Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche The National | Slowthai | Rammstein

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Slowthai, HGich.T, Frenship, Lucette, Alex Lahey, The National, The Head and the Heart, Rammstein, Alex Lahey und Kapote.

Von: Angie Portmann

Stand: 16.05.2019

Cover: Rammstein | Bild: Rammstein, Capitol, CheckyourHead

The Head and the Heart – Living mirage

The Head and the Heart haben sich vor zehn Jahren in Seattle gefunden. Haben 2010 ihr Debüt veröffentlicht – in Eigenregie - und landeten kurz darauf bei SubPop. Ähnlich wie Mumford and Sons segelten auch The Head and the Heart am Anfang ihrer Karriere noch unter der Folk-Flagge. Waren eine sehr melodieselige Americana-Band mit exzessiven Harmoniegesängen plus Cello, Glockenspiel und Geige. Aber wie ihre Kollegen verließen sie bald die alternativen Gewässer und landeten im Mainstream. Aus dem ohnehin schon sehr poppigen Indie-Folk von The Head and the Heart wurde mit den Jahren massentauglicher Pop für die Charts. Erfolgreich, aber leider auch immer belangloser. (6 von 10 Punkten)

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The Head and the Heart - Missed Connection (Official Music Video) | Bild: The Head and the Heart (via YouTube)

The Head and the Heart - Missed Connection (Official Music Video)

The National – I am easy to find

Dass es auch anders geht, zeigen uns The National. Auch sie haben sich von Alternative Rock-Underdogs zur global erfolgreichen Stadionband entwickelt. Allerdings ohne dabei im Mainstream unterzugehen. Ihr neues Album „I am easy to find“ ist in sehr enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Mike Mills entstanden (nicht zu verwechseln mit dem Mike Mills von REM). Mills hat schon Videos für Air und Yoko Ono gedreht, Cover für die Beastie Boys und Sonic Youth entworfen und wurde für seinen Film „Jahrhundertfrauen“ für einen Oscar nominiert. Für The National hatte er sich jetzt etwas ganz Besonderes ausgedacht: er wollte kein Video für einen ihrer Songs drehen, sondern einen Film für ein ganzes Album! Selbst großer Fan der Band, hört Mills The National immer beim Schreiben seiner Drehbücher. In einem Interview mit dem NME sagt er, Matt Berningers persönliche, sehr emotionale  Herangehensweise einen Songtext zu schreiben sei seiner Art Filme zu machen sehr ähnlich.

In dem Kurzfilm „I am easy to find“ geht es dann auch um nichts weniger als um die menschliche Existenz, um unser Leben. Von Anfang bis Ende. Gezeigt auf eine sehr reduzierte, sehr anrührende Art und Weise. Toll gespielt von Alicia Vikander, die – ohne sich äußerlich zu verändern – die Protagonistin vom Baby bis zur Großmutter spielt. Zeitlos, poetisch und sehr emotional, das Ganze.

Auf dem Album „I am easy to find“ hören wir sieben Songs, die, von Mills etwas modifiziert, auch im Film auftauchen, plus neun weitere Songs, die sich ebenfalls an den Ideen des Films orientieren. Und da hier das schier Unmögliche versucht wird, nämlich unser Ich in all seinen Facetten darzustellen, reicht auch das Album von intimen Momenten der Nähe bis zur völligen Entfremdung. Matt Berninger lässt sich dabei von ungewöhnlich vielen Frauenstimmen unterstützen. Gayle Ann Dorsey, Lisa Hannigan, Sharon van Etten ... alles Stimmen, mit denen The National in den letzten Jahren schon zusammengearbeitet haben und die sich hier perfekt in den The National-Kosmos einfügen. Ein Kosmos, der auch diesmal wieder sehr filigran und melancholisch klingt und gleichzeitig orchestral arrangiert daherkommt. Ein sanftes musikalisches Kopfkissen, das in Zeiten der politischen Apokalypse unser Therapeut sein will. Wärmstens empfohlen und präsentiert vom Zündfunk. Am 4.12. spielen The National in München, im Zenith. (8 von 10 Punkten)

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"I Am Easy To Find" - A Film by Mike Mills / An Album by The National | Bild: The National (via YouTube)

"I Am Easy To Find" - A Film by Mike Mills / An Album by The National

Lucette – Deluxe Hotel Room

Bei Lucette drängt sich mir immer wieder dieses Bild eines Tanz-Marathons auf. Ausgemergelte Gestalten klammern sich verzweifelt aneinander um auch nach 72 Stunden Schieber nicht zu torkeln. Lucette und ihr meist tieftrauriger Southern Gothic Pop fängt genau diese Atmosphäre ein. „Out of the rain“, „Fly heaven“ oder „Lover don’t give up on me“ heißen die dazu passenden Titel. Egal wie schlecht es gerade um die Liebe oder Lucette selbst bestellt ist, Aufgeben ist keine Option.

Die Kanadierin Lucette, die eigentlich Lauren Gillis heißt, veröffentlicht mit „Deluxe Hotel Room“  erst ihr zweites Album, klingt dabei aber so abgeklärt und reif, als wär es schon ihr zwölftes. Und als wär sie schon ihr Leben lang auf Tour und wüsste ganz genau: nirgends fühlt man sich so einsam wie in einem teuren Hotelzimmer. (7,3 von 10 Punkten)

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Angel | Bild: Lucette - Topic (via YouTube)

Angel

Alex Lahey – The Best of luck club

Alex Lahey hat Jazz studiert bevor sie anfing Popsongs zu schreiben. Geblieben ist ein fatales Faible fürs Saxophon, ansonsten hört man ihrem zweiten Album „The Best of luck club“ das Jazz-Studium nicht an. Stattdessen liefert die 26-jährige aus Melbourne absolut soliden College-Pop mit extrem catchy Hooks und einem Touch Punkrock. Damit hätte sie in den 90’s mit Phantom Planet oder den Get up kids auf Tour gehen können. Aber angesichts des immer noch grassierenden 90’s-Revivals funktioniert das natürlich auch im Jahr 2019 noch vorzüglich. Außerdem sind auch die Themen von Alex Lahey topaktuell, es geht um Selbstzweifel, Depressionen und Vibratoren. Hot topics, gestern wie heute. (7 von 10 Punkten)

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Alex Lahey - Don't Be so Hard on Yourself | Bild: AlexLaheyVEVO (via YouTube)

Alex Lahey - Don't Be so Hard on Yourself

Slowthai  - Nothing great about Britain

Vom sonnigen Australien geht’s jetzt ins düstere, abgefuckte Northhampton, zu Slowthai. Der junge Brite ist in einer Sozialwohnungssiedlung am Rand von Northhampton aufgewachsen, in einem kaputten Elternhaus, Stiefvater Alkoholiker, Mutter immer am arbeiten. Um ihn herum nur Menschen, die entweder Drogen nehmen oder damit handeln. Die totale Perspektivlosigkeit. Slowthai benennt das alles mit einer Direktheit, die fast wehtut. Gewalt, Drogen, all die alltäglichen kleinen und großen Katastrophen – Slowthai kennt sie alle. Slowthai, der eigentlich Tyron Frampton heißt, wurde als Kind von seinen Kumpels immer „Slow Ty“ genannt, der langsame Tyron, weil er keinen besonders schlauen Eindruck machte. Außer dem Namen ist ihm davon nichts geblieben, heute gilt Frampton als einer der aufregendsten Rapper, die Great Britain gerade zu bieten hat. Sein Debütalbum „Nothing great about Britain“ wird diesen Ruf weiter manifestieren. Wir hören düsteren, apokalyptischen Grime, irgendwo zwischen einem frühen Dizzee Rascal und den Sleaford Mods. Denn Slowthai hat die Wut des Punk genauso im Blut wie die rollenden Bässe ... und den Soul. Auf seinem Debüt finden sich sogar einige Stücke, die einen Gang runterschalten, wie z.B. das jazzy „Gorgeous“ oder „Toaster“. Ein schonungsloses, absolut beeindruckendes Statement zur Lage der britischen Brexit-Nation und mein persönliches Album der Woche. (8,5 von 10 Punkten)

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slowthai - Nothing Great About Britain | Bild: slowthaiVEVO (via YouTube)

slowthai - Nothing Great About Britain

Rammstein – Rammstein

Im Vorfeld kursierten nicht nur die üblichen Interviews und Making-Of-Schnipsel im Netz, sondern auch das Video „Stripped“ aus dem Jahr 1998. In dem Video hatten Rammstein Ausschnitte aus dem Propagandafilm „Fest der Völker“ von Leni Riefenstahl verwendet. „Stripped“ lief damals nur eine Woche auf MTV, provozierte einen der größten Skandale der Bandgeschichte und verschwand anschließend im bandinternen Giftschrank. Jetzt ist es wieder da ... und mit ihm Album Nummer sieben der Ex-DDR-Punks. Was hat sich getan, in den zehn Jahren, die seit dem letzten Rammstein-Album vergangen sind? Nicht wirklich viel. Rammstein klingen nach wie vor nach pompös inszeniertem Schlager. Es geht um Deutschland („Meine Liebe kann ich dir nicht geben“), Till Lindemanns Radio-Sozialisation zu DDR-Zeiten („Ich lass mich in den Äther saugen, meine Ohren werden Augen ... Jedes Liedgut war verboten, So gefährlich fremde Noten“), blutige Tattoos, Prostitution, die katholische Kirche ... aber auch den ganz trivialen Herzschmerz. Ihre Fans werden dieses Album, genauso wie die sechs davor bejubeln ... die brachialen Gitarren, den harten Industrial-Beat, die Hommage an Kraftwerk. Denn auch diesmal liefern Rammstein wieder eine launige Nummern-Revue, provozieren in ihren spektakulären Videos nach wie vor mit Sex, Gewalt und Nazi-Symbolen - ohne dabei ernsthaft in Verdacht zu geraten, damit rechtes Gedankengut transportieren zu wollen. Dafür sind Rammstein zu ambivalent, zu sehr die auf Krawall gebürsteten Popclowns. Und obwohl (oder vermutlich gerade weil) sie sich nach 25 Jahren im Popbusiness nicht groß verändert haben, war ihre Stadiontour im Sommer nach kurzer Zeit ausverkauft. Denn mit ihren spektakulären, gigantischen Bühnenshows, ihren pyrotechnischen Sperenzchen passen die Berliner perfekt in unsere boomende Event-Kultur (7 von 10 Punkten).

Mehr zu Rammstein im Zündfunk:

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Rammstein - Radio (Official Video) | Bild: Rammstein Official (via YouTube)

Rammstein - Radio (Official Video)

HGich.T – Jeder ist eine Schmetterlingin

Über die nächste Band sagt die TAZ: „Eines der abgefahrendsten Pop-Statements der Gegenwart“. „Hauptschuhle“ und „Tutenchamun“ hießen die Songs und vor allem Videos, mit denen die Hamburger Pop-Anarchos HGich.T vor zehn Jahren die Popwelt nachhaltig erschüttern sollten. Irritierend bis verstörend klingt jetzt auch wieder „Jeder ist eine Schmetterlingin“, ihr fünftes Album. Nonsens galore auf billigen Beats und kaputten Sounds. Auch eine Art von Spektakel, vor allem live. Aber in all seiner dadaistischen Schönheit vermutlich nur im Vollrausch zu ertragen. (6,5 von 10 Punkten)

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HGich.T - uboot | Bild: HGich.T (via YouTube)

HGich.T - uboot

Frenship – Vacation

Das amerikanische Elektro-Pop-Duo Frenship kann schon beeindruckende Zahlen vorlegen. Ihre Single „Capsize“ kam z.B. auf satte 420 Millionen Streams bei Spotify. Frenship, das sind James Sunderland und Brett Hite. Zwei Kalifornier, die sich bei der Arbeit in einem Fitnessladen kennengelernt haben. Dort kann man sich ihr Debüt auch wunderbar vorstellen, so betont lässig, fröhlich beschwingt und dynamisch klingt „Vacation“. Glattgebürsteter Breitwand-Pop inklusive Selbstoptimierungstipps: „Breathe deeper, see brighter, feel better, hear now“. Funktioniert bei mir leider überhaupt nicht, ich fühl mich alles andere als gut nach dem Hören von „Vacation“. Nur gelangweilt. Bleibt noch die Frage, ob ein Duo wie Frenship, das offensichtlich sehr marktgerecht für die aktuellen Bedürfnisse großer Popsender und Streamingdienste produziert, ob hier ein Album überhaupt noch das adäquate Format ist. (5,8 von 10 Punkten)

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Frenship - Remind You | Bild: FRENSHIPVEVO (via YouTube)

Frenship - Remind You

Kapote – What it is

Am Ende gönnen wir uns heute noch eine Runde auf dem Dancefloor. Matthias Modica alias Munk ist wieder da bzw. hat die Spiderman-Maske abgenommen und sich als Kapote geoutet. Und auch von Kapote gibt es jetzt ein Album, Titel „What it is“ ... keine Frage: feinster funky House-Sound, nicht von den Balearen, sondern aus dem Hause Toy Tonics, dem aktuellen Label von Matthias Modica. (7,5 von 10 Punkten)

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Kapote - Get Down Brother (2019 Version) | Bild: Gazzz696 (via YouTube)

Kapote - Get Down Brother (2019 Version)


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