Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Tune Yards, Lost Girls und Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra "Promises"

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. Tune Yards, Serpentwithfeet , Noga Erez, First Aid Kids, Joe Strummer, Death from Above, Xiu Xiu, Floating Points & Pharaoh Sanders und Lost Girls.

Von: Angie Portmann

Stand: 26.03.2021

serpentwithfeet - Deacon | Bild: Secretly Canadian

Tune-Yards – Sketchy.

Seit zwölf Jahren steht Merrill Garbus jetzt schon für superkomplexen Art-Pop mit nicht weniger komplexen Themen. Themen wie kulturelle Aneignung, Umweltverschmutzung, Rassismus und sexuelle Gewalt. Auf ihrem neuen Album „Sketchy“ geht’s diesmal aber vor allem um die Person Garbus selbst, ebenfalls hochkomplex, versteht sich. Das Phänomen Tune-Yards, zu dem seit 2011 auch Bassist Nate Brenner gehört, war ursprünglich vor allem eins. Chaos. Die ungewöhnlichsten Samples und Beats plus Ukulele und die hyperaktive Stimme von Merrill Garbus prallten auf Hip Hop, Indie, Afropop. Ein großer Spaß, unberechenbar und wild. Mit den Jahren und Alben hat sich das Duo allerdings immer weiter Richtung Pop entwickelt. Ok, das bratzt und pfeift immer noch ordentlich, ist auch nach wie vor eher kantig als windschnittig chartskompatibel. Aber Merill Garbus hat mit ihrem neuen Album „Sketchy“ eine super eingängige Pop-bzw. Soul-Platte am Start. Euphorisch und voller Überraschungen (Ausnahme: der Track „Silence“, der aus 60 Sekunden tatsächlicher Stille besteht). (7,5 von 10 Punkten)

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Tune-Yards - hypnotized (Official Video) | Bild: Tune-Yards (via YouTube)

Tune-Yards - hypnotized (Official Video)

Serpentwithfeet – Deacon

Passend zum allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen Trend der Individualisierung und Selbsterforschung beschäftigt sich auch Serpentwithfeet auf seinem neuen Album „Deacon“ mit sich selbst … und seiner queeren Liebe.

„Deacon“, der Diakon, war der Spitzname seines Vaters, eines Buchhändlers, der wegen seiner ruhigen, gelassen Art so genannt wurde und von dem Serpentwithfeet seine Liebe zur Literatur geerbt hat. Serpentwithfeet muss seinen Vater, dessen besonnene, sanfte Art sehr geliebt haben. Denn nach dessen Tod vor dreizehn Jahren hat er sich das Wort „Deacon“ auf den Hals tätowieren lassen. Und jetzt eben sein Album danach benannt. Aufgewachsen mit sakraler Musik und Gospel, hat Serpentwithfeet als Teenager die Musik von Björk entdeckt und war fasziniert: „ihr opulenter, atmosphärischer, origineller, kluger und humorvoller Stil“ hat ihn bis heute schwer beeindruckt, ist in Interviews zu lesen. War Serpentwithfeet auf seinem Vorgängeralbum noch zerrissen und unglücklich, feiert er jetzt auf „Deacon“ sich selbst und seine homosexuelle Liebe. Und zwar mit den zärtlichsten, poetischsten, sinnlichsten queeren Love-Songs ever. Josiah Wise alias Serpentwithfeet, Experimentalmusiker aus Los Angeles, führt quasi weiter, was queere Künstler wie Frank Ocean begonnen haben: die Sichtbarmachung schwarzer, schwuler Liebe im R’n`B bzw. Pop. So wunderschön, so unbeschwert hat das allerdings noch keiner hinbekommen. (8 von 10 Punkten)

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serpentwithfeet - Heart Storm (with NAO) (Lyric Video) | Bild: serpentwithfeet (via YouTube)

serpentwithfeet - Heart Storm (with NAO) (Lyric Video)

Noga Erez – Kids

Auch Noga Erez beschäftigt sich auf ihrem neuen Album nicht mehr mit der Bedrohung von außen. Waren Politik und Krieg noch die vorherrschenden Themen auf ihrem Debütalbum „Off the radar“, ist es diesmal eher der inner circle, die Familie. Es geht um Beziehungen, z.B. von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt. „Eltern sind die Designer der Humanität“ sagt Noga Erez. Ist dabei aber nicht nur streng mit ihren Eltern, sondern auch mit sich selbst. In dem Song  „Knockout“ z.B. wird der innere Schweinehund platt gemacht. Mit einem Flow, der Noga Erez eher in der HipHop-Ecke verortet. Dem gegenüber steht ihr offensichtliches Faible für lässigen Alternative-Pop. Ein Spagat, der den Sound der Israelin manchmal etwas schwer greifbar macht, der aber vermutlich auch ihren USP darstellt. Und zu dem es sich zweifelsohne immer tanzen lässt. (7,8 von 10 Punkten)

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Noga Erez - KIDS (feat. Blimes) (Official Visualiser) | Bild: Noga Erez (via YouTube)

Noga Erez - KIDS (feat. Blimes) (Official Visualiser)

First Aid Kid - Who by fire/Live Tribute to Leonard Cohen

Einen Song von Leonard Cohen zu covern ist eine Herausforderung, ein ganzes Cover-Album mit Cohen Songs erst recht. Die beiden schwedischen Schwestern Johanna und Klara Söderberg, besser bekannt als First Aid Kit, haben versucht den Songs ihres 2016 verstorbenen Idols Cohen einen würdigen Auftritt zu bescheren. Im März 2017 traten sie an zwei Abenden im „Dramaten“-Theater in Stockholm auf. Präsentierten dort eine zutiefst anrührende Hommage, eine bis ins letzte Detail durchkonzipierte Bühnenshow mit Auszügen aus dem Werk des genialen Musikers, Poeten und Lyrikers Leonard Cohen. Unterstützt von einer Reihe von schwedischen Gastkünstler*innen, einer 8-köpfigen Band, Streichern, zwei Schauspieler*innen und einem über 20-köpfigen Chor. Aus diesen zwei Auftritten ist jetzt das Live-Tribute-Album „Who by fire“ entstanden. First Aid Kit beschränken sich hier nicht nur auf die Songs von Cohen, sondern es sind auch Gedichte und Briefe von ihm zu hören. Für Klara und Johanna Söderberg war Cohen offensichtlich mehr als ein Idol - er hat sie inspiriert, war ihr „guiding light“, ihr Vorbild.

In den besten Momenten von „Who by fire“ schimmert dann tatsächlich auch eine gewisse Magie durch, meist scheitert die Platte aber an der Überambitioniertheit ihrer Macherinnen. Keiner der beiden Auftritte wurde bearbeitet, kein Fehler versucht zu retuschieren. Das gibt dem Album wiederum etwas sympathisch Unperfektes. Immerhin. First Aid Kit haben mit „Who by fire“ der Legende Cohen ein leidenschaftliches, wenn auch nicht unbedingt gelungenes Denkmal gesetzt. (7,5 von 10 Punkten)

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First Aid Kit - Who By Fire: Live Tribute to Leonard Cohen (Trailer) | Bild: First Aid Kit (via YouTube)

First Aid Kit - Who By Fire: Live Tribute to Leonard Cohen (Trailer)

Joe Strummer – Assembly

19 Jahre nach dem viel zu frühen Tod von Joe Strummer ist jetzt eine weitere Compilation mit Solo-Material des ehemaligen Clash-Sängers erschienen. „Assembly“ ist ein bunter Mix aus Raritäten, Cover-Versionen und bisher ungehörten Live-Aufnahmen von Strummer. U.a. vom Clash-Klassiker „I fought the law“, aufgenommen von Joe Strummer and the Mescaleros im November 2001 in der London Brixton Academy. Dazu kommen Fan-Favouriten wie die Neuinterpretation von Bob Marleys „Redemption Song“ und das mediterran-lässige „Mondo Bongo“. Insgesamt 16 Tracks, die ein publikumswirksames Schlaglicht auf das Solo-Werk Joe Strummers werfen. Der „Die Hard“ - Joe Strummer Fan wird damit nicht bedient. (7,3 von 10 Punkten)

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Joe Strummer - Junco Partner (Acoustic) [Official Video] | Bild: Joe Strummer Official (via YouTube)

Joe Strummer - Junco Partner (Acoustic) [Official Video]

Death from Above 1979 - Is 4 lovers

Schon der Opener „Modern guy“ gibt vor wo die Reise hingehen soll, „in a modern time“ nämlich. Mit ihrem neuen Album versuchen Death from Above 1979 ihren in die Jahre gekommenen Dancepunk in die Zukunft zu katapultieren … oder zumindest im Hier und Jetzt wieder relevant klingen zu lassen. Dazu bedienen sie sich der altbewährten Mittel: simple, wuchtige Riffs, eine Wall of Noise und Gesang, der ständig darin zu ertrinken droht. Das Ergebnis ist brachialer Noiserock fürs Moshpit. „Is 4 lovers“ heißt das vierte Album der beiden Kanadier Sebastien Grainger und Jesse Keeler. Was nicht heißen soll, dass die beiden plötzlich romantisch geworden wären, sondern sie wenden sich damit direkt an ihre Fans, ihre „Lovers“ wie sie sie nennen. Die haben nämlich angeblich schon sehnsüchtig auf dieses Album gewartet - was ich von mir jetzt nicht unbedingt behaupten kann. Denn hier wird eine Idee, die vor zwanzig Jahren tatsächlich mal relativ spektakulär war, nämlich der High-Energy-Mix von verzerrten Bass-Riffs mit zwingenden Funk-Rhythmen, schnöde aufgekocht. Und selbst wenn DFA gegen Ende runter vom Gas gehen und mit „Love Letter“ und „Glass homes“ zwei nicht unschöne Elektro-Pop-Songs abliefern, wirkt das eher erschöpft als innovativ. (6,8 von 10 Punkten)

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Death From Above 1979 - "Is 4 Lovers" out 26.3.21 | Bild: Death From Above 1979 (via YouTube)

Death From Above 1979 - "Is 4 Lovers" out 26.3.21

Xiu Xiu – Oh No

Xiu Xiu ist die Band des Kaliforniers Jamie Stewart, der wiederum die einzige Konstante in diesem losen Bandkonstrukt darstellt. Seit zwei Jahrzehnten umgibt sich der experimentierfreudige Stewart nun schon mit immer wieder neuen Bandmitgliedern. Auf seinem neuen Album „Oh No“ hat er das Spiel mit der Abwechslung jetzt auf die Spitze getrieben und sich für JEDEN Song einen anderen Gast ins Studio geladen. Die Liste reicht von Sharon van Etten, der deutschen Schauspielerin Susanne Sachsse über Owen Pallett bis zu Angus Andrew von den Liars. Eine extravagante Zusammenstellung, die den düsteren, oft verstörenden Art-Rock-Experimental-Pop-was-auch-immer von Xiu Xiu noch aufregender glitzern lässt. (7,9 von 10 Punkten)

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Xiu Xiu  - One Hundred Yers (feat. Chelsea Wolfe) {The Cure cover} | Bild: SalCtk (via YouTube)

Xiu Xiu - One Hundred Yers (feat. Chelsea Wolfe) {The Cure cover}

Floating Points X Pharaoh Sanders X LSO – Promises

Der aus Manchester stammende Sam Shepherd alias Floating Points gilt als der Vorzeige-Nerd unter den Elektronik-Produzenten. Das mag zum einen an seinem Doktortitel für Pharmakologie liegen, vielleicht aber auch an seiner musikalischen Sozialisation. Die nicht in irgendeinem hippen Plattenladen begonnen hat, sondern im Knabenchor, von dort zur Klassik und anschließend erst einmal zum Jazz geführt hat. Bevor Shepherd dann endlich angefangen hat wunderbare elektronische Alben zu produzieren. Wenn man das weiß, erscheint die vorliegende Kollabo zwischen ihm als Komponisten, dem großen Jazz-Saxophonisten Pharaoh Sanders und dem London Symphony Orchestra gar nicht mehr so ungewöhnlich, ja fast selbstverständlich. „Promises“, aufgenommen in Los Angeles und London, ist ein Pandemie-Album par exzellence. Nicht weil es so ruhig, so somnambul klingt, so als würde man losgelöst von allem, quasi schwerelos durch Raum und Zeit treiben, ok, das vielleicht auch. Aber mehr noch, weil hier die Distanz, die die Musiker des London Symphony Orchestra zueinander halten mussten, der riesige Raum, in dem man gezwungen war aufzunehmen, hörbar, ja spürbar ist. Hat man diesen glücklichen, nach allen Seiten offenen Raum einmal betreten, würde man ihn am liebsten erst am Ende der Pandemie wieder verlassen. (9 von 10 Punkten)

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Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra – Promises: Preface | Bild: Luaka Bop (via YouTube)

Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra – Promises: Preface

Lost Girls - Menneskekollektivet

Die Lost Girls sind ein norwegisches Duo bestehend aus der Pop-Avantgardistin Jenny Hval und ihrem langjährigen Live-Musiker, dem Multiinstrumentalisten Havard Volden. Ihr gemeinsames Debüt ist ein dunkler Hybrid aus elektronischen Beats, No-Wave-Synthies und improvisierten Gitarren, aus Spoken Word und dem Gesang von Jenny Hval. Ein Album, das sich während des Hörens vor uns auszubreiten scheint, wir werden sozusagen Zeugen der Performance, des Experiments. Wobei Hval auf die Keyboard-Klänge von Volden mit Spoken Word-Improvisationen reagiert und umgekehrt Volden mit seiner Gitarre zum Gesang von Hval improvisiert. Faszinierend frei und unprätentiös. (7,6 von 10 Punkten)

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Lost Girls - Menneskekollektivet | Bild: Smalltown Supersound (via YouTube)

Lost Girls - Menneskekollektivet


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