Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Lana Del Rey, Stone Giants und Sault

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind Bobby Gillespie & Jehnny Beth, Stone Giants, Laura Mvula, Sault, The Go! Team, Lana Del Rey, Oehl und Super db.

Von: Angie Portmann

Stand: 01.07.2021

Cover des Albums "100 % Hoffnung" der Band Oehl | Bild: Tim Cavadini/ Grönland

Bobby Gillespie & Jehnny Beth – Utopian Ashes (Sony)

As time goes by … Bobby Gillespie und seine Band Primal Scream gibt es jetzt seit fast 40 Jahren. Mit Primal Scream macht Gillespie Indie-Rock in den unterschiedlichsten Schattierungen, von Psychedelic-Rock über die große Screamadelica-Rave-Sause bis zum handfesten Blues-Rock. Der Schotte hat in seiner Musikkarriere fast alles ausprobiert – nur eine Platte mit der Savages-Frontfrau Jehnny Beth scheint noch gefehlt zu haben. Für „Utopian ashes“ haben Gillespie und Beth angeblich an legendäre Country-Duette wie das von Gram Parsons und Emmylou Harris gedacht. Die Latte so hoch zu legen, ist nicht unbedingt clever. Aber immerhin muss ich bei Songs wie „You can trust me now“ an Nick Cave und Kylie Minogue denken. Auch wenn ich, als großer Savages-Fan, gern noch mehr von Jehnny Beth und weniger Bobby Gillespie gehört hätte. Insgesamt klingt dieses Album musikalisch erstaunlich konventionell, zwischen Northern Soul („Chase it down“), U2 („Remember we were lovers“) und dramatischen Streichern. Textlich wird sich, ebenfalls ganz klassisch, am Ende einer Beziehung abgearbeitet. „Ohne Vertrauen, wie kann das Liebe sein“ haucht Jehnny Beth in „Living a lie“. Die 36-jährige Jehnny Beth klingt hier sehr erwachsen, sehr abgeklärt, Bobby Gillespie sowieso – aber warum nicht, auch Primal-Scream-Fans werden älter. Ob sie allerdings mit „Utopian ashes“ glücklich werden, ist fraglich. 7 von 10 Punkten

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Bobby Gillespie, Jehnny Beth - Chase It Down (Official Video) | Bild: PrimalScreamVEVO (via YouTube)

Bobby Gillespie, Jehnny Beth - Chase It Down (Official Video)

Stone Giants – West Coast Love Stories (Nomark)

Der gebürtige Brasilianer Amon Tobin ist ein superkreativer Kopf. Soundtechnisch wissen wir das schon seit den 1990er Jahren. Aber auch in Sachen Alter Egos ist der Mann äußerst erfinderisch. 2011 hat er noch unter seinem bürgerlichen Namen Amon Tobin das sensationell vertrackte „Isam“-Album veröffentlicht, dann ist der geniale Klangarchitekt abgetaucht, war quasi acht Jahre mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, um dann gleich mit mehreren neuen Alter Egos aufzuploppen. Den Anfang machte 2019 Only Child Tyrant mit Dark Rock Electronica, gefolgt von Figueroa, seinem Psych-Folk-Alias, und getoppt wird das Ganze nun mit dem Stone-Giants-Debüt „West coast love stories“. Ein sehr tolles, sehr atmosphärisches Folktronica-Album, auf dem Stimme und elektronischer Sound fast zu verschmelzen scheinen und dabei manchmal sogar an Elliott Smith erinnern. Wie der Albumtitel „West coast love stories“ schon verrät, geht es hier um die Liebe, eine schwebende, fast transzendente Form der Liebe – und nicht um deren Ende wie bei Bobby Gillespie. Großartige Platte, um im Sessel zu versinken und nie wieder aufzustehen. 8 von 10 Punkten

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Amon Tobin presents Stone Giants - West Coast Love Stories | Bild: Amon Tobin (via YouTube)

Amon Tobin presents Stone Giants - West Coast Love Stories

Laura Mvula – Pink Noise (Warner)

Waren die ersten beiden Alben von Laura Mvula „Sing to the moon“ (2013) und „The dreaming room“ (2016) noch jazzy Soul-Alben, hat die 35-jährige Britin jetzt – leider – ihre Leidenschaft für die Achtziger entdeckt. Und so klingt „Pink Noise“ mal nach Earth, Wind & Fire, mal nach Genesis, mal nach Michael Jackson – auf alle Fälle immer nach sehr kommerziellem Soul-Pop. Das mag in den britischen Charts wunderbar funktionieren, bei mir landet Laura Mvula mit „Pink Noise“ aber leider nicht. Es sei denn, sie lässt sich von Romare remixen. Wie im Fall von „Church girl“ im Romare Chilled Remix, dem Song über ihre Karriere als Kirchenchordirigentin, den Romare angenehm runtergepitcht hat. Geht doch. 6,2 von 10 Punkten 

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Laura Mvula - Church Girl [Official Video] | Bild: Laura Mvula (via YouTube)

Laura Mvula - Church Girl [Official Video]

Sault – Nine (Forever Living Originals)

Vinyl boomt. Und was machen da unsere Bayern-2-Nachtmix-Lieblinge Sault? Sie treiben den Vinyl-Wert noch weiter nach oben, indem sie verkünden, dass ihr neues, fünftes Album „Nine“ nur 99 Tage zu haben sein wird. Dann verschwindet das Album angeblich wieder aus den Plattenregalen und Streamingportalen. Ein genialer Marketingschachzug des britischen Musikerkollektivs. Wer kann, kauft sich jetzt natürlich das Vinyl – oder holt sich zumindest den Download. Sollte diese Taktik Schule machen, könnte das den allmächtigen Musik-Streamingdiensten ordentlich zusetzen. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängeralben, die sich mit der „Black lives matter“-Bewegung und den Protesten in den USA beschäftigten, geht es diesmal auf die Straßen Londons, in die Sozialviertel, zu den Gangs, zu Alkohol und Drogen. In einem Instagram-Post von Sault heißt es dazu:

"The majority of us get trapped in a systemic loop where a lot of resources & options are limited … Adults who fail to heal from childhood traumas turn to alcohol & drugs as medicine … Young girls & boys looking for leadership can get caught up in gang life."

Sault

Die erste Hälfte von „Nine“ klingt dann musikalisch zwar bewährt funky, aber auch relativ düster, der Bass ist verzerrt, die Produktion minimalistisch. „The pain is real, the real is pain“ läuft als bedrohlicher Spoken-Word-Loop in dem Song „Fear“. Kurz darauf erzählt Michael Ofo von einem traumatischen Erlebnis in seiner Kindheit: der Ermordung seines Vaters. Bittersüße Soulsongs folgen. Doch Sault bleiben nicht im Ghetto, blicken stattdessen in die Zukunft, eine bessere, hellere Zukunft („one day you’ll make it, one day you’ll feel free“).

Der Soul von Sault klingt hier nicht nur herrlich lo-fi und retro im besten und bewährten Sinne, sondern in diesem Fall auch wunderbar tröstlich. Wieder ein hervorragendes Album, von dem es nur 16.000 Kopien gibt. Und dabei soll es definitiv auch bleiben, so die Band. Sault, das ist ja neben der Sängerin Cleo Sol auch der Londoner Musiker und Produzent Dean Wynthon Josiah alias Inflo. Inflo wiederum ist auch der Produzent von Little Simz, von der im September ein neues Album erscheint und die hier neben Michael Ofo als Featuregast zu hören ist und mit ihrer Touristen-Persiflage für eine eher humoristische Einlage sorgt auf diesem ansonsten doch politisch sehr ambitionierten Album. 9 von 10 Punkten

The Go! Team – Get Up Sequences Part One (Memphis Industries)

Seit 2004 lädt das Go! Team jetzt schon regelmäßig zum Tanz bzw. zur großen Sample-Sause und klingt dabei auch diesmal wieder aufgedreht und gut gelaunt wie eh und je. Jan Parton & Co. lassen das Schlagzeug bzw. die Steeldrums scheppern und die Flöten und Bläser fröhlich pfeifen. Die Melodien sind so catchy und sonnendurchflutet, dass man die Songs als Antidepressivum verschreiben lassen möchte. Wobei Jan Parton im Vorfeld gar nicht zum Lachen war. Denn bei ihm war eine seltene Krankheit diagnostiziert worden, Morbus Menière. Eine Krankheit, die zu einem einseitigen Hörverlust führen kann. „Das Trauma, mein Gehör zu verlieren, gab der Musik eine andere Dimension für mich und verwandelte das Album in ein Rettungsfloß“, so Parton über die neue Platte. Nichtsdestotrotz (oder vielleicht gerade deswegen) klingt „Get up sequences part one” unverkennbar nach The Go! Team, sprich einem knallbunten, superoptimistischen Lo-Fi-Mix aus Sixties Pop, Seventies Funk und Sample-Wahnsinn. 7,7 von 10 Punkten

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Get Up Sequences Part One Coming Soon | Bild: The Go! Team (via YouTube)

Get Up Sequences Part One Coming Soon

Lana Del Rey – Blue Banisters (Polydor)

Erst im März dieses Jahres ist das großartige „Chemtrails over the Country Club“ erschienen, schon steht die nächste Veröffentlichung der so fleißigen wie erfolgreichen Lana Del Rey an: „Blue Banisters“. Vorab gab es leider nur drei Songs daraus zu hören, drei ziemlich berückenden Songs allerdings, alle im klassischen Lana-Del Rey-Style, sprich: schwebender Slowmotion-Pop mit Americana-Schlagseite. In „Text book“ besingt sie die schwierige Beziehung zu ihrem Vater – und hat sich damit schon wieder in die Nesseln gesetzt. Denn seit sie vor Jahren in einem Interview behauptet hatte, sie interessiere sich mehr für Dinge wie Tesla-Autos als für Feminismus, werden ihre Texte stets kritisch seziert. Diesmal geht es um die Textzeile: „And there we were, screamin' ‘Black Lives Matter’ in the crowd“. Man wirft ihr vor, diese Zeile völlig kontextlos und willkürlich platziert zu haben, um ihr angekratztes Image aufzupolieren. Lana Del Rey wiederum wehrt sich mittlerweile vehement gegen Vorwürfe wie diesen. Ihre männlichen Kollegen wie z. B. Nick Cave kennen derartige Probleme nicht, die Kunstperson Cave hat alle Freiheiten der Welt, Elizabeth Woolridge Grant muss als Lana Del Rey noch darum kämpfen. Ohne Wertung

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Lana Del Rey - Text Book (Official Audio) | Bild: Lana Del Rey (via YouTube)

Lana Del Rey - Text Book (Official Audio)

Oehl – 100 % Hoffnung EP (Grönland)

Hans Fallada lässt grüßen. Oehl installieren hier eine neue Sachlichkeit im deutschsprachigen Pop, die ihresgleichen sucht. Oehl, das ist ein österreichisch-isländisches Duo, bestehend aus Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson. Die beiden haben sich schon 2007 auf einer Party in Salzburg kennengelernt, aber erst 2016 angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Sehr interessante Musik, wie ich finde. Die stoisch-ruhige Stimme von Ariel Oehl trifft auf angenehm tanzbare, leichtfüßige Beats, fast wie anno dazumal bei The Whitest Boy Alive, nur, dass die Texte des Duos sensationell unromantisch sind. 7,3 von 10 Punkten

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Oehl – 300.000 (Official Video) | Bild: Oehl (via YouTube)

Oehl – 300.000 (Official Video)

Super db – Ecoute ca (Gongo Records/ Sutsongs)

Super db ist eine britische Softrock-Band, die so zwingend nach dem Sound der späten 1970er, frühen 1980er Jahre klingt, dass es fast unheimlich ist. Steely Dan, Donald Fagen, Supertramp, Genesis oder Earth, Wind & Fire. Alles Bands, die von Super db schwer geschätzt und offensichtlich auch imitiert wurden. Das klingt nicht retro, das ist pure Nostalgie, frei von jeglichem Zeitgeistdenken. Vier Nerds, die sich während des Musik- bzw. Jazzstudiums kennengelernt und einen Traum verwirklicht haben. Wobei, mittlerweile sind es leider nur noch drei, denn der 26-jährige Keyboarder und Sänger Matt Dibble ist kurz vor der Albumveröffentlichung unerwartet gestorben. Zu Ehren Matts hat der Rest der Band beschlossen, das neue Album „Ecoute ca“ trotzdem zu veröffentlichen. Quasi um seinen Spirit weiterzutragen. 6,8 von 10 Punkten

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Super db - Wait For Me - Official Video | Bild: Super Db (via YouTube)

Super db - Wait For Me - Official Video