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Neuerscheinungen der Woche Sharon Van Etten | Toro Y Moi | James Blake

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Steve Mason, James Blake, Go Dark, Maggie Rogers, Lost Under Heaven, Sharon Van Etten, Deerhunter, Steve Gunn, Toro Y Moi, Subjectice und The Sensory Illusions.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 17.01.2019

Toro Y Moi | Bild: Carpark

Steve Mason – About The Light

Als Bewunderer der Beta Band habe ich mich auch immer sehr auf die Soloalben des Ex-Sängers Steve Mason gefreut, weil er in gewisser Weise den Spirit der Beta Band weitergetragen hat. Seine Soloalben waren auch mehr oder minder Bedroom-Recordings, wie früher schon bei der Beta Band, die keine Kohle für ein richtiges Studio hatten. Das ändert sich aber jetzt, denn Mason hat sein neues Soloalbum “About The Light” mit einer Live-Band geschrieben und aufgenommen. Das macht viele Songs per se schon mal größer, organischer - mich hat es manchmal an Morrissey erinnert, der jetzt Westcoast-Rock spielt oder auch an den Sound von Field Music. Der Beta Band-Spirit verzieht sich langsam aber sicher - Steve Mason bleibt hörenswert. (7 von 10 Punkten)

James Blake – Assume Form

Entschleunigungs-Schnucki James Blake bringt sein viertes Album raus, “Assume Form” wird es heißen. Der Mercury-Preisträger verkehrt ja in der Oberliga des Pop, arbeitet mit Beyonce oder Kendrick Lamar. Auf seinem neuen Album hat wieder zahlreiche Gäste eingeladen. Darunter den fabelhaften Moses Sumney, Andre 3000 von Outkast und Newcomerin Rosalia. Beim Hören wird man den Eindruck nicht los, dass James Blake an dem Punkt angekommen ist, wo er sich nur noch selbst zitieren kann. Die Entschleunigungsformel zieht er nicht mehr konsequent durch. Er ist verwechselbar geworden. So ist "Assume Form" hoffentlich nur ein Übergangsalbum. (7 von 10 Punkten)

Go Dark – Neon Young

Gleich im Januar erscheinen auch eine Menge Indie-Alben von relativ neuen Bands wie den Night Beats, RYD oder Tender. Entweder ist es ihr Debütalbum oder der Zweitling. Wobei ich eine Sache hier beobachte: Was früher traditionell das schwierige zweite Album war, ist jetzt das Debüt. Der ganze Druck liegt auf dem Erstling. Denn viele Bands hatten vor dem Debüt schon einen Streaming-Hit. Die Erwartungen sind damit größer als vor dem zweiten Album. Stellvertretend dafür steht das Duo Go Dark. Ashley “Crash” Gallegos und Adam “Doseone” Drucker nennen sich so. Doseone kennen wir als Komponist für Videospiel-Soundtracks und als Mitglied des Anticon-Kollektivs. Als Go Dark spielt das Duo eine Art Synthie-Punk, der aber auch immer wieder sehr poppige Momente hat. (6,5 von 10 Punkten)

Maggie Rogers – Heard It In A Past Life

Maggie Rogers ist die junge, studierte Musikerin, die Pharrell Williams in einem viralen Video sprachlos gemacht hat, als sie ihm das Demo zum Song “Alaska” vorgespielt hat. Er war damals ihr Coach, sie ganz am Anfang. Das war vor zwei Jahren. Jetzt erscheint ihr Debütalbum, selbstproduziert, und natürlich ist auch “Alaska” drauf, der Song mit mittlerweile über 100 Millionen Streams. Rogers hat es sich zur Aufgabe gestellt: Folk wie Hip-Hop zu produzieren. Und sie zeigt eines ganz deutlich: sie ist kein One-Hit-Wonder. “Heard It In A Past Life” ist ein kraftvolles Pop-Album einer jungen Frau, die sich erst noch orientieren muss im Leben. (7,5 von 10 Punkten)

Lost Under Heaven – Love Hates What You Become

Lost Under Heaven, kurz LUH, ist das Pärchen Ebony Horn und Ellery James. Von Amsterdam sind sie jetzt wieder nach Manchester gezogen. Dort war James Anfang der Zehner Jahre Teil der Lucifer Youth Foundation, kannten wir auch unter der Abkürzung WU LYF. Trauere ich immer noch sehr hinterher. Danach hat James mit seiner Freundin ein Album als Lost Under Heaven gemacht, was sehr nah an dem rohen Indie-Rock von WU LYF dran war. Das ändert sich jetzt, denn Ebony Horn hat auf dem neuen Album sehr viel mehr Raum eingenommen - und das ist gut so. Wir hören von beiden Seiten sehnsüchtig vorgetragenen Indie-Rock, der im richtigen Moment auch Bombast zulässt. (7 von 10 Punkten)

Sharon Van Etten – Remind Me Tomorrow

Die liebe DJ-Kollegin Ann Kathrin-Mittelstraß hat das Jahr der Frauen ausgerufen. Neue Alben von Sleater-Kinney oder Solange kommen noch, Sharon Van Etten aus New Jersey legt jetzt schon vor. 2013 kam das letzte folky Album raus, seitdem ist viel passiert: Van Etten hat angefangen, Psychologie zu studieren, sie hat einen Sohn von ihrem Tourmanager und Lebenspartner bekommen und sie schauspielert jetzt, war in der Netflix-Serie The OA zu sehen und in einer Folge von Twin Peaks. Das alles in fünf Jahren - und genau darum ist die Message ihres neuen Albums “Remind Me Tomorrow”: Lebe den Moment. Und was du morgen kannst besorgen, besorge morgen. Neben ihrer Haltung hat sich auch der Sound verändert: Hinter dicken Synthie-Wänden und leiser Elektronik verstecken sich zwar immer noch Lucinda-Williams-Country-Songs, aber es klingt alles größer, noch düsterer. Sharon Van Etten setzt ein großes Ausrufezeichen am Anfang dieses Jahres.  (8,5 von 10 Punkten)

Am 3. April spielt sie zu unserer aller Freude in München, im Strom Club.

Deerhunter – Why Hasn’t Everything Disappeared?

“Why Hasn’t Everything Already Disappeared?”, so heißt das neue Deerhunter-Album - warum ist eigentlich nicht alles schon verschwunden? Oder anders: vor die Hunde gegangen? Gute, schlaue Frage. Die eine Antwort dafür gibt’s eh nicht. Das wissen Deerhunter aus Atlanta, dafür sind sie viel zu schlau, wenn man so will sind sie eine der letzten großen intellektuellen Indie-Rock-Bands unserer Zeit. Und auf ihrem neuen Album feiern sie das Leben, schauen aber auch in die Abgründe und in eine absolut ungewisse Zukunft. Aber eines ist auch klar: Kulturpessimismus klingt anders. (8 von 10 Punkten)

Steve Gunn – The Unseen In Between

Irgendwo zwischen den Red House Painters und den War On Drugs bewegt sich Steve Gunn. Der Gitarrist aus Brooklyn hat in Kurt Viles Band, den Violators, mitgespielt, aber in den letzten drei Jahren hat er sich solo einen Namen gemacht. Auf seinem neuen Album “The Unseen In Between” nimmt er Abschied von seinem Vater, der ist zwei Wochen nach der Veröffentlichung seines letzten Albums, 2016, gestorben. Vater Gunn war krank, in der Krankheitsphase hat Steve seinen Daddy von einer anderen Seite kennen- und lieben gelernt - so erklärt sich auch der Albumname: „The Unseen In Between“. Das Ungesehene dazwischen: In so einem Leben, das man miteinander verbringt, bleibt leider vieles unerkannt. (7 von 10 Punkten)

Toro Y Moi – Outer Peace

Wie ein Mann mit Augenbinde tastet sich Toro Y Moi auf seinem neuen Album “Outer Peace” vor in die Tiefen des Funk und Disco. So kommt es, dass man nicht viel Zwingendes hört, aber das macht Toro Y Moi mit sehr viel Groove wett. Erinnert in den besten Momenten an den Disco-Punk vom LCD Soundsystem. James Murphy wird auf dem Album auch mal lobend erwähnt. Der Name “Outer Peace” appelliert übrigens an uns: Wir sollen uns mit Dingen auch einfach mal abfinden bzw. unseren Frieden mit Dingen machen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Den Appell kann ich nur unterstützen. (7,5 von 10 Punkten)

Subjectice – Act One – Music For Inanimate Objects

Subjective ist Drum-and-Bass-Künstler Goldie, zusammen mit Produzent James Davidson. Ein sehr atmosphärisches Album ist unter dem Namen entstanden. Leider kein sehr stringentes: Weltmusik, Ambient, natürlich Drum and Bass werden darauf verhandelt. Ich hatte den Eindruck, dass alles, was nicht zu Goldies Kernkompetenz gehört hier sehr bräsig und lasch daherkommt. Vor allem die Tracks mit Vocals. (6 von 10 Punkten)

The Sensory Illusions – The Sensory Illusions

Bill Wells hält die Tuba für viel mehr als ein Instrument, es ist eine Stimme. Darum hat der Komponist jetzt ein Tuba-Projekt. Das war erstmals in Deutschland zu sehen beim Alien Disko-Festival letzten Dezember in München. Bill Wells an der E-Gitarre und Danielle Price an der Tuba. Sie spielen Covers und Eigenkompositionen - auf Platte wie auch live hat man beim Zuhören immer ein Grinsen im Gesicht, während man leicht mit groovt. (8 von 10 Punkten)


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