Bayern 2 - Nachtmix


4

Neuerscheinungen der Woche The Who | Fehler Kuti | Lee "Scratch" Perry

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Snøffeltøffs, Yann Thiersen, Lee "Scratch" Perry, BLVTH, Fehler Kuti, The Who, Burial, Venetian Snares, Pop. 1280, Roddy Ricch und Kliffs.

Von: Matthias Hacker

Stand: 05.12.2019

Buriel | Bild: Hyperdub

Snøffeltøffs – Frohnau

Beim Berliner Duo Snøffeltøffs aus Berlin war nach dem Debütalbum Hokus Pokus 2014 erstmal wieder Funkstille. 2018 haben sie sich dann als Trio mit einem neuen Stück zurückgemeldet. Es sollte dann auch gleich ein neues Album folgen – hat aber 2018 nicht mehr geklappt. Und beinahe wäre es auch 2019 nichts mehr geworden. Aber so kurz vor knapp erscheint jetzt doch noch "Frohnau" – benannt nach dem Ortsteil in Berlin Reinickendorf. Sie legen mit Sixties-infizierten Garagenrock und Peter Doherty-gleichen Slacker-Gesang los. Gegen Ende taucht dann auch mal 70er-Surfsound oder psychedelischer Americana auf. Je stärker der Twang der Gitarre wird, umso dichter und interessanter werden auch die Lieder. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Snøffeltøffs - Frohnau | Bild: Snøffeltøffs (via YouTube)

Snøffeltøffs - Frohnau

Yann Tiersen – Portrait

Den meisten ist der Franzose als Komponist der Soundtracks zur "Fabelhaften Welt der Amelie" oder "Goodbye Lenin" bekannt, aber das ist nur ein Teil seiner Arbeit. Einen Querschnitt durch sein Schaffen kriegen Fans und Neuentdecker auf seiner neuen CD. "Portrait" ist wie ein Abbild seiner 20-jährigen Karriere. Es sind 25 neu aufgenommene und überarbeitete Versionen alter Stücke und unterschiedlicher Schaffensphasen. Da klingen dann Stücke wie „Waltz of the Monster“ nach Barock, weil Tiersen es auf einem Cembalo spielt. Aber auch die Fans des Amelie-Soundtracks kommen mit typisch melancholischen Klaviermelodien auf ihre Kosten. Dazu hat er sehr interessante Gastsänger gewinnen können: John Grant, Gruff Rhys von Superfurry Animals und die Sängerin von Blonde Redhead. Besonders, sagt Yann Tiersen, hätten ihn an der neuen Platte die alten Songs gereizt, die er in den 90zigern noch auf einem alten billigen DAT-Rekorder aufgenommen hat, nochmal neu mit Band einzuspielen. Dabei hat er keine Kosten und Mühen scheuen müssen. Zum Teil klingen da große Orchester an. Aber manchmal fehlt mir gerade dieser alte Aufnahmeklang und Charme. Womöglich wollte Yann Tiersen aber genau diese nostalgische Athmosphäre ablegen. (6,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Yann Tiersen - Introductory Movement (feat. Stephen O'Malley) | Bild: Yann Tiersen (via YouTube)

Yann Tiersen - Introductory Movement (feat. Stephen O'Malley)

Lee „Scratch“ Perry – Heavy Rain

Lee "Scratch" Perry hat erst im Frühjahr mit "Rainford" ein neues Album präsentiert. Jetzt kommt schon das nächste. Es soll eine "Dub-Ergänzung" zum Vorgänger sein und dafür sorgte auch Adrian Sherwood als Produzent. Es ist also auch ein Aufeinandertreffen zweier Dub-Größen. Die beiden kennen sich schon seit den 80zigern. Es gibt aber noch weitere prominente Gäste auf der Platte. Der Posaunist der Wailers, Vin Gordon, taucht auf und Brian Eno. Das Cover der neuen Lee-Perry-Platte ziert Jesus mit einem Dornenkranz in den jamaikanischen Nationalfarben. Obwohl Perry schon lange in der Schweiz lebt, mit seinen 83 Jahren. Nicht von allen Dub-Bearbeitungen auf der neuen Lee Scratch Perry Platte bin ich so angetan wie vom gerade gehörten, fast tanzbaren "Here Comes The Warm Dreads". Adrian Sherwood hat Perrys Wahnsinn einerseits gebändigt, andererseits noch ausgefallener gemacht, wenn er auf dem Album plötzlich Streicher oder eine Melodica aus dem Hut zaubert. Ein interessanter Weiterdreh des Vorgängers. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Lee "Scratch" Perry - Enlightened | Bild: On-U Sound (via YouTube)

Lee "Scratch" Perry - Enlightened

BLVTH – I Don’t Know If I´m happy

BLVTH ist ein "blut"junger und spannender Produzent und Musiker aus Berlin. Er hat schon mit Größen wie Marteria und Casper gearbeitet und zuletzt das sehr erfolgreiche Album von Kummer produziert. Jetzt hat der Wahlberliner mit polnisch-albanischen Wurzeln eine neue Solo-EP. "I don´t Know If I´m Happy". Da klingt er fast mal wie der deutsche Post Malone, weil er zwischen den Welten Indie, Elektropop und Trap wandelt – aber immer mit Popappeal. Ich denke, dass wir von BLVTH noch viel hören werden. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

I Don't Know If I'm Happy | Bild: BLVTH - Topic (via YouTube)

I Don't Know If I'm Happy

Fehler Kuti – Schland Is The Place For Me

Wir bleiben gleich bei komischen Schreibweisen. Der Münchner Julian Warner nennt sich Fehler Kuti. Da bezieht er sich ganz klar auf die Afrobeat-Legende Fela Kuti, aber er wandelt den Vornamen ab – wie der Rechtschreibfehler. Es ist ein gekonntes Wortspiel und auch nicht das Letzte auf seinem Debütalbum. In Schland is the place form me“ steckt schon die nächste Abwandlung - diesmal des Calypso Songs "London is the place for me" von Lord Kitchener. Fehler Kuti verwendet immer wieder afroamerikanische Referenzen. Er erzählt von beispielsweise Kunta Kinte, der Romanfigur aus Alex Haleys Buch "Roots". Der soll ein Urahn der ersten, amerikanischen Sklaven gewesen sein. Als People Of Color und Dozent für Anthropologie hat Julian Warner seinen eigenen Blickwinkel auf Deutschland und darauf, was die Mehrheitsgesellschaft als solches definiert. Er selbst musste auch schon Rassismus am eigenen Leib erfahren. Zum Beispiel am Münchner Hauptbahnhof – seitens des Bahn-Personals. Sein Debüt ist auch eine Münchenplatte, eine Auseinandersetzung mit der “Weltstadt mit Herz“, die dem Anderen oft gar nicht so viel Herz gegenüber spüren lässt. Er erzählt von den Geflüchteteten, die 2013 am Münchener Rindermarkt in den Hungerstreik getreten sind, von einem Ankerzentrum im Münchner Osten, von der mittlerweile geschlossenen Kneipe X-Cess. In letzterer war noch ein kunterbuntes, egalitäres Zusammenkommen möglich. Das vermisst Fehler Kuti heute und fordert den legendären Barbetreiber Isi mit seiner Offiziersmüzte auf, doch wieder ein neues X-Cess zu eröffnen. München braucht so einen Safe Space und Feiertempel für Andersdenkende. Das Schland von Fehler Kuti ist nicht dasselbe wie das Schland der stumpfsinnig gröhlenden Fussballfans. Gerade deswegen regt der Albumtitel auch auf sovielen Ebenen zum Nachdenken an. Die Songs sind wie schöne Skizzen und Slogans, wie kurze kritische Schlaglichter. Mal mit Jazz, Krautrock oder Elektronica. Für mich eins der Highlights des auslaufenden Jahres. Die Platte erscheint auf dem Notwist Label Alien Transistor. Markus Acher und andere Musiker aus dem Umfeld haben die Platte mit eingespielt. (8,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Schland is the place for me | Bild: Fehler Kuti - Topic (via YouTube)

Schland is the place for me

The Who – WHO

So ein Highlight sollte eigentlich auch das neue The Who Album werden. Es das erste nach 13 Jahren Pause. Sänger Roger Daltrey meint, dass es das beste The Who-Album seit „Quadrophenia“ von 1973 sei. Man kann mit Sicherheit sagen: Das ist es nicht. Auch wenn Quadrophenia vielleicht die letzte ganz große Platte der Band war. Und selbst wenn man den Vergleich gar nicht anstrengen will, The Who klingen auf dem neuen  Album zahm und langweilig. Sie sind alt geworden, was völlig okay wäre, wenn man es nicht nur so sehr hören würde. Das Songwriting ist öde und vorhersehbar. Sie sind ein Schatten ihrer selbst. Damit verschreckt man kein Establishment mehr, im Gegenteil, man zementiert es. Die Songtitel wirken schon fast wie Hohn. Als wollten sie die alten Geister zwanghaft heraufbeschwören. Sie heißen: "I Don’t wanna get wise", "I’ll be back" und "Rockin In Rage". Der einzige der am Ende vor lauter Wut rockt, das ist hier der Zuhörer. (4 von10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

The Who - I Don't Wanna Get Wise | Bild: TheWho (via YouTube)

The Who - I Don't Wanna Get Wise

Burial – Tunes 2011 to 2019

Der öffentlichkeitsscheue britische Dubstep Produzent Burial blickt mit einer Songsammlung auf seine Zehner-Jahre zurück. Er gratuliert damit auch seinem Label Hyperdub zum 15. Geburtstag. Das Album dürfte der Plattenfirma sicher eine kleine Finanzspritze geben.  Darauf hat er nochmal viele seiner Singles und Highlights der letzten 9 Jahre gepackt, in denen er ja nur noch EPs und Mixes veröffentlicht hat. Die Compilation bietet also nichts Neues, aber wer sich nicht alles mühselig zusammensuchen und kaufen will, der ist hier richtig. Als Burial-Fan hab ich mich sehr über diese gebündelte Qualität gefreut. Mit drauf sind Hits wie Claustro, Night Market, Street Halo oder Loner aus dem Jahr 2012. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

State Forest | Bild: Burial - Topic (via YouTube)

State Forest

Venetian Snares – Greg Hates Car Culture

Seine Debüt-LP von 1999 wird schon lange nicht mehr gepresst und ist vergriffen. Jetzt legt er sie neu auf. Sie trug und trägt den witzigen Titel "Greg Hates Car Culture". Die Platte zeigt die Anfängeund den kompromisslosen Sound des Aaron Funk. Da ballert es nur noch, die Samples werden durch den Fleischwolf gejagt. Im Song "Fuck A Stranger In The Ass" ist es ein legedäres Filmzitat aus dem Kultfilm "The Big Lebowski". Das ist so direkter, roher Sound, dass man der Platte die 20 Jahre gar nicht anhört, die sie auf dem Buckel hat. Kein leicht bekömmliches Werk, sondern ein intensives, auch körperlich forderndes Sounderlebnis. Die hohen BPM-Zahlen, Breakbeats, Drum-and-Bass Samples und chaotischen Arrangements lassen einem kaum Luft zum Atmen. (7,8 von 10 Punkten)

Cover: Venetian Snares – Greg Hates Car Culture  | Bild: Timesig

Pop. 1280 – Way Point

"Too punk for the weird, too weird for the punks", so hat sich die New Yorker Band Pop(ulation) 1280 vor Jahren noch selbst beschrieben.Das war bevor erst ihr Schlagzeuger und dann auch noch der Keyboarder ausgestiegen ist. Mittlerweile müsste man eher sagen, dass sie zu Pop für die Punks geworden sind. Die Veränderungen im Bandgefüge haben hörbar Spuren hinterlassen. Die Songs sind minimalistischer geworden. Sie sind zwar wieder zu dritt, aber nicht mehr die Industrialpunkband, die sie zuvor waren. Jetzt arbeiten sie mehr mit Samplern und Synthesizern. Waypoint wird nach und nach düsterer, die Bässe heftiger und die Samples blecherner. Am Ende ist es aber nur durchschnittlicher düsterer Industrial-Pop. Die turbulente Bandphase haben sie auch textlich verarbeitet. Im Song "Hospice" singen sie mit trockenem Witz: „Life is like a car crash. Sudden and sweet, Sometimes you‘re the automobile, sometimes you are the street“. (6,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Pop. 1280 - Boom Operator | Bild: Population Control Center (via YouTube)

Pop. 1280 - Boom Operator

Roddy Ricch – Please Excuse Me for Being Antisocial

Roddy Ricch - 21 Jahre jung- straight outta Compton. Aus der schwarzen Vorhölle LA's, die schon so viele Rap-Talente hervorgebracht hat. Man denkt gleich an Kendrick Lamar. Aber Roddy Rich wiegelt ab. Lamar sei aus der viel sichereren Westseite Comptons, er aber stamme aus dem Osten. Aus seiner Ecke habe es noch nie jemand nach oben geschafft. Er sei der Erste. Er kann so dick auftragen, denn er war gerade erst Support für Superstar Post Malone. Auch musikalisch darf er den Mund voll nehmen. Ich mag seinen bildhaften Conscious Rap. Er bezeichnet sich selber als "Illustrator der Straße". Ein gutes Beispiel dafür ist der Song "Tiptoe", in dem er auch über seine Erfahrungen als junger Drogendealer rapt. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Roddy Ricch - Gods Eyes [Official Audio] | Bild: Roddy Ricch (via YouTube)

Roddy Ricch - Gods Eyes [Official Audio]

Kliffs – Temporary Cures

Das Debüt der Kliffs aus Montreal. Es ist das neue Projekt des Songwriters Mark Bérubè, der die ersten Lieder der Platte schon 2013 in einer Hütte in den kanadischen Rocky Mountains geschrieben hat. Aber erst jetzt ist das Album fertig. Er hat es zusammen mit der Cellistin Kristina Koropecki im Berliner Funkhaus aufgenommen. Entstanden ist schöner Indie-Songwriter-Pop mit ein paar klassischen und elektronischen Spielereien. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Kliffs : "Temporary Cures" - Album Trailer  29.11.2019 | Bild: Kliffs Music (via YouTube)

Kliffs : "Temporary Cures" - Album Trailer 29.11.2019


4