Bayern 2 - Nachtmix


21

Neuerscheinungen der Woche Tame Impala | Messer | Das Hobos

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Tame Impala, Messer, Tanger, Tribez, Das Hobos, Moses Boyd, Against all Logic, Drama, Nathaniel Rateliff und Katie Gately.

Von: Angie Portmann

Stand: 13.02.2020

Cover: Moses Boyd "Dark matter | Bild: Exodus Records

Messer – No Future Days

1973 veröffentlichten die legendären Can ihr viertes Album „Future days“. In Analogie dazu erscheint, nicht ganz so gut gelaunt, das vierte Album der Münsteraner Band Messer mit dem apokalyptischen Titel „No future days“. Was nicht heißen soll, dass Messer jetzt nach Can klingen, sie sind auch keine „No Future-Punks“. Zumindest nicht mehr als bisher. Sie spielen nur offensichtlich gern in der staubigen Echokammer unserer Pop-Geschichte. Haben diesmal wie andere Postpunk-Bands Ende der 70er, Anfang der 80er, Bands wie ESG oder die Slits, Dub und Reggae für sich entdeckt. Und daraus den neuen Messer-Sound geschliffen: sharp, kompakt und eigenständig. Nicht neu, aber nach wie vor großartig: die abstrakten, hochpoetischen Texte von Sänger Hendrik Otremba („Das was ich als Zeit empfand, wurde zu Treibsand. Was ich als Eis dachte, wurde zu Wasser. Wenn das Wasser gefroren ist, wie soll ich dann schwimmen lernen. Wenn die Zeit die Wunde ist, wie soll ich dann Heilung finden“ („Tod in Mexiko“)). In vielen seiner Songs spielen diesmal architektonische Momente eine wichtige Rolle, von der „Tapetentür“, durch die der Sänger bzw. die Erinnerung zu uns kommt, bis zum „Verrückten Haus“. Architektur schafft hier Raum, Raum wiederum Erinnerungen und damit eine Metapher für Zeit. („Ein Foto öffnet mir die Tür, es bittet mich herein, du sitzt auf einem Fahrrad … ich will dich nicht vergessen“ („Tiefenrausch II“) oder „Einen Raum betreten heißt, darin zu verschwinden, Fenster ohne Glas, Löcher in den Wänden. Da ist etwas in diesem Raum, es ist nicht Staub, nicht Schaum. Ich komm zu dir durch die Tapetentür“ („Tapetentür“)). (7,9 von 10 Punkten)

Tame Impala – The Slow Rush

Zehn Jahre ist es her, das wir wegen Tame Impala Batik-Shirts gekauft und auf dem Flohmarkt Lavalampen ersteigert haben. Der Psychedelic Rock der 60er/70er war plötzlich wieder hip und „Innerspeaker“, das Debüt der Australier, für so manchen eine psychedelische Offenbarung. Aus „verstaubt“ wurde ein liebevolles „retro“ – dank Kevin Parker, dem Kopf hinter Tame Impala. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Schon Album Nummer 2, „Lonerism“, übrigens eins der ZF-Alben des vergangenen Jahrzehnts, öffnete sich auch für Krautrock und Pop. Und die Metamorphose geht weiter – mit „The Slow rush“, dem vierten Tame Impala-Album. Parker blickt immer noch nach hinten, diesmal aber eher auf den Yachtrock der 70er. Der Popgedanke tritt immer weiter in den Vordergrund, genauso wie die Stimme Parkers. Statt dichten Gitarrenwänden spielen sanfte Synthies die Hauptrolle. Es groovt angenehm entspannt, der elegante Elektro-Pop von Bands wie Daft Punk lässt grüßen. Die Songs sind schon fast unverschämt catchy, der Hymnenfaktor ausgesprochen hoch. Und der aktuelle Sound dazu: funky, tanzbar und schon lange nicht mehr „too slow to disco“. Mal sehen, wo es Kevin Parker als nächstes hinverschlägt… (7,2 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

One More Year | Bild: Tame Impala - Topic (via YouTube)

One More Year

Tanger - It Is The Time

Zeit scheint gerade das Thema der Stunde zu sein. Auch auf dem Debüt von Tanger, dem neuen Projekt von Tommy Yamaha aus Nürnberg dreht sich alles um das Thema bzw. die Dimension Zeit. Thomas Wurm ist Tommy „Tanger“ Yamaha, Nürnberger Tausendsassa, der schon mit den Strike Boys und Wrongkong fulminant aufschlug, nicht nur in seiner fränkischen Heimat. Sein Debüt als Tanger ist gespickt mit super eingängigen Elektro-Pop-Songs. Very 80’s und gleichzeitig sehr im hier und jetzt. Manchmal vielleicht einen Satz zu plakativ, aber das könnte man Kevin Parker von Tame Impala auch vorwerfen. Manchmal viell auch einfach zu gut gelaunt und optimistisch für meinen Geschmack (z.B. „My desire“). Bereits vor einem Jahr erschienen, aber auch mit dabei ist die Single „Hometown“, eine Hymne auf Yamahas Heimatstadt, eine Liebeserklärung an Nürnberg. („your winters are cold and chilly but in summer … your streets wear a big range of colours like a rainbow …“) Auf so viel bedingungslose Liebe zum Pop und zur Heimat könnte man als Münchnerin fast neidisch werden. (7,1 von 10 Punkten)

Cover: Tanger - It Is The Time | Bild: Modernsoul

Das Hobos – Random House

Auch diese bayerische Band hat ein Vorleben. Das Hobos waren früher Rhytm Police. Und schon damals waren Leo Hopfinger und Tom Simonetti Fans von Gleisgeräuschen. Daran hat sich nichts geändert. Auch auf ihrem neuen Das Hobos-Album „Random House“ hört man das Rattern von Zügen über Gleise. Der Song „Discover“ klingt dabei wie eine Ambient-Variante von Manu Chao. Beide haben dieses Nomadenhafte im Sound, klingen verspielt und eingängig zugleich, mit einem Hauch Südamerika und ganz viel Dub im Blut. Allerdings sind definitiv nicht alle Tracks auf dem neuen Das Hobos-Album so kompakt und songorientiert. Oft klingen Das Hobos fast verloren … zwischen staubigen Gleisen und einer Americana-haften Weite. Die klassischen Hobos, also all jene Heimatlosen, die per Güterzug quer durchs Land reisen und sich mal hier mal da etwas Geld verdienen, sie faszinieren immer noch – und erstaunlicherweise funktioniert die Sehnsucht, die diese Gleise und ihr Rattern evozieren, ebenfalls noch bestens, auch bei mir. Und sicher auch am 4.3., wenn Das Hobos ihren wunderbar atmosphärischen Slowmotion-Folk in München in der Milla präsentieren. (7,6 von 10 Punkten)

Tribez. – Paragon

Die Münchner HipHop-Live-Band Tribez bzw. früher Tribes of Jizu haben schon mit dem Who is Who der deutschen HipHop-Szene zusammengearbeitet. Von Megaloh über Samy Deluxe bis Afrob, Fatoni, Roger Rekless und Edgar Wasser waren die Tribez schon auf der Bühne. Und eine neue Ausgabe ihrer eigenen Konzertreihe, der Loop Sessions, ist auch schon wieder fix. Als nächstes gehen die Tribez im April mit Juicy Gay und Döll auf Tour. Und kombinieren dann wieder ihre fantastischen Live-Instrumentals mit den Rap-Skills ihrer Gäste bzw. Einlagen ihrer freestyle-erprobten Hosts Keno (Moop Mama) und Maniac (Demograffics). Was live immer so gut reinläuft, tut es auch auf EP. Auf „Paragon“ stehen fünf zeitlose HipHop-Smash-Hits neben fünf Instrumentals, die auch ein J Dilla begeistert durchgewunken hätte. (7,6 von 10 Punkten)

Moses Boyd - Dark Matter

Der Londoner Jazz-Drummer Moses Boyd hat schon u.a. für die Sons of Kemet getrommelt genauso wie für Sampha, Kelsey Lu und Mura Masa. Sein Solo-Debüt  „Dark matter“ strotzt jetzt nur so vor großartigen Tracks. Schon der Opener „Stranger than fiction“ macht klar, Moses Boyd ist nicht nur ein phänomenaler, super tighter Jazz-Drummer, er ist auch ein fabelhafter Komponist und Produzent. Ein Musiker, der für alles offen ist, Jazz mit Grime kombiniert, mit Electronica, 2Step, Afrobeat oder Hip Hop. Und so ein Album mit einer unglaublichen Genre- und Highlight-Dichte geschaffen hat. Nicht zuletzt auch dank der vielen tollen Featuregäste, die alle Teil dieser jungen, spannenden UK-Jazz-Szene sind, zu deren Schlüsselfiguren auch Moses Boyd gehört. (8,2 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Moses Boyd - B.T.B (Official Audio) | Bild: Moses Boyd (via YouTube)

Moses Boyd - B.T.B (Official Audio)

Nathaniel Rateliff – And It’s Still Alright

Nathaniel Rateliffs neues Solo-Album trägt den Titel „And it’s still alright“. Wobei, eigentlich ist überhaupt nichts ok. Die Ehe von Rateliff ist zerbrochen und sein guter Freund und Produzent Richard Swift ist plötzlich gestorben. Das war im Juli 2018 und Rateliff ist geschockt. Swift hat seine letzten beiden Alben produziert, die er als Nathaniel Rateliff & the Night Sweats veröffentlicht hat und die ihn auch bei uns bekannt gemacht hat. Aber als Optimist, der er nun mal ist, tut Rateliff das, was sich zur Trauerbewältigung am besten eignet … er schreibt Songs für ein Soloalbum. Wesentlich ruhigere, nachdenklichere Songs als mit den Night Sweats. Songs über Schmerz und Verlust, aber auch Songs übers wieder Aufstehen und Weitermachen … „And it’s still alright“. Ein klassisches, sehr amerikanisches Singer/Songwriter- Album, genauso klassisch amerikanisch wie das Leben von Nathaniel Rateliff, der erst zehn Jahre lang Schichtarbeit in einer Flaschenfabrik in Denver hinter sich bringen musste, bevor er mit den Night Sweats seinen internationalen Durchbruch feiern konnte. Und wenn er jetzt noch die Streicher in Songs wie „All or nothing“ nicht ganz so süß hätte säuseln lassen, hätte mich Rateliff sogar als neuen Fan gewonnen.  (6,9 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Nathaniel Rateliff - And It's Still Alright (Official Music Video) | Bild: NRateliffVEVO (via YouTube)

Nathaniel Rateliff - And It's Still Alright (Official Music Video)

Drama – Dance Without Me

Drama, das ist der Produzent Na’el Shehade und die Sängerin Via Rosa. Schon seit 2014 arbeiten sie zusammen an ihrem sehr ambitionierten Mix aus R’n’B, House und Dance-Pop, wurden aber erst kürzlich von Ghostly International gesignt. Das Debüt von Drama hat jetzt etwas faszinierend beiläufiges, unangestrengtes. Aber auch eine sanfte Melancholie, die wie ein Schleier über Gesang wie Produktion liegt. Everything but the girl fürs Jahr 2020. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Forever and a Day | Bild: Drama - Topic (via YouTube)

Forever and a Day

Katie Gately – Loom

Liegt es an der sakralen Orgel, den verwaschenen Chorgesängen, dem krassen Hall, das mich „Loom“, das zweite Album von Katie Gately so umhaut? Oder an ihrer Stimme, dem monumentalen Raum, den Gately mit ihrer dunklen Elektronik heraufbeschwört? „Loom“ ist auf alle Fälle ein Album, das so eklektizistisch, so anders klingt als der Rest der Veröffentlichungen in dieser Woche, das man es unbedingt gehört haben sollte. Katie Gately, die schon für Björk und Zola Jesus Remixe produziert hat, hat „Loom“ ihrer Mutter gewidmet, die an Krebs gestorben ist. Gately war nach der Diagnose von LA nach Brooklyn zu ihrer Mutter gezogen und hat dort meistens nachts komponiert. Entstanden ist so ein abenteuerlicher Monolith von einem Album, der allerdings immer wieder erheblich ins Wanken gerät. Z.B. wenn Gately Aufnahmen von Erdbeben unter die Tonspuren legt. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Katie Gately - Waltz (Official Video) | Bild: Houndstooth (via YouTube)

Katie Gately - Waltz (Official Video)

Against All Logic – 2017 - 2019

Vor zwei Jahren veröffentlichte Nicolas Jaar mit „2012- 2017“ sein Debüt als Against all Logic. Jetzt folgt die konsequente Fortsetzung: „2017 – 2019“. Ein wesentlich kantigeres Album, zumindest, was die erste Hälfte angeht. Jaar kehrt zum Dancefloor zurück, einem mit Samples gespickten Distortion-Dancefloor, düster und auf Krawall gebürstet. Gleich im Opener taucht ein Beyoncé-Sample auf, später peitscht Lydia Lunch einen Track nach vorne mit der Kampfansage „If you can’t do it good, do it hard“. Was auch als Motto für dieses neue, wieder ziemlich großartige Nicolas Jaar-Album gesehen werden kann: distortion is the new funk. (7,9 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

If You Can't Do It Good, Do It Hard | Bild: Against All Logic feat. Lydia Lunch - Topic (via YouTube)

If You Can't Do It Good, Do It Hard


21