Bayern 2 - Nachtmix


8

Neuerscheinungen der Woche The Good, the Bad & the Queen | Mumford & Sons | The Smashing Pumpkins

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The Good, The Bad & the Queen, Deena Abdalweh Hen Ogledd, Mumford & Sons, "Brainfeeder X", Smashing Pumpkins, Holly Golightly, Camera und Deena Abdelwahed.

Von: Angie Portmann

Stand: 15.11.2018

Cover: Deena Abdelwahed  - Khonnar | Bild: tailored communications

Holly Golightly - Do the get along

Eins kann man Holly Golightly wahrlich nicht vorwerfen, dass sie ihrem Stil nicht treu wäre. Im Gegenteil: schon 14 Soloalben lang ist sie immer so gut wie beim ersten Mal. Das gilt auch wieder für „Do the get along“. Aufgenommen zusammen mit ihrer alten britischen Band, ein eingespieltes Team, unaufgeregt und cool bis zum letzten Ton. Dazu erzählt die wunderbar klare und doch leicht angeraute Stimme Holly Golightlys die ewig gleichen, aber auch ewig gültigen Geschichten rund um die Liebe und deren Verlust - am liebsten in Slowmotion. Egal ob Originaltracks oder Cover-Songs – Holly Golightly ist nach wie vor umwerfend, wenn es darum geht, slinky Sixties-Rock’n’Roll mit Beat Pop, Twang-Gitarren und dezentem Country-Folk zu mixen. (7,8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Satan Is His Name | Bild: Holly Golightly - Topic (via YouTube)

Satan Is His Name

Mumford & Sons – Delta

Das Bild des Flussdeltas passt super, um den Weg dieser Band zu beschreiben. Am Anfang, im Jahr 2007, steht eine noch unbekannte britische Folkrock-Combo, ein kleines, aber kräftiges Bächlein, das sich binnen kürzester Zeit eine heftige Fanbase erspielt und schon ein Jahr später auf dem Glastonbury Festival auftritt. Mit ihrem Debütalbum bzw. Songs wie „The Cave“ machen Mumford & Sons 2009 Noel Gallagher zu einem ihrer lautesten Fans. Gallagher beteuert immer wieder, er wünschte, ER hätte den Song geschrieben. Als die Briten dann 2011 zusammen mit zwei anderen Folkbands, Edward Sharpe & the Magnetic Zeros und Old Crow Medicine Show, im „Big Easy Express“ unterwegs sind, nimmt die Sache richtig Fahrt auf. Die Reise geht in einem Vintage-Zug von Kalifornien nach New Orleans. Dazwischen liegen zahlreiche ausverkaufte Shows vor riesigen Menschenmengen. Die gleichnamige Musikdoku wird legendär und macht eine ordentliche musikalische Welle. Aus dem harmlosen Bächlein ist ein handfester Folkrock-Trend geworden.
Doch die Sons wollen mehr, sie öffnen sich nicht nur für die ganz großen Stadien, sondern auch für elektronische Experimente. Auf ihrem dritten Album „Wilder mind“  stellen sie dann sogar das Banjo in die Ecke und machen mit Unterstützung von Aaron Dessner von The National Breitwandpop, der mit ihren Ursprüngen nur noch sehr wenig zu tun hat. Für „Delta“ haben sie sich jetzt doch wieder etwas an die guten alten Zeiten erinnert,  das Banjo ist zurück – zumindest ein Hauch davon. Ansonsten machen Mumford & Sons, was Betreiber großer Hallen freuen dürfte: nämlich raumfüllenden, mehr oder weniger dramatischen, mitreißenden Stadion-Pop. (6 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Mumford & Sons - If I Say (Lyric Video) | Bild: MumfordAndSonsVEVO (via YouTube)

Mumford & Sons - If I Say (Lyric Video)

V.A. - Brainfeeder X

Seit zehn Jahre kämpft das kalifornische Label Brainfeeder gegen strikte Genreschubladen und für mehr Fantasie und Halluzinogene in der Musik. Auf 36 Tracks wird jetzt dieses Jubiläum gefeiert, wir blicken in die Vergangenheit bzw. mehr noch in die Zukunft des Labels. So sind über die Hälfte der von Labelgründer Flying Lotus und seinen Mitstreitern zusammengestellten Stücke bisher unveröffentlicht und brandneu. Wir hören einen formidablen Mix, angeführt von Thundercat feat. BadBadNotGood , Flying Lotus feat. Busdriver, Woke feat. George Clinton, Georgia Anne Muldrow, Louis Cole, Ross from Friends, Dorian Concept usw. Der Name, der dem Label in den letzten Jahren vermutlich den größten finanziellen Schub verpasst hat, fehlt allerdings auf dieser Compilation. Jazz-Erneuerer Kamasi Washington taucht auf Brainfeeder X nicht auf, dafür etliche seiner Mitmusiker wie eben sein Bassist Thundercat,  Keyboarder Brandon Coleman und Violinist Miguel Atwood-Ferguson. Egal ob HipHop oder House, Jazz oder Ambient, Techno oder Soul, Funk oder Footwork – Brainfeeder liebt sie alle und je wilder sie es miteinander treiben umso besser. Wer Brainfeeder bisher noch nicht als eines der innovativsten und abgefahrensten Labels dieser Tage auf dem Schirm hatte, wird hier auf den neuesten Stand gebracht (8,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Thundercat (feat. BADBADNOTGOOD & Flying Lotus) - 'King of the Hill' | Bild: Brainfeeder (via YouTube)

Thundercat (feat. BADBADNOTGOOD & Flying Lotus) - 'King of the Hill'

Smashing Pumpkins - „Shiny and oh so bright, Vol. 1 / LP: No past. No future. No sun“

Auf ihrem neuen Album mit dem verschwurbelten Titel „Shiny and oh so bright, Vol. 1 / LP: No past. No future. No sun“ erinnern die Smashing Pumpkins manchmal fast an New Order, auf alle Fälle an eine sehr poppige, elektronische Variante der eigenen Vergangenheit. Aber warum nicht? Produziert hat das Comeback-Album der Smashing Pumpkins Rick Rubin, der Mann, der auch schon Größen wie Johnny Cash geraten hat, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Solara“, die erste Single, ist zwar noch ein verhältnismäßig heftiges Gitarren-Rock-Brett, genauso wie das punkige „Marchin’ on“, beide stehen aber nicht unbedingt für den Rest des Albums. Im vorletzten Titel singt Corgan "Disunion has its breaks / Disunion has its use“. Und es sieht fast so aus, als hätte das 18 Jahre lange Warten auf eine tatsächliche Reunion der Smashing Pumpkins – außer Bassistin D’Arcy sind diesmal endlich alle Gründungsmitglieder dabei - ihren Sinn gehabt. Denn auch ein Perfektionist und Egomane wie Billy Corgan ist immer nur so gut wie die Summe aller Teile. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

The Smashing Pumpkins - Silvery Sometimes (Ghosts) (Lyric Video) | Bild: Smashing Pumpkins (via YouTube)

The Smashing Pumpkins - Silvery Sometimes (Ghosts) (Lyric Video)

The Good, The Bad & The Queen – Merrie Land

Und hier noch ein paar alte Recken, die nach elf Jahren Pause ein neues, ihr zweites Album gemacht haben. The Good, The Bad & The Queen - das ist der Blur- und Gorillaz-Frontmann Damon Albarn, Paul Simonon von The Clash, Simon Tong von The Verve und Tony Allen (fame of Fela Kuti und vor kurzem hochgelobt – auch hier im Nachtmix – für seine Zusammenarbeit mit der Techno-Legende Jeff Mills). Eine ausnahmsweise mal zu recht als legendär gefeierte Supergroup. Aber die Herren haben keinen Grund zur Freude. „Merrie Land“ ist alles andere als eine fröhliche Platte. Über dem ganzen Album liegt ein nostalgischer Schleier, eine Wehmut, die unter die Haut geht. Da ertönt eine spooky Jahrmarktsorgel, dort ein altes Klavier, verstimmte Streicher ... „Merrie land“ ist das Album zum Brexit und David Bowie-Produzent Tony Visconti, der gerade auch im Background zu hören war, saß am Mischpult. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

The Good, The Bad & The Queen - Merrie Land (Official) | Bild: The Good, The Bad & The Queen (via YouTube)

The Good, The Bad & The Queen - Merrie Land (Official)

Hen Ogledd – Mogic

Willkommen in der magischen Welt von Hen Ogledd (auf walisisch: der alte Norden). Zwischen Elfen und E-Books, zwischen Dream Pop, Krautrock  und Synthie-Postpunk. „Mogic“, das dritte Hen Ogledd-Album erscheint dann auch passenderweise auf dem Domino-Sublabel Weird World. Und genau da gehört es auch hin, denn weird ist „Mogic“ allemal. Hinter Hen Ogledd stehen der Freak-Folk-Musiker Richard Dawson und der Harfenist Rhodri Davies. Zusammen mit Dawn Bothwell an der Groovebox und Sängerin Sally Pilkington experimentieren und improvisieren die vier bis zum Anschlag, Yoko Ono, Deerhoof und die städtische Kunstgalerie lassen grüßen. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Hen Ogledd - Tiny Witch Hunter (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Hen Ogledd - Tiny Witch Hunter (Official Video)

Deena Abdelwahed  - Khonnar

Wir steigen hinab in die Darkrooms des Berliner Techno-Tempels Berghain bzw. was davon übrig ist. Denn dort ist ein dritter Dancefloor entstanden, die Säule. Eingeweiht wurde er von einem DJ-Set der tunesischen Techno-Produzentin Deena Abdelwahed. „Khonnar“ heißt nun das Album-Debüt von Deena Abdelwahed. Ein dunkles, sehr sehr basslastiges Album. Wunderbar verstörend, manchmal fast bedrohlich, aber absolut faszinierend. Abdelwahad konfrontiert hier tunesische Stimm-Samples mit sonischen Beat-Gewittern, schamanenhaftem Doom-Techno. Sämtliche Klischees klassischer Weltmusik werden hier lustvoll zerschreddert. Deena Abdelwahed präsentiert sich als Teil einer gut vernetzten Generation global agierender und produzierender DJs. Einer Generation von Musikern, die sich zwar ihrer lokalen Identität bewusst sind, sich aber eher von Björk, Aphex Twin oder Autechre beeinflusst sehen, als von traditioneller Sufi-Musik. Mein persönliches Highlight in dieser Woche, „Khonnar“ von Deena Abdelwahed. (8,5 von 10 Punkten)

Muqata’a – Inkanakuntu

Zu dieser eben schon angesprochenen neuen Produzenten-Generation gehört auch Muqata’a, wichtiger Teil der Underground-HipHop-Szene in Ramallah, Palästina. „Inkanakuntu“ heißt Muqata’as Instrumentalalbum, das jetzt auf Souk Records erschienen ist. Auf J Dilla, Madlib oder UK-Grime zu verweisen, ist im Zusammenhang mit Muqata’a sicher nicht falsch, trifft aber nicht ganz den Punkt. Dieser Sound basiert auf Samples klassischer arabischer Musik, aber auch auf Samples und Loops, die Muqata’a in Ramallah aufgenommen hat, unterwegs, auf der Straße, an militärischen Checkpoints, versteckt, mit dem Handy. Und so hören wir hier eine sehr dunkle, dystopische, aber auch sehr spannende Version palästinensischen Undergrounds. (7,9 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Raqsit Al-aqni'a | Bild: Muqata'a - Topic (via YouTube)

Raqsit Al-aqni'a

Camera – Emotional detox

Die Berliner Combo Camera wurde vor sechs Jahren als „Krautrock-Guerilla“ bekannt. Damals spielten sie noch gern im öffentlichen Raum, spontan und unangemeldet. In Hinterhöfen, Unterführungen, Büros, sogar bei der Echo-Verleihung, auf der Herrentoilette. Als sie auch auf der Damentoilette ihre Instrumente auspacken wollten, sind sie an der Putzfrau gescheitert. Mittlerweile haben Camera schon ihr viertes Album am Start. Sie sind kein flexibles Trio mehr, sondern zu fünft. Mit zwei (!) Keyboardern, die den rohen Krautrock der Anfangstage in kosmische Umlaufbahnen katapultieren. Das Ergebnis: ein für meinen Geschmack etwas zu grell glitzernder Spacerock. Statt sich den Albumtitel „Emotional detox“ zu Herzen zu nehmen, haben Camera hier etwas zu viel des Progrocks reingepackt. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Camera – Patrouille Pt. 1 | Bild: bureaub (via YouTube)

Camera – Patrouille Pt. 1


8