Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Moonchild Sanelly, Nick Mulvey und Shearwater

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei u. a. Moonchild Sanelly, Nick Mulvey, Shearwater, Dream Syndicate, Salamanda, Rufus Wainwright, Rusty (Elvis Costello) und Sinead O'Brien.

Von: Angie Portmann

Stand: 09.06.2022

Phases | Bild: Transgressive

Nick Mulvey – New Mythology

Das ehemalige Portico-Quartet-Mitglied Nick Mulvey ist auch nach fünf Jahren Albumpause ganz der Alte. Da ist immer noch diese José-González-Wohlfühl-Gitarre, ruhig, unaufgeregt, mit dezenten Streichern. Dazu die warme Stimme des Briten, der zwischenzeitlich nach Ibiza gezogen war, mittlerweile aber wieder in Großbritannien lebt. Vielleicht hat die Platte ja auch deshalb dieses gewisse Café-del-Mar-Flair, klingt so sanft und ultraentspannt. Auch wenn Nick Mulvey nicht müde wird zu betonen, dass hier sehr wohl auch ernste Themen verhandelt werden, z. B. ökologisches Bewusstsein. Ob das allerdings funktioniert, aus der gemütlichen Hängematte heraus die Welt verbessern zu wollen, das wage ich zu bezweifeln. Da genau drückt uns der sehr geschmeidige Folkansatz von Nick Mulvey nämlich hinein: in eine sanft schaukelnde Hängematte. Auch mal schön. (7,7 von 10 Punkten)

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Nick Mulvey - Mecca | Bild: NickMulveyVEVO (via YouTube)

Nick Mulvey - Mecca

Shearwater – The Great Awakening

Klangen Shearwater auf ihrem letzten Album „Jet Plane And Oxbow“ noch sehr selbstbewusst, ja poppig, hat ihr neues Album „The Great Awakening“ dagegen etwas Verletzliches, Kontemplatives, fast Spirituelles. Das mag eventuell daran liegen, dass Jonathan Meiburg, der Kopf der Band, in den vergangenen Jahren nicht nur Shearwater im Sinn hatte. Da war z. B. auch Loma, eine Band, die er mit Emily Cross & Dan Duszynski gegründet und mit der er zwei sehr schöne, sehr ruhige Alben veröffentlicht hat. Da war aber auch sein Buchprojekt über Geierfalken („A Most Remarkable Creature: The Hidden Life and Epic Journey of the World's Smartest Birds of Prey“) – der begeisterte Ornithologe Meiburg hatte dafür in monatelanger Isolation recherchiert. All das hallt jetzt in „The Great Awakening“ nach. Dazu kommen ausgefeilte Orchesterarrangements, eine leise Dramatik und dazwischen immer wieder Field Recordings, die Meiburg von seinen ausgedehnten Reisen in die entlegensten Winkel Südamerikas mitgebracht hat. Ein sehr atmosphärisches, episches Album, das die volle Aufmerksamkeit will – und von mir auch bekommen hat. Jonathan Meiburg hat sie verdient. (7,8 von 10 Punkten)

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Shearwater - Laguna Seca [OFFICIAL VIDEO] | Bild: Shearwater (via YouTube)

Shearwater - Laguna Seca [OFFICIAL VIDEO]

The Dream Syndicate – Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions

History is repeating itself – und das gilt ganz besonders für die Pop-Geschichte. Vor 40 Jahren haben Dream Syndicate ihr Debüt veröffentlicht, einen Mix aus Velvet Underground und Crazy Horse. Die Band um Steve Wynn war Mitte der 1980er Jahre eine der Helden des Paisley Undergrounds, jener Rockszene in Los Angeles, die den Psychedelic-, Folk- und Garagenrock aus den 60ern reanimierte. 1990 löste sich die Band auf, Steve Wynn machte solo weiter, das Dream Syndicate wurde in der Zwischenzeit zur US-Indie-Rock-Legende und ist seit 2017 wieder aktiv. Erstaunlich, wie diese Band seitdem an ihrem Sound schleift und feilt und gleichzeitig trotzdem am Original-Entwurf, dem Westcoast-Gitarren-Underground aus den 80ern hängt. Diesmal sind es u. a. Krautrock-Reminiszenzen und eine enohafte Ambient-Atmo, die das neue Dream-Syndicate-Album aufhübschen. Unterstützt wird Steve Wynn dabei u. a. von Chris Cacavas, dem ehemaligen Keyboarder von Green On Red, der ebenfalls ab Ende der 1980er Jahre solo unterwegs war. „Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions“ ist jetzt schon das fünfte Album seit der Dream-Syndicate-Reunion, also seit 2017. Steve Wynn und Co. holen anscheinend gerade alles nach, was sie in 27 Jahren Sendepause verpasst haben. Mal sehen, wie lang sie diese hohe Taktung gepaart mit dieser unglaublichen Experimentierfreude durchhalten. Wenn sie dieses hohe Level halten können, nur zu! (7,9 von 10 Punkten)

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The Dream Syndicate - Damian (Official Video) | Bild: firerecordings (via YouTube)

The Dream Syndicate - Damian (Official Video)

Moonchild Sanelly – Phases

Nicht alle Songs auf „Phases“ sind so „cute“ wie die wirklich umwerfende Single „Cute“, die Moonchild Sanelly zusammen mit der jamaikanisch-britischen Rapperin Trillary Banks aufgenommen hat. Aber bei stolzen 19 Songs ist auch der ein oder andere Filler erlaubt. Ich würde Moonchild Sanelly jetzt auch nicht unbedingt die „südafrikanische Rosalía“ nennen, eine Rosalía kann es nur eine geben, aber „Phases“ ist definitiv ebenfalls ein vor Sex, weiblicher Selbstermächtigung und coolen Beats nur so strotzendes Album einer Künstlerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. „Als Präsidentin des weiblichen Orgasmus“, wie sie sich selbst bezeichnet, hat Moonchild Sanelly weibliches Empowerment ganz oben auf ihrer Agenda stehen. Für „Phases“ hat sie es sogar mit ihrem toxischen Freund ausgehalten, um besser über ihre Beziehung singen bzw. rappen zu können. Erst nach Fertigstellung des Albums gönnte sie sich die Freiheit, ihn zu verlassen. Moonchild Sanelly weiß immer ganz genau, wovon sie singt. Das gilt für „Covivi“, ihren Kommentar zur Pandemie, wie für den Song „Strip Club“. Hier versucht die Musikerin das männliche Narrativ, den oft respektlosen Blick der Club-Besucher auf die dort Arbeitenden umzudrehen. Als Besitzerin mehrerer Pole-Dance-Bars weiß die 34-Jährige auch hier ganz genau Bescheid. Was die Musik angeht, mixt die meist blauhaarige Moonchild Sanelly souverän südafrikanische Genres wie Gqom und Amapiano mit Grime, Dancehall, Dub, House, R’n’B und Pop. Sie selbst nennt diesen Mix „Future ghetto funk“. In der südafrikanischen Musikszene ist die Mutter von drei Töchtern damit schon eine ganz große Nummer, hat aber auch schon mit den Gorillaz und Beyoncé zusammengearbeitet. Mit dem tollen „Phases“ wird ihr Global Pop vermutlich auch hier zu Lande bald ganz „big“. (8,1 von 10 Punkten)

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Moonchild Sanelly - Strip Club (ft. Ghetts) (Official Video) | Bild: Moonchild Sanelly (via YouTube)

Moonchild Sanelly - Strip Club (ft. Ghetts) (Official Video)

Salamanda – Ashbalkum

Salamanda, das sind die beiden südkoreanischen Produzentinnen Uman (Sala) und Yetsuby (Manda). Gemeinsam laden sie uns ein in eine rätselhafte, amorphe Klangwelt, in der sich wahrscheinlich auch Mouse On Mars wohlfühlen würden; so dubby, verspielt und experimentierfreudig klingen die beiden Südkoreanerinnen bzw. ihre vertrackten Beats. Elektronische Soundscapes, in denen man sich fühlt wie Alice im Wunderland. Hinter jeder Ecke, nach jedem Beat, lauert eine Überraschung. Beide Musikerinnen lieben Film- genauso wie Clubmusik. Ihr Album ist allerdings weder das eine noch das andere, sondern ein bezaubernder Mix aus Phantasie und Rhythmus. Der Albumtitel „Ashbalkum“ steht im koreanischen übrigens für die Erkenntnis, dass das, was man gerade meint, als „Realität“ zu erleben, eigentlich ein Traum ist. Bei Salamanda ist das auf alle Fälle ein sehr bunter, sehr aufregender Traum, den man gerne mitträumt. (8 von 10 Punkten)

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Salamanda - Coconut Warrior (Official Video) | Bild: Salamanda (via YouTube)

Salamanda - Coconut Warrior (Official Video)

Rufus Wainwright – Rufus Does Judy At Capitol Studios

Wer Rufus Wainwright mal live erlebt hat, der weiß, dass dieser Mann ein begnadeter Performer ist, seine Shows sind ganz großes Kino. Vor allem, wenn er diese Shows Judy Garland widmet. Die Hollywood-Diva wäre am Freitag 100 Jahre alt geworden. Ihr Konzert in der New Yorker Carnegie Hall im Jahr 1961 gilt als legendär, Anwesende sprachen damals von einer „religiösen Erfahrung“, das Publikum stürmte teilweise die Bühne. Schon im Jahr 2006 hatte Rufus Wainwright dieses Konzert quasi nachgestellt, gedacht als Hommage an Judy Garland, an die Ikone der Gay-Community, an seine Ikone. Wainwright ist mit denselben Songs aus dem Great American Songbook in der Carnegie Hall aufgetreten. Ein Jahr später ist der Live-Mitschnitt erschienen: „Rufus Does Judy At Carnegie Hall“. Aber damit nicht genug, jetzt erscheint auch noch: „Rufus Does Judy At Capitol Studios“. Rufus Wainwrights Begeisterung, ja Obsession für Judy Garland ist offensichtlich groß, sehr groß. Der zweifach Grammy-nominierte Singer-Songwriter hat im vergangenen Jahr dieselben Songs nochmal eingesungen. Diesmal allerdings, coronabedingt, nicht auf einer großen Bühne, sondern in dem Studio in dem auch schon Judy Garland aufgenommen hatte, Funfact: sogar mit demselben Mikro wie Garland. Im Zuschauerraum nur eine einzige Person, die Schauspielerin Renée Zellweger, die für ihre Garland-Darstellung im Film „Judy“ einen Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen hatte. Vor einem Jahr, zum 99. Geburtstag von Judy Garland, lief das Ganze schon als Livestream-Event. Zum 100. jetzt also die Albumveröffentlichung. Begleitet nur von einem exzellenten Jazz-Quartett, ist die aktuelle Judy-Garland-Hommage die wesentlich intimere, Wainwrights Stimme die bessere, seine Fans werden davon begeistert sein. Und auch ich muss gestehen, „Rufus Does Judy At Capitol Studios“ ist eine gute Gelegenheit, sich mit dem Great American Songbook und dessen besten Interpretinnen und Interpreten zu beschäftigen. (7,8 von 10 Punkten)

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Rufus Wainwright - Over The Rainbow | Bild: Rufus Wainwright (via YouTube)

Rufus Wainwright - Over The Rainbow

Rusty – The Resurrection of Rust

Aber es muss ja nicht unbedingt immer gleich The Great American Songbook sein, auf das man zurückgreift. Elvis Costello geht auf seinem neuen Album einfach 50 Jahre zurück in der eigenen Bandgeschichte. Zusammen mit seinem Kumpel Allan Mayes war er damals Rusty, ging tagsüber in die Schule und spielte abends Gigs in den Pubs rund um Liverpool. Mit Rusty hat Elvis Costello seine ersten, nicht immer glorreichen Live-Erfahrungen gesammelt. Allan Mayes und er haben damals Songs von Neil Young, Van Morrison, Randy Newman oder Nick Lowe gecovert. Ab und an war auch eine Eigenkreation dabei. Diese Songs hätten wir vermutlich nie zu hören bekommen, wenn Allan Mayes nicht auf die Idee gekommen wäre, das 50. Bandjubiläum zu feiern. Elvis Costello war begeistert, die beiden kramten in alten Notizblöcken, Costello engagierte seine Band The Imposters und machte daraus gleich ein neues Album bzw. eine EP: „The Resurrection of Rust“. Eigentlich ein typisches Elvis-Costello-Album, sorry Allan Mayes, aber der Meister ist wie immer eine Bank. (7,7 von 10 Punkten)

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Elvis Costello, Rusty - Surrender To The Rhythm (Official Audio) | Bild: ElvisCostelloVEVO (via YouTube)

Elvis Costello, Rusty - Surrender To The Rhythm (Official Audio)

Sinead O’Brien – Time Bend And Break The Bower

Sinead O’Briens Debütalbum klingt so stylish und cool, wie man es von einem ehemaligen Mitglied im Designteam von John Galliano bzw. Vivienne Westwood erwartet. „Time Bend And Break The Bower“ ist Spoken-Word-Post-Punk, der nie die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet, nie die Contenance verliert. Was fast ein bisschen schade ist, denn auf Albumlänge wirkt das Debüt der Irin zwar sehr elegant, aber dann doch etwas statisch. Das Debüt der vielversprechenden Siouxie-And-The Banshees-Reinkarnation Sinead O’Brien hat übrigens Dan Carey produziert, der auch schon Wet Leg, Squid, Black Midi, Foals und Kae Tempest produziert hat. (7,9 von 10 Punkten)

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Sinead O’Brien - Like Culture (Official Video) | Bild: SineadOBrienVEVO (via YouTube)

Sinead O’Brien - Like Culture (Official Video)