Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Simon Joyner | Cigarettes After Sex | The Düsseldorf Düsterboys

Die CD-Regale werden diese Woche von einer Flut Neuerscheinungen überschwemmt. Daraus wählen wir die wichtigsten Popneuheiten aus und stellen sie in der Musik von Morgen vor.

Von: Matthias Hacker

Stand: 24.10.2019

Simon Joyner - Tongue of a Child (Official Audio) | Bild: BB*ISLAND (via YouTube)

Desert Sessions - Vol.11. & 12 (Matador)

1997 hat Josh Homme sich zum ersten Mal in die staubige Wüste bei Joshua Tree in Kalifornien zurückgezogen, um dort auf einer Ranch in aller Abgeschiedenheiten die erste Desert Session aufzunehmen. Daraus wurde eine renommierte CD-Reihe. Nach den Queens Of The Stone Age kamen  auch PJ Harvey oder Mark Lanegan. Bis 2003 erschienen 10 Desert Sessions. Und jetzt folgen nach 16 Jahre Warten Volume 11 & 12 auf einen Streich. Diesmal standen auch Mitglieder von Warpaint, Royal Blood oder den Scissor Sisters mit im Wüstenstudio. Neben den vielen Gästen ist auch der Maestro selbst wieder zu hören. (7 von 10 Punkten)

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Noses in Roses, Forever (Audio) - Desert Sessions Vol. 11 | Bild: Queens Of The Stone Age (via YouTube)

Noses in Roses, Forever (Audio) - Desert Sessions Vol. 11

Simon Joyner – Pocket Moon (BB* Island)

Simon Joyner wird von vielen Fans fast kultisch verehrt. Der Songwriter war beispielsweise großes Vorbild für Conor Oberst und seine Bright Eyes. Sie kommen wie Joyner aus Omaha. Zitat Conor Oberst: „Joyner ist für mich der größte Texter aller Zeiten, ein wahrer Schatz in Sachen amerikanisches Songwriting. Ich wünsche mir, dass ihn endlich mehr Leute für sich entdecken“. Ja, es sollten ihn mehr Leute kennen und lieben. Joyner braucht keinen Vergleich scheuen – auch nicht mit seinen eigenen Vorbildern wie Dylan, Townes Van Zandt und Nick Drake. Er macht wunderbaren smoothen avancierten Folk. Dazu ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler, was seine brüchige Stimme noch verstärkt. Das Album Pocket Moon unterstreicht, dass man nicht berühmt sein muss, um zu den Großen zu gehören. Wir freuen uns, dass Simon Joyner am 23.November uns im Nachtmix Loungekonzert beehrt. Das Konzert wird um 23:05 Uhr live übertragen.
(9 von 10 Punkten)

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Simon Joyner - Yellow Jacket Blues (Official Audio) | Bild: BB*ISLAND (via YouTube)

Simon Joyner - Yellow Jacket Blues (Official Audio)

Fink – Bloom Innocent (R’COUP’D)

Diesen Fink bitte nicht mit der einstigen Hamburger Band Fink verwechseln. Hinter Fink verbirgt sich hier der britische Songwriter Finian Paul Greenall, der kontemplative, ätherische Stücke mit viel Athmosphäre schreibt. Das Albumcover zeigt einen kahlen freistehenden Baum auf einem weiten Feld. Die Baumkrone ragt in den dunklen Sternenhimmel.  Beim Hören spüren wir förmlich die Weite des Feldes und die endlose Tiefe des Weltraums. Das gibt einem ein Gefühl von Freiheit und Ehrfurcht. Die Gitarren liefern die bodenständige Weltlichkeit und die Streicher und eine Bouzouki entführen uns in die dunkle, kosmische Tiefe des Weltraums. Die Musik ist schlicht und schön, spricht einen besonders an, wenn Fink sie zu intensiveren Arrangements anschwellen lässt. Nur schade, dass sein Gesang nicht so originell ist wie sein Sound.
(6 von 10 Punkten)

Cigarettes After Sex – Cry (Partisan)

Nomen est Omen. Die Cigarettes After Sex machen Kuschelrock für Romantiker und den Pärchenabend zu zweit. Cry ist ein Album über Schönheit, Sexualität und Liebe. Es ist kein Weinen aus Trauer oder Enttäuschung, es sind vielmehr Freudentränen aus Liebe, die hier besungen werden. Der Bandname gibt die laszive und anrüchige Richtung schon vor. Die Songs heißen Falling In Love, Kiss It Off, You´re the Only Good Thing In My Life oder Don´t let me go. Das ist schon sehr monothematisch, aber wer will das den Texanern schon vorwerfen, wenn am Ende so schöne Balladen rumkommen. Dann ist es allerdings auch noch musikalisch monoton: Eine zarte Gitarre mit jeder Menge Hall und ein grummeliger Bass, auf den der Gesang gehaucht wird. Das Rezept geht aber immer wieder auf. Und wie heißt es so schön: Never change a winning team. Cry kann sehr gut auch die Zigarette danach ersetzen. (7,5 von 10 Punkten)        

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Heavenly - Cigarettes After Sex | Bild: CigarettesAfterSex (via YouTube)

Heavenly - Cigarettes After Sex

Neil Young and Crazy Horse - Colorado (Reprise)

Erst im Juli hat Bayern2 das Konzert von Neil Young in der Münchner Olympiahalle präsentiert. Es war erfrischend wie Neil Young mit seiner jungen Band „Promise Of The Real“ gerockt hat. Gut, seine Haare sind vielleicht etwas dünner geworden, aber sein Gitarrensound definitiv nicht. Colorado ist nun aber ein Album mit seiner alten legendären Combo Crazy Horse. Es ist das erste gemeinsame seit sieben Jahren. Sie haben es wieder mit Produzent John Hanlon in den Rocky Mountains aufgenommen, eben in Colorado. Bei der Ankündigung des Albums war Neil Young sehr optimistisch. Es könne locker mit alten Alben wie „Rust Never Sleeps“ mithalten. Der Sound ist klasse, aber schon die letzten Crazy-Horse-Sachenwaren behäbig, und bei Colorado ist es nicht viel anders. Textlich ist er nach wie vor ein Kämpfer für den Umweltschutz, wenn auch schon etwas desillusioniert. In zwei Songs thematisiert er den Kampf gegen den Klimawandel. In „She Showed Me Love“ resümiert er: Ja, er sei  ein alter, weißer Mann und schäme sich für seine Generation. Aber er freue sich auch, dass so viele junge Menschen versuchen, die Welt zu retten. Ein popkultureller Ritterschlag für Fridays For Future. Aber nur wenige Songs später stellt er in „My Green is Blue“ ernüchtert fest: Wir hatten unsere Chance, und wir haben sie vertan. Wir haben die Feuer, Überschwemmungen und Katastrophen gesehen. Jetzt sind wir aufgeschmissen. (7 von 10 Punkten)

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Neil Young With Crazy Horse - Help Me Lose My Mind [Official Audio] | Bild: neilyoungchannel (via YouTube)

Neil Young With Crazy Horse - Help Me Lose My Mind [Official Audio]

Kreidler – Flood (Bureau B)

Auf der neuen Platte der Düsseldorfer Kreidler gibt es Gesang, wenn auch selten. Beim dritten Stück - auf Flood - singt die namibische Performance-Poetin Khoes – bürgerlicher Name: Nesindano Namises. Danach folgen fünf Soundstudien namens Flood I-V. Man kann das Album also in zwei Teile trennen. Kreidler sind Nachfolger von Kraftwerk und haben etliche Gemeinsamkeiten. Sie sind vier Mann aus Düsseldorf, die einen Mix aus Elektro, Krautrock, Ambient und Avantgarde machen. In den 90zigern haben sie auch mit Krautrock-Pionier und Kraftwerk-Mitglied Klaus Dinger gearbeitet. Selbst wenn man das alles nicht weiß, erkennt man Kraftwerk-Melodien auf Flood. Immer mal wieder höre ich den Transeuropa-Express förmlich durch die Lautsprecher tuckern. Aber Kreidler nur mit einem Kraftwerk-Vergleich abzutun, wäre unfair. Dafür ist ihr Werk, das sich nun über 25 Jahre erstreckt, viel zu eigenständig. (7 von 10 Punkten)

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KREIDLER FT. KHOES -- NESINDANO (official video) | Bild: acryi (via YouTube)

KREIDLER FT. KHOES -- NESINDANO (official video)

The Düsseldorf Düsterboys – Nenn Mich Musik (Staatsakt)

Wir bleiben in der Heimat von Kreidler. Die nächste Band nennt sich zwar The Düsseldorf Düsterboys, haben aber nie dort gelebt.  Auch wenn “Nenn mich Musik” ihr Debütalbum ist, erkennen Fans deutscher Indiemusik wohl gleich ihre Stimmen. Die beiden Frontmänner hatten nämlich 2018 schon großen Erfolg mit ihrer Zweitband “International Music“. Der Gesang ist ähnlich träge und monoton-melancholisch. Ihre lakonischen Texte sind manchmal so banal, dass sie zum Totlachen sind. Es ist schon eine schiere Glanzleistung, wie wenig für gute Lieder nötig ist. Sie verneigen sich hörbar vor den großen deutschsprachigen Liedermachern, auch vor Rio Reiser, Westernghagen und vor Velvet Underground. Da muss man sich nur mal den Song „Messwein“ anhören, der eine Ode an „Waiting For My Man“ sein muss. Das Album steckt voller Überraschungen. Ob es ein Holzblasinstrument ist, das plötzlich tutet, eine Orgel oder der französische Chansongesang, der sich lasziv an uns schmiegt. Am Ende sind alle Lieder stille, lethargische Hymnen für den Kneipentresen. Über die Kneipe singen sie sogar. Ende November kann man die beiden Sänger der Düsseldorf Düsterboys mit ihrer anderen Band „International Music“ beim PULS-Festival sehen. Einmal in Erlangen und tagsdrauf in München, hier sieben Stockwerke unter mir im Studio 1 des Funkhaus. Tickets gibt‘s unter pulsfestival.de. Im Januar spielen sie dann auch als Düsseldorf Düsterboys in Bayreuth, Augsburg und Ingolstadt. (8 von 10 Punkten)

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The Düsseldorf Düsterboys - Kaffee aus der Küche (official Video) | Bild: The Düsseldorf Düsterboys (via YouTube)

The Düsseldorf Düsterboys - Kaffee aus der Küche (official Video)

Young Guv – GUV II (Run For Cover Records)

Ben Cook ist Gitarrist in der Hardcore Band „Fucked Up“. Abseits des harten Gitarrensounds schreibt er einen Ohrwurm nach dem anderen. Er war schon Ghostwriter für Taylor Swift oder Maroon 5, aber das nur am Rande. Viel beeindruckender war sein erstes Soloalbum, dass er vor drei Monaten als Young Guv veröffentlicht hat. In der Musik von Morgen haben wir es in den höchsten Tönen gelobt. Jetzt kommt kurze Zeit später schon der zweite Teil des Doppelalbums. Der Kanadier macht erstmal da weiter, wo er auf Guv I aufgehört hat: Bei tollem Powerpop. Auf dem Nachfolger zeigt er aber auch Surfsound, psychedelischen Softrock und 80er Jahre Wave. Egal, welche Nummer man anspielt, der Ohrwurm ist garantiert. Ganz so genial wie der Vorgänger ist es nicht – deshalb 0,2 Punkte Abzug im Vergleich. (7,8 von 10 Punkten)   

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Can I Just Call U | Bild: Young Guv - Topic (via YouTube)

Can I Just Call U

Swans – Leaving Meaning (Mute)

Die Swans sind tot, lang leben die Swans. Eigentlich hat der grimmige Mastermind Michael Gira die Band aufgelöst, nur um sie dann in wechselnder Besetzung wiederzubeleben. Darunter sind auch Baby Dee, Ben Frost und Anna und Maria von Hausswolf. Der musikalische Wahnsinn des Michael Gira hat auf der neuen Swans Platte etwas nachgelassen. Vielleicht hatte die kurzzeitige Bandauflösung wirklich etwas Reinigendes. Die Songs dauern jetzt keine halbe Stunde mehr wie auf dem Vorgänger Glowing Man, sondern sind nur noch maximal zwölf Minuten lang. Leaving Meaning ist aber nach wie vor düster und angsteinflößend, wenn auch nicht mehr so wüst und episch.
(8 von 10 Punkten)    

Sean O‘Hagan - Radum Calls, Radum Calls (Drag City)

Vielleicht macht es nicht gleich Klick bei dem Namen. Es ist auch erst sein zweites Soloalbum in 30 Jahren. Das Erste erschien 1990 und hieß High Llamas. Vielleicht macht es jetzt Klick. High Llamas - so nannte er später seine Band. Er war dann auch auf über zehn Alben der Band Stereolab vertreten und sollte mal bei den Beach Boys zu deren Comeback einsteigen. Er hat Bands wie die Klaxons oder Mount Kimbie produziert. Das zeigt seine künstlerische Bandbreite und Bedeutung. Jetzt hat er wieder für eigene Solomusik Zeit gefunden: fantastisch produziert mit hellen Klangfarben, Synthesizern und knalligen Beats. Sein Songwriting erinnert mal an Avantgarde, mal an Kinderlieder, Musicals oder Kammerpop. (7 von 10 Punkten)  

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Candy Clock | Bild: Sean O’Hagan - Topic (via YouTube)

Candy Clock

Anna Meredith – FIBS (Moshi Moshi)

Wer die zweite CD der Britin startet, wird erstmal von einem Elektro-Synthesizer-Gewitter umgeblasen. Ihr Klassik-Background ist wieder erkennbar, wenn sie ihn mit Elektro verquirlt. Was nach dem Opener folgt, ist ein Wechselbad der Klangwelten und unterschiedlichsten Kompositionen. Artpop trifft auf wirre Beats trifft auf Hardrockgitarren, dann orchestrale Pauken, dann wieder zarter sanfter Frauengesang. Freunde von schrägen, arhytmischen Avantgarde-Experimenten. Fans der Dirty Projectors, von Deerhoof oder Battles werden das mögen. Zuweilen kann es aber auch anstrengend werden. (6 von 10 Punkten)

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ANNA MEREDITH - Paramour | Bild: ANNAMEREDITHVEVO (via YouTube)

ANNA MEREDITH - Paramour


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