publikum in die Gitarrensoli reinjohlt und vor sowie nach den Songs die Künstlerin ausgiebig mit Applaus gefeiert wird. Man hat die dicht gedrängten Menschen vor der Bühne direkt vor Augen. Davon lenken nur die grandiosen, sehr gitarrenlastigen Songs auf dem Livealbum ab. Die reißen nämlich wirklich mit und sind für ein Livealbum auch toll kompiliert und gemischt. (7 von 10 Punkten)

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Juana Molina - Eras (Official Music Video) | Bild: Juana Molina (via YouTube)

Juana Molina - Eras (Official Music Video)

Gorillaz – Song Machine: Season One „Strange Timez“

“Song Machine” heißt die Web- und Videoserie, die Jamie Hewlett und Damon Albarn mit ihren Gorillaz Anfang des Jahres gestartet haben. Der Modus: Gäste wie Robert Smith von The Cure, St. Vincent, Beck oder Elton John besuchen Albarn in seinem Kong Studio in London. Sie nehmen zusammen auf, Jamie Hewlett dreht ein Video, die Gäste produzieren Skits und zack, wird das Ganze in Social Media und in die Streamingdienste geschossen. Song für Song, in unregelmäßigen Abständen. Jetzt erscheinen elf dieser Song Machine-Stücke auf einem Album mit dem Untertitel: “Season One, Strange Timez”. Das heißt aber auch, die meisten der Stücke kennen wir schon. Leider sind die Songs mit den bekanntesten Feature-Gästen auch die eindimensionalsten - da überrascht nichts, weil beispielsweise Robert Smith oder Peter Hook einfach nur ihre bekannten Stärken ausspielen. Spannend wird “Song Machine”, wenn wir unbekanntere Künstler*innen hören, dann kriegen die Songs auch oft Dynamik und den bekannten Gorillaz-Groove. Fazit: Die Webserie bleibt spannend, weil man auch immer wieder von den Feature-Gästen und Videos überrascht wird, als klassisches Album funktioniert “Song Machine” eher mäßig. (6,5 von 10 Punkten)

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Gorillaz - The Pink Phantom ft. Elton John & 6LACK (Episode Seven) | Bild: Gorillaz (via YouTube)

Gorillaz - The Pink Phantom ft. Elton John & 6LACK (Episode Seven)

clipping. – Visions Of Bodies Being Burned

Steile These: Das Album “Visions of Bodies Being Burned” vom Trio clipping. ist besser als das letzte Shabazz-Palaces-Album. Das Label von beiden avantgardistischen Acts wird die These nicht stören, schließlich heißt das in beiden Fällen Sub Pop. In meiner Wahrnehmung schaffen clipping. das, weil sie um einiges radikaler daherkommen als zuletzt Shabazz Palaces: Horrorcore heißt das Genre, das sie seit zwei Alben beackern. Für das Trio um Schauspieler Daveed Diggs ist nicht space the place, sie feiern auf ihrem neuen Album das radikale schwarze Independent-Kino der 90er - und empowern so die schwarze Community. Was als Remix-Projekt angefangen hat, bringt den Hip-Hop mittlerweile Album für Album einen großen Schritt nach vorne. (7,8 von 10 Punkten)

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Clipping - Say the Name [LYRIC VIDEO] | Bild: clppng (via YouTube)

Clipping - Say the Name [LYRIC VIDEO]

LOMA – Don’t Shy Away

Das Debüt des Trios Loma war 2018 Album des Jahres bei Nachtmix-Chef Roderich Fabian. Jetzt erscheint das zweite Album des eher ungewöhnlichen Trios, denn Emily Cross und Dan Duszynski waren, als sie ihr Debüt aufgenommen haben, noch verheiratet, als es erschien nicht mehr. Der dritte im Bunde heißt Jonathan Meiburg, den wir als Frontmann von Shearwater kennen. Das Ex-Ehepaar und Meiburg haben ihre sanften Indie-Folk-Songs wieder reifen lassen - wie einen guten Wein. Über Monate hinweg geben sie den Songs Raum sich weiter zu entfalten, arbeiten behutsam und überlegt an jedem der elf Tracks weiter. Das Ergebnis auf “Don’t Shy Away” steht dem Debüt in wenig nach. Neben Roderich Fabian gibt es noch einen prominenten Fan: Brian Eno hat einen Song auf dem neuen Album produziert. (8,3 von 10 Punkten)

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Loma - Don't Shy Away [OFFICIAL VIDEO] | Bild: Loma Band (via YouTube)

Loma - Don't Shy Away [OFFICIAL VIDEO]

This Is The Kit – Off Off On

Mit “Moonshine Freeze” hatten This Is The Kit, die britische Band um Frontfrau Kate Stables, 2017 einen kleinen Sommerhit. Beim ersten Hören merkt man gleich, dass sich die saxifizierte Band vor der Pandemie in eine Hütte in die walisische Wildnis zurückgezogen hat, um an der Erfolgsformel von “Moonshine Freeze” anzuknüpfen. Beim zweiten Hören habe ich aber gemerkt: Damit tue ich This Is The Kit Unrecht, denn hier hat eine Band - und allem voran Kate Stables - eine eigene, empathisch warme Stimme gefunden und sie perfektioniert sie auf “Off Off On”. Den Albumtitel kann man deuten als “Zwei Schritte zurück, einen vor”, in Zeiten einer Pandemie nicht das dümmste Verhalten. (7,6 von 10 Punkten)

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This Is The Kit - Was Magician | Bild: This Is The Kit (via YouTube)

This Is The Kit - Was Magician

Laura Veirs – My Echo

Die studierte Geologin Laura Veirs liefert auf ihrem elften Album “My Echo” auch wieder ein Werk, dass vor der Pandemie entstanden ist und doch wie Hinterteil auf Eimer in die Zeit passt. Es geht um das Ausbrechen und Freiheit finden. Anlass: Die Trennung von Tucker Martine - allerdings nur privat. Der hoch dekorierte Produzent aus Nashville und die Ausnahme-Songwriterin Laura Veirs haben ihre Beziehung beendet - nicht doch aber ihre Zusammenarbeit für dieses Album, auf dem sie das Scheitern der Ehe natürlich auch thematisiert. Das nennt man Professionalität. Wir hören zehn freiheitssuchende Songs, die allerdings auch etwas zu professionell präsentiert werden. Richtig mitgefühlt beim Freischwimmen, habe ich beim Hören selten. (6,7 von 10 Punkten)

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Laura Veirs - Another Space and Time (Official Music Video) | Bild: Laura Veirs (via YouTube)

Laura Veirs - Another Space and Time (Official Music Video)

Bruce Springsteen – Letter To You

Bruce Springsteen hat gerade angekündigt, dass wenn Donald Trump die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnen sollte, er nach Australien auswandert. Was natürlich im Umkehrschluss eine unmissverständliche Wahlempfehlung für Joe Biden ist. Da würde man erwarten, dass auch das neue Album des Bosses politisch daherkommt. Dem ist nicht so. Viel mehr redet der alte Bruce, auch schon 71, mit dem jungen Bruce - auf “Letter To You” schaut Springsteen zurück, zweifelt, grämt und bereut, aber er tröstet damit auch. Wenn man so will, macht Springsteen mit diesem sehr persönlichen Album Wahlkampf in den Suburbs, er singt und reflektiert über gemeinsame Werte, Gemeinschaft - und das musikalisch so frisch wie in den 70ern. Auf den letzten Alben waren die Arrangements zum Großteil auf der Spätwerk-Schiene, jetzt bricht Springsteen nochmal aus, fährt mit einem Dodge den Highway lang, den Fuß nur auf dem Gas. Zurück in die Zukunft. (8,4 von 10 Punkten)

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Bruce Springsteen - Letter To You (Official Video) | Bild: BruceSpringsteenVEVO (via YouTube)

Bruce Springsteen - Letter To You (Official Video)

Jeff Tweedy – Love Is The King

Die Songs aus dem Isolations-Album von Jeff Tweedy, dem Frontmann von Wilco, zu hören, ist ein ziemlich komisches Gefühl für mich, denn vor ziemlich genau einem Jahr habe ich Tweedy mit Wilco noch live in der Radio City Music Hall in New York sehen dürfen - vor Corona. Das Jahr fühlt sich aber an wie zehn Jahre - und Tweedy verhandelt auf “Love Is The King” auch die komplette Gefühlspalette, die man im letzten Jahr haben konnte. Er sagt, er habe angefangen die Songs für das Soloalbum zu schreiben, um sich selbst zu trösten. Die Grundstimmung war: “Mir ist so viel Schönes widerfahren, ich liebe mein Leben”. Und dann kommen aber auf Songs wie “Bad Day Lately” oder “Natural Disaster” doch die Zweifel, die jeder von uns in den vergangenen Monaten hatte. Die Genres Country und Folk haben ja per se die Kraft und Fähigkeit zu trösten, Jeff Tweedy tut hier alles dafür, dass das auch eintritt, mit fantastischen Songs wie “Even I Can See” oder “Gwendolyn” - auch wenn gerade alles nicht so einfach ist. (7,9 von 10 Punkten)

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Jeff Tweedy "Gwendolyn" (Official Music Video) | Bild: wilco (via YouTube)

Jeff Tweedy "Gwendolyn" (Official Music Video)

Adrianne Lenker – songs / instrumentals

Mit ein bisschen Pech würden wir hier die zweite Taylor Swift hören. Adrianne Lenker, die Sängerin der US-Band Big Thief, wurde als Teenagerin schon von Plattenbossen in Richtung christlicher Mainstream-Country aufgebaut. Für meine Ohren ist Lenker aber nach komplizierter Jugend mit christlicher Sektenvergangenheit doch noch richtig abgebogen. Mittlerweile ist sie eine der weiblichen Folk-Stimmen der USA - und das wird sich mit den beiden Alben “songs” und “instrumentals” nur noch verfestigen. Adrienne Lenker hat Herzschmerz gebeutelt in einer Hütte in den Bergen von Massachusetts meist prägnante Songs geschrieben und aufgenommen, man könnte auch sagen: den Bon Iver gemacht. Der Rhythmus kommt hier nicht von einem Schlagzeug, sondern vom Regen, der auf die Hüttenfenster prasselt. Ein Heilungsalbum ist es geworden, to mend a broken heart. Aus den Jams in der Studio-Hütte mit Soundtüftler Phil Weinrobe sind auch zwei episch lange und leider auch langweilige Instrumentals entstanden, die Adrienne Lenker gleich mitveröffentlicht. (7,3 von 10 Punkten)

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adrianne lenker - anything (official audio) | Bild: Adrianne Lenker (via YouTube)

adrianne lenker - anything (official audio)

Ela Minus – acts of rebellion

Aus der beliebten Musik von Morgen-Rubrik “Ausgebildete Musikerin, die ihre Synthies selbst baut” kommen wir zu: Ela Minus. Heißt eigentlich Gabriela Jimeno, geboren in Kolumbien, lebt jetzt in Brooklyn und bringt auf ihrem Debütalbum Punk, DIY und Elektronik so außergewöhnlich und packend zusammen, wie Jahre schon niemand mehr vor ihr. Wir hören auf “acts of rebellion” Clubmusik für daheim, die vom Geist des Punk durchströmt ist. Ela Minus war fast ein Jahrzehnt Schlagzeugerin einer Hardcore-Band. Das vielleicht beste Debütalbum in dieser Wahnsinn-Veröffentlichungswoche kommt von Ela Minus. (8 von 10 Punkten)

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Ela Minus - dominique | Bild: Ela Minus (via YouTube)

Ela Minus - dominique

Actress – Karma & Desire

Hinter Actress steckt der ehemalige Fußballprofi Darren J. Cunningham. Zuletzt haben wir ein formidables bandcamp-Mixtape von ihm gehört, jetzt erscheint das Album “Karma & Desire” auf Ninja Tune. Obwohl er tolle Gäste wie Sänger Sampha auf dem Album hat, enttäuschen die Vocal-Stücke hier weitestgehend, vielleicht auch weil es die längsten Stücke sind. Weniger ist mehr gilt für dieses Actress-Album. (7,2 von 10 Punkten)

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Actress - 'Loveless (feat. Aura T-09)' (Official Audio) | Bild: Ninja Tune (via YouTube)

Actress - 'Loveless (feat. Aura T-09)' (Official Audio)

BAIRD - Birdsong Vol 2 

Ein junger Amerikaner geht nach Mexiko City, wohnt über einer Kneipe, die viel und laut brazilianische Musik spielt. Vor allem die von Gitarristen. Er schreibt Songs mit seiner Gitarre, die er nun auch wie die Brasilianer oder Mexikaner flirren lassen kann. Mit den Beats dazu, die er programmiert, kommt etwas Eigenes raus. Er nennt sich Baird und „Birdsongs Volume Two“ seine neue EP, die auch morgen am Platten-Overkill-Tag veröffentlicht wird. Baird klingt wie ein Mix aus Mac DeMarco und Oscar Jerome, nur mit noch mehr Sonne. (7,7 von 10 Punkten)

Soundtrack KAJILLIONAIRE

Allein schon wegen wie dieser Coversion will ich den neuen Film von Miranda July sehen: Angel Olsen interpretiert „Mr Lonely“, den 60s-Schmachtfetzen von Bobby Vinton - der Musiker, der schon einmal groß im Kino auftauchte. Das von ihm gesungene „Blue Velvet“ passte unübertroffen in den gleichnamigen David Lynch-Film. Den Rest des Soundtracks von „Kajillionaire“ besorgte nicht Angel Olsen, sondern Emile Mosseri. Mit einem Score, der genug Platz für eigene Bilder lässt. Und nun muss ich ins Kino! (7,2 von 10 Punkten)

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Emile Mosseri - Kajillionaire (Album in Suite / Original Motion Picture Soundtrack) | Bild: ScoreWorld (via YouTube)

Emile Mosseri - Kajillionaire (Album in Suite / Original Motion Picture Soundtrack)


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