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Neuerscheinungen der Woche Violent Femmes | Jetzt! | Bryony Jarman-Pinto

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Angie McMahon, Dude York, den Violent Femmes, Mono/Poly, YBN Cordae, Jetzt! von Michael Girke, Rapper NF, Spoon, Cuco u. a.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 25.07.2019

Cover: Jetzt!  | Bild: Tapete Records

Violent Femmes – Hotel Last Resort

Wer’s noch nicht wusste, die Violent Femmes gibt es wieder. Hätte man schnell vergessen können, weil das 2016er Comeback-Album jetzt nicht so gut war, dass man gesagt hätte: Wow, die Femmes, so mitreißend, so witzig, so relevant, gut, dass sie wieder da sind. Das Comeback-Album war einfach nix. Dafür trifft das alles jetzt auf das neue Album “Hotel Last Resort” zu. Wir hören den so hart geschätzten Folk-Punk - und das auch nicht mehr in Zeitlupe, sondern mit Tempo, mit selbstironischen Texten, Seitenhiebe in Richtung Mr. Orange im Weißen Haus und Gästen wie Tom Verlaine von Television. Das fügt sich alles sehr gut zusammen. Darum: Merken! Die Violent Femmes sind zurück - und das ist jetzt auch gut so. (8 von 10 Punkten)

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Violent Femmes "Hotel Last Resort" [lyric video] | Bild: Violent Femmes 'Hotel Last Resort' out July 26 (via YouTube)

Violent Femmes "Hotel Last Resort" [lyric video]

Angie McMahon – Salt

Dekoriert mit einer Handvoll australischen Newcomer-Preisen präsentiert uns die aus Melbourne stammende Angie McMahon in Deutschland ihr Debütalbum “Salt”. Die Songs darauf kommen eher konventionell daher, aber die Stimme von Angie McMahon ist groß - und kann noch viel größer werden. Das Formatradio mag solche Stimmen. Ihre Songs sind gerade noch so edgy und intim, dass sie noch auf Indie-Mixtapes - oder Playlisten, wie es heute heißt - passen. Thematisch ist das, was wir von Angie McMahon hören, auch nicht super neu: Wir sollen das hinterfragen, was uns die normative Gesellschaft vorgibt. Meine gar nicht mal so steile These dazu ist ja: Diese Fragen werden heute gar nicht mehr gehört, wenn sie nicht schrill, laut und provokativ sind. All das ist Angie McMahon eher nicht. (7,5 von 10 Punkten)

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Angie McMahon - Pasta (Official Video) | Bild: Angie McMahon (via YouTube)

Angie McMahon - Pasta (Official Video)

Dude York – Falling

Dude York sind ein Trio aus Seattle. Und sie haben sehr „elaborierte“ Vorbilder: Jimmy Eat World, Third Eye Blind, Weezer, Dashboard Confessional - also all die Bands, die Anfang der Nuller Jahre in den alternativen US-Radiostationen liefen. Klingt erstmal nicht sonderlich fordernd, aber Dude York haben was - und nichts was man nur als Retro beschreiben könnte. Ihr Sound passt erstaunlich gut in die Zeit. Wir hören auf dem Album “Falling” kleine, feine Indie-Pop-Hymnen, die man so geballt sonst nur auf Spotify in der Heroes-Of-The-Zeroes-Playlist hört. (6,5 von 10 Punkten)

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Dude York - "Falling" [OFFICIAL VIDEO] | Bild: hardlyartrecords (via YouTube)

Dude York - "Falling" [OFFICIAL VIDEO]

Jetzt! – Wie es war

Es ist das letzte große Enigma des deutschen Pop und es heißt: Bad Salzuflen. Wobei es erstmal ein Fakt ist, dass Musiker wie Bernd Begemann oder Bernadette La Hengst aus dem Kneipp-Kurort in Nordrhein-Westfalen kommen. Das “Fast Weltweit”-Label hat auch Typen wie Jochen Distelmeyer oder Frank Spilker nach Bad Salzuflen geholt. Einer der unbekannteren Protagonisten dieser Szene heißt Michael Girke, sein Projekt heißt Jetzt!. Vor zwei Jahren kamen die verschollenen Aufnahmen erstmals auf Platte raus, “Liebe in grossen Städten”, Songs aus den Jahren 84 bis 88. Diese Erstveröffentlichung war so erfolgreich, dass Michael Girke jetzt neue Songs aufgenommen hat - und ich persönlich bin unendlich dankbar dafür. Wir hören folky Deutsch-Pop-Songs, die es heute so nicht mehr oder selten gibt. Girkes Songwriting geht genau an die Stelle im Herzen, wo zuletzt in den 90ern die Hamburger Schule sein Logo eingebrannt hat. (8,5 von 10 Punkten)

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Jetzt! - Wir sind Wolken, sind Momente (Lyric Video) | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Jetzt! - Wir sind Wolken, sind Momente (Lyric Video)

Spoon – Everything Hits At Once

Kleiner Test: Woran denkt ihr zuerst, wenn es um Best Of-Alben geht? Ich an: Geldmacherei - da versucht jemand überflüssigerweise den Fans Geld aus der Tasche zu ziehen. Bei Spoon ist das ein bisschen anders. Die Band aus Austin, Texas war lange selbst skeptisch, aber das Argument von Sänger Britt Daniel leuchtet mir ein. Seine erste Cure-Platte war eine Best-Of, seine erste Joy Division auch. Meine übrigens auch. Best Ofs können also beste Einstiegsdrogen sein, die ganz schnell süchtig machen. Und so eine Droge werfen Spoon jetzt auch auf den Markt - für Fans, aber vor allem für solche, die es noch werden wollen. Fein kompiliert, alte und neue Songs gemischt, nicht chronologisch und so kommt die Essenz dieser ewigen Indie-Helden auch gut raus. Plus es gibt mit “No Bullets Spent” einen komplett neuen Song, der sich aber auch sehr gut einreiht. (7,5 von 10 Punkten)

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Spoon - "No Bullets Spent" (Lyric Video) | Bild: Spoon (via YouTube)

Spoon - "No Bullets Spent" (Lyric Video)

YBN Cordae – The Lost Boy

Cordea Dunston ist 21 und Mitglied der YBN-Crew in Maryland. YBN steht für “Young Boss Niggas”, darum ist Cordea ein YBN Cordae. Unter dem Namen hat er schon drei Mixtapes veröffentlicht. Er ist Vertreter des Real Rap, d. h. Cordae dichtet der Realität nichts an, sondern beschreibt wie es ist. Der Feel-Good-Track „Bad Idea“ zusammen mit Chance The Rapper ist sehr untypisch für sein Debütalbum, aber er ist ein gutes Beispiel, wie Newcomer im Rap auf sich aufmerksam machen: Ein Feature eines Stars muss her. Dann gibt’s Klicks und Aufmerksamkeit. Die hat YBN Cordae aber eh verdient, starkes Debüt, das wir hier hören. (7 von 10 Punkten)

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YBN Cordae - RNP (feat. Anderson .Paak) [Official Audio] | Bild: YBN Cordae (via YouTube)

YBN Cordae - RNP (feat. Anderson .Paak) [Official Audio]

NF – The Search

Nathan Feuerstein aus Gladwin, Michigan nennt sich als Rapper nur NF. Sein letztes Album “Perception” war Nummer 1 in den USA. Da gilt er als ein Eminem-Epigone. Auch NF kommt aus schwierigen Familienverhältnissen. Seine Mutter nahm sich das Leben als er 18 war. Er selbst bekam danach psychische Probleme. Rap ist seine Therapie. Fast in jedem Song hört man das auch raus. Auch auf seinem neuen Album “The Search” - auch wieder ein potentielles Nummer 1-Album. Dabei ist der Star hier nicht der Song, schon gar nicht musikalisch, sondern hier funktioniert die Lebensgeschichte von NF und sein Umgang mit Depressionen. Ähnlich wie bei Billie Eilish projizieren viele Menschen ihre Erfahrungen auf NF. Pop und Depression - mittlerweile ein Chartgarant. (6,5 von 10 Punkten)

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NF - The Search | Bild: NFVEVO (via YouTube)

NF - The Search

Cuco – Para Mi

Ein Autounfall hat jüngst die Karriere von Cuco ein klein wenig gebremst, viele hatten ihn schon vor zwei Jahren auf dem Zettel. Jetzt ist Cuco 20, der Latino kommt aus Kalifornien, hat da als Bedroom-Producer angefangen, bringt jetzt sein Debütalbum raus, “Para Mi” wird es heißen. Seinen Stil beschreibt er als “Alternative Dream Pop”. Ich würde Cuco irgendwo zwischen Mac DeMarco und Toro Y Moi verorten - dazu kommen noch sehr viele Latin-Einflüsse. Vor allem in den USA könnte das sehr erfolgreich werden. (7 von 10 Punkten)

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Cuco - Feelings | Bild: CucoMusicVEVO (via YouTube)

Cuco - Feelings

Bryony Jarman-Pinto – Cage And Aviary

Nach dem pfeifenden Songwriter Andrew Bird ist jetzt auch eine junge Jazz-Sängerin aus Cumbria an der irischen See auf den Vogel gekommen. Das Debüt von Bryony Jarman-Pinto heißt “Cage and Aviary” - also Käfig und Voliere - und es kommt locker jazzy daher, wie ein Vogel, der aus einem Käfig ausbricht und die Freiheit findet. Vielleicht überfordert ihn die Freiheit auch ein wenig und er weiß gar nicht, was er jetzt eigentlich tun soll. Damit bleibe ich im Bild, um auch gleich meine Kritik anzubringen: Bryony Jarman Pinto verliert sich manchmal in ihren jazzy Arrangements. Mit DJ und Labelbesitzer Gilles Peterson hat sie aber einen prominenten Fan und wenn man das ganze Debüt hört, dann weiß man auch warum. Die in London-lebende Songwriterin ist ein großes Talent, das in die Fußstapfen von Lianne La Havas treten könnte. (7,5 von 10 Punkten)

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Bryony Jarman-Pinto - Sun Kissed (Official Video) | Bild: Tru Thoughts Records (via YouTube)

Bryony Jarman-Pinto - Sun Kissed (Official Video)

Mono/Poly – Monatomic

Charles E. Dickerson gehört zu diesen Künstlern aus dem Flying Lotus-Umfeld, die wir schon längst an das Universum verloren haben. Er nennt sich Mono/Poly - mit Trennungsstrich, sonst besteht Verwechslungsgefahr mit dem Spiel Monopoly. Bisher hat Mono/Poly auf Flying Lotus Brainfeeder-Label veröffentlicht, jetzt erscheint sein erstes Album auf Naymlis. Die Platte “Monatomic” ist wie ein Raumschiff, mit dem sich Mono/Poly vorbereitet, in ein schwarzes Loch zu fliegen. Er weiß, es wird wild, es wird anstrengend, g-Kräfte wirken auf ihn ein und er hat keine Ahnung, wo er am Ende rauskommt. Nur wieder einmal gilt: space is the place. Eines der besten Alben in dieser Woche kommt von Mono/Poly. (8 von 10 Punkten)

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MONO/POLY - WHEN I'M COMIN FOR YA | Bild: NAYMLIS (via YouTube)

MONO/POLY - WHEN I'M COMIN FOR YA


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