Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Stormzy | Courtney Barnett | St. Vincent

Die letzte Ausgabe der Neuheiten-Sendung in diesem Jahr. Dabei sind das Live-Album der australischen Rockmusikerin Courtney Barnett, Ramzi, EDMX, Digitalism, Andrés, Vilod, Max Goldt, Dirty Projectors, V. A. Eglo Records, St. Vincent, Throbbing Gristle und Stormzy.

Von: Ralf Summer

Stand: 12.12.2019

Cover: Stormzy - Heavy Is the Head | Bild: Warner Music International

RAMZI – Multiquest Niveau 1: Camouflé

Manche Platten dieser Sendung haben als Release-Datum im Netz nicht den morgigen 13.12. stehen – sie kamen schon ein paar Tage früher raus: auf dem Papier, bzw. laut Homepage. Aber häufig werden solche Nicht-Major-Label-Spät-Platten-des-Jahres in den digitalen Plattformen bzw Plattenläden erst ein, zwei oder drei Wochen später hochgeladen bzw. angeboten. Als das Release-Datum dann vorgibt. Wie die neue LP von Ramzi. Es ist das Groove-Projekt der Kanadierin Phoebé Guillemot. Auf ihrem neuen, selbstveröffentlichtem Album klingt sie wie eine exotische Variante von The Art Of Noise. Ein ein-Frau-Dschungel-Sample-Orchester, bunt wie die durch die Tracks flatternden Falter und Kolibris. „Multiquest Niveau 1: Camouflé“ hat es noch im letzten Moment in meine 20 besten Alben des Jahres geschafft. Ebenso wie dieser Brite. Von Montréal nach London, von Ramzi zu EDMX. (8,5 von 10 Punkten)

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Trancehall | Bild: Ramzi - Topic (via YouTube)

Trancehall

DIGITALISM – JPEG

Überraschung: Die beiden Hamburger DJ-Produzenten Jens Mölle und Ismail Tuefekci laufen wieder zu großer Club-Form auf. Manche Tracks ihres plötzlich aufgeploppten, vierten Albums kann man direkt nach Daft Punk spielen, so uplifting und catchy sind „Knight Life“, „Olympia“ oder „Chrome.exe“. Solche Bretter werden heute nur noch selten gebohrt. Digitalism verbreiten eine gesunde Euphorie, die uns daran erinnert, dass sie schon in den Nullerjahren Brecher hatten - wie „Zdarlight“, „Jupiter Room“ oder „Digitalism In Cairo“ (mit The Cure-Sample). Willkommen zurück. (8,3 von 10 Punkten)

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JPEG | Bild: Digitalism - Topic (via YouTube)

JPEG

ANDRÉS – Andrés IV

„Hip“, „House“ hat er unter sein neues Album auf Bandcamp geschrieben - passt, denn Andres ist von beiden Genres beeinflusst – wenngleich man mehr House hört. 2012 hatte er mit „New For U“ seinen Durchbruch – der damalige DJ-Track des Jahres ist hier gar zwei Mal drauf: Original und als Live-Version mit Soul-Gesang und Jazz-Tupfern. Auf „Andres VI“ zaubert der US-Amerikaner seine beliebte Mische: afro- und latino-angehauchte Clubmusik mit Samples von Motown und Parliament. Humberto Hernandez, so heisst Andrés bürgerlich, hat den Groove – er war erst Drummer und wurde dann DJ für die tolle Detroit HipHop-Band Slum Village (dort begann Beatbeastler-Gott J Dilla). Auf seinem vierten Album in gut 20 Jahren schreibt Andrés die reichhaltige Geschichte der "Black Music from Detroit" fort. Veröffentlicht auf Mahogani Music – dem Label von Moodymann. (8,2 von 10 Punkten)

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Andres - Andres IV - full album (2019) | Bild: Music Train (via YouTube)

Andres - Andres IV - full album (2019)

COURTNEY BARNETT – Depreston (MTV Unplugged Live in Melbourne)

Eine Bereicherung: ihre Indie-Hits wie „Depreston“, „Avant Gardener“ oder „Nameless Faceless“ nun im runtergestrippten Gewand. Nicht komplett Unplugged, sondern behutsam mit ihrer drei-köpfigen Band eingespielt – und einer Reihe von australischen Freunden. Bei vier der acht Live-Lieder hat sie Gäste wie Paul Kelly, Evelyn Ida Morris und Marlon Williams dabei. Und der letzte der acht Songs ist ihr Leonard Cohen-Cover von „So Long, Marianne“. (8,1 von 10 Punkten)

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Courtney Barnett - Depreston (MTV Unplugged Live In Melbourne) (Official Audio) | Bild: milkrecordsmelbourne (via YouTube)

Courtney Barnett - Depreston (MTV Unplugged Live In Melbourne) (Official Audio)

VILOD – The Clouds Know

Weder bei Apple noch bei Spotify gibt es dieses Album, aber bei Bandcamp. Die kalifornische Plattform, bei der man ein Album nur dreimal anhören darf, bevor man zur Kasse gebeten wird, wird immer beliebter, weil sie: erstens die Fans so schneller zum Kaufen der Tracks bewegt und zweitens auch mehr Prozente an die Künstler abgibt. Vilod haben sich für Bandcamp und Vinyl als Formatmischung entschieden – die Zwei müssen es wissen: Vilod sind Villalobos/Loderbauer – sprich Ricardo Villalobos, der chilenisch stämmige DJ-Gott in Berlin und der ursprünglich aus Bayern stammende Max Loderbauer. Ihr Zweitling heisst „The Clouds Know“ und fährt elf Instrumentals auf – im Dunkelland zwischen Jazz, Frickel und Electronica. Nicht umsonst waren sie die bisher einzigen Elektroniker, die Musik aus dem Katalog des weltberühmten Jazz-Labels ECM remixen durften. Nennen wir es Jazzperimentronica! (8,0 von 10 Punkten)

MAX GOLDT – Draussen Die Herrliche Sonne (Musik 1980-2000. Foyer Des Arts, Nuuk, Solo, Diverses, 6-fach-CD-Box)

„Schleichwege Zum Christentum“, "Dein Kuss War Heimatkunde", „Ich Hab Geld Und Würde Gern“, „Ein Elvis-Imitator Auf Dem Weg Zu Sich Selbst“, „Eine Königin Mit Rädern Unten Dran“ oder „Ein Haus Aus Den Knochen Von Willy Brandt“ - solche Songtitel hat nur er. Max Goldt ist heute bekannt als Buchautor, Sprachfeiler und Humorist von Gottes Gnaden. Aber davor machte der Wahl-Berliner Musik: als Foyer Des Arts – ja, die mit „Hubschraubereinsatz“ oder „Wissenswertes Über Erlangen“, das hier als Ur-Demo drauf ist. Wir haben es nämlich mit einer CD-Box zu tun. Titel: „Draussen die herrliche Sonne. Musik 1980 - 2000. Foyer Des Arts, Nuuk, Solo, Diverses“. Es stammen nicht alle Lieder aus dem Zeitraum, „aber 1980 - 2000 sah knuspriger aus“, wie Max Goldt im Begleittext schreibt. Die Sounds klingen schwer nach 80er-DIY-Synthie-Pop, doch die Texte sind unerreicht.  Wie z. B. „Gleichzeitig? Das kann ich nicht“ - ein Lied, über das alle Multitasker von Heute schmunzeln müssen. Ob Max Goldt inzwischen Dinge parallel erledigen kann, wissen wir nicht. Aber haben nun die Gewissheit aufgefrischt, dass er unnachahmlich-bitarre Lyrics schreiben kann. Die 131 Stücke (29 unveröffentlicht) muss man nochmal in Ruhe zwischen den Jahren anhören. Im Booklet sind viele Fotos – u. a. Foyer Des Arts bei John Peel. Und Goldt verrät, 1. dass er großer Cocteau-Twins-Fan ist und 2. das Geheimnis seiner Liednamen: „Ich liebte es meinen improvisierten Instrumental-Stücken Titel zu geben, wie Paul Klee seinen Bildern gab.“ (7,9 von 10 Punkten)

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Max Goldt und Stephan Winkler (NUUK): Die Ratten | Bild: Fresienduft (via YouTube)

Max Goldt und Stephan Winkler (NUUK): Die Ratten

EDMX – World Phaser

Und tatsächlich taucht auch noch ein neues Genre im alten Jahr auf: der britische Act EDMX stellt auf „World Phaser“ so etwas wie „Minimal Dancehall“ vor – sehr interessant. EDMX hat früher 80´s-Synthie-Pop gemacht – unter dem Namen DMX Krew – u. a. beim Aphex Twin-Label Rephlex Records. Und nun hat er die 80´s-Synthies vom Pop in den Reggae-Dancehall überführt. Auf sowas kann man auch nur in der ehemaligen Commonwealth-Haupstadt mit seinem kolonialem Erbe kommen. Ich bin Fan. Ein schönes Geschenk am Ende des Pop-Jahrzehnts. Ob es in den Zwanzigern überlebt? (8,4 von 10 Punkten)

DIRTY PROJECTORS – Sing The Melody (Live at Power Station)

Wenn neue Alben plötzlich unter der Woche aufploppen und nicht am Freitag wie alle anderen auch, dann weiss man: da will eine Band nicht untergehen im Veröffentlichungswust. Vielleicht weil sie auch die schlechteren Karten zu haben glaubt. Das Live-Album der Dirty Projectors kam am Mittwoch raus.
Am Ende einer Tour durch die Staaten war die US-Band gut eingespielt und ging auf Einladung ihres Labels in das renommierte Power Station – ein Studio in NYC, in dem schon Bowie & Springsteen aufnahmen. „Sing the Melody“ heisst die Dirty Projectors – die neueste Folge aus der „Domino Documents Sessions Serie“, in der Bands vom Domino Label ihre Hits nochmal live einspielen. Den sexy-komplexy Pop von David Longstreth & Co gibt's nun also auch auf Live-im-Studio-Version. So kommen auch wir hier im Süden in den Genuss eines Mitschnitts, denn die Dirty Projectors waren meines Wissens noch nie in München. Dabei auch ein Cover-Schmankerl: der Rihanna- & Kanye West-Song „FourFiveSeconds“ in der 80-Sekunden-Indie-Version der Dirty Projectors. Der Kopf der Band, David Longstreth, ist nämlich Mitkomponist des Welthits. Longstreth schreibt zwar Indie-Songs, aber solche, die auch Solange, Joanna Newsom oder Rihanna aufmerksam werden lassen. Indie für die Generation Neo-R´nB. (7,8 vpm 10 Punkten)

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Dirty Projectors - FourFiveSeconds / Knotty Pine (Official Video) | Bild: Dirty Projectors (via YouTube)

Dirty Projectors - FourFiveSeconds / Knotty Pine (Official Video)

V.A. - EGLO RECORDS VOL. 2

Für ein buntes England steht dieses Label: Eglo Records aus London, an dem der DJ und Musiker Floating Points beteiligt ist. Zum zehnjährigen Jubiläum von Eglo gibt es nun den 2. Label-Sampler – darauf sind Künstler und Künstlerinnen zwischen Soul, Disco und Broken Beats. Wie z. B. Steve Spacek, Destiny71z oder Fatima. Die Sound ist eher afro-britisch, sprich jazzy und funky gehalten, 4-to-the-floor-House-Tracks findet man nicht. Moderne Urban-Compilation für nicht-Boris-Wähler. (7,7 von 10 Punkten)

ST. VINCENT – NINA KRAVIZ PRESENTS MASSEDUCTION REWIRED

Zum dritten Mal bringt die amerikanische Musikerin St. Vincent nun ihr Album „Masseduction“ raus: 2017 das Original, 2018 in einer Piano-Version und nun die Remix-Ausgabe. Das Original gewann mehrere Grammys – u. a. den fürs „beste Alternative Album des Jahres“ – was vorher noch keiner Frau gelang. So ein Album kann schon mal länger auswerten. Sprich weiterdrehen. Die Remix-Ausgabe heisst „Nina Kraviz presents Masseduction Rewired“: Nina fungierte als Kuratorin. Die gefeierte russische DJ-Produzentin hat 23 Remixe anfertigen lassen – von Steffi über Mala bis Jlin. Fünf stammen von der Moskauerin selbst. Die meisten Versionen entfernen sich weit vom Gesangs-dominierten Original und nur ab und zu taucht die Stimme von Annie Clark auf - so heisst St. Vincent bürgerlich - wie ein Geist auf dem Dancefloor. Manche machen sich eher lustig: EODs Version von „Slow Disco“ kommt als 80´s-Schlumpf-Variante daher. Emika hat dagegen den Bogen raus - ebenso wie Fred P., der „Happy Birthday Johnny“ in einen Everything But The Girl-mäßigen Song verwandelt. Dieses Paket wird den Namen und die Stimme von St. Vincent nun in ganz neue Bereich weiter tragen. Annie Clark auf dem Weg zum Gesamtkunstwerk. (7,6 von 10 Punkten)

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Smoking Section (Jlin Remix) | Bild: St. Vincent - Topic (via YouTube)

Smoking Section (Jlin Remix)

THROBBING GRISTLE - "Part Two: The Endless Not", "TG Now" und "A Souvenir of Camber Sands"

Die Industrial-Pioniere setzten ab Mitte der 70er Massstäbe in Sachen Radikalität – Genesis P. Orridge, Cosey Fanni Tutti, Chris Carter und Peter Christopherson. Die Briten nannten sich Throbbing Gristle: „pochender Knorpel“. Ihre Auftritte waren eine Mischung aus atonalen Sample-Orgien und heidnischen Kunsthappenings. TG brachten nebenbei Camouflage und Piercing in den Pop, lösten sich in den 80ern auf, spielten z. T. bei Coil mit, Chris & Cosey wurden bekannt mit Synthie-Pop-Duo. 2004 fanden sie wieder zusammen, spielten u. a. beim Coachella-OpenAir in den USA, nahmen Platten auf - bis Peter Christopherson starb. Die Platten aus den Nullerjahren werden morgen wiederveröffentlicht – sowohl Studiomaterial als auch Live-Mitschnitte: Brachial-Industrial-Sound trifft auf Ambient-Noise. Der rituell anmutende Charakter von Throbbing Gristle blieb erhalten. Pop-Nachhilfe durch Re-Releases. Sie waren und bleiben eine der extremsten Bands der Musik-Geschichte. (7,5 von 10 Punkten)

STORMZY – Heavy Is The Head

Diese Woche haben wir ihn im Zündfunk gehört: Stormzy gehört zu den erfolgreichen Musikern, die im englischen Wahlkampf Position bezogen haben – in seinem Fall: für Labour. Auf „Vossi Bop“ rappt er: „Fuck Boris“. Meint Premier-Minister Johnson. Michael Omari aka Stormzy bringt morgen, einen Tag nach den vorgezogenen Unterhauswahlen, sein zweites Album raus. Bereits mit seinem Debüt landete er auf Platz 1 auf der Insel. Das erste Mal, dass das einem Grime-Rapper gelang. Und das erste Brit-Rap-Werk, das bei den Brit-Awards als „Album of the year“ ausgezeichet wurde. Zu den über 850 Millionen Streams werden ab morgen viele dazukommen – schliesslich gibt es auf dem neuen Album „Heavy Is The Head“ auch ein Duett mit Ed Sheeran. 2020 wird er die Streaming-Milliarde knacken. (leider keine Möglichkeit zum Vorhören)

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STORMZY - AUDACITY (feat. HEADIE ONE) | Bild: Stormzy (via YouTube)

STORMZY - AUDACITY (feat. HEADIE ONE)


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