Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Vampire Weekend | Big Thief | Fettes Brot

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Big Thief, Vampire Weekend, Dream Syndicate, Filthy Friends, Bobby Oroza, Fettes Brot, Thank & The Bangas, Rhiannon Giddens & Franceso Turrisi, Versing, Too Slow To Disco Neo und Bad Religion

Von: Ralf Summer

Stand: 02.05.2019

Cover: Vampire Weekend - Fathers of the Bride | Bild: Sony

BIG THIEF – U.F.O.F.

Die Folk-Truppe um Sängerin Adrienne Lenker nahm diesmal in einem Studio an einem abgeschiedenen Ort nahe Seattle auf. Live – in einer umgebauten Scheune. Auf den zart-besaiteten Songs von „U.F.O.F.“ geht es um „making friends with the unknown“, so Lenker: „Alle meine Lieder handeln davon, wenn die Natur des Lebens Veränderung und Vergänglichkeit ist, wäre ich lieber unbequem in dieser Wahrheit wach als in Verleugnung verloren.“ Und das „F“ im Titel steht für „friend“ - meint: das neue Wir-Gefühl der Band. Adrienne haucht was der Atem hergibt. Mit ihrer dritten Platte sind sie auf 4AD gelandet – und damit Label-Kollegen wie The National oder Beirut. Für das Quartett sollte es also aufwärtsgehen. „Cattails“, das erst wenige Stunden vor den Aufnahmen entstand, hat sich schon in den Top Träxx Mai bei uns platziert – der Monats-Hitparade von Zündfunk und Nachtmix/Bayern2. Einziger Termin im Lande: 3.6. Berlin-Lido. (8,0 von 10 Punkten)

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Big Thief - UFOF (Official Audio) | Bild: Big Thief (via YouTube)

Big Thief - UFOF (Official Audio)

VAMPIRE WEEKEND – Father of the Bride

Koenig ist der Schwiegersohn (in spe) vom Kaiser – Ezra Koenig ist mit der Tochter von Superproduzent Quincy Jones liiert – mit Rashido. Lässt der Titel „Father of the Bride“ vielleicht eine Hochzeit erahnen? Nein, meint Ezra, er ist kein Fan des Verheirateten-Seins und meint eher sich als frisch gebackenen Vater, der von NYC nach L.A. umgezogen ist. Dazu hat er eine Netflix-Serie produziert, das Anime „Neo Yokio“, hat mit „Time Crises“ seine eigene Radioshow und hat beim letzten Beyoncé-Album mitgewirkt.

Die vierte Platte von Vampire Weekend verarbeitet die Quarter-Life-Crisis, die Koenig nach dem letzten Album überkam – also die Zeit vor seinem 30. Geburtstag. Mit 35 meldet er sich zurück und nun wissen wir wieder, was wir an ihm und seiner Band haben: Spielfreude und musikalische Brücken zwischen schwarzer und weißer Musik: Koenig ist beeinflusst von „The Smiths und dem Orchestra Baobab“ (Senegal), auf „Rich Man“ sampeln sie den verstorbenen „Palm Wine“-Afro-Gitarristen S.E. Rogie. Er wollte „süsser“ klingen. Auf drei Stücken singt er im Duett mit Danielle Haim (von Haim) und bei zwei Liedern ist Steve Lacy (von The Internet am Bass). Mein Favoriten sind „This Life“ (mitgeschrieben von Mark Ronson, I Love Makonnen) und „Harmony Hall“. An anderer Stelle sampelt er Haruomi Hosono, den Oldie „The Beat Goes On“ oder den Soundtrack vom Terrence Malick-Film „The Thin Red Line“: im Opener „Hold You Now“ (so taucht auch Hans Zimmer als Mitkomponist auf). Die Platte endet mit „Jerusalem-New York-Berlin“ – ein Song, dessen Bedeutung wohl jüdische Menschen wie Ezra – bzw. wir Deutsche am besten verstehen: „die drei Orte, die einen übergroßen Einfluss darauf haben, wie wir über Identität und deren Bedeutung denken“, wie er in einem Interview sagt. Die Platte wird bestimmt wieder Nummer 1 in den US-Album-Charts. Hier in Deutschland würden wir uns für sie über eine erste Top-10-Platzierung freuen. (8,0 von 10 Punkten)

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Vampire Weekend - This Life (Official Audio) | Bild: VampireWeekendVEVO (via YouTube)

Vampire Weekend - This Life (Official Audio)

DREAM SYNDICATE – These Times

Sie haben mit R.E.M. begonnen: The Dream Syndicate begannen in den 80ern mit ihrem Indie-Mix aus Folk, Country und Paisley-Hemden-Psychedelia. Nach 30 Jahren Pause, kehrten sie 2012 zurück, Nun das zweite Album aus der zweiten Bandzeit der Kalifornier. Auf „These Times“ überführt die Band um Steve Wynn ihren alten Sound ins Heute. Trotzdem hört man nur unmerklich, was Wynn zur Zeit am Liebsten hört: den verstorbenen HipHop-Produzenten J Dilla. „Ich habe für die neue Platte auch mit Drum Machines und Loops gearbeitet“, so Wynn. Bei „Bullet Holes“ klappt es am besten und Dream Syndicate füllen die Lücke, die nach dem Ende von R.E.M. entstanden ist. (6,5 von 10 Punkten)

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The Dream Syndicate - "The Way In" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

The Dream Syndicate - "The Way In"

FILTHY FRIENDS – Emerald Valley

Eine echte „Ex“-Band: Peter Buck - ex-R.E.M., Corin Tucker - ex-Sleater-Kinney, Scott McCaughey - ex-Robyn Hitchcock, William Rieflin - ex-King Crimson und Kurt Bloch. Passenderweise erscheint es auch auf dem ex-Label von Sleater-Kinney: Kill Rock Stars. Die Filthy Friends stehen für klassischen US-Alternative Rock, manchmal rotzig, manchmal cool wie bei „November Man“. (6,5 von 10 Punkten)

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Filthy Friends - November Man (Lyric Video) | Bild: Kill Rock Stars (via YouTube)

Filthy Friends - November Man (Lyric Video)

BOBBY OROZA – This Love

Retro-Soul aus Finnland auf dem New Yorker Qualitäts-Label Big Crown Records, das uns auch schon tolle Musik beschert von Künstlern wie Lee Fields & The Expressions, der
El Michels Affair oder The Shacks. Bobby Oroza kommt aus einer Musikerfamilie in Helsinki: die Mama ist Sängerin, der bolivianische Vater Jazz-Gitarrist, der gern Latin und Cuban Classics zupft. Der Sohn singt, spielt Schlagzeug und Gitarre. In Finnland ist Bobby Oroza bekannter, weil er bei Cold Diamond & Mink spielt – der Hausband des finnischen Timmion Labels. Solo geht er Richtung LoFi-Soul, eher ruhig und gedämpft als schmissig. Aber mit Schmalz und Schmelz. Die Vorab-Single „This Love“ wird gern von Lowrider-Fahrern auf Carshows in den USA gespielt. Und landete in Filmen und auf einem Mixtape von Rapper Earl Sweatshirt. Dezentes Debüt! (7,5 von 10 Punkten)

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Bobby Oroza - Your Love Is Too Cold | Bild: Big Crown Records (via YouTube)

Bobby Oroza - Your Love Is Too Cold

FETTES BROT – Lovestory

Ein Vierteljahrhundert veröffentlichen sie nun schon Musik. Vor 25 Jahren erschien die erste Maxi von Doktor Renz, König Boris und Björn Beton. Auf ihrem neuen, neunten Album geht’s u. a. um Freunde, die die AfD wählen („Du driftest nach Rechts“), schwule Biographien („Opa + Opa“), Verrücktsein („Klapse“) oder Selfie-Kultur („Ich Liebe Mich“). Kurz vor der Platte erschien ihr erstes Buch „Was Wollen Wissen“ – basierend auf ihrer wöchentlichen Radiosendung mit dem gleichen Titel (N-Joy/NDR und Bremen 4). Für die Haltung gibt's acht, für die Musik sechs Punkte, macht zusammen 7 Punkte. (7 von 10 Punkten)

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Fettes Brot - Ich liebe mich (Official) | Bild: Fettes Brot (via YouTube)

Fettes Brot - Ich liebe mich (Official)

TANK & THE BANGAS – Green Balloon

Sie kommen aus New Orleans und gewannen erst den Afropunk Festival Contest 2016 und im Jahr drauf den Tiny Desk Contest unserer US-Kollegen von NPR. Tank & The Bangas lernten sich bei einer Open Mic Show in ihrer Heimatstadt kennen. Im Zentrum steht Tarriona „Tank“ Ball, Sängerin und Poetry Slammerin. Dazu kommen die neun Musiker der „Bangas“. Meint aber nicht weisses Headbangen, sondern exquisite Black Music. Auf „Green Balloon“ ist es eine Fusion aus Funk, Soul, HipHop und Spoken Word. Und Gospel nicht zu vergessen – Tank war als Kind oft im Gottesdienst. Ihr Rap-Stil erinnert an die soulfulle Speech Debelle – auch an Lauryn Hill. Bei den Sprechstellen gar an Erykah Badu. Ihre hohe, klare, eindringliche Stimme klingt aber mädchenhafter: sie gibt Kindersendungen, Cartoons und Anime als Einflüsse an. „Soulful Disney“ wurde ihr Sound schon genannt. Mit dem zweiten Studioalbum (dazu kommen drei Live-Alben!) sollten sie den Durchbruch schaffen – zumindest in den USA. Erstens: weil es auf dem renommierten Jazz-Label Verve erscheint und auch starke Single enthält: „Ants“, „Smoke.Netflix.Chill.“, „Spaceships“ und „Nice Things“. Tank scheint ein Universaltalent zu sein – eine Art Janelle Monaes jüngere, witzigere Schwester. (8,5 von 10 Punkten)

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Tank And The Bangas - "Nice Things" Live Performance | Vevo | Bild: TankAndTheBangasVEVO (via YouTube)

Tank And The Bangas - "Nice Things" Live Performance | Vevo

RHIANNON GIDDENS with FRANCESCO TURRISI – There is no Other

Die Grammy-Gewinnerin spielte bei den Obamas im Weissen Haus und schauspielerte in der TV-Serie „Nashville“. Nach einem Song mit Iron & Wine hat die US-Sängerin / Violinistin / Banjo-Spielerin ein Album mit dem Italiener Francesco Turrisi aufgenommen. Zuhause in den USA kennt sie die Roots-Gemeinde für ihre Band Carolina Chocolate Drops – mit der sie Musik der 20er und 30er-Jahre spielt: auch Old-Time Music genannt. Turrisi ist ein Multi-Instrumentalist aus Turin, der in Dublin / Irland lebt und sich für mittelalterliche Musik – vor allem aus dem Mittelmeerraum interessiert. Da kommen zwei Traditionalisten zusammen. Die Platte zeigt den Einfluss afrikanischer und asiatischer Musik auf europäische und amerikanische Kultur. Musik als universeller Ausdruck der Menschheit. Inklusive Covers von Ola Belle Reed, Oscar Brown Jr und Gian-Carlo Menotti. Wir hören Instrumente wie Akkordeon, Laute, Rahmentrommel. Die umtriebige Giddens ist auch Teil der „Our Native Daughters“: auf ihrer ersten Platte tragen sie alte Geschichten und Lieder afro-amerikanischer Frauen zusammen. „Songs of Our Native Daughters“ ist vor Kurzem auf Smithsonian Folkways erschienen. Für ´There Is No Other´ von Giddens / Turrisi gibt’s: (7,0 von 10 Punkten)

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Rhiannon Giddens - I'm On My Way | Bild: Rhiannon Giddens (via YouTube)

Rhiannon Giddens - I'm On My Way

VERSING – 10000

Schroffer Indie-Rock, dessen leicht abweisende Haltung aber geknackt werden will. Die Band aus Seattle veröffentlicht ihre erste Platte auf dem bekanntesten Label der Stadt: auf Sub Pop, Home of Nirvana / The Shins. Und mit „Renew“ ist ein verzerrter Alternative Rock-Kracher drauf, der an Sonic Youth erinnert, wenn Thurston Moore einen poppigen Tag hatte – ganz am Ende einer angenehm disharmonischen Platte, die einen – wie nennt man das Gegenteil von ´einlullt´? Aus-lullt? (7,0 von 10 Punkten)

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Versing - "Renew" [OFFICIAL VIDEO] | Bild: hardlyartrecords (via YouTube)

Versing - "Renew" [OFFICIAL VIDEO]

V.A. TOO SLOW TO DISCO NEO – En France

DJ Supermarkt ist einer der deutschen Cratedigger schlechthin: als Teil des Duos Le Hammond Inferno stellte er in den 90ern die Japan-Compilation „Sushi 3003“ zusammen. Dann verlagerte der Berliner DJ seine Suche auf andere Genres: die letzten Jahre konzentrierte sich Marcus Liesenfeld auf Yacht-Rock. Seine Sampler-Serie „Too Slow To Disco“ geht nun schon in die fünfte Runde: nach Brasilien ist nun Frankreich dran: „Too Slow To Disco Neo - en France“ heißt die Kopplung mit französischen Disco-Stücken, eher aus der zweiten Reihe. Hits von Cerrone u. a. aus den 80ern fehlen. Es meint eher die smooven Disco von der Stegen der Cote d´Azur als von den Dancefloors in Paris. Mein Favorit ist das leicht Reggaefizierte „Summertime“ von Claap! & Santana. Überhaupt sind die meisten Interpreten bei uns eher unbekannt. Wer Air, Daft Punk und Superdiscount erwartet hat, wird eines Besseren belehrt: u. a. von Bertrand Burgalat, Yuksek und Chassol (war auf Frank Oceans „Boys Don´t Cry“-Album zu hören). Über Namen wie „Weekend Affair“ und „Ricky Hollywood“ dürfen wir eher schmunzeln. Dieser Frankreich-Sampler ist eher lasziv-charmant als offensiv feiernd. Nach Release-Feiern in London, Berlin und Barcelona kommt DJ Supermarkt auch zu uns: 14.6. Würzburg, MS Zufriedenheit und 15.6. München, Goldener Reiter, 13.7. Nürnberg, Adia Hotel Roof. Hotel-Dach-Partys gehören zu seinen Lieblingsorten seiner „Too Slow to Disco“-Parties. Langsam, dass keiner runterfällt! (7,0 von 10 Punkten)

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Too Slow To Disco NEO - En France (Minimix by Dj Supermarkt) | Bild: Too Slow To Disco (via YouTube)

Too Slow To Disco NEO - En France (Minimix by Dj Supermarkt)

BAD RELIGION – Age of Unreason

Die Langzeit-Kommentatoren des West-Coast-Punks melden sich zurück. „Zeitalter der Unvernunft´ liefert Reaktionen auf gefährliche Zeiten“, umschreibt die Band aus Los Angeles Album Nummer 17. „Wir standen immer für Werte der Erleuchtung“, so Brett Gurewitz, „und diese sind im Abstieg begriffen.“ Wahrheit, Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Wissenschaft – dafür kämpfen Bad Religion. Und singen gegen Trump, gegen Rassisten, gegen die Erosion der Mittelschicht, gegen Alternative Facts, gegen Verschwörungstheorien, für Colin Kaepernicks Sport-Protest. Sie haben es sich sicher nicht träumen lassen, dass sie im 40. Jahr ihrer Gründung wieder in Reagan-artigen Zeiten leben würden. Melodic Punk Rock since 1980. Bad Religion ab morgen auf Deutschland-Tour – zu den ausverkauften Terminen gehört auch 11.5. in Würzburg. Man merkt: nirgendwo sind sie so hoch in den Album Charts wie in Deutschland. Wie bei Fettes Brot gilt auch hier: Haltung 8, Musik 6, macht 7 Punkte. (7 von 10 Punkten)

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Bad Religion - "Do The Paranoid Style" | Bild: Epitaph Records (via YouTube)

Bad Religion - "Do The Paranoid Style"


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