Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Kendrick Lamar, Leikeli 47 und Kevin Morby

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei u. a. Kevin Morby, The Smile, Black Keys, Florence & The Machine, Kendrick Lamar, Leikeli 47 und dem Electro-Trio Moderat

Von: Thomas Mehringer

Stand: 11.05.2022

Moderat | Bild: Birgit Kaulfuss

Kevin Morby – This Is A Photograph

Zwei Sachen, die beim ersten Hören des neuen Kevin Morby Albums “This Is A Photograph” auffallen: Wir erleben die Lou-Reedisierung von Kevin Morby, und ähnlich wie Kurt Vile legt Morby jetzt mehr Wert auf das Elegische in seinem Folk-Rock. Mit Lou-Reedisierung meine ich, dass es Kevin Morby hier simpel hält. Das war die große Kunst des Lou Reed, mit einfachen Mitteln die Hörenden in den Bann ziehen. Das gelingt Morby hier perfekt. Die Wehmut zieht Morby aus einer harten Phase seines Lebens, denn zuletzt hat er seinen kranken Vater gepflegt. Dem geht es wieder besser, aber die Krankheit seines Vaters hat Kevin Morby wieder daran erinnert, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Schlüsselsong ist der Titeltrack “This Is A Photograph”, in dem Morby beschreibt, wie er im Keller seines Familienhauses ein altes Bild seines Vaters gefunden hat, auf dem er stark, jung und selbstbewusst aussah - das genaue Gegenteil zu jetzt. Wir hören ein melancholisches Album über Vergänglichkeit: Vergänglichkeit von Träumen und des Körpers, so simpel wie schön. (8,4 von 10 Punkten)

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Kevin Morby - This is a Photograph (Official Video) | Bild: KevinMorbyVEVO (via YouTube)

Kevin Morby - This is a Photograph (Official Video)

Black Keys – Dropout Boogie

Das Duo Patrick Carney und Dan Auerbach gibt es seit 2001, ihre ersten roughen Bluesrock-Platten habe ich geliebt, dann war ich skeptisch, mehrfach, das erste Mal, als sie sich eine Backing-Band dazugeholt haben, dann als der erste Grammy kam und nochmal als die ersten Welttourneen gespielt waren. Aber die Black Keys haben sich nie wirklich im Mainstream-Rock verloren. Meine Skepsis war mit der letzten Platte “Delta Kream” weggewischt, die kam erst vor gut einem Jahr raus. Darauf haben sie alte Blues-Songs gecovert. Und das Projekt scheint ihnen Kraft und Inspiration für ihr elftes Studioalbum gegeben zu haben. Klar, die juvenile Power und Roughness wird nicht mehr zurückkehren, aber der Blues der Black Keys altert in stilvoller Würde, mehr noch, sie finden immer wieder neue, spannende Seiten des Blues - und das mit Hilfe von alten Helden. Denn auf “Dropout Boogie” hören wir unter anderem Billy Gibbons von ZZ Top. (7,5 von 10 Punkten)

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The Black Keys - Wild Child (Official Music Video) | Bild: The Black Keys (via YouTube)

The Black Keys - Wild Child (Official Music Video)

Florence & The Machine – Dance Fever

Ich gestehe, ich habe einen Soft Spot für die Hymnen von Florence & The Machine, einen sehr großen Soft Spot, so groß wie Neuseeland. Florence Welch hat seit Beginn ihrer Karriere dieses Händchen für Hymnen, die sich zwar an den Mainstream-Pop anschmiegen, aber trotzdem immer noch kantig genug bleiben, damit sie jemanden wie mich nicht verliert. Anders gesagt: Florence’ Publikum ist immer größer geworden, ihr Indie-Pop aber nicht dümmer. Das neue Album “Dance Fever” soll die Post-Pandemie-Ära einleiten, für Glücksgefühle sorgen, einen neuen Lebensabschnitt einleiten. Und von niemandem würde ich mich lieber aus der Pandemie führen lassen, als von Florence & The Machine. (7,3 von 10 Punkten)

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Florence + The Machine - Free | Bild: FlorenceMachineVEVO (via YouTube)

Florence + The Machine - Free

The Smile – A Light For Attracting Attention

Ich sag’s, wie es ist: Wir hören mit “A Light For Attracting Attention” ein sehr inspiriertes, abwechslungsreiches und dem Jazz zugeneigtes Radiohead-Album. Warum sich Thom Yorke, Jonny Greenwood und Sons Of Kemet-Drummer Tom Skinner dafür The Smile nennen mussten, hat sich mir beim ersten Hören nicht erschlossen. Vielleicht steckt die Antwort auch einfach schon im Albumtitel, der heißt übersetzt so viel wie “Ein Licht, um Aufmerksamkeit zu kriegen”. Gut, die alten Radiohead-Buddies sind ja nicht verkracht und mit einem neuen Projekt und Namen zieht man natürlich erstmal besagte Aufmerksamkeit. Umgekehrt hoffe ich, dass die Radiohead-Fans auch mitbekommen, was hier unter falscher Flagge abgeliefert wird: Das London Contemporary Orchestra und eine Garde versierter, britischer Jazzmusiker machen das Debüt von The Smile zum besten Radiohead-Album seit “Amnesiac”. Und ja, mir ist klar, dass ich mich dabei weit aus dem Fenster lehne, aber mir geht’s im Gegensatz zu Thom Yorke und Co nicht um Aufmerksamkeit. (8,1 von 10 Punkten)

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The Smile - Free in the Knowledge (Official Video) | Bild: The Smile (via YouTube)

The Smile - Free in the Knowledge (Official Video)

Obongjayar – Some Nights I Dream Of Doors

Steven Umoh nennt sich Obongjayar, er ist in jungen Jahren mit seiner Familie von Nigeria nach London gezogen, um seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Dort hat er angefangen US-Hip-Hop zu hören: Snoop Dogg und Eminem. Und als er mit der Musik anfing, hat er seinen nigerianisch-britischen Akzent versteckt und im amerikanischen Slang gesungen und gerappt. Das hat ihm dann auch zu Features bei US-Rapper Danny Brown geholfen, aber seit einiger Zeit versteckt Obongjayar oder kurz “OB” seine Wurzeln nicht mehr, im Gegenteil, sie machen seinen Sound ziemlich speziell: Afrobeat, Spoken Word, Rap und sehr schöne Balladen, in British-English. Sein neues Album “Some Nights I Dream Of Doors” ist sein bisheriges Meisterwerk. (7,7 von 10 Punkten)

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Obongjayar - I Wish It Was Me (Live) | Bild: OBONGJAYAR (via YouTube)

Obongjayar - I Wish It Was Me (Live)

They Hate Change – Finally, New

Das Debüt des Duos They Hate Change aus Tampa Bay startet nicht mit einem Intro, sondern mit einem “Stuntro”, was ich sehr sympathisch finde. Trial & Error als Mindset für ein Debüt, das mich ziemlich weggeblasen hat, um ehrlich zu sein. Ich bin eigentlich ein wenig Trap-müde, aber They Hate Change bringen Oldschool und Newschool ziemlich originell und mitreißend zusammen - oft sogar innerhalb eines Songs. Und auch UK Garage-Sound und Breakbeats haben Platz in ihren Tracks. Vor allem steckt aber sehr viel Hirn in diesem Debüt, merkt man aber schon alleine am Bandnamen They Hate Change. Genialer Name, der den Zeitgeist nicht besser streifen könnte. Dieses Duo sollten wir - bei allem Change - weiter auf dem Schirm haben. (7,4 von 10 Punkten)

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They Hate Change - From the Floor (Official Video) | Bild: TheyHateChangeVEVO (via YouTube)

They Hate Change - From the Floor (Official Video)

Leikeli 47 – Shape Up

Einer der besten Tracks auf „Shape Up“ heißt  “LL Cool J”, die damit nicht den Rapper und Schauspieler meint, sondern LL Cool J steht für “Ladies Love Cool Jewelry”, Ladies lieben coolen Schmuck. Cleveres Empowerment, wie das ganze Album “Shape Up” von der Rapperin mit den bunten Masken. “Shape Up” heißt ja so viel wie Aufstylen für einen tollen Abend. Und genau darum geht’s: Wenn deine Haare gemacht sind, sagt Leikeli 47, bringst du dich psychisch und stylish so nach vorne, dass du bereit für die Welt da draußen bist. Ich will, dass die Leute das Album hören und keine Angst haben, 100 Prozent sie selbst zu sein. Es ist anzunehmen, dass Kendrick Lamar in dieser Veröffentlichungswoche alles für die Schwarze Community liefert, Leikeli 47 vergisst dabei die Ladies nicht. Wir hören ein wütendes Selbstermächtigungs-Manifest von einer afroamerikanischen Ausnahmerapperin. An Leikeli 47 führt 2022 kein Weg vorbei. (8,3 von 10 Punkten)

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Leikeli47 - LL Cool J (Official Video) | Bild: Leikeli47VEVO (via YouTube)

Leikeli47 - LL Cool J (Official Video)

Kendrick Lamar – Mr. Morale & The Big Steppers

Leider bleibt das neuen Kendrick-Lamar-Album vollends unter Verschluss. Promo braucht dieser Rap-Superstar auch wahrlich nicht mehr. Die ganze Welt wartet, bis der mit “To Pimp A Butterfly” gekrönte König des Hip-Hops seinen Fans wieder ein Zeichen gibt, das sie erinnert, warum Kendrick auf dem Thron des Raps sitzt. Bisher gibt es nur einen Track zu hören: “The Heart Part 5” - und ja, alleine über diesen Track könnten wir Stunden sprechen. Nach „The Heart Part 4“ aus dem Jahr 2017 folgt jetzt Part 5. Kendrick sampelt “I Want You” von Marvin Gaye. Ein Song aus dem Jahr 1976, in dem Gaye von Funk zu Disco geswitcht hat. Also vielleicht auch ein Omen für Kendrick, dass er jetzt die Genres wechselt? Dann wäre da noch das Video zu “The Heart Part 5”, in dem wir einen sogenannten Deep Fake sehen, das bedeutet Kendrick performt plötzlich als Kanye West, Kobe Bryant oder OJ Simpson, also mehrere schillernde afroamerikanische Zeitgenossen. Will Smith ist auch dabei. Das Video hatte innerhalb von wenigen Stunden schon 5 Mio Aufrufe. So einen Impact hatte zuletzt das Childish Gambino-Video zu “This Is America”. (keine Wertung möglich)

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Kendrick Lamar - The Heart Part 5 | Bild: Kendrick Lamar (via YouTube)

Kendrick Lamar - The Heart Part 5

Moderat – MORE D4TA

Nach sechs Jahren Sendepause kann man schonmal vergessen haben, wer hinter Moderat steckt: Moderat ist die Fusion von Modeselektor und Apparat, namentlich Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szary. Das Electro-Trio legt jetzt das vierte gemeinsame Album vor “MORE D4TA”, der Titel ist ein kunstvolles Anagramm von “Moderat 4”. Inspiriert wurden sie diesmals vom Produzenten der letzten beiden Alben von LOW, BJ Burton heißt der Mann und er hat aus dem Slowcore-Duo aus Minnesota zuletzt ein Klangspektakel gemacht. Die Vocals hat wieder Sascha Ring beigesteuert, der corona-bedingt seine Lyrics nicht in aller Welt, sondern in Berliner Museen geschrieben hat, in Begleitung seiner kleiner Tochter. Ganz so ein Low-eskes Soundspektakel hören wir auf “MORE D4TA” nicht, eher erfüllen Moderat die hohen Erwartungen hier vollends: Melancholische Beats, Pop-Elemente. Moderat bringen uns nach Jahren der Pandemie das traurige Funkeln des Nachthimmels wieder zurück. (7,8 von 10 Punkten)

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MODERAT - MORE D4TA - EASY PREY | Bild: Moderat (via YouTube)

MODERAT - MORE D4TA - EASY PREY