Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Norah Jones, Jehnny Beth und Coriky

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Built To Spill, Wargirl, Coriky, Thomas Azier, Jehnny Beth, Oliver Tree, Photay, Mile Me Deaf, Norah Jones, Liam Gallagher, Bibio und Ellen Alien.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 11.06.2020

Norah Jones | Bild: picture alliance/AP/Invision

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch ihr Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Coronakrise weiterhin für uns Musik machen können: Ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden oder auch via Seiten wie bandcamp.com.

Wargirl – Dancing Gold

Das Mastermind hinter der Band Wargirl heißt Matt Wignall. Er hat die Cold War Kids und Mando Diao produziert. Er kommt also vom Indie-Rock. Mit Wargirl hat er seit zwei Jahren seine eigene Band: drei Frauen, drei Männer - alle verbindet sie: viel Liebe zu Rhythmus, egal ob der vom Reggae, Afrobeat, Soul oder Funk kommt. Aber alles mündet auch auf dem zweiten Wargirl-Album “Dancing Gold” in - wie der Name schon sagt - tanzbaren Indie-Rock. Das große Pech für Wargirl: die Platte hat alles für ein super Live-Set. Leider müssen wir auf Live-Termine der Westcoast-Band noch ein bisschen warten. (6,8 von 10 Punkten)

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Wargirl - Dancing Gold (Official Music Video) | Bild: Clouds Hill Group (via YouTube)

Wargirl - Dancing Gold (Official Music Video)

Built To Spill – Built To Spill Plays The Songs Of Daniel Johnston

Vor drei Jahren wurden die US-Indie-Rocker Built To Spill eingeladen, Daniel Johnston als Backing-Band zu begleiten, was sie dann auch taten. 2018 haben sie bei einer Probe Johnstons Songs aufgenommen, gesungen aber von Built To Spill-Frontmann Doug Martsch. Das Ganze sollte die Bandproben dokumentieren und später auch als Album und Hommage an den gesundheitlich angeschlagen Songwriter rauskommen. Jetzt ist es soweit. Leider wird es Daniel Johnston nicht mehr miterleben können, das Songwriter-Genie mit der bipolaren Störung ist im September 2019 gestorben. Built To Spill geben ihm etwas, was Johnston nur selten hatte: Dynamik, Drive - die oft so tieftraurigen Songs gehen jetzt nicht nur direkt ins Herz, sondern auch in die Füße. Auf das sie so noch länger unvergessen bleiben. (8 von 10 Punkten)

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Mountain Top | Bild: Built To Spill - Topic (via YouTube)

Mountain Top

Coriky – Coriky

Ich habe dieses Jahr noch keine bessere Bandinfo gelesen, als die zur Band Coriky. Da heißt es nur: “Coriky kommen aus Washington, DC. Amy Farina sitzt an den Drums. Joe Lally spielt Bass. Ian MacKaye spielt Gitarre. Alle singen.” Dann kommt nur noch ein: Es gibt sie seit 2015, 2018 war das letzte Konzert. Sie haben ein Album. Und sie hoffen touren zu können. Ja, mehr Infos braucht man auch nicht wirklich. Nur noch eine: Solche Alben wie das von Coriky werden heutzutage nicht mehr gemacht. Durch Straight Edger Ian MacKaye atmet dieses Album die Luft von Fugazi. Diese Band kommt vom Post-Hardcore, ohne Zweifel. Aber nur wenige können ihn so spielen. Mein Urteil in Anlehnung an die Bandinfo: Tolle Band, großartiges Album, hoffe da kommt mehr. (8,5 von 10 Punkten)

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Coriky - Too Many Husbands | Bild: M_X_X (via YouTube)

Coriky - Too Many Husbands

Thomas Azier – Love, Disorderly

Der Niederländer Thomas Azier hat für mich immer diese Ausstrahlung eines französischen Dandys. Sein Zugang zu Popmusik ist ebenfalls ein stylisher, ein zwei-reihiges Sakko mit Einstecktuch und passender Weste. Trotzdem ist Aziers Sound nicht versnobbt, sondern meistens sehr emotional. Auch auf dem neuen Album “Love, Disorderly”, heißt soviel wie “Aufrüherische Liebe”. Highlights auf der Platte: das Cover des 90er House-Hits “Freed from Desire” und das großartige “Entertainment”, in dem mindestens drei Songs auf einmal stecken. (7 von 10 Punkten)

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Thomas Azier - Entertainment (Official Video) | Bild: Thomas Azier (via YouTube)

Thomas Azier - Entertainment (Official Video)

Jehnny Beth – To Love Is To Live

Bei Jehnny Beth bin ich hin- und hergerissen. Die Sängerin der auf Eis gelegten Savages bringt ihr erstes Soloalbum raus - eines der besten in dieser Woche, aber mein Eindruck bleibt, dass es auch eines der besten des Jahres hätte werden können. Die bisexuelle Songwriterin hat nämlich fast alles: die richtigen Produzenten, mit Flood und Atticus Ross. Die richtigen Gäste, mit Romy Madley Croft von The XX und Joe Talbot von den Idles. Sie hat auch die richtigen Themen: Selbstzweifel, Identitätsfragen, Liebeskummer. Aber sie will einfach zu viel: “To Love Is To Live” ist ein eklektisches Vorzeige-Album, von Punk bis zur Pianoballade, inspiriert von Beyonce, David Bowie und Kate Bush  - alles dabei. Alles auch gut. Aber diese vielen Seiten von Jehnny Beth überfordern mich auf Albumlänge. Dazu passt die Aussage, dass sie das Album geschrieben habe, als wäre es das letzte, was sie je schreiben würde. Diese tolle Künstlerin braucht am allerwenigsten: Superlative. (8 von 10 Punkten)

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Jehnny Beth - Heroine (Official Video) | Bild: JehnnyBethVEVO (via YouTube)

Jehnny Beth - Heroine (Official Video)

Oliver Tree – Ugly Is Beautiful

Oliver Tree ist ein exzentrischer Filmemacher, Comedian, Produzent und der einzige Musiker, den ich kenne, der seine eigenen Foren bei reddit hat, die übrigens ganz schön witzig sind. Man könnte ihn mit seinen bunten Trainingsanzügen und der Prinz Eisenherz-Frisur auch als den ersten Meme-Popstar bezeichnen. Dabei kommt jetzt erst sein Debütalbum, “Ugly is beautiful” heißt es. Wegen Corona musste es vom März in den Juni geschoben werden, was den Exzentriker dazu gebracht hat, den übertriebenen Satz zu sagen: Wahrscheinlich kommt es erst in fünf bis zehn Jahren. Jetzt ist es soweit - und wir hören sehr spannende, bunte und clevere Kommentare zum Zeitgeist, verpackt in State-of-the-art-Popsongs. Oliver Tree kann nicht nur die Drama-Queen geben, sondern er kann auch singen, rappen, produzieren. Solides Debüt. (6,7 von 10 Punkten)

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Oliver Tree - Bury Me Alive (Official Unofficial Music Video) | Bild: Oliver Tree (via YouTube)

Oliver Tree - Bury Me Alive (Official Unofficial Music Video)

Photay – Waking Hours

Wir hören elektrifizierten Pop auf dem zweiten Album von Photay, der New Yorker heißt bürgerlich Evan Shornstein. Auf seinem neuen Album “Waking Hours” geht es genau um diese Stunden am Tag, an denen man ganz klar und bewusst lebt. Es geht darum, seine pure Existenz zu feiern und keinen Gedanken daran zu verschwenden, wer man ist und wofür man lebt, sagt Photay: “Finding comfort in just being”. Schöner Gedanke, der natürlich auch eine Reaktion auf das schreckliche Wüten der Pandemie in New York ist. Photay reagiert cool, mit einem saucoolen Elektro-Pop-Album. Damit kann man bei Bedarf Corona im Schlafzimmer einfach wegtanzen. (7,5 von 10 Punkten)

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Photay - The People (Official Audio) | Bild: Photay (via YouTube)

Photay - The People (Official Audio)

Mile Me Deaf – Ecco

Obacht, die nächsten Sätze werden viel Namedropping enthalten: Wolfgang Möstl bleibt für mich der Kevin Parker Österreichs. Kevin Parker ist ja das Produktionsgenie von Tame Impala. Die gleichen Fähigkeiten hat auch der talentierte Herr Möstl. Zeigt er nicht nur in der österreichischen Szene, sondern seine Songs laufen mittlerweile auch in erfolgreichen US-Serien wie “This Is Us”. Auf seinem neuen Album als Mile Me Deaf macht er im Prinzip da weiter, wo er mit “Alien Age” aufgehört hat: Pop-Dystopien schaffen - mit Hilfe einer großen Auswahl von Synthies und Samplern. “Es ist schwer Songs für eine Welt zu schreiben, die wir im Prinzip zerstört haben”, sagt der Multiinstrumentalist. Das erklärt auch Songtitel wie “Sweet Earth” oder “Holodeck”. Tolle Dystopien eines Hochbegabten. Und so viel Namedropping war’s jetzt gar nicht mal. (7 von 10 Punkten)

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Sweet Earth | Bild: Mile Me Deaf - Topic (via YouTube)

Sweet Earth

Norah Jones – Pick Me Up Off The Floor

Norah Jones ist dieses Jahr 41 geworden und sie kann als eine der ganz ganz wenigen ihrer Generation noch sagen: Sie hat über 50 Millionen Platten weltweit verkauft. Nicht gestreamt, verkauft. Angefangen hat sie als Jazz-Pianistin mit zauberhafter Stimme und dann kam eine großartige Weiterentwicklung. Ich erinnere mich gerne an ihr Album “The Fall”, das ihrem Vater gewidmet war, dem legendären Sitar-Spieler Ravi Shankar oder an das Album “Little Broken Hearts”, ihre Zusammenarbeit mit Produzent Danger Mouse. Ihr neues Album “Pick Me Up Off The Floor” hat sie alleine produziert, sich aber für zwei Songs Jeff Tweedy von Wilco dazugeholt. Wieder eine ausgezeichnete Wahl. Die Songs lagen lange nur auf ihrem Smartphone als Skizzen rum, dann beim Gassi gehen mit dem Hund hat sie diese Skizzen immer wieder gehört und sich so in sie verliebt, dass sie ein Album daraus machen musste, erzählt sie. Der bodenständig spießigste Grund aller Zeiten, ein Album zu machen - aber irgendwie auch sympathisch. “Pick Me Up Off The Floor” ist - wie der Name schon sagt - ein Album voller Hoffnung: Wenn du am Boden liegst, steh auf - und wenn du’s alleine nicht schaffst, lass dir helfen. Passt wunderbar in diese Zeit. (7,8 von 10 Punkten)

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Norah Jones - Tryin' To Keep It Together | Bild: norahjonesVEVO (via YouTube)

Norah Jones - Tryin' To Keep It Together

Liam Gallagher – MTV Unplugged

In meiner Pop-Sozialisation extrem wichtig: ein Oasis-Unplugged von “Don’t Go Away”, gespielt bei der BBC und gesungen von Noel Gallagher. Diese Stimme, dieser Ausdruck, nach dieser Performance habe ich nie verstanden, warum Liam immer als besserer Sänger gehandelt wurde. Der bringt jetzt ein MTV Unplugged-Album raus, was natürlich - wie so oft in dieser Reihe - gelogen ist, denn Liam kommt mit einem ganzen Orchester ums Eck, dem 24-köpfigen Urban Soul Orchestra. Die Chance für Liam, nach seinen Soloalben wieder das zu tun, was er schon sein ganzes Leben tut: sich gegenüber seinem Bruder beweisen. Dabei ist dieses Unplugged-Konzert eine reine Nostalgie-Show. Liam singt neben von ihm geschriebenen Solo-Songs auch die Klassiker wie “Some Might Say”, “Stand By Me” oder “Champagne Supernova” - nur an “Wonderwall” traut er sich nicht ran. Was gut so ist, denn der größte Song, den Bruder Noel je schrieb, hätte Liams Unplugged nur überschattet. (6,5 von 10 Punkten)

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Liam Gallagher - Sad Song (MTV Unplugged) | Bild: Liam Gallagher (via YouTube)

Liam Gallagher - Sad Song (MTV Unplugged)

Bibio – Sleep On The Wing EP

Der Brite Stephen Wilkinson, den wir als Bibio kennen, bleibt seiner Linie treu: Nach einem Album kommt eine daran anknüpfende EP. Album - EP - Album - EP - ein für Fans einprägsames wie verlässliches Muster. Und was ist in dieser Zeit schon verlässlich? Die neue EP “Sleep On The Wing” ist fast schon mehr Mini-Album als EP, 10 Tracks hören wir, aber viele sehr kurz und oft nur instrumental. Die EP handelt zum einen von Stadtflucht, den Frieden auf dem Land finden - auch in Zeiten der Pandemie eine Strategie. Zum anderen geht es Bibio um Verlust: Wie kann man jemanden, den man verloren hat, auch danach noch ehren? Auch das ein brandaktuelles Thema. Das illustriert Bibio wie immer mit Field Recordings und dezenten Beats. Auf ihn ist einfach Verlass. (7 von 10 Punkten)

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Bibio - Sleep On The Wing (Official Music Video) | Bild: Bibio (via YouTube)

Bibio - Sleep On The Wing (Official Music Video)

Ellen Allien – AurAA

Das neue Album “AurAA” kann man mit einem Satz auf den Punkt bringen: Es sind die fantastischen Stomper, zu denen wir jetzt im Club gerne tanzen würden. So gesehen, ist das dritte Album der Berliner Techno-Produzentin und Labelbesitzerin in drei Jahren eine Art Protest-Statement. Fast jeder Track sagt: Lasst uns in den Club! Leider sieht es momentan so aus, als müssten wir darauf noch lange warten. Aber zumindest die Vorfreude steigt weiter enorm mit dem neuen Album von Ellen Allien. (7,5 von 10 Punkten)

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Ellen Allien - True Romantics (Official Video) | Bild: Ellen Allien UFO (via YouTube)

Ellen Allien - True Romantics (Official Video)


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