Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von von Beyoncé, Erlend Øye und Fontaines D.C.

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Max Richter, Sebastian Maschat & Erlend Øye, Beyoncé, NOFX & Frank Turner, Fontaines D.C., The Psychedelic Furs, Alex Izenberg, Brandy, Romare, Makaya McCraven und Daniel Blumberg

Von: Matthias Hacker

Stand: 30.07.2020 23:05 Uhr

Daniel Blumberg – "On&On"
| Bild: Mute Records

Max Richter - Voices

Max Richter hat die UN-Menschenrechtscharta vertont. Seit 1948 ist die Charta ein Manifest der Menschlichkeit. Gleich die erste Komposition namens „All Human Beings“ bezieht sich auf Artikel 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Das Vorwort ist eine alte Aufnahme von Eleanor Roosevelt, der ehemaligen First Lady.  Ich hatte mehrmals Gänsehaut, als ich dieses Album gehört hab. So eindringlich inszeniert Richter einzelne Artikel der Resolution. Er trägt manchmal etwas dick auf, aber das Pathos ist angesichts der Bedeutung der Texte durchaus angemessen. Er untermalt die einzelnen Artikel abwechselnd mit großem Orchester, einem Chor, Klavier oder einer Harfe. Die Menschenrechte werden auf der CD in 70 Sprachen und von noch mehr Stimmen vorgelesen. Daher auch der Titel des Albums: „Voices“. Richter hat Menschen per Crowdsourcing eingeladen, Passagen einzusprechen. Mit den ehrwürdigen Zeilen lädt das Album durchaus zum Nachdenken und Reflektieren ein. Es wird deutlich: Die Menschenrechte sind nicht nur ein verstaubtes Manifest, sondern Mahnmal und Vision – heute wieder mehr denn je. (7,5 von 10 Punkten)

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Max Richter - All Human Beings (Official Music Video by Yulia Mahr) | Bild: MaxRichterVEVO (via YouTube)

Max Richter - All Human Beings (Official Music Video by Yulia Mahr)

NOFX & Frank Turner – West Coast vs. Wessex

Die Punk-Urgesteine NOFX teilen sich mit Frank Turner ein Album und covern sich gegenseitig. West Coast Vs. Wessex heißt diese Split-Album. NOFX aus L.A. - also von der US-Westcoast gegen Frank Turner, dem „Wessex Boy“ aus Großbritannien. Das Cover ist einem Boxkampf-Plakat nachempfunden. Als Kontrahenten stehen sich NOFX Sänger Fat Mike und Frank Turner gegenüber. Erst covern NOFX fünfmal Hits von Frank Turner, und dann schlägt dieser mit 5 NOFX-Coversongs zurück. Jede Seite bekommt 15 Minuten auf der CD. Beide Kontrahenten haben ihre Momente. Es ist knapp ein leichter Sieg nach Punkten für NOFX. Aber insgesamt ist dieses Album durchschnittlicher Sport. Macht Spaß, aber um im Boxer-Bild zu bleiben: Es haut einen auch nicht um. (6,5 von 10 Punkten)

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NOFX / Frank Turner - 'West Coast vs. Wessex' (OFFICIAL COMMERCIAL) | Bild: Fat Wreck Chords (via YouTube)

NOFX / Frank Turner - 'West Coast vs. Wessex' (OFFICIAL COMMERCIAL)

The Psychedelic Furs – Made Of Rain

The Psychedelic Furs waren eine der großen birtischen New Wave Bands in den 80zigern. Robert Smith von The Cure ist bis heute großer Fan. Sie haben immer wieder Konzerte gespielt, aber erst jetzt erscheint nach fast 30 Jahren Pause ein neues Album. Im Vergleich zu den 80zigern steckt in Made Of Rain wenig New Wave oder Postpunk. Sie halten es eher mit große Melodiebögen und aufgeräumten Poprock-Hymnen. Ein solides Comeback einer Band, die altersmilde geworden ist. (7 von 10 Punkten)

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The Psychedelic Furs - Come All Ye Faithful (Official Video) | Bild: The Psychedelic Furs (via YouTube)

The Psychedelic Furs - Come All Ye Faithful (Official Video)

Sebastian Maschat & Erlend Øye – Quarantine At El Ganzo

Eigentlich war Erlend Øye nur für ein Konzert mit seiner Band Whitest Boy Alive in Mexiko. Aber dann kamen die Corona-Pandemie und ein Ausreisestopp. Er saß plötzlich mit dem Schlagzeuger der Band, Sebastian Maschat, in Mexiko fest. Die Beiden machten das Beste daraus und nahmen in der Quarantäne ein Album im Hotel El Ganzo auf. Sie erzählen im Song „Quarantime“, wie sie in Baja California stranden, über menschenleere Strände spazieren und in den Gängen des Hotels singen. Da entwickelt sich fast ein Lockdown-Neid. Sebastian Maschat, der übrigens in Miesbach aufgewachsen ist, und Erlend Øye teilen sich die Songs auf dem Album 50:50 und wechseln sich im Ping-Pong-Modus ab. Die Songs hatten beide schon parat. Sebastian Maschat hatte über die vielen Jahre als Schlagzeuger bei Whitest Boy Alive insgeheim Songs geschrieben und auch Sänger Erlend Øye hatte noch ein paar Ideen in der Hinterhand. Sogar der Hotelbesitzer gesellte sich an der Gitarre zu ihnen. In Anbetracht der Ausnahmesituation haben die zwei gestrandeten Musiker ein tiefenentspanntes, leicht bekömmliches Sommerpopalbum gemacht. Zugegeben hört man allerdings auch deutlich, weshalb Erlend Sänger von Whitest Boy Alive ist und Sebastian nur der Schlagzeuger. Stimmlich ist da bei der Häfte der Songs Luft nach oben. Das Album ist mit Blick auf die Jahreszeit angenehme Unterhaltung und ein schönes Zeitdokument der Corona-Krise. (7 von 10 Punkten)

Alex Izenberg – Caravan Château

2012 bekam Alex Izenberg die Diagnose „paranoide Schizophrenie“. Seitdem unterstützen den wortkargen „L.A. Outsider“ befreundete Musiker und er therapiert sich in seinen Songs. Auf dem zweiten Album seit der Diagnose helfen ihm Musiker von Grizzly Bear oder Foxygen. Die Wahnvorstellungen und Stimmen im Kopf haben nachgelassen, er bannt seine vielen Gesichter, Dämonen und Ideen nun zwischen Sixtiesrock und Kammerpop. (7 von 10 Punkten)

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Alex Izenberg - Disraeli Woman (Official Video) | Bild: AlexIzenbergVEVO (via YouTube)

Alex Izenberg - Disraeli Woman (Official Video)

Beyonce – Black Is King

Es erscheinen werden zwei Alben von zwei absoluten R'n'B Superstars. Einmal das neue Album von Beyoncé. Sie hat einen Film mit dem Titel „Black is King“ für den Streamingdienst Disney+ gedreht. Der Trailer ist schon bildgewaltig und Beyoncé inszeniert sich als mystische Ikone. Das Projekt soll ein sogenanntes „visuelles Album“ sein, das die „Unverwüstlichkeit und Kultur“ von Schwarzen würdigt. Black Empowerment in Form von Filmmusik bzw. Musikfilm. Leider hat die Plattenfirma Disney keine Hörproben vorab rausgegeben, weswegen die Musik ohne Wertung bleibt.

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BLACK IS KING, a film by Beyoncé | Official Trailer | Disney+ | Bild: Walt Disney Studios (via YouTube)

BLACK IS KING, a film by Beyoncé | Official Trailer | Disney+

Brandy – B7

Dafür können wir das andere wichtige weibliche R'n'B-Album hören. Es ist von Brandy. Ihr Name ist vielleicht nicht so groß wie der von Beyoncé, aber in der Branche ist sie seit den 90zigern sehr einflussreich. Superstars wie Solange, Timbaland, Rihanna oder Missy Elliott berufen sich auf sie. B7 ist ihr Comeback nach 8 Jahren und darauf spricht die R'n'B-Grammy-Gewinnerin sehr offen und ehrlich. Inhaltlich geht’s ans Eingemachte. Brandy sagt selbst: Sie halte auf diesem Album nichts zurück. Sie singt beispielsweise: I'm on the borderline, genauso wie von extremer Eifersucht, verlorenem Selbstwertgefühl und Depressionen. Auch Selbstmordgedanken kommen zur Sprache. Musikalisch und gesanglich ist es dabei sehr virtuos. Manche Lieder sind weniger Hits als RnB-Gesangsstudien. In den 90zigern hat sie mit ihrem Mix aus HipHop Soul und RnB die Popmusik mitdominiert und diesen 90ies-Touch hört man ihr immer noch an. Trotzdem legt sie mit B7 ein zeitgemäßes, gesanglich sehr anspruchsvolles R’n’B-Album vor. (8 von 10 Punkten)

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Brandy - Baby Mama (feat. Chance the Rapper) - Official Video | Bild: Brandy (via YouTube)

Brandy - Baby Mama (feat. Chance the Rapper) - Official Video

Romare – Home 

Der Brite Romare produziert mittlerweile Musik an der Schnittstelle zwischen Dancefloor House und spirituellem Sitzkreis. Der Opener ist ein House-Hit und das kontemplative „Deliverance“ ist eher etwas für den Morgen danach. Nachdem es auf dem gefeierten Vorgänger noch um das Thema Liebe ging, verhandelt der britische Producer Romare auf seinem neuen Album „Home“ Themen wie Spiritualität, Identität und Zugehörigkeit. (7,5 von 10 Punkten)

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Romare - 'Sunshine' (Official Audio) | Bild: Romaremusic (via YouTube)

Romare - 'Sunshine' (Official Audio)

Makaya McCraven – Universal Beings E+F Sides

Makaya McCraven ist wie sein Vater Jazz-Schlagzeuger, aber er begreift sich noch mehr als Beat Wissenschaftler. Ein Song seines neuen Albums heißt auch Beat Science. Da folgt das minimalistische „Loneliness“ auf das ekstatische Stück „Kings & Queens“. Rumpelnde Schlagzeugsolos beherrscht er genauso wie das sanfte Streicheln der Becken.  Er ist zwar gebürtiger Franzose, lebt schon lange in den USA, legt aber ausdrücklich keinen Wert auf Nationalität oder Ethnie. Er ist ein „Universal Being“. So schon der Titel der gefeierten Doppel-LP, die er vor zwei Jahren veröffentlicht hat. Damals schon ein riesen Erfolg auf sämtlichen Jazzbestenlisten. Jetzt folgt die dritte Platte unter dem Titel: Universal Beings E und F – also die LP Seiten: E und F. Der Avantgarde Jazzer McCraven denkt sozusagen den Vorgänger weiter. Es ist ein Mix aus ausgefuchsten und anspruchsvollen Beats und Klangcollagen. Ans Niveau der ersten vier Seiten reicht der dritte Streich allerdings nicht heran. Vielleicht sind es dann doch ein paar Projekte zuviel, an denen der gefragte Drummer arbeitet. Das Album erscheint beim sehr angesagten Jazz-Label International Anthem aus Chicago. (7 von 10 Punkten)

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STRANGERS IN THE CITY | Bild: International Anthem (via YouTube)

STRANGERS IN THE CITY

Fontaines D.C. – A Hero’s Death

Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle in der Musik von Morgen eine Lobeshymne auf das Debüt der irischen Post-Punk-Band Fontaines D.C. gehalten. Das zweite Album ist nicht mehr so direkt, trocken und ungestüm. Der Gesang nicht mehr so kaltschnäuzig, wie es die rauhen Sitten im irischen Pub erlauben. „A Hero's Death“ ist keine wütende explosive Entladung mehr, sondern eher eine sich nach und nach aufladende Introspektive. Im Titelsong singt Sänger Grian Chatten „Life isn't always empty“ und wiederholt es immer wieder. Fast schon wie ein hoffnungsvolles Mantra gegen die Perspektivlosigkeit, die sie noch auf dem Debüt beschworen haben. Je öfter er diese Textzeilen wiederholt, umso häufiger findet er in den kurzen Punchlines neue Bedeutungen, sagt der Sänger. Und ich kann nicht oft genug wiederholen, was für eine gute Band Fontaines D.C. sind.  Das neue Album ist zwar nicht mehr so tight und aggressiv, dafür nuancierter und poetischer. Und hin und wieder verirren sich die Hände des Gitarristen sogar auf einen Dur-Akkord. (7,5 von 10 Punkten)

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Fontaines D.C. - A Hero's Death (Official Music Video) | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - A Hero's Death (Official Music Video)

Daniel Blumberg – "On&On"

Dur-Akkorede sind auch bei Daniel Blumberg selten. Früher bei den Indiebands Cajun Dance Party oder Yuck, macht er schon länger experimentelle Solomusik. Zitat: „Bei mir verlässt das Publikum schon mal den Saal, so funktioniert meine Musik“. Technisch funktioniert seine Musik durch Improvisation und Experiment. Das neue Album „On&On“ entstand bei einer Livesession auf einer Impro-Bühne. Wir freuen uns jetzt schon auf Daniel Blumberg und seine neuen Improvisationen. Er wird im Herbst ein Corona-Loungekonzert im Nachtmix spielen. Dort wird er auch „On&On“ präsentieren. Das Titelstück kehrt auf dem neuen Album immer wieder. Erst ist es „On&On“, dann „On&On&On“ und am Ende „On&On&On&On“. Immer dasselbe – nur in unterschiedlichen improvisierten Varianten. Mit den Improvisationen zeigt er die Zerbrechlichkeit des Moments. Gleichzeitig bannt er diesen Moment auf Platte, damit wir ihn wieder und wieder hören können. On & On & On eben. Dieser Widerspruch gefällt Daniel Blumberg sehr – und mir auch. Dafür die Höchstwertung diese Woche (8,5 von 10 Punkten)

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Daniel Blumberg - On & On (Official Video) | Bild: Daniel Blumberg (via YouTube)

Daniel Blumberg - On & On (Official Video)


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