Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche New Order | Banks | Khruangbin

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von New Order & Liam Gillick, The National Jazz Trio of Scotland, Tiny Changes Compilation, Imperial Teen, Ed Sheeran, Pere Ubu, Dope Lemon, Stereo Total, Gauche, Banks und Khruangbin.

Von: Angie Portmann

Stand: 11.07.2019

Cover: Khruangbin - Hasta El Cielo | Bild: Night Time Stories, Rough Trade

Khruangbin – Hasta El Cielo

Wer Khruangbin hört, bei dem werden Glückshormone ausgeschüttet. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass mir als DJ schon Menschen um den Hals gefallen sind, weil Khruangbin lief bzw. Kollegen, die ich noch nie auf der Tanzfläche gesehen hatte, von dort nicht mehr wegzubringen waren. Mit ihrem zweiten Album „Con todo el mundo“ haben die drei Texaner im vergangenen Jahr alle verzaubert, auch die ZF-Jahrescharts. Ihr kosmopolitischer Space-Funk war ein wundervoll groovender Hybrid aus obskurem Soul, Funk, Dub und Psychedelia aus aller Herren Länder. Aber bevor alle verschwitzt zusammenbrechen, schalten Khruangbin jetzt einen Gang runter und veröffentlichen eine schwer hypnotische Dub-Version von „Con todo el mundo“, Titel: „Hasta el cielo“. Eine fabelhafte Idee, umgesetzt mit Hilfe des jamaikanischen Dub-Spezialisten Scientist und perfekt um an schwülen Sommertagen das Raum-Zeit-Kontinuum zu manipulieren. "Für uns hat sich Dub immer wie ein Gebet angefühlt. Spacig, meditativ, in der Lage, den Zuhörer in ein anderes Reich zu transportieren. Die ersten Dub-Alben, die wir uns angehört haben, waren von Scientist gemixte Platten mit der Musik der Roots Radics. Laura Lee lernte Bass zu spielen, indem sie das Album „Scientist Wins the World Cup“  von 1982 rauf- und runterhörte“, so die Band. (8 von 10 Punkten)

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Khruangbin - Mary Always (Official Audio) | Bild: Khruangbin (via YouTube)

Khruangbin - Mary Always (Official Audio)

Banks – III

Eigentlich macht  die Kalifornierin Jillian Banks alles richtig: die Produktion ist ambitioniert und absolut zeitgemäß. Elektronischer Avant-Pop trifft auf satte R’n’B-Beats. Ab und zu ein roughes Sound-Experiment und kurz darauf schon wieder catchy Pop-Melodien. Alles im grünen Bereich. Die Lyrics: universell gültig. Es geht um eine gescheiterte Beziehung, die Banks hier verarbeitet – und die sie stärker und weiser gemacht hat. Natürlich. Oder wie Banks selbst sagt: “It documents a major growth spurt. Of self-acceptance, letting go, forgiveness, and deep love. It has been painful to realize that life is not black and white. Romanticism leads to fierce reality checks, which leads to wisdom, which leads to deeper empathy which leads to greater love. This album documents the cycle.” Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wirkt das dritte Banks-Album wie der perfekte „Fifty shades of grey“-Soundtrack. Beliebig und etwas seelenlos. Aber die Charts sind schon gebucht. (7 von 10 Punkten)

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BANKS - Stroke (Visualizer) | Bild: BANKS (via YouTube)

BANKS - Stroke (Visualizer)

New Order & Liam Gillick – So it goes

New Order, Post-Punk- bzw. New Wave-Größen allererster Güte, schreiben seit fast 40 Jahren Musikgeschichte. Da kann man dann schon mal etwas größer denken. Und z.B. zusammen mit zwölf (!) Keyboardern auftreten. Und auch nicht irgendwo, sondern genau dort, wo ihre Vorgängerband Joy Division ihren ersten Fernsehauftritt hatte: in den Old Granada Studios in Manchester nämlich. Und weil New Order schon immer ein ausgeprägtes Stilbewusstsein hatten, stammt das Bühnenbild von Liam Gillick, der u.a. auch schon das New Yorker MoMa bespielte. Erfreulich auch die Setlist: New Order verzichten auf die üblichen Charts-Knaller wie „Blue Monday“  oder „True Faith“.  Und spielen dafür so manche tolle Rarität aus ihrem illustren Back-Katalog, Songs, die schon seit 30 Jahren nicht mehr in ihren Live-Sets aufgetaucht sind. Und mit „Disorder“, „Decades“ und “Heart & Soul“ auch den ein oder anderen Joy Division-Song. Diesen spektakulären Auftritt vor zwei Jahren auf dem Manchester International Festival gibt es jetzt als elektronisch-symphonischen Live-Mitschnitt. Mir persönlich ist dieses Setting mit dem zwölfköpfigen Keyboard-Ensemble allerdings oft etwas zu bombastisch, gerade die Joy Division-Songs, mit ihrem schiefen Keyboard-Sound und ihrer einsamen Kälte, funktionieren hier nicht wirklich, finde ich. Aber für New Order-Fans ist „So it goes ...“ sicher ein Must-have ... auch ohne Bassist Peter Hook. Ob New Order am 5. Oktober in der Münchner Philharmonie mit zwölf Keyboardern auftreten werden, weiß ich nicht. Aber fix ist: der Zündfunk präsentiert’s und es gibt nur noch wenige Karten. (7,4 von 10 Punkten)

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New Order - Ultraviolence (Live at MIF) | Bild: neworder (via YouTube)

New Order - Ultraviolence (Live at MIF)

The National Jazz Trio of Scotland - Standards Vol. V

The National Jazz Trio of Scotland macht auch zwölf Jahren nach seiner Gründung seinem Namen keine Ehre. Weder Jazz noch Trio, alles fake, nach wie vor. Stattdessen hat der schottische (zumindest das stimmt ;-)) Multiinstrumentalist Bill Wells mit „Standards Vol. V“ wieder eine Sammlung schwereloser, super sanfter Popsongs veröffentlicht. „Light and airy“ sollen sie klingen, seine Songs, so Wells – und das hat er auch diesmal wieder grandios hinbekommen. Wie die Vorgänger geschrieben, aufgenommen und minimalistisch produziert in seiner Küche in Glasgow. Und genauso wie die Alben davor, ist auch „Standards Vol. V“ wieder ein sehr vokallastiges Album geworden. Mit einer Stimme, die ganz besonders im Mittelpunkt der Platte steht, diesmal der Stimme von Gerard Black. Black singt meist von Wells geschriebene Songs, aber auch etliche Neuinterpretationen, darunter ein Shakespeare-Text, ein Song von George Gershwin und das eben gehörte „Sunrise, sunset“ aus dem Musical „Fiddler on the roof“ aus dem Jahr 1964. Aber egal wie unterschiedlich die Vorlagen sind, Wells hat daraus wieder ein sehr stimmiges, unglaublich zauberhaftes Album gemacht, das mit jedem Hören wächst. (7,9 von 10 Punkten)  

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Sunrise, Sunset | Bild: The National Jazz Trio of Scotland - Topic (via YouTube)

Sunrise, Sunset

Tiny Changes Compilation

Im Mai vergangenen Jahres hat der Frightened Rabbit-Sänger Scott Hutchison Selbstmord begangen. Vor seinem Tod hat er noch an der Zusammenstellung eines Samplers gearbeitet, der jetzt endlich erschienen ist. „Tiny changes“ sein Titel. Auf der Compilation finden sich Coverversionen des hochgelobten Frightened Rabbit-Albums „Midnight Organ Fight“. 2008, als „Midnight Organ Fight“ erschienen ist, war es von den Fans und der Presse bejubelt worden. So hatte es der NME z.B. als eines der besten des Jahrzehnts bezeichnet. „Tiny Changes“ heißt jetzt aber nicht nur der Sampler mit den Coverversionen von „Midnight Organ Fight“, u.a. mit Biffy Clyro, Benjamin Gibbard, Julien Baker und dem Dream Pop von Daughter. „Tiny Changes“ heißt auch noch die Wohltätigkeitsorganisation, die die Familie von Hutchison nach dessen Tod ins Leben gerufen hat. (7,5 von 10 Punkten)

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Daughter – Poke (from Tiny Changes) [Official Audio] | Bild: Frightened Rabbit (via YouTube)

Daughter – Poke (from Tiny Changes) [Official Audio]

Imperial Teen – Now we are timeless

Mit „Now we are timeless“ veröffentlichen Imperial Teen ein weiteres, ihr sechstes Album in 23 Jahren. Völlig unbeeindruckt von aktuellen Trends und Mikrotrends im Indie-Pop, ja fast stoisch, halten Imperial Teen an ihrem Trademarksound fest. Sprich: süßer Bubblegum-Pop trifft auf catchy Hooks, Pixies-Gitarren und subtile Alltagspsychogramme. Kopf der Band ist der Ex-Faith No More-Keyboarder Roddy Bottom. 1996 gegründet ist Imperial Teen eigentlich eine typische 90`s Band. Aber nachdem weder Raum noch Zeit im aktuellen Pop eine Rolle spielen, sind die Vier aus Kalifornien mittlerweile ... ja genau, timeless. Ohne große Überraschungen, aber  soliden Indie-Pop abliefernd. Im letzten Song von „Now we are timeless“ singen Imperial Teen dann aber doch „now we have to go“. Wegen mir können sie auch gern noch bleiben... (7 von 10 Punkten)

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How We Say Goodbye | Bild: Imperial Teen - Topic (via YouTube)

How We Say Goodbye

Ed Sheeran - No. 6 Collaborations Project

Ed Sheeran ist ein Megastar, optisch eher unauffällig, aber jetzt schon seit einigen Jahren kommerziell super erfolgreich. Die Fans lieben ihn, die Kritiker hassen ihn. Und was tut die Plattenfirma: Sie hält sein neues Album „No. 6 Collaborations Project“ natürlich unter Verschluss ... top secret. Ed Sheeran ist ein absolut massenkompatibler Songschreiber, der Joker in allen Playlisten großer Radiosender. Aber er ist auch der nette Junge von nebenan. Der, den alle kennenlernen wollen und der auch alle kennt. Weil so sympathisch, unkompliziert, unprätentiös ... Und so hat es Ed Sheeran doch tatsächlich geschafft, insgesamt 22 Gäste auf 15 Songs zu featuren. Ein Meet’n’Greet der Superstars, u. a. mit Cardi B, Khalid, Eminem, Travis Scott, Justin Bieber, Bruno Mars, Stormzy und noch vielen mehr. Wie sich Ed schlägt, umringt von einem Genre übergreifenden Who is Who der Charts, erfahren wir leider erst morgen. Aber egal wie die Platte klingt, die neue Nummer 1 der Albumcharts steht schon fest. (ohne Wertung)

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ED SHEERAN - No.6 Collaborations Project (2019) (Full Album) | Bild: 1001 POP (via YouTube)

ED SHEERAN - No.6 Collaborations Project (2019) (Full Album)

Pere Ubu - The Long Goodbye

Das neue Album von Pere Ubu aus Cleveland beginnt mit einem bitterbösen Kommentar zum Thema „Pop-Radio“: „What I heard on the pop radio“. Nix Dolles war das offensichtlich, nur „emotional garbage“, emotionaler Müll, behauptet David Thomas. Vor den Aufnahmen zu „The Long Goodbye“ habe er monatelang Pop-Radio gehört. Und sein neues Album sei jetzt Pop, wie er eigentlich klingen sollte. Eine durch und durch sperrige, atonale Version von Pop. Fordernd, den ein oder anderen vielleicht sogar überfordernd. Denn herkömmliche Songstrukturen werden hier genüsslich zerschreddert. Dazu fiepen die Synties und David Thomas schimpft unversöhnlich ins Mikro. Alles wie eh und je, auch nach 44 Jahren Bandgeschichte. Aber mit „The Long Goodbye“ soll damit jetzt Schluss sein. Laut Thomas ist das das letzte Pere Ubu-Album. Ein würdiges, immer noch wütendes Denkmal. (7,5 von 10 Punkten)

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What I Heard on the Pop Radio | Bild: Pere Ubu - Topic (via YouTube)

What I Heard on the Pop Radio

Dope Lemon – Smooth big cat

Das Gegenteil von wütend heißt Dope Lemon und schlurft tiefenentspannt im Katzenkostüm durch die Abendsonne. Dope Lemon, das ist der Australier Angus Stone, der zusammen mit seiner Schwester Julia schon etliche Folk-Platten veröffentlicht hat. Mit seinem Solo-Projekt Dope Lemon feiert er jetzt den Müßiggang, das Loslassen. Der perfekte Sound für gestresste Hipster, die dringend etwas Entschleunigung brauchen. Eine Platte wie eine Hängematte, sanft hin und herschwingend. Angus Stone gibt hier ganz den ultralässigen Slacker, der sogar einen Kurt Vile hektisch wirken lässt. „Smooth big cat“ lautet dann auch der passende Titel für dieses plüschige Album, das Stone mehr oder weniger im Alleingang auf seiner Ranch aufgenommen hat. Ein leicht bekiffter, auf Albumlänge allerdings auch etwas einschläfernder Trip. (7,3 von 10 Punkten)

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DOPE LEMON - Smooth Big Cat (Official Audio) | Bild: Dope Lemon (via YouTube)

DOPE LEMON - Smooth Big Cat (Official Audio)

Stereo Total - Ah! Quel Cinéma

Stereo Total haben ihr neues Album „Ah!Quel Cinéma! mit einem 8-Spur-Kassettendeck aufgenommen, das nostalgische Rauschen inklusive. Die Standards der modernen Tontechnik haben Francoise Cactus und Brezel Göhring noch nie interessiert. Schon immer waren die Berliner outstanding, musikalisch und textlich „süper cool“. Das gilt auch für ihr neues Album, das allerdings - neben dem üblichen Wortwitz von Francoise Cactus und den herrlich trashigen Sounds von Brezel Göring - auch vermehrt melancholische Momente hat. (7,1 von 10 Punkten)

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Stereo Total - Hass-Satellit (official video) | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Stereo Total - Hass-Satellit (official video)

Gauche – A people’s history of Gauche

Gauche kommen aus Washington D.C., einer Stadt, in der kantige Gitarren eine lange Tradition haben. Aber Gauche sind nicht nur Gitarren - sie sind genauso Funk, Groove, Avantgarde. Und sie sind wütend, wollen „people’s history“ erzählen. Also „Geschichte von unten“, die Geschichte derer, die das System gern vergisst. Und klingen dabei wie ein Mix aus Slits und Bikini Kill, mit denen sie auch auf Tour gehen. (7,8 von 10 Punkten)

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Gauche - Flash (Official Music Video) | Bild: Merge Records on Youtube (via YouTube)

Gauche - Flash (Official Music Video)


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