Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Belle & Sebastian, Billy Nomates und Velvet Negroni

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei Margo Price, Liela Moss, Joesef, Gaz Coombes, James Yorkston, Belle & Sebastian, Billy Nomates, Velvet Negroni, Nina Persson & The Second Hand Orchestra

Von: Matthias Hacker

Stand: 12.01.2023

Velvet Negroni  | Bild: Beggars Group

Margo Price - Strays

Am einen Tag bist du noch oben auf, am nächsten stehst du schon in der Schlange und bittest um Essensmarken. Das singt Margo Prize auf ihrem neuen Album. Bei der US-Songwriterin ist das Private äußerst politisch. Sie singt außerdem von Drogen, Abtreibungen, Sex und gestörten Frauenbildern durch Social Media. Die Texte sind selbstbewusst und emanzipatorisch. Musikalisch war auf dem neuen Album Strays die Devise: Guitar first. Aber es sind weit mehr als nur Songs zwischen weißem Rock n Roll und Americana. Die „Midwest Farmer's Daughter“ – wie sie sich selbst auf ihrem ersten Soloalbum bezeichnete – wagt sich in neue musikalische Gefilde. Angefangen beim klassischen Nashville-Country, klingen mittlerweile auch Soultunes durch. Die Platte ist vielschichtig und geschmückt mit prominenten Gästen: Sharon Van Etten oder Lucius sind hören. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Margo Price - Strays (Album Trailer) | Bild: Margo Price (via YouTube)

Margo Price - Strays (Album Trailer)

Liela Moss - Internal Working Model

Liela Moss ist bekannt geworden als Sängerin der Band The Duke Spirit. Solo versprüht sie eine gehörige Portion Kulturpessimismus. Sie bemängelt auf der neuen Platte die Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit unseres Kulturkonsums, die Entfremdung der Menschen, unsere blinde Unterwürfigkeit der Technologie gegenüber. Gleichzeitig ist ihre Bildsprache auf „Internal Working Model“ hoffnungsvoll und zuversichtlich. Sie singt vom New Day, von einer neuen Solidarität und Verbundenheit unter den Menschen und sie singt von empathischen Dateien. Ein Satz steht exemplarisch für dieses Album: „Böse Welt, stell mich wieder auf die Beine“. Beim Hören sind wir Hin und Hergerissen zwischen Kulturpessimismus und hoffnungsvollem Optimismus. Die gute Seite gewinnt. Denn der Synthrock von Liela Moss ist viel heller und klarer als auf ihren ersten Platten. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Liela Moss - Vanishing Shadows ft Gary Numan (Official Video) | Bild: Liela Moss (via YouTube)

Liela Moss - Vanishing Shadows ft Gary Numan (Official Video)

Joesef - Permanent Damage

Mit Belle & Sebastian und James Yorkston waren wir heute schon zweimal Schottland. Nun folgt der dritte schottische Streich – auch wenn der Sound von Joesef überhaupt nichts mit Dudelsack und Schottenrock zu tun hat. Es ist internationaler RnB-Pop. In den glamourös schillernden Sound packt er bodenständige Working Class Songs. Auch wenn es sein Debüt ist, ein Newcomer ist Joesef nicht. Er war 2020 auf der Emfpehlungsliste der BBC. Promis wie Sam Smith oder Mark Ronson lieben seine gefühlvollen “sad boy banger”. Dieser traurige Junge gilt als neuer Shootingstar und ist mit seinem Debüt auch der kommende Bayern2 Musikfavorit. (7,8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Joesef - Borderline (Official Visualiser) | Bild: Joesef (via YouTube)

Joesef - Borderline (Official Visualiser)

James Yorkston, Nina Persson & The Secondhand Orchestra - The Great White Sea Eagle

Der schottische Songwriter Yorkston ist schon viele Jahre mit dem schwedischen Dirigenten Karl-Jonas Winqvist befreundet. Schon beim letzten Album setzten sie die Songs mit Winquists Second-Hand Orchestra um. Auf Anraten des Dirigenten holte Yorkston eine Gastsängerin dazu. Der schwedische Dirigent hatte Nina Persson von den Cardigans im Sinn und Yorkston war früher Cardigans Fan. Und Persson sagte dann auch noch zu. Yorkston hat die neuen Songs auf dem Klavier vorkomponiert, nicht wie bisher auf der Gitarre. Das ist auch einer der Gründe, wieso diese Platte fröhlicher klingt. Er meint: „Vielleicht liegt es daran, dass ich nur die weißen Klaviertasten verwendet habe“. Danach präsentierte er die Stücke dem Second Hand Orchestra, die spontan und unvermittelt dazu improvisieren sollten. Ein, zwei Versuche und die Platte war im Kasten. Das hört man manchmal auch. Die Songs sind zwar gut, aber an einigen Stellen klingen die Arrangements wie ein Schnellschuss und dazu noch schlecht abgemischt. Yorkstons schottischer Folk und Perssons Gesang kommen besser zur Geltung, wenn sich das Orchester zurückhält. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

James Yorkston, Nina Persson & The Secondhand Orchestra - The Harmony (Live) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

James Yorkston, Nina Persson & The Secondhand Orchestra - The Harmony (Live)

Rozi Plain - Prize

James Yorkston war und ist nicht nur Fan von Nina Persson. Als Rozi Plain vor 15 Jahren ihre erste Platte veröffentlichte – da war Yorkston ebenso begeistert. Er wird wohl auch ihre neue Platte hören, die zeitgleich erscheint. Prize bietet atmosphärische, melancholische Indietronica. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Rozi Plain - Agreeing For Two (Official Video) | Bild: Memphis Industries (via YouTube)

Rozi Plain - Agreeing For Two (Official Video)

Belle & Sebastian - Late Developers

Überraschung! Belle & Sebastian präsentieren den Nachfolger zu „A bit bit of previous“ aus dem vergangenen Jahr. Late Developers: die Spätentwickler. Dabei ist die Band doch schon lange raus aus der Pubertät. Sie hatten sich 1996 auch im Rahmen eines Sozialprogramms für Arbeitslose in Glasgow gegründet. Sie präsentieren sich wieder spielerisch zwischen Indie, Kammerpop und warmem Indiesoul. Mit E-Gitarre, Cembalo, Streicher, Saxofon und mehrstimmigen Chorgesängen. Sie haben die Songs bei derselben Session aufgenommen, aus der letztes Jahr schon das Vorgängeralbum hervorgegangen ist. Late Developers ist allerdings kein Abfallprodukt oder eine B-Seite. Ich mag diese Songs sogar noch lieber. Ich bin sehr empfänglich für die Leichtigkeit und positive Heile Welt-Attitüde der Schotten. Ein guter Start ins neue Jahr. (7,8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

I Don't Know What You See In Me | Bild: Belle & Sebastian - Topic (via YouTube)

I Don't Know What You See In Me

Billy Nomates - CACTI

Billy Nomates, das Projekt der in Bristol lebenden Songwriterin Tor Maries, veröffentlicht das zweite Studioalbum. Auf einem alten Drumcomputer und mit einem Midi-Keyboard hat sie zuhause in ihrer Küche erste Skizzen aufgenommen. Fertig produziert hat es Geoff Barrow ion seinen Invada Studios. Geoff Barrow kennt man von der Band Portishead und er hat Billy Nomates entdeckt. Nomates ist ein Künstlername und steht für „no mates“ – keine Freunde. Das passt gut. Billy Nomates hat das Album während der Isolation in der Pandemie geschrieben. Es passt aber auch gut in die jetzige Post-Pandemie-Phase. Denn dieses Album möchte die Corona-Schatten vertreiben. Die Corona-Themen sind zwar noch da: die Isolation, die mentale Belastung und Zukunftsängste. CACTI klingt aber wie ein lebensbejahendes Survival-Kit. Die stabile Seitenlage für unsere geschundenen Seelen. Wie singt Nomates:  „Death Doesn’t turn me on, like it used to.“ Dazu kombiniert sie DarkWave, Postpunk, DancePop. Am 29. März spielt Billy Nomates in München. (8,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Billy Nomates - vertigo | Bild: Billy Nomates (via YouTube)

Billy Nomates - vertigo

Velvet Negroni - Bulli

Jeremy Nutzmann nennt sich als Künstler „Velvet Negroni“. Er kommt aus Minneapolis. Die Heimatstadt, die er sich mit Prince teilt. Sein großes Vorbild. Velvet Negroni müsste sich gar nicht als großer Prince-Fan outen. Wir hören es sowieso. Velvet Negroni ist kein Prince Abklatsch oder eine Kopie. Sondern neben der stimmlichen Nähe ist der künstlerische Ansatz derselbe wie bei Prince. Klug und vor allem experimentell bringt er die genreübergreifenden Prince-Attitüde mit RnB, Rock, Lofi HipHop und Sprechgesang in die Post-Prince-Ära. (9 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Velvet Negroni - Sinker (Official Video) | Bild: Velvet Negroni (via YouTube)

Velvet Negroni - Sinker (Official Video)

Gaz Coombes – Turn The Car Around

Mit seiner Band Supergrass war er Teil der Britpop Explosion. Supergrass zeichnete immer ihr Swing und Groove aus. Gaz Coombes ist schon lange solo unterwegs und jetzt erscheint sein viertes Album: „Turn The Car Around“ ist gut gemachte Gitarrenmusik. Den Supergrass-Swing hört man immer noch raus - Genauso hymnischen Brit und Baroque Pop. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Gaz Coombes - Don't Say It's Over [Official Video] | Bild: Gaz Coombes (via YouTube)

Gaz Coombes - Don't Say It's Over [Official Video]