Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Tobias Gruben, Lucinda Williams und Other Lives

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Tobias Gruben, Ariel Pink, Lucinda Williams, Other Lives, The Lowest Pair, Roger O'Donnell, Rone, Lorenzo Senni, Hans Unstern, Pinty, Tom Misch & Yussef Dayes, Chris Keys & Quelle Chris und Maajo.

Von: Ralf Summer

Stand: 23.04.2020

Cover: Tobias Gruben - Die Liebe Frisst Das Leben  | Bild: ZickZack Platten/ mindjazz music

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch ihr Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Coronakrise weiterhin für uns Musik machen können: Ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden, die ihre Läden haben dicht machen mussten oder auch via Seiten wie bandcamp.com.

LUCINDA WILLIAMS – Good Souls Better Angels

Seit 1988 veröffentlicht sie Platten, 1994 bekam sie einen Country-, 2002 einen Rock-Grammy. Inzwischen sind es drei Grammys und zwei Americana Awards. Das Time-Magazine kürte sie schon zu „America´s Best Songwriter“ - kein Wunder: sie ist Tochter eines Literatur-Professors und einer Pianistin aus Louisiana. Sie sang mit Steve Earle und David Crosby, tourte mit Bob Dylan und Tom Petty, der ihre Songs coverte, Pete Doherty und Amy Winehouse wurden Fans. Vor ein paar Jahren gründete Lucinda Williams ihr eigenes Label Highway 20 Records – auf dem auch wieder ihr neues Album erscheint. Auf „Good Souls Better Angels“ taucht ihr Mann & Manager, Tom Overby, erstmals als Co-Autor auf. Auf der Platte geht es um häusliche Gewalt, die Nachrichtenflut und Social Media. Der Sound pendelt zwischen Country-Balladen und richtig rockenden Nummern. (7,0 von 10 Punkten)

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You Can't Rule Me | Bild: LucindaWilliams (via YouTube)

You Can't Rule Me

OTHER LIVES – For Their Love

Der Musikexpress nennt sie die „Americana-Perfektionisten aus der Morricone-Schule“. Fünf Jahren haben sie sich für Album Nummer 3 Zeit gelassen. Und das Warten hat sich gelohnt. Beim Hit „Lost Day“ erinnert das Timbre von Sänger Jessie Tabish an die tolle Stimme von The National. Jessies Frau Kim ist erstmals dabei – an Geige, Percussion und mit Gesang. Aufgenommen haben sie das elegische Werk im abgelegenen Haus des Paars im US-Bundesstaat Oregon. „Dead Language“ gibt’s schon vorab als Unplugged-im-Holzhaus-Version im Netz. Es ist das A-förmige Nurdach-Elternhaus von Jessie, in dem schon immer Musiker eingeladen waren. Nun, nach ihrem Tod, führt ihr Sohn das Musik-zuhause-Erbe weiter. Mom & Dad würden stolz auf seine Entscheidung sein – und natürlich auch auf seine Band, Other Lives. Anders leben, zwischen Wald und Wiesen, zwischen Essen und Üben. Herrlich! Wenn auch ein bisschen viel Kastagnetten… (8,0 von 10 Punkten)

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Other Lives - We Wait (Official Visualizer) | Bild: OtherLivesVEVO (via YouTube)

Other Lives - We Wait (Official Visualizer)

TOBIAS GRUBEN – Die Liebe Frisst Das Leben (Tobias Gruben, seine Lieder und Die Erde)

Wenn so unterschiedliche Musiker oder Bands wie Messer, Tom Schilling oder Isolation Berlin seine Songs nachspielen, muss der Original-Komponist schon etwas Besonderes sein: Tobias Gruben hatte eine der interessantesten deutschen Stimmen ever. In den 80ern gründete der Starnberger mit Christoph Schlingensief (!) in München die Band „Die 4 Kaiserlein“. In Hamburg gründete er u. a. mit (dem heutigen Super-Producer) Tobias Levin (!) Die Erde. FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten war damals ihr Produzent. Stücke wie „Leben Den Lebenden“, „Party“ und „Hassle“ hätten den Anfang einer Indie-Karriere bedeuten können.
Dank seiner markanten, schneidenden Stimme war Gruben ein Sänger, auf den man sofort hörte, auch auf seine Deutsch und Englisch verfassten, existenzialistischen Texte. Gruben nahm Drogen, auch Heroin. Die Band zerbrach – nachfolgende Projekte (u. a. Heroina) ließen sich nicht zu Ende realisieren. Am Tag bevor Vertragsgespräche für einen Solo-Deal mit Universal beginnen sollten, starb er in Hamburg an einer Überdosis. Er wurde nur 33.
Nun hat Regisseur Oliver Schwabe, der sich auf Musikthemen spezialisiert hat, er drehte Fraktus und Dokus über Tokio Hotel und die Zeltinger Band – hat nun Freunde, Familie und Musikkollegen zusammengebracht. Dazu covern junge Bands die alten Songs von Gruben. So entsteht ein schönes, trauriges Porträt über einen jungen Musiker, der auch an der Strenge seines Vaters, einem bekannten Archäologen, zerbrach. Und nun endlich gewürdigt wird. Ab heute (23.04.) kann man den Film „Die Liebe Frisst Das Leben“ ist der Film im Stream - für 9,90 €. Kino-Sondervorführungen folgen ab Mitte Mai. (8,5 von 10 Punkten)

ARIEL PINK – Archives, Cycle 2 (Worn Copy (remastered) / House Arrest (remastered) / The Doldrums (remastered)

Er ist einer der führenden Köpfe für spleenigen Indie-Pop Kaliforniens. Nun veröffentlicht Ariel Pink drei Alben wieder: frühe, vergriffene Aufnahmen des Hypnagogic-Lo-Fi-Pop-Musikers. Sie stammen zum Teil aus der Zeit, als er auf die Kunstschule CalArts ging, sie abbrach und als Abschlussprüfung sein Debüt vorlegte – ohne einen Abschluss dafür zu bekommen. Insgesamt knapp 50 Songs auf drei Alben: Worn Copy (2003), House Arrest (2002) und The Doldrums (2000) – als er sich noch Ariel Pinks Haunted Graffiti nannte. Zum Teil wurden die einstmals selbst-gebrannten CDs auch schon als LPs vom Animal Collective-Label (Paw Tracks) wiederveröffentlicht. In diesem Jahr wird weiteres frühes Material von ihm folgen. (7 von 10 Punkten)

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Ariel Pink - Crybaby (Official Video) | Bild: Ariel Pink (via YouTube)

Ariel Pink - Crybaby (Official Video)

THE LOWEST PAIR – The Perfect Plan

Kendl Winter und Palmer T. Lee sind The Lowest Pair. Das Roots-beeinflusste, traditionell anmutende Indie-Folk-Duo aus den USA hat für das neue Album mit Produzent Mike Logis von Bright Eyes zusammengearbeitet. Kein Wunder: Conor Oberst veröffentlichte ihre Alben bisher. Ihre neue Platte werden sie am Sonntag (26.4.) bei einem Online-Festival vorstellen, bei „Shut In & Sing“. Die Single „Wild Animals“ handelt von Neugier und mysteriösen Orten, die einen sowohl ängstigen als auch erregen“, so Winter. „Wenn man danach nicht mehr in die Normalität zurück will“. Sie arbeitete auf einer Forschungsstation in der Arktis. Und gewann dort den jährlichen Südpol-Marathon – in einer Rekordzeit für Frauen. Vielleicht heißen auch deshalb Stücke „How Far I Would Go“, „Cast Away“ oder „Take What You Can Get“. (7,0 von 10 Punkten)

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The Lowest Pair- Wild Animals Lyric Video | Bild: Lowest Pair (via YouTube)

The Lowest Pair- Wild Animals Lyric Video

ROGER O´DONNELL – 2 Ravens

Ernst, fast kammermusikalisch lässt es der Keyboarder von The Cure angehen. Auf seinem zweiten Solo-Album hören wir viel Klavier, Streicher und Jennifer Pague, der Sängerin von Vita And The Woolf. Ihre kristallklare Stimme taucht bei jedem zweiten Song auf. Der Gesang kam erst später dazu, als die Beiden einander vorgestellt worden. Davor war es eine reine Instrumental-Platte. Vergleiche zu seiner Hauptband verbieten sich. Auch die Melancholie ist eine andere: weniger Pop, eher Neo-Klassik-angehaucht. Kein Wunder: die Platte wurde im Winter 2016 komponiert, nach der Welt-Tour mit The Cure, auf dem Land, wo O´Donnell wohnt. Stücke wie „December“, „An Old Train“ oder der Titeltrack „2 Ravens“ sind elegisch und weltabgewandt. Die Streichquartette entführen uns nochmal in die kalte Jahreszeit. (6,5 von 10 Punkten)

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Roger O'Donnell   An Old Train feat. Jen Pague | Bild: RogerODonnellTV (via YouTube)

Roger O'Donnell An Old Train feat. Jen Pague

RONE – Room With A View

Sym & Syn: symphonisch-synthetisch. Der Franzose mit einem großen Wurf in Sachen empathischer Electronica. „Human“ ist der Track, der mich 2020 bisher am meisten bewegt: ein Meisterwerk in Sachen Spacemen´scher Gospel-Choral-Musik, beamt weg wie nix. Intensive Überwältigungsmusik. (8,5 von 10 Punkten)

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Rone - Esperanza | Bild: Rone (via YouTube)

Rone - Esperanza

LORENZO SENNI – Scatto Matto  

Der Italiener ist seit einiger Zeit ein heißer Tipp in der Electronic-Szene. Wobei Scatto Matto schon sein fünftes Album ist – aber das erste fürs renommierte Warp-Label (Aphex Twin, Boards of Canada). Der aus Mailand stammende Produzent klingt sehr eigen, statt glatter und plätschernder Keyboards-Sounds und fetter Beats zieht er lieber C64-Sid-Chip-mässige, Synthies-Sounds vor, die ohne zwingenden Dance-Rhythmus auskommen. „Schachmatt“ heißt der Titel übersetzt – Senni sieht in den Tracks auch „unsichtbare Gegner, gegen die ich eine Partie Schach spiele.“ Im Grunde wechselt er dann die Seiten und spielt gegen sich selbst. Partie statt Party - kein Wunder, dass er auch gern in Museen und Kunsträumen spielt – u. a. in der Tate Modern in London, bei der Biennale in Venedig oder im Centre Pompidou in Paris. Auch für Tanzperformances und fürs Kino produzierte er. Mit Warp hat er endlich die passende Heimat gefunden, um in aller Welt Anerkennung zu bekommen. (8,0 von 10 Punkten)

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Lorenzo Senni - THINK BIG (Official Audio) | Bild: Lorenzo Senni (via YouTube)

Lorenzo Senni - THINK BIG (Official Audio)

HANS UNSTERN - Diven

MusikerInnen „basteln“ gern rum an ihrer neuen Platte. Hans Unstern macht es tatsächlich: er hat gesägt, geschraubt, getüftelt, geschweißt, geflext und gelötet. Am neuen Studio. Und seinem Instrument: der V-Harfe. „Das V steht für das V aus Diven“ – dem Albumtitel, so Hans Unstern. Im September hat Unstern die Harfe der Öffentlichkeit vorgestellt – im Zentrum Für Kunst & Urbanistik in Berlin: „so monumental dieses Gespinst auf der Bühne dasteht, so feingliedrig sind die Details: selbst die Tonabnehmer sind eigenhändig aufgespult. Goldhaare aus Kupferdraht, in 8.000 Umdrehungen.“ Auf der Platte – nach sieben Jahre (Umbau-)Pause - liefert sie/er eine Mischung aus „modernen Märchen und diskursiven Heftchen, kontrasexuelle Lovesongs und Agitprop-Erzählungen - für eine Welt nach dem Rasurzwang“, so der / die Berlinerin, die Glitzer und Schminke mit langen Haaren und Vollbart kombiniert. Musikalisch treffen Kunstlied / Avantgarde auf wortfindungsreiche Poesie („Nichtsdestotrotz“). Für die Käufer seiner Single „Haare Zu Gold“ hat Unstern eigens Schmuck entworfen: es sind die fünf Buchstaben des Albumtitels „Diven“. Hätte es auf Tour geben sollen. Gibt es nun im „mauseigenen Shop“, wie es Unstern ausdrückt. Als Ohrschmuck-Models posieren FreundInnen wie Ted Gaier (Goldene Zitronen), Tucké Royale oder Stella Sommer (Die Heiterkeit), mit der Unstern auch einen Song fürs Album schrieb: das lustige Schlussstück „Cis“. Hier gelingt Unstern feiner, neuer Gender-Humor: man(n) erwartet bei dem Titel etwas zum Thema „CIS-Mann“ oder „CIS-Frau“ (für ´geborene Frauen´ oder ´geborene Männer´) - im Liedtext heißt es jedoch: „Cis klingt einfach schön“ (gemeint ist die Tonart Cis-Dur). Hans hätte man(n) gerne als Sister bzw. Cis-ter. (7,5 von 10 Punkten)

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Hans Unstern – SELBSTAUSLÖSERIN | Bild: Hans Unstern (via YouTube)

Hans Unstern – SELBSTAUSLÖSERIN

PINTY – Moonlit Moods EP

Ein Kumpel von King Krule. Ein Sound, der an The Streets erinnert, sprich 2-Step plus Rap, bei diesem britischen MC klingt es fast nach Chill-Step. Toll, dass der Macher des Hot Chip-Labels für extra eine neue Plattenfirma gegründet hat. Ehre, wem Ehre gebührt. Nach dieser EP werden wohl bald die Majors Schlange stehen. (8,5 von 10 Punkten)

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Pinty - It's Just Life (Official Music Video) | Bild: Pinty (via YouTube)

Pinty - It's Just Life (Official Music Video)

TOM MISCH & YUSSEF DAYES – What Kinda Music

Tom hat schon mit Rapper Loyle Carner gearbeitet, nun saß er mit dem Drummer Yussef Dayes im Studio. Die beiden Londoner swingen sich gut ein zwischen Soul / Jazz / HipHop-Beats. Klar, sie kennen sich schon aus Schultagen und erinnern an eine britische Version von Thundercat. Misch steht auf Harmonien und Melodien, singt und spielt sanft Gitarre und so ist auch der Rap-Track mit Freddie Gibbs ist sehr gechillt geworden. Mischs Debüt-Song vor Jahren - „Dilla Love“ - wurde sogar von Dillas Mutter gelobt. Apropos: inzwischen sind sogar die Eltern von Tom und Yussef Freunde. Sie kannten sich vor dem Album nicht. Erwachsener Mehr-Generationen-Sound! (8,0 von 10 Punkten)

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Tom Misch & Yussef Dayes - What Kinda Music (Official Video) | Bild: Tom Misch (via YouTube)

Tom Misch & Yussef Dayes - What Kinda Music (Official Video)

CHRIS KEYS & QUELLE CHRIS – Innocent Country 2

Leider nur vier Vorabtracks gibt es von diesem Dreamteam zu hören. Die beiden US-HipHop-Künstler liefern auf den wenigen Songs schon so eine hohe Rap-Qualität ab, dass sowohl Vorfreude als auch Erwartungsdruck auf den Nachfolger zu „Innocent Country“ ziemlich hoch sind. Smooth, jazzy, souly – mit Gästen wie Earl Sweatshirt, tUnE-yArDs und Homeboy Sandman. Kein Wunder, das Mello Music Label ist seit Jahren erstklassige Oldschool + Boom Bap Lieferent. (Keine Wertung)

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Quelle Chris & Chris Keys - Sudden Death (Official Video) | Bild: Mello Music Group (via YouTube)

Quelle Chris & Chris Keys - Sudden Death (Official Video)

MAAJO – Kuru Kuru

Finnischer Electropical-Sound. Der Afro-balearische Klang des Quintetts begeisterte auch schon Remixer wie Call Super, Luke Vibert oder Dengue Dengue Dengue. Drei Tracks des Zweitlings sind mit Vocals - von Ismaila Sané (Senegal) und Akim Color (Benin). Die flirrende Platte erscheint auf dem Berliner Label Queen Nanny und will sich als Huldigung ans Wunder des Lebens, Ermutigung zur Überschreitung von Grenzen und stetem interkulturellem Dialog verstanden wissen. An Bord: Live-Percussion, traditionelle Kalimbas, High-Life-Gitarren und quietschige Synthies. Hypnotische Nostalgie wie von einem alten Groove-Mixtape, das nach langer Pause wieder eingelegt wird. (8,5 von 10 Punkten)

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Maajo - Esukey (feat. Ismaila Sané) | Bild: Bolting Bits (via YouTube)

Maajo - Esukey (feat. Ismaila Sané)


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