Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Zebra Katz, Lapsley und Tony Allen & Hugh Masekela

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Tony Allen & Hugh Masekela, Brian & Roger Eno, Zebra Katz, Rustin Man, Irreversible Entanglements, Lapsley, Moaning, James Righton und vielen mehr.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 19.03.2020

Zebra Katz | Bild: Beats International

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch das Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Corona-Krise weiterhin für uns Musik machen können: ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden, die ihre Läden haben Dicht machen mussten oder auch via Seiten wie bandcamp.com, die geben gerade 100% der Einnahmen an die Künstler*innen weiter.

My Ugly Clementine - Vitamin C

Ich kann mich nicht erinnern, dass es aus Österreich mal hieß: Wir haben eine neue Supergroup - und die besteht nur aus Frauen. 2020 ist es soweit - und Supergroup ist auch gar nicht übertrieben: Schmieds Puls, Leyya, Kerosin95 oder Daffodils sind alles Bandnamen, die man in Deutschland kennt, weil sie hier oft auf Tour sind. Aus diesen Bands setzt sich My Ugly Clementine zusammen. Das Debütalbum heißt “Vitamin C” - und das soll für Empowerment stehen. Gelungen ist My Ugly Clementine hier sehr tolle Indie-Pop-Platte, die man in der Anmutung schon vor 20 Jahren hätte hören können - aber ziemlich sicher nicht in der Konstellation. (7 von 10 Punkten)

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My Ugly Clementine  - The Good The Bad The Ugly (Official Video) | Bild: My Ugly Clementine (via YouTube)

My Ugly Clementine - The Good The Bad The Ugly (Official Video)

James Righton - The Performer

James Righton kennen wir als Keyboarder der Nuller Jahre Indie-Raver Klaxons. Jetzt erscheint das erste Soloalbum unter seinem bürgerlichen Namen - und es ist eine recht komische Mischung geworden. Righton veröffentlicht auf dem Label der Soulwax-Brüder, aber wir hören kein elektronisches Dance-Album, sondern ein Songwriter-Album, das bei den Melodien auch gut mal bis in die Sixties zurück reicht. Auf manchen Stücken kann Righton dann seinen Background doch nicht verstecken und es groovt ganz ordentlich. Kein schlechter Eklektizismus, aber so recht weiß Righton noch nicht, wo er hinwill. (6,5 von 10 Punkten)

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James Righton - Edie | Bild: JamesRightonVEVO (via YouTube)

James Righton - Edie

Moaning - Uneasy Laughter

“Uneasy Laughter” heißt das zweite Album des Trios Moaning aus L.A.. Über den Titel musste ich lange nachdenken, was könnte das für ein nicht ganz so einfaches Gelächter sein, aber mit den Texten von Sean Solomon wird das schnell klar: es ist ein unsicheres Lachen, ein Lachen mit dem man vieles überspielt - Gefühle zum Beispiel, was man sonst als Mann gerne mal macht. Moaning ermuntern hier, über Gefühle zu sprechen. Das tun sie mit einem auch mal pathetischen Sound, der sie neben Interpol und den Editors zu weiteren Joy Division-Epigonen macht - aber definitiv zu den besseren. (6,5 von 10 Punkten)

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Adult Swim Singles Presents “Fall In Love” by Moaning | Bild: Adult Swim (via YouTube)

Adult Swim Singles Presents “Fall In Love” by Moaning

Låpsley - Through Water

Vor vier Jahren haben wir die damals 19-jährige Holly "Låpsley" Flechter aus Liverpool als eine der britischen Hoffnungsträgerinnen gefeiert, neben Künstler wie James Blake - also, ich hab das gemacht, ich war aber nicht ganz allein. Seitdem ist es relativ ruhig geworden, weil Låpsley das wahre Leben kennenlernen wollte. Sie hat mit Teenagern aus schwierigen Verhältnissen gearbeitet und ist jetzt ausgebildete Geburtshelferin. Ihr zweites Album “Through Water” zeigt, sie könnte, wenn sie denn wollte, eine ganz Große werden. Sie singt auch über Themen wie Identität, Liebeskummer, Zukunftsangst, sie zeigt Empathie für die LGBTQ-Szene - also alles Themen, die gerade state of the art sind, aber Låpsleys Bodenständigkeit macht ihre Songs sehr besonders. (7 von 10 Punkten)

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Låpsley - Womxn | Bild: Låpsley (via YouTube)

Låpsley - Womxn

The Weeknd - After Hours

Der Albumtitel bezieht sich auf den Lieblingsfilm des kanadischen R’n’B-Stars: “After Hours” von Martin Scorsese. Dazu passt auch, dass The Weeknd gerade bei einem Netflix-Film mit Adam Sandler mitgespielt hat. Er hat sich selbst gespielt. Und das ist auch wieder ein bisschen das Problem bei The Weeknd, er ist als Künstler komplett durchkommerzialisiert, er macht Musik exklusiv für Modeketten, seine Girlfriends sind immer Topmodels, er ist eine Marke. Und das ist vollkommen okay in der heutigen Zeit, nur hätte man sich schon vor der Markenbildung den künstlerischen Beweis gewünscht, dass seine Musik auch Wert hat. Ob wir diesen Beweis mit dem neuen Album geliefert bekommen, kann ich leider nicht beurteilen, weil die Plattenfirma die Platte unter Verschluss hält. (keine Wertung möglich)

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The Weeknd - After Hours (Short Film) | Bild: TheWeekndVEVO (via YouTube)

The Weeknd - After Hours (Short Film)

Zebra Katz - Less Is Moor

Den queeren Rapper kennen wir vom Gorillaz-Album “Humanz”. Darauf war er gleich viermal zu hören. Erst jetzt erscheint - nach zwei Mixtapes - sein Debütalbum: “Less Is Moor”. Eine Anspielung auf seine College-Abschlussarbeit namens “Moor Contradictions”, das war eine Perfomance-Kunst-Aufführung. Geboren wurde Katz in Florida, seine Eltern sind aus Jamaika eingewandert, er lebt momentan in Berlin. Das ist wichtig zu wissen, weil auch viel Berghain-Style auf seinem Album zu hören ist: Radikal und hedonistisch beschäftigt sich Katz mit seiner eigenen Sexualität. Auf “Less is Moor” bringt er Fashion, Identität, Sex, Beats und Techno zusammen - das wirkt oft sehr finster, wie ein schwarzer Engel, der über einem Haute-Couture-Laufsteg schwebt. Eines der besten Alben dieser Woche kommt von Zebra Katz. (8,5 von 10 Punkten)

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Zebra Katz - LOUSY / IN IN IN | Bild: ZebraKatzVEVO (via YouTube)

Zebra Katz - LOUSY / IN IN IN

Irreversible Entanglements - Who Sent You?

Wie politisch Jazz in den letzten Jahren wieder geworden ist, dafür gibt’s zahlreiche Beispiele - die Irreversible Entanglements sind eines der besten. Gegründet haben sie sich 2015, da haben sich noch als zwei getrennte Ensembles bei einem Konzert gegen Polizeigewalt gespielt. Danach wurde ein Free-Jazz-Ensemble daraus, dem auch die Künstlerin Moor Mother angehört. Die war dieses Jahr schon live in den Münchner Kammerspielen. Das neue Album “Who Sent You?” ist eine Reise in die Black History, die Gewalt und Ungerechtigkeit thematisiert. Im eben gehörten groovy Song “No mas” heißt es: “Wir werden ihnen nicht mehr erlauben, zu teilen und zu erobern, zu spalten und zu unterdrücken, unsere Menschlichkeit zu definieren”. Großartiges Jazz-Album, was natürlich auch wieder auf dem angesagten Chicagoer International Anthem-Label erscheint. (8,5 von 10 Punkten)

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Irreversible Entanglements - "No Más" [official video] | Bild: International Anthem (via YouTube)

Irreversible Entanglements - "No Más" [official video]

Tony Allen & Hugh Masekela - Rejoice

Tony Allen, Nigerias legendärer Afrobeat-Drummer und Südafrikas Trompeter Nummer 1 Hugh Masekela hingen schon in den Siebzigern zusammen mit Fela Kuti rum. 2010 haben sie erstmals miteinander aufgenommen, die Aufnahmen lagen dann lange rum - und erst kurz vor Masekelas Tod 2018 wollten die beiden das erste gemeinsame Album fertigstellen. Das erscheint jetzt, Tony Allen hat es mit jungen Jazz-Musikern fertig produziert - und er widmet es auch der heutigen Jugend, den Menschen um die 20. Aufwachen, schreit er ihnen entgegen - mit diesem südafrikanisch-nigerianischen Swing-Jazz-Stew, also Eintopf. So nennt Allen den Sound. Masekela hat bei den Stücken immer wieder spontan reingesungen, eigentlich untypisch für ihn. Trotzdem oder gerade deswegen ein einzigartiges Album von zwei Legenden, die beide beweisen, dass sie das nicht umsonst sind. Eines der besten Alben in dieser Woche kommt von Tony Allen und Hugh Masekela. (8,5 von 10 Punkten)

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Tony Allen & Hugh Masekela - Never (Lagos Never Gonna Be The Same) | Bild: World Circuit Records (via YouTube)

Tony Allen & Hugh Masekela - Never (Lagos Never Gonna Be The Same)

Rustin Man - Clockdust

Hinter Rustin Man steckt der Ex-Talk-Talk-Bassist Paul Webb. Mit Beth Gibbons von Portishead hat er 2002 eines der besten Alben dieses Jahres veröffentlicht, “Out Of Season” hieß das. Letztes Jahr hat er dann nach fast 17 Jahren sein Solodebüt als Rustin Man veröffentlicht: “Drift Code”. Das wurde von der Kritik sehr gut aufgenommen, ich fand es auch ein bemerkenswertes Spätwerk. Aus den Sessions damals sind noch mehr Songs gepurzelt, die Rustin Man jetzt auf dem Album “Clockdust” rausbringt. Und wieder hören wir einen weise gewordenen Arrangeur und Sänger, der hier so lange auf die Zeiger der Uhr schaut, bis diese zu Staub verfallen. Geduld ist eine Tugend. Das ist bis auf zwei Ausnahmen alles wieder hörenswert, hat wie der Vorgänger aber nur ein Problem: beide Soloalben von Rustin Man kommen nicht an das Album mit Beth Gibbons ran. (7 von 10 Punkten)

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Rustin Man - Jackie's Room (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Rustin Man - Jackie's Room (Official Video)

Roger & Brian Eno - Mixing Colours

Der Zündfunk hat vor kurzem gefragt, welcher Film ist der beste zum Einschlafen - was gar nicht so abwertend gemeint war, wie es klingt. Ganz oft genannt: Pulp Fiction. Was mich jetzt zu der Behauptung bringt: Das erste Album der Brüder Roger & Brian Eno ist das Pulp Fiction unter den Ambient-Platten. Ich muss gestehen, ich bin mehrfach in einen durch und durch entspannten Schlaf gefallen beim Hören. 18 Tracks haben die Enos auf “Mixing Colours” gepackt, die sind alle in den letzten Jahren entstanden. Trotzdem hat das Album einen so träumerischen Fluss, als wäre alles auf einmal aufgenommen worden. Wer nicht einschläft und in einem Rutsch durchhört, der kriegt eine längst überfällige Kooperation, die aus beiden Enos nochmal das Beste rausholt. (7 von 10 Punkten)

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Roger & Brian Eno – Celeste | Bild: Deutsche Grammophon (via YouTube)

Roger & Brian Eno – Celeste


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