Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Sleater-Kinney | Die höchste Eisenbahn | Ride

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören u. a. hinein in die frischen Werke von Shura, Grossstadtgeflüster, Die höchtes Eisenbahn, King Gizzard, The Murder Capital, Ride, The Hold Steady, Frank Turner, Hanne Hukkelberg und V. A. - YIA Talent Hunt Winners.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 15.08.2019

Cover: Sleater-Kinney - The Center Won't Hold | Bild: Mom+Pop, Caroline International

Die höchste Eisenbahn – Ich glaub dir alles

Erst dachte ich: Da schau her, die höchste Eisenbahn hat auf ihrem neuen Album auch gleich einen Song über den wärmsten Sommer in der Geschichte am Start, 37,5 Grad heißt er, aber es geht um die eigene Körpertemperatur. Die höchste Eisenbahn haben zwei zentrale Stärken: Francesco Wilking und Moritz Krämer. Dieses Songwriterpärchen hat sich über zwei Alben zu einer Stimme entwickelt. Merkt man daran, dass sie mittlerweile gar nicht mehr wissen, von wem welche Textpassage kam. Eine weitere Stärke heißt: Einflüsse. Die kommen von überall her, von der Neuen Deutsche Welle über die Beatles hin zu Afrobeat. Keine andere deutsche Band hat da momentan eine solche Ansaugstärke. Was man beim neuen Album “Ich glaub dir alles” auch merkt: es geht noch mehr um den Sound, die Texte bleiben kryptisch. Erstmals wurde ein Produzent engagiert und zwar Moses Schneider - der kennt sich aus mit Sound, hat er bei Dendemann oder Tocotronic schon oft gezeigt. Grundsympathische Platte einer grundsympathischen Band, der man mal ein Nummer 1-Album gönnen würde. Wird höchste Eisenbahn. (7 von 10 Punkten)

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Die Höchste Eisenbahn – Kinder der Angst | Bild: Die Höchste Eisenbahn (via YouTube)

Die Höchste Eisenbahn – Kinder der Angst

Grossstadtgeflüster – Trips & Ticks

Grossstadtgeflüster sind wieder ausgezogen aus ihrer Berliner Wohnung in der Fickt-Euch-Allee. Sie haben wieder Lust auf neuen Wortsport - und den kriegen wir auf dem neuen Album schon im Titel: “Trips & Ticks” heißt es. Aber auch die Songs sind wieder gespickt mit witzigen Zeilen und Anspielungen. Um es mit den gleichgesinnten Deichkind zu sagen: Leider geil. Schon erstaunlich, wie viel Kreativität nach 16 Jahren immer noch im Berliner Trio steckt. Das Album “Trips & Ticks” ist alles, nur nicht langweilig, leider habe ich nur ein Problem, was ich mit allen Grossstadtgeflüster-Alben habe: werde ich nur einmal hören. Der Wiederhördrang ist dann einfach weg. (6,5 von 10 Punkten)

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GROSSSTADTGEFLÜSTER feat. HGich.T - HALLUS (OFFICIAL AUDIO) | Bild: Grossstadtgeflüster Official (via YouTube)

GROSSSTADTGEFLÜSTER feat. HGich.T - HALLUS (OFFICIAL AUDIO)

Shura – Forevher

Das zweite Album der britischen Sängerin mit russischen Wurzeln heißt “Forevher”, eine Mischung aus “Forever”, “For her” und “Forever her” - und kommt daher, da die lesbische Shura nach schier endloser Sucherei über Dating-Apps eine Partnerin in Brooklyn gefunden hat. Das neue Album beschreibt den Weg zu “Forevher”. Sie prangert aber darauf auch an, dass homosexuelle Menschen jahrzehntelang ihre Erfahrungen in heterosexuelle Liebeslieder übertragen mussten. Das muss sie nun nicht mehr mit ihren modernen, sehr discoiden, sehr anspruchsvollen Pop-Songs. Die Vorbilder sind alte Heldinnen wie Joni Mitchell, Carole King oder Minnie Ripperton. Shura gefällt mir aber am besten, wenn die Lovesongs schön bunt glitzern und strahlen. (7 von 10 Punkten)

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Shura - religion (u can lay your hands on me) | Bild: ShuraVEVO (via YouTube)

Shura - religion (u can lay your hands on me)

King Gizzard & The Lizard Wizard – Infest The Rat’s Nest

“Planet B” heißt ein neuer Song von The Gizz, aber das sind nicht Black Sabbath, die ein Benefiz-Konzert zur Rettung des Klimas und der Welt spielen. Das sind King Gizzard & The Lizard Wizard aus Australien. Die Psychedelic-Rock-Band bringt gefühlt jeden Monat ein neues Album raus, tatsächlich ist “Infest the Rat’s Nest” ihr fünfzehntes - dabei gibt’s das Septett erst seit 2010. Das neue Album ist das bisher härteste von allen - und auch nur von drei Mitgliedern eingespielt. Die leben ihre Leidenschaft für Trash-Metal und Bands wie Metallica, Slayer oder Kreator voll aus. Als würden Motörhead Greta Thunberg anbeten. Die Message von King Gizzard ist hier auch eindeutig: es gibt nur eine Erde, keinen Planeten B. (7 von 10 Punkten)

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KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD - PLANET B | Bild: Flightless Records (via YouTube)

KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD - PLANET B

Sleater-Kinney – The Center Won’t Hold

Zuerst die schlechte Nachricht: Schlagzeugerin Janet Weiss ist raus. Ausgestiegen, weil sie sich mit der musikalischen Richtung, in die Sleater Kinney steuern, nicht mehr wohl fühlt. Dabei war es Janets Idee, Annie Clark, die wir als St. Vincent kennen, als neue Produzentin dazu zu holen. Und damit sind wir auch schon bei der guten Nachricht: die St. Vincentifizierung von Sleater-Kinney funktioniert hervorragend. Dieser St.-Vincent-Glam, aufgesetzt auf den so geliebten Rrrriot-Sound packt einen sofort. Thematisch geht’s privat wie politisch um Beziehungen. Die werden gnadenlos ausgelotet und kritisch bewertet. Wichtig dabei: Es werden natürlich immer die weiblichen Perspektiven eingenommen. Das beste Album in dieser Woche kommt von Carrie Brownstein, Corin Tucker, Janet Weiss und St. Vincent.  (8,5 von 10 Punkten)

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Sleater-Kinney - The Center Won't Hold (Official Lyric Video) | Bild: Sleater-Kinney (via YouTube)

Sleater-Kinney - The Center Won't Hold (Official Lyric Video)

The Murder Capital – When I Have Fears

Wer Post-Punk-Fan ist und noch kein Urlaubsziel 2019 hat, der fliegt nach Dublin. Heimat der Fontaines D.C. und auch von The Murder Capital, die jetzt ihr Debütalbum vorlegen. Und lecko mio, wie man in Irland sagt: in Dublin hat sich so einiges angestaut, wie mir scheint. So kracht, scheppert und dröhnt es auf “When I Have Fears”. Der Albumname nimmt es aber schon vorweg, so klingt es eben, wenn man Angst hat oder mit Angst aufwächst. The Murder Capital adressieren das alles, gehen musikalisch aber auch noch mal einen Schritt weiter bzw. einen Schritt raus aus der Post-Punk-Blase, Richtung großer Pathos. Das ist für ein Debüt echt beeindruckend. Idles, Fontaines D.C. - jetzt sollte man sich in dieser Reihe auch The Murder Capital merken. (8 von 10 Punkten)

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The Murder Capital - More Is Less (Official Audio) | Bild: The Murder Capital (via YouTube)

The Murder Capital - More Is Less (Official Audio)

Ride – This Is Not A Safe Place

Wir haben es hier mit einer Band zu tun, die Alan McGee entdeckt hat. McGee, der auch Oasis oder Primal Scream auf Creation Records gesignt hatte. Wir hören sie sogar in Originalbesetzung, das kann man über fast keine der McGee-Bands mehr sagen. Das sind Ride aus Großbritannien. “This Is Not A Safe Place” ist ihr zweites nach ihrem Reunion-Album 2015 - und für mich prescht es auch gleich in die Top 3 der Ride-Diskografie. Erol Alkan macht da als Produzent großartige Arbeit und holt den Shoegaze der 90er exzellent ins Jahr 2019. Das Ergebnis klingt total frisch, kraftvoll, als hätten wir es mit einem Debüt von ein paar 20-jährigen zu tun - auch wenn die Platte zur Mitte hin ein wenig an Dynamik verliert. Das Motto lautet: Ride on. (8 von 10 Punkten)

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Ride - Repetition | Bild: RideVEVO (via YouTube)

Ride - Repetition

The Hold Steady – Thrashing Thru The Passion

Sänger Craig Finn galt lange Zeit als eine Art Spoken-Word-Springsteen. Der Sound von The Hold Steady aus Brooklyn erinnert an die E-Street-Band aus New Jersey, Finn schmettert die Lyrics einfach nur so runter. Und meistens geht es auch noch um den kleinen Mann - aber das alles in einer elaborierten Sprache, für die der kleine Mann belesen sein muss, um sie zu verstehen. So auch auf “Thrashing Thru The Passion”. Vielleicht nicht das beste Hold Steady-Album, aber eine gute Einsteiger-Platte ins Band-Universum. Die Songs sind übrigens in Woodstock entstanden, ihr Beitrag also zum 50. Woodstock-Jubiläum. (6,5 von 10 Punkten)

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The Hold Steady - You Did Good Kid | Bild: The Hold Steady (via YouTube)

The Hold Steady - You Did Good Kid

Frank Turner – No Man’s Land

Das neue Album von Frank Turner scheitert leider auf verschiedenen Ebenen. Es heißt “No Man’s Land” und erzählt auf 13 Tracks 13 Geschichten von verschiedenen Frauen, darum “No Man’s Land”. Also ein feministisches Konzept-Album von einem Kerl, der mal als der britische Springsteen gefeiert wurde. Die Geschichten gehen von einer byzantinischen Prinzessin hin zu einer Serienmörderin aus den Südstaaten. Turner erzählt sie, weil sie sonst niemand erzählt, sagt er. Wären die Frauen Männer gewesen, würde man ihre Taten kennen. Damit mag er Recht haben, aber trotzdem bleibt das Gefühl, dass Turner hier voll auf den feministischen Zeitgeist setzt und so seine leider sehr langatmigen Songs verkaufen will. Denn braucht es wirklich einen Mann, der diese Geschichten ausgräbt? Dazu kommt, dass das Album nur Beiwerk für einen neuen Podcast von Turner ist, wo er sich genau mit diesen Frauen auch auseinandersetzt. Gut gemeint ist das Gegenteil von...ihr wisst schon. (6 von 10 Punkten)

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Frank Turner - Eye Of The Day (Official Audio) | Bild: Frank Turner (via YouTube)

Frank Turner - Eye Of The Day (Official Audio)

Hanne Hukkelberg – Birthmark

Die Norwegerin Hanne Hukkelberg bringt mit “Birthmark” ihr sechstes Album raus. Ein sehr persönliches, denn das ganze Album wurde ursprünglich auf dem Klavier ihrer verstorbenen Oma entworfen. Danach hat sich Hanne das Klavier in ihr Studio gestellt und aus den Skizzen Songs gemacht, die mit Field-Recordings und perkussiven Experimenten aufgefüllt wurden. Typisches Hukkelberg-Werk - vielleicht aber ihr zugänglichstes Album. (6,5 von 10 Punkten)

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Hanne Hukkelberg   The Young And Bold I | Bild: Hanne Hukkelberg (via YouTube)

Hanne Hukkelberg The Young And Bold I

Various Artists – YIA Talent Hunt Winners

Der Sampler „YIA Talent Hunt Winners“ ist eine Wiederveröffentlichung aus den Archiven New Yorks. 1963 wurde der dort die Youth in Action-Initiative gegründet, kurz YIA. Zum Jugend-Programm gehörte auch ein Band-Wettbewerb, wo junge Gruppen aus Brooklyn und New York bekannte Hits covern sollten. Erster Preis: Studiozeit für eigene Songs. Die Covers werden jetzt veröffentlicht, schön Lo-Fi aufgenommen, mit eingespieltem Applaus. (7,5 von 10 Punkten)

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This 1960s Group Empowered Black Youth in Brooklyn | National Geographic | Bild: National Geographic (via YouTube)

This 1960s Group Empowered Black Youth in Brooklyn | National Geographic


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