Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Robert Forster, Young Fathers, Sven Väth und Go! Team

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei u. a. Robert Forster, Young Fathers, Go! Team, Kassem Mosse, The Waeve, Wildes, Acid Arab, Sunny War und Sven Väth

Von: Ralf Summer

Stand: 02.02.2023

Sven Väth - What I Used To Play | Bild: Cocoon

ROBERT FORSTER – The Candle And The Flame (Tapete)

Mit dem bestärkenden „She´s A Fighter“ beginnt das neue Album des Australiers: es handelt vom Krebskampf seiner Frau Karin Bäumler. Robert Forster ist seit Jahrzehnten mit der aus der Nähe von Regensburg stammenden Musikerin zusammen. „I am in a story with her, can´t live without her“ singt der ex-The Go-Betweens-Mitgründer im Stück „Tender Years“. Der Songwriter lässt ihre gemeinsamen Jahre in Deutschland und Australien Revue passieren. In „Tender Years“ geht es um ihr Kennenlernen 1987 in Heidelberg. Karin ist auch auf der Platte zu hören. Vor allem beim Song „I don´t do Drugs, I do Time“ („ich nehme keine Drogen, ich sitze Zeit ab“).

Nicht nur Karin Bäumler ist zu hören, ihre beiden Kinder sind zu sehen – Loretta und Louis (der inzwischen seine eigene Band The Goon Sax hat) - im Video zu „She´s A Fighter“. Auch Karins Heimat Niederbayern kommt vor: auf „The Roads“ besingt er die Strassen und Landschaft süd-östlich von Regensburg: „from Hainsbach to Mengkofen“. Im Zündfunk Interview erzählen sie gemeinsam: wenn sie in Deutschland sind, fährt Karin und Robert ist Beifahrer und kann aus dem Fenster schauen – auf die Ortschaften zwischen Donau und Isar. Eine sehr persönliche, intime Platte ist es geworden, die Forster in seinem 45. Jahr als Musiker aufgenommen hat – und löst beim Hören von „The Candle And The Flame“ Erinnerungen aus, als er in ihrer Band in Bayern zu Gast war: bei Baby You Know – die mit unserem ex-Nachtmixer Karl Bruckmaier ein Album aufnahmen. Da kann man sich richtig freuen auf seine vier Dates bei uns Ende März: Robert Forster live in Hamburg, Berlin, Köln und im Stadttheater Landsberg am 31.03. Begleitet von Sohn Louis Forster. (8,0 von 10 Punkten)

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Robert Forster – Tender Years | Bild: Tapete Records (via YouTube)

Robert Forster – Tender Years

THE GO! TEAM – Get Up Sequences Part 2 (Memphis Industries)

Seit 2000 machen sie ihren unverwechselbaren Mix aus Rap, Pop und leichter Psychedelia. 2004 kamen sie mit dem ersten Album aufs Bavarian Open Festival hier ins BR-Funkhaus. Und im Grunde klingen sie im 25. Jahr ihres Bestehens noch immer so – wie eine überbordende Kindergeburtstagsparty mit überschäumender Limonade. Trotz aller Feier bleibt auch Platz für Politik: „Getting To Know“ ist ein anti-patriotisches Lied, „Divebomb“ handelt vom Recht auf Auftreibung. Neu ist, dass das Go! Team eine Weltreise als Album rausbringt: sie waren für die neue Platte in Benin, Frankreich, Indien, Japan und den USA. U. a. hören wir die Star Feminine Band aus Westafrika, US-Rapperin IndigoYaj und Hilarie Bratset (ex-Apples In Stereo). Die diversen Stimmen aus ganz unterschiedlichen Kulturen tun dem Konzept keinen Abbruch, im Gegenteil: sie tun der Band aus Brighton gut. Und kann als Anti-Brexit-Move gelesen werden. Sie nennen es „an international patchwork, global fruit salat, a United Nations of Sound“ (Ian Parton, The Go! Team). (7,5 von 10 Punkten)

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The Go! Team - Gemini (Official Video) | Bild: The Go! Team (via YouTube)

The Go! Team - Gemini (Official Video)

YOUNG FATHERS – Heavy Heavy (Ninja Tune)

Nach fünf Jahren Pause wieder ein Album der schottischen Rapper. Neben Kae Tempest, Loyle Carner und Little Simz bilden sie die Speerspitze des UK Conscious Rap – fühlen sich also der Old School stärker verpflichtet als den neuen fiesen Drill- und Grime-Sounds. Auch wenn der Soul manchmal hinter den monumentalen Klangwänden aus mehrstimmigen Gesang, verzerrten Beats und bratzenden Bässen verschwindet. „Heavy Heavy“ also - der Titel steht für maximalistisch und gewichtig – „und es zweimal zu sagen, macht es spielerisch“, sagen die Young Fathers. Das HipHop-Jahr ist noch jung: aber dank Songs wie „Rice“, „Drum“ und „Holy Moly“ liefern Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und G. Hastings schon klasse Trümpfe von Tracks. Auch wenn es meilenweit vom herkömmlichen Rap dieser Tage entfernt ist. Das Trio, das auch durch Songs auf dem Soundtrack von „T2 Trainspotting“ 2017 bekannt wurde, ging zurück zu den Wurzeln: ohne Produzent wurde im eigenen, kleinen Studio aufgenommen. Ihr kontrolliertes Chaos liefert das beste Album dieser Veröffentlichungswoche. Die Young Fathers spielen „Heavy Heavy“ drei Mal live in Deutschland: Köln 17.2., Berlin 18.2. und Hamburg 19.2. (8,5 von 10 Punkten)

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Young Fathers - 'Rice' (Lyric Video) | Bild: YOUNG FATHERS (via YouTube)

Young Fathers - 'Rice' (Lyric Video)

SUNNY WAR – Anarchist Gospel (New West)

Leider nur ein paar Songs waren von ihr vorab zu hören. Aber umso verheissungsvoller sind sie. Wie der Name schon sagt, spielt die Afroamerikanerin auf ihrem neuen Album „Anarchist Gospel“. Soul-Punk könnte man auch dazu sagen. Und hat mit Jim James von My Morning Jacket und David Rawlings prominente Gäst an Bord: Rawlings ist der musikalische Partner von US-Songwriter-Queen Gillian Welch. Es ist Sunny War siebtes Album in nur acht Jahren. Und mit „Baby Bitch“ covert die in L.A. lebende Musikerin einen vergessenen Song der US-90er-Weirdos von Ween. (keine Wertung)

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Sunny War - "Higher (feat. David Rawlings)" [Official Audio] | Bild: New West Records (via YouTube)

Sunny War - "Higher (feat. David Rawlings)" [Official Audio]

THE WAEVE – The Waeve (Transgressive)

Was hat er schon für Hits mit geschrieben: „Song 2“ hat allein 600 Mio Streams. „Girls & Boys“ sowie „Coffee & TV“ kommen auch auf über 100 Mio Streams. Graham Coxon ist als Blur-Gitarrist mitverantwortlich für eine ganze Menge englischer Indie-Klassiker. Der als Soldatenkind in Rinteln bei Hannover geborene Brite hat immer wieder Neben- bzw Nachfolge-Bands für Blur. Je nachdem ob die Brit Pop-Götter gerade existieren oder nicht. Nach The Jaded Hearts Club hat er nun das Duo The Waeve am Start – gesprochen wie die Welle/The Wave. Zusammen mit Rose Elinor Dougall, Sängerin der Pipettes bzw Teil von Mark Ronsons Live-Band. The Waeve ist dem britischen Folk-Rock gewidmet bzw den 70ern im Allgemeinen: UK-Musikern wie Kevin Ayers, John Martyn oder Van der Graaf Generator.
Doch das Debüt von The Waeve klingt alles andere als Retro – sondern ist modern produziert. Und manchmal wie in „Over And Over“ erinnern sie dann doch an: Blur. Sympathische Fingerübung für Beide. (7,0 von 10 Punkten)

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Over And Over | Bild: The WAEVE (via YouTube)

Over And Over

ACID ARAB - Trois

Sie spielten schon in über 50 Ländern auf vier Kontinenten. Kein Wunder bei dieser atemberaubenden Klang-Palette: „wir vermischen algerische Gasba-Musik und anatolische Trance mit bionischem Rai und synthetischer Dabke“, sagt das Kollektiv aus Paris. Das algerisch-französische Quintett hat zehn neue Lieder aufgenommen – fast alle mit anderen SängerInnen aus Nordafrika, Syrien und der Türkei. Das Stück „Ya Mahla“ ist ein Gruß an die arabischen Revolutionäre, die für die Freiheit kämpfen. Auch der inzwischen verstorbene „Rock´n´Rai“-Interpret Rachid Taha ist noch einmal zu hören. „Rachid Trip“ enthält Gesangs-Aufnahmen, als er vor Jahren in der Wohnung des Labelchefs von Versatile Records, das Acid Arab entdeckte, zu einem Detroit-Techno-Track improvisierte. Acid Arab haben ihm ein eigenes Instrumental dafür komponiert. Leider haben sie ihr drittes Album schon vor ein paar Tagen in Münchens Roter Sonne vorgestellt – wer das genre-sprengende „Trois“-Album noch schnell live erleben möchte: morgen spielen Acid Arab in Berlin, am Samstag in Hamburg und am Sonntag in Düsseldorf. (7,5 von 10 Punkten)

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Acid Arab - Leila Feat Sofiane Saidi (Official Music Video) | Bild: Acid Arab (via YouTube)

Acid Arab - Leila Feat Sofiane Saidi (Official Music Video)

KASSEM MOSSE – Workshop 32 (Workshop)

Ein Name, den wir den Sendungen von unserem früheren Kollegen Thomas Meinecke verdanken. Sowohl der knochen-trockene Deep-Techo-House-Funk von Kassem Mosse als auch anderes Vinyl vom thüringischen Workshop-Label drehten sich auf dem EMT-Plattenspieler im Bayern 2-Studio. Führen wir die Tradition fort: das neue Album von Kassem Mosse aus Leipzig, Workshop 32 betitelt, folgt dem Aufbau eines klassischen Club-Sets: ruhiges, intensives Hinführen - Steigern und Lunte legen - feiern und feiern lassen - um am Ende wieder das Tempo rausnehmen. Auch Jazz und White Noise bereichern als Elemente seine beeindruckende Elektronik. Die percussiven, eleganten Tracks tragen lediglich die Vinyl-Titel A1, A2 … D2 – nur der Schlusssong trägt einen richtigen Namen: „Provide Those Ends“. Kassem Mosse ist der Künstlername von Gunnar Wendel, Workshop veröffentlichte auch schon Vinyl von Move D, Gerd Janson, Willow und Lowtec (Labelmacher Jens Kuhn). Eine Platte, die man für ihren abstrakten Freigeist schätzt. (8,5 von 10 Punkten)

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Kassem Mosse "workshop32 A3" Official Video | Bild: Ominira (via YouTube)

Kassem Mosse "workshop32 A3" Official Video

SVEN VÄTH – What I Used To Play (3CDs) Cocoon

Er ist Deutschlands bekanntester DJ. Doch bevor Väth für Techno bekannt wurde, legte er in Frankfurt schon in den 80ern die elektronischen Vorläufer des Rave-Sounds auf. Auf der Compilation mit den 3 CDs bzw 12 Vinyl-Maxis gibt es ein Wiederhören mit bekannten und weniger bekannten Dance-Hits aus seiner Plattenkiste des Synthie-Pop-Jahrzehnts: Kraftwerk, Yello, The Residents, Anne Clark, Model 500, M/A/R/R/S, A Guy Called Gerald - aber auch Global Pop jener Dekade – damals „Ethno (-Groove)“ genannt. Auf „What I Used to Play“ können wir einem DJ von Synthie-Pop über Electronic Body Music, Acid und House zum Techno folgen. 1990 endet die Compilation. Und die eigentliche Karriere des „Babba“ begann. Wir dürfen weitere Dekaden-Sampler von ihm erwarten. (8,5 von 10 Punkten)

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What I Used To Play | Bild: Sven Väth - Topic (via YouTube)

What I Used To Play

WILDES – Klischee (Kommando 84)

Ich habe sie als Vorband von Die Nerven vor ein paar Wochen in München gesehen – doch der Funke springt erst mit der Platte der beiden Musikerinnen über. Nach einer Lockdown EP zählt „Klischee“ als das offizielle Debüt von Wildes – dahinter stecken Jana Pantha und Jenny Tulipa. Schon vor 20 Jahren begannen sie mit anderen gemeinsam in Bands zu spielen – mit 15. Heute sind sie ein Duo. Und stehen für Elektro Pop, Post Punk und Neo-NDW. Und erinnern stellenweise an die Band Nichts. Im Goethe Institut Popcast Februar erzählen sie, dass sie die Rolle der Musikerinnen aufbrechen wollen und mit Vorurteilen und Stereotypen spielen. Wildes geht aber auch um Themen wie Konsum sowie Stil- und Liebesfragen. Mein Favorit ist „Leger In Schwarz“. Auch „Konsum“ und „Apparat“ bleiben hängen – und die Einladung auf den Espresso in„Ich lad dich ein“ nehmen wir natürlich gern an. Manchmal verbreiten sie auch diesen Kunstakademie-Charme: gelangweilt-lässig abzuhängen – aber dafür ist die Platte zu gut, zu wenig trashig produziert. Hoffen wir, dass die beiden Tarantino-Fans mit ihrer räumlichen Trennung – Jana in Zürich und Jenny und München – zurande kommen. Jetzt, da es wild(es) werden kann. (8,0 von 10 Punkten)

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WILDES - Konsum | Bild: wildes (via YouTube)

WILDES - Konsum

JOAO SELVA – Passarinho (Underdog)

Aufgenommen hat der aus Rio de Janeiro stammende Pastoren-Sohn wieder mit dem französischen Produzenten Bruno Patchworks – Selva wohnt inzwischen in Lyon. In Frankreich, wohin er nach seinem Kunstgeschichte-Studium zog, ist er Teil des Forro des Rebeca Trios – ein Song lief dort in einer Auto-Werbung. Auch mit dem US-Produzenten Maga Bo, Pionier des „Tropical Bass“-Genres arbeitete der Carioca schon. Joao Selva ist sowohl von brasilianischen Protestliedern als auch Orchesterversionen von Zirkusmusik beeinflusst. Eine schillernder, transatlantischer Künstler! (7,5 von 10 Punkten)

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Joao Selva - Passarinho [Official Video] | Bild: Underdog Records (via YouTube)

Joao Selva - Passarinho [Official Video]

PSYCHOTIC MONKS - Pink Colour Surgery (Fat Cat)

Ein unerschrockenes Quartett aus einem Vorort von Paris, das für ihr drittes Album Daniel Fox von der Gilla Band aus Irland gewinnen konnten (remember: die laute Band vom Puch Open Air 2022, die übers Publikum drüber walzte). Und damit kommt man „Pink Colour Surgery“ schon nahe. Ein sperriges, widerspenstiges Noise-Rock-Brocken, allerdinx nicht so hinausgeschrien in die Welt (wie die Gilla Band). Prompt kommt es beim renommierten Londoner FatCat Label raus, Heimat des musikalischen Experiments. (7,5 von 10 Punkten)

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The Psychotic Monks - Crash (Official Video) | Bild: the psychotic monks (via YouTube)

The Psychotic Monks - Crash (Official Video)