Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Perfume Genius, Yaya Bey und Σtella

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei Perfume Genius, Raison, Ry X, Anteloper, Σtella, TV Priest, Foals, Yaya Bey und J Rocc.

Von: Matthias Hacker

Stand: 15.06.2022

Tela | Bild: Tela

Perfume Genius – Ugly Season

Ugly Season ist ein interdisziplinäres Projekt. Gleichzeitig Album, Filmsoundtrack und Begleitmusik zu einer Tanzchoreographie. Es beginnt sehr kapriziös. Die ersten drei Songs sind eine Mischung aus Baroque- und Kammerpop. Damit führt uns der Songwriter aus Seattle auf eine falsche Fährte. Denn ab dem Lied „Popsong“ öffnet sich das Album in verschiedenste Richtungen. Die Klangwelten werden konkreter: Neben klassischer Musik tauchen auch Pop, lethargischer Dub, Dance und freiere Formen des Jazz auf. Wunderbar instrumentiert, fantastisch komponiert. Doch bei aller Künstlichkeit klingt es am Ende doch ganz leicht. Perfume Genius mit einem Geniestreich. (8,5 von 10 Punkten)

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Perfume Genius – “Pygmalion’s Ugly Season” – A film by Jacolby Satterwhite | Bild: Perfume Genius (via YouTube)

Perfume Genius – “Pygmalion’s Ugly Season” – A film by Jacolby Satterwhite

Σtella – Up And Away

Wir bleiben für einen kurzen Moment in Seattle. Das Label Sub Pop ist nämlich in Seattle zuhause. Unter den vielen großen Artist-Namen im SubPop-Katalog gibt es neuerdings auch eine junge Griechin. Sie ist meine Entdeckung der Woche. Stella Chronopoulou nennt sich kurz Stella. Das S allerdings mit dem griechischen Zeichen für SIGMA geschrieben. Das Zeichen können Sie sich vorstellen wie eine Art eckige Klammer. Ihr Debüt vereint griechische Folkmusik, anatolische Psychedlik, sommerlichen West-Coast-Flair, immer mit der relaxten Attitüde einer Band wie Khruangbin. Wir spüren förmlich die flirrende Hitze - sei es die Hitze in Griechenland, Kalifornien oder Texas. Gleichzeitig bläst sie uns immer eine luftige Brise und Leichtigkeit entgegen. Für Fans von Altin Gün, Le Ren oder Khruangbin - ein wahrer Hochgenuss. Up And Away ist jetzt schon ein grandioses Sommeralbum. (9 von 10 Punkten)

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Σtella - Up and Away (Official Video) | Bild: Σtella (via YouTube)

Σtella - Up and Away (Official Video)

Ry X – Blood Moon

Ry X – wieder mit spirituellem Folktronica. Klavier und Akustikgitarre unterlegt mit elektronischen Beats, die monumental bis zum Techno anschwellen können. Es ist aber nicht nur der ätherische Folktronica, mit dem Ry X bekannt geworden ist. Der Australier geht einen Schritt weiter. Seine Songs sind treibender, technoider und positiver. Der Sound ist nicht mehr so verhallt und entrückt, sondern viel direkter. Er orientiert sich an der Soundproduktion einer Billie Eilish. Während die Musik eher abgedämpft im Hintergrund bleibt, geht er sehr nah ans Mikrofon. Er säuselt leise oder singt mit Kopfstimme ins Mikrofon. Das wirkt, als wäre er direkt neben unserem Ohr. Das erzeugt enorme Intimität. (7,8 von 10 Punkten)

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Spiral | Bild: RY X - Topic (via YouTube)

Spiral

Raison – So Viele Leute Wie Möglich

Nun ruft uns Schorsch Kamerun zur Raison. Der Goldene Zitronen Sänger hat ein neues Projekt: Das Trio „Raison“ - zusammen mit seinem Zitronen-Kollegen Mense Reents und dem Komponisten PC Nackt. Der sonst mit seiner Knorrigigkeit und Bissigkeit bestechende Kamerun klingt hier plötzlich ganz sanft und zärtlich. 
Weniger problembeschreibend, textet er etwas positiver und lösungsorientierter.
Und doch ist er immer noch klar gesellschafts- und kapitalismuskritisch. Das belegen schon die Songs: Aktien und Effekte oder „Ordnung und Orden (hören nicht auf)“. Kamerun‘s Sprachpoesie und Sprachgewalt zeigen sich bei Raison besonders gut, weil sie nur mit Piano oder Elektronicasounds begleitet werden. Für mich ist das Projekt Raison die klare Weiterentwicklung der Goldenen Zitronen-Platte „More Than A Feeling“, wo diese elektronischere, ruhigere Soundästhetik schon 2019 anklang. Auch spannend: Raison covern „Allein machen sie dich ein“ von Ton Steine Scherben“ zu einer dystopischen Synthie-Hymne. Hören lohnt sich. (8 von 10 Punkten)

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Raison - Lied vom Menschsein (Annajoschka Fischerbaer - Original-Video-Version) | Bild: Buback Tonträger (via YouTube)

Raison - Lied vom Menschsein (Annajoschka Fischerbaer - Original-Video-Version)

Anteloper – Pink Dolphins

Anteloper sind ein konzeptuelles Jam-Projekt von Jaimie Branch an der Trompete und Jason Nazary am Schlagzeug. On Top mit Synthesizern und Elektronik. Es klingt nach Jazz, Science Fiction und manchmal diffus. Anteloper beziehen sich ästhetisch auf den AfroFuturismus von Sun Ra und Moor Mother. International Anthem Star Jeff Parker hat das Album produziert. (7,5 von 10 Punkten)

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Anteloper - "Earthlings" | Bild: International Anthem (via YouTube)

Anteloper - "Earthlings"

Foals – Life Is Yours

Die Vorabsingles haben es schon vermuten lassen, was jetzt das ganze Album bestätigt. Foals spielen nicht mehr nur ihren düsteren, oft auch sehr technischen Mathrock. Foals spielen jetzt auch locker und funky auf.  Wir hören hier plötzlich Nile Rodgers-Discogitarren, poppige Beats treiben die Songs voran, es scheint als wäre der fesselnde Knoten auf dem siebten Album gelöst. Mit einer viel helleren Klangpalette. „Life Is Yours“: Also würden uns Foals sagen wollen: Das Leben gehört dir. Also nimm es dir. Die sommerliche Euphorie klingt gut. (7 von 10 Punkten)

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2001 | Bild: Foals - Topic (via YouTube)

2001

Yaya Bey – Remember Your North Star

Bei der jungen RnB Sängerin Yaya Bey sieht das noch anders aus. Ihre Wunden sind noch sehr tief, von denen sie uns auf „Remember Your North Star“ berichtet. Im Song „Reprise“ geht es beispielsweise um verwehrte Elternliebe, weil Yaya ein Mächen ist– und nicht wie gewünscht: ein Junge. Das und noch viel mehr verarbeitet sie. Yaya Bey behandelt in den Songs, Snippets und Kurzgeschichten kaleidoskopisch das Spannungsfeld: junge schwarze Frauen - Identität - Liebe. Sie beklagt sich, aber klagt nicht an oder jammert. Sie singt, rapt und erzählt aus ihrer Perspektive. Sie stellt sich und ihre Lebenswelt als junge schwarze Frau in den Mittelpunkt. Das belegt auch ihr Porträtfoto auf dem Albumcover. Eine große Referenz müsste Billie Holiday sein.

Yaya Bey hat es weitestgehend selbst produziert. Es ist feinsinniger, smoother RnB und SpokenWord Jazz. Manchmal auch zu unspektakulär. Es mutet dann fast classy an, wäre da nicht die sehr explizite Sprache. Begleitend zum Album hat Yaya Bey einen spannenden Essay auf ihrer Homepage veröffentlicht. Hier kritisiert sie die kapitalistische und patriarchalische Welt, die schwarze Menschen und insbesondere schwarze Frauen unterdrückt und ausbeutet. Sie schreibt und singt über Intersektionalität, Klasse und Geschlecht. Eine spannende Abhandlung, die begleitend zum Album zeigt, was Yaya Bey alles draufhat – nicht nur musikalisch. (7 von 10 Punkten)

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Yaya Bey - 'alright' (Official Video) | Bild: Yaya Bey (via YouTube)

Yaya Bey - 'alright' (Official Video)

J Rocc – A Wonderful Letter

Er war viele Jahre der DJ von J Dilla und Madlib. Er steht für instrumentalen Hip-Hop. Ein Freak an den Turntables und dreifacher DJ-Weltmeister. Sein zweites Soloalbum ist ein Liebesbrief an Los Angeles. Dementsprechend hören wir auf der Platte sonnige Westcoast-Beats, G-Funk und etliche Rapper-Freunde aus L.A. (7 von 10 Punkten)

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J Rocc  -  A Wonderful Letter | Bild: Blind Park (via YouTube)

J Rocc - A Wonderful Letter

TV Priest -  My Other People

Der Sound ist düster, schwül und bedrohlich. Die Postpunk-Songs köcheln oft vor sich hin. Da ist Druck auf dem Kessel und das erzeugt Spannung. Besonders in Kombination mit den neuerdings auch sehr persönlichen Texten des Sängers. Messerscharf schneiden die Gitarren, um dann wieder in einer nachdenklichen Akustikballade zu verklingen. TV Priest reihen sich perfekt in die lange Liste toller Postpunk Bands von der Insel ein. Fontaines D.C. oder Idles lassen grüßen. (6,8 von 10 Punkten)

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TV Priest - It Was Beautiful [OFFICIAL VIDEO] | Bild: TV Priest (via YouTube)

TV Priest - It Was Beautiful [OFFICIAL VIDEO]