Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Perfume Genius, Spirit Fest und Thao & The Get Down Stay Down

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Hanni El-Khatib, Public Practice, Thao & The Get Down Stay Down, Perfume Genius, Moses Sumney, Yung Lean, Charli XCX, Phenomenal Handclap Band, Sparks, The Magnetic Fields, Spirit Fest und Moby.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 14.05.2020

Cover: Perfume Genius - Set My Heart on Fire Immediately | Bild: Matador/Beggars

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch ihr Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Coronakrise weiterhin für uns Musik machen können: Ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden, die ihre Läden haben dicht machen mussten oder auch via Seiten wie bandcamp.com.

Hanni El-Khatib – Flight

Hanni El-Kathib kennen wir als ehemaligen Skaterboi aus San Francisco, der von Punk, Rock ‘n’ Roll über Hip-Hop bis hin zu Soul schon alles durch hat. Auf seinem neuen Album “Flight” hat er all diese Genres durchgemixt bzw. durchmixen lassen, von einem, dem der Zündfunk diese Woche das Prädikat “Album der Woche” aufgedrückt hat: Leon Michels von El Michels Affair. El Kathib und El Michels haben sich angefreundet und ein sehr kurzweiliges Album zusammen gemacht. Wir hören eine Art Soul-Punk. Nicht jeder Song zündet, aber die tollen Singles wie “Alive” oder “Stressy” allein sind schon hörenswert. (6,5 von 10 Punkten)

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Hanni El Khatib - ALIVE (Official Video) | Bild: Innovative Leisure (via YouTube)

Hanni El Khatib - ALIVE (Official Video)

Public Practice – Gentle Grip

Dieses funkige No-Wave-Quartett aus Brooklyn wäre in den 70ern bestimmt gerne die Vorband von Blondie in den New Yorker Clubs gewesen. Public Practice nennt sich die Band um Sängerin und Songwriterin Sam York. Auf ihrem Debütalbum “Gentle Grip” leben sie eine Post-Punk-Attitüde mit schon fast unerlaubt poppigem Sound aus. Das hat seinen Reiz, ein richtig großer Wurf ist das Debüt aber nicht. (5,5 von 10 Punkten)

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Public Practice - My Head (Official Video) | Bild: WHARF CAT RECORDS (via YouTube)

Public Practice - My Head (Official Video)

Thao & The Get Down Stay Down – Temple

„Temple“ ist ein Befreiungsalbum. Thao Nguyen hatte ihr öffentliches Coming Out, und auf ihrem fünften Album schreit sie das so laut und so klug in die Welt hinaus, wie es nur geht. Sie hatte solche Angst, dass sie sich mit dem Coming Out von ihrer vietnamesischen Familie entfremdet, hat ihre Queerness aber auch schon auf den vergangenen Alben angedeutet. Jetzt wollte sie das erste Mal in ihren Lyrics wirklich explizit sein, Thao konnte das erste Mal Thao sein - und das hört man. Jeder Song hat einen schlauen philosophischen Background oder basiert auf persönlichen Erfahrungen. Die Indie-Pop-Tracks wenden sich dabei genauso schnell hin und her wie die Gedanken in Thaos Kopf vor dem Coming Out. Das beste Album bisher von Thao & The Get Down Stay Down. (8 von 10 Punkten)

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Thao & The Get Down Stay Down - Phenom (Official Music Video) | Bild: Thao & The Get Down Stay Down (via YouTube)

Thao & The Get Down Stay Down - Phenom (Official Music Video)

Perfume Genius – Set My Heart On Fire Immediately

Mike Hadreas, der sich Perfume Genius nennt, hat eine wohlriechende Karriere auf dem Gefühl aufgebaut, dass uns der Song “Nightswimming” von R.E.M. gegeben hatte: Freiheit in Moll. Der queere Songwriter stellt auf seinem neuen Album “Set My Heart On Fire Immediately” die großen Fragen der Zeit, die der Geschlechterrollen und wie man sie aufbricht, nach Liebe, Körperlichkeit, nach Bestätigung. Oder wie Perfume Genius selbst so schön sagt: This is music to both fight and make love to. Dabei reist er jetzt weiter tief in die Pop-Historie, gibt uns den Elvis, genauso wie Referenzen an Cindy Laupers bunten Pop - und natürlich schwingt da immer ein bisschen R.E.M. mit. Eines der besten Alben in dieser Veröffentlichungswoche kommt vom Perfume Genius. (8,5 von 10 Punkten)

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Perfume Genius - "On The Floor" (Official Music Video) | Bild: Perfume Genius (via YouTube)

Perfume Genius - "On The Floor" (Official Music Video)

Moses Sumney – grae (Part 2)

Der erste Teil von Moses-Sumney-Doppelalbum “grae” war schon Album der Woche im Zündfunk. Part 1 war schon wirklich intensiv, eine Reise in die Psyche des asexuellen Künstlers aus North Carolina. Auf dem Weg zur eigenen Identität passiert er Schmerz, Verwirrung und vielleicht auch Liebe, die Sumney so nicht nennen kann, weil er sie nicht kennt. Part 2 setzt genau da wieder an, erweckt aber den Eindruck, dass wir hier die reduziertere B-Seite des Doppelalbums erwischt haben, wäre da nicht dieser einer Track: “Me In 20 Years” - allein dieser Song legitimiert Teil 2 seiner grauen Platte. Moses Sumney bleibt weiter einer der heißesten Anwärter auf den Thron, den Prince uns hinterlassen hat. (7,5 von 10 Punkten)

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Moses Sumney -  Me in 20 Years [Lyric Video] | Bild: Moses Sumney (via YouTube)

Moses Sumney - Me in 20 Years [Lyric Video]

Yung Lean – Starz

Wenn deine Mutter Menschenrechtsaktivistin ist und dein Vater humanistischer Schriftsteller, du in der ganzen Welt rumgekommen bist und heute in Schweden lebst, dann kann es niemanden wundern, wenn du Rap-Songs mit dem Namen “Boylife In EU” schreibst, die letztendlich genauso hipster-spießig klingen, wie es der Titel verspricht. Der Song ist zu finden auf dem sechsten Album des 24-jährigen Rappers Yung Lean, das insgesamt erstaunlich wenig Ambition daherkommt. Heranwachsende werden noch ein paar empowernde Gedanken aus den Pseudo-Trap- und Mumble-Songs ziehen können, für Grown-Ups gibt’s dann noch ein seltsames Feature von Ariel Pink. Keine Yung Lean-Hörempfehlung diese Woche - zumindest für alle Ü30. (5 von 10 Punkten)

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Yung Lean - Boylife in EU (Official Video) | Bild: Yung Lean (via YouTube)

Yung Lean - Boylife in EU (Official Video)

Charli XCX – How I’m Feeling Now

Nur weil viele es nicht wissen, Charli XCX ist die Frau, die den Riesenhit “I Love It” von Icona Pop geschrieben hat. Diese Frau kann Hits. Jetzt kommt Charli XCX Isolations-Album, geschrieben mit ihren Fans in Zoom-Sessions während der Corona-Krise - und auch dort finden wir wieder Hits, diesmal aber gut verpackt, ja fast schon verfremdet von den Produzenten A. G. Cook und BJ Burton. Den einen kennen wir von Sophie, der andere produziert sonst für Bon Iver. Man will es hier nicht zu offensichtlich machen, wie leicht Charli XCX die Pop-Hits von der Hand gehen. Das gibt dem Album “How I’m Feeling Now” natürlich nochmal eine zweite Ebene, macht Charli XCX künstlerisch relevanter, bringt sie aber wieder einen Schritt weiter davon weg, selber die großen Stadien zu füllen. (7 von 10 Punkten)

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Charli XCX - I Finally Understand (Official Audio) | Bild: Charli XCX (via YouTube)

Charli XCX - I Finally Understand (Official Audio)

Phenomenal Handclap Band – PHB

Die Phenomenal Handclap Band aus New York feiert ein Comeback mit ihrem dritten Album “PHB”. Grund für die Pause: der Kopf des Kollektivs, Daniel Collás, ist auf Reisen gegangen, um den Kopf freizukriegen. Acht Jahre nach dem letzten Album ist der Kopf wieder voll mit vielen Melodien und funky Ideen, die jetzt nicht mehr ausschließlich mit Discosound zu tun haben wie früher. Die Handclap Band hat ihr Spektrum erweitert, hin zu Dance Music. Ich muss sagen: leider. Der Disco-Fokus hat dem Kollektiv schon sehr viel besser gestanden. Oder um es in ein Disco-Bild zu bringen: Manchmal kann man noch so tolle Dance-Moves drauf haben, man schaut einfach nicht gut aus, wenn die Disco-Kugel nicht beleuchtet ist. (6 von 10 Punkten)

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Phenomenal Handclap Band - Skyline | Bild: Toy Tonics (via YouTube)

Phenomenal Handclap Band - Skyline

Sparks – A Steady Drip, Drip, Drip

Ron Mael geht stramm auf die 75 zu, Bruder Russell ist “erst” 71 Jahre alt - und beide Brüder klingen auf dem neuen Sparks-Album im besten Sinne wie zwei Debütanten. Drei Jahre ist das letzte Album der Glam-Popper alt und schon damals hatte ich das gleiche Gefühl wie jetzt: Wäre “A Steady Drip, Drip, Drip” ein Debüt von fünf Anfang-20-jährigen, wir würden diese eingängigen Hymnen feiern ohne Ende und in die Jahresbestenlisten wuchten. Jetzt haben die Sparks-Brüder aber auch das Glück, dass sie sich seit jeher in einem Genre bewegen, das immer wieder zurückkommt bzw. nie wirklich aus der Mode kommt: Elektronisch angehauchter Glam-Pop mit manchmal auch ein bisschen Disco. Das geht immer, genauso wie die ewigen Sparks. (7,5 von 10 Punkten)

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Sparks - Lawnmower (Official Video) | Bild: SPARKS (via YouTube)

Sparks - Lawnmower (Official Video)

The Magnetic Fields – Quickies

Das neue Album von Stephin Merritt und seinen Magnetic Fields nennt sich “Quickies”. Und ja, auf einem Song geht es um schnellen Sex, aber sonst beschreibt der Albumtitel eher die Songlängen, der kürzeste ist 13 Sekunden. Der längste 2.35 Minuten. Insgesamt hören wir 28 Quickies. Die Idee kam Merritt, weil er einen Gedichtband mit den kürzesten Scrabble-Wörtern gelesen hat. Dazu kam, dass er für jeden Song ein zentrales Instrument verwenden wollte. Ich muss wirklich sagen, das Konzept “Short Songs” funktioniert. Absolut kurzweilig, die Geschichten unterhalten trotz der Kürze, die Hooks zünden, auch wenn sie nur ein paar Sekunden Zeit dafür haben. So ein snackable Konzept-Album kann nur von den Magnetic Fields kommen, aber keine Angst, Stephin Merritt hat schon angekündigt, dass er sich für das nächste Album wieder ein größeres Notizbuch für die Texte zulegen will. (8 von 10 Punkten)

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The Magnetic Fields - (I Want to Join A) Biker Gang | Bild: Magnetic Fields (via YouTube)

The Magnetic Fields - (I Want to Join A) Biker Gang

Spirit Fest – Mirage Mirage

Notwister Markus Acher und Tenniscoats-Sängerin Saya haben erst vor zwei Wochen ein großartige Compilation mit japanischer Indie-Musik rausgebracht, jetzt erscheint das neue Spirit-Fest-Album “Mirage Mirage”. Spirit Fest, wissen wir, ist das gemeinsame Projekt der Tenniscoats aus Tokyo zusammen mit Markus Acher, Mat Fowler und Cico Beck. Aufgenommen haben sie in den letzten zwei Jahren in Tokyo und München - und das Ergebnis zeigt, wie es klingt, wenn man mit Homerecording-Methoden ins Studio geht. Schicht für Schicht stapeln Spirit Fest in jedem Song aufeinander, eine Schicht verspielter als die andere. Diese Fusion bringt einen zum Grinsen, berührt, hypnotisiert - und das alles gerne mal in einem Song. Ich muss mir mal beibringen lassen, was “match made in heaven” auf japanisch heißt. (7,5 von 10 Punkten)

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Spirit Fest: Mirage | Bild: morrmusic (via YouTube)

Spirit Fest: Mirage

Moby – All Visible Objects

Es ist schwierig geworden mit uns, Moby, muss ich ehrlich sagen. Sein neues Album “All Visible Objects” ist kein Punk-Album, daher kommt Moby ja und dorthin hatte er zuletzt auch wieder zurückgefunden. Es ist auch kein Album, das sich mit dem Vorwurf von “Kultureller Aneignung” konfrontiert sieht. Sein Klassiker-Album “Play” wurde in der Rückschau hart dafür verurteilt, dass er ungeklärte Samples schwarzer Musiker verwendet hat. Auf “All Visible Objects” sampelt Moby nicht, er produziert originäre, technoide Songs, die oft an “Play” erinnern, aber - und jetzt kommt das große Problem - sich oftmals nach David Guetta anhören. Moby ist slick geworden. Dabei reagiert er als einer der ersten auf die Corona-Krise mit Songs wie dem Piano-lastigen “Too Much Change”. Moby ist ja seit Jahrzehnten veganer Tierschützer und trägt das Statement “Vegan For Life” mittlerweile als Tattoo fett am Hals. Der Zeitgeist spielt für Moby, aber Moby spielt nicht mehr für den Zeitgeist. (5,5 von 10 Punkten)

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Moby - Too Much Change ft. Apollo Jane (Official Video) | Bild: Moby (via YouTube)

Moby - Too Much Change ft. Apollo Jane (Official Video)


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