Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Chaka Khan | Efdemin | Motorpsycho

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Chaka Khan, J. S. Ondara, Theon Cross, Nubiyan Twist, The Green Man & Kingz, Adir Jan, SWMRS, RY X, Efdemin, Bjarki, Methyl Ethel und Motorpsycho.

Von: Ralf Summer

Stand: 14.02.2019

Cover: New Atlantis | Bild: Ostgut Ton

J.S. ONDARA – Tales Of America

Hohe Singstimme, tiefe Sprechstimme – J.S. Ondara kommt aus Kenia, ist zu seiner seiner Tante in die USA gezogen, weil in seiner Heimat kein Platz für seine Musik war. In Internet-Cafes in Mississippi kuckte er sich auf dem Computer stundenlang Videomitschnitte von Bob Dylan-Konzerten an. So fand der Mann, der wie die junge Schwester von Tanita Tikaram singt, zu seiner Musik: Soul, Folk und Blues. J.S. Ondara sollte nicht nur allen Michael Kiwanuka-Fans gefallen, als frisch vom Verve-Label gesignter Künstler sollte er eine steile Karriere vor sich haben. (7,2 von 10 Punkten)

CHAKA KHAN – Hello Happiness

Sie hat zehn Grammys gewonnen, 70 Mio Platten verkauft und war die erste R&B-Musikerin, die mit einem Rapper einen Nummer 1 hatte: „I Feel For You“. 35 Jahre später meldet sich Chaka Khan mit einem funky Album zurück: sieben Stücke kurz ist die Platte, die die „Queen of Funk“ mit Switch aufgenommen hat. Switch, der britische Produzent, der auch schon mit Beyoncé, M.I.A. und Santigold gearbeitet hat. Die Erwartungen nach dem tollen Vorabhit „Like Sugar“ waren groß. Den gibt es so nur einmal auf „Hello Happiness“, aber auch der Blues steht ihr gut. „Too Hot“ kann man zwischen Adele und Amy Winehouse auflegen. Und die Schlusssongs „Isn´t That Enough“ und „Ladylike“ dubben sehr lässig-karibisch aus dem Comeback. Aber Chakas größter Erfolg wird wohl „Ain´t Nobody (Loves Me Better)“ aus den 70ern bleiben. (7,1 von 10 Punkten)

THEON CROSS – Fyah

Ein neuer Name aus der brodelnden britischen Jazz-Szene: Theon Cross ist Tubist von Sons Of Kemet – der gefeierten Crew um Shabaka Hutchings. „Fyah“ heisst sein Debüt – meint: die Aussprache des englischen Wortes „Fire“ im jamaikanischen Patois. Theon Cross ist 25 und Fan, die Stile zu vermischen: da lässt sich Jazz plötzlich mit Grime verbinden. Ähm zu crossen. Cross spielt die Tuba mal wie einen Bass, dann wieder wie Percussion. So kommt maximal Abwechslung ins Spiel bzw auf Platte. Karibische Rhythmen haben die junge Londoner Jazz-Szene befeuert, so Cross. (keine Bewertung, da Album nur z. T. vorhörbar war)

NUBIYAN TWIST – Jungle Run

Ein Coup ist dem britischen Afro-Kollektiv Nubiyan Twist gelungen: sie haben sowohl Tony Allen als auch Mulatu Astatke als Gäste für ihr neues Album gewinnen können. Auf „Jungle Run“ treffen wir auch auf Latin, Soul und Rap,  auch diese Genres spielen mit rein – in die Mische der Londoner. Den meisten Druck auf der eher smoothen Platte hat der Track „Permission“ mit Nubiya Brandon am Mikrofon, er geht Richtung Electro-Funk. Live sicher ein Ereignis, dieses 10-köpfige, bunt gemixte Team, das gern fusioniert und hybridisiert. David Byrne hat sie schon zu seinem Meltdown Festival eingeladen. (7,0 von 10 Punkten)

THE GREEN MAN & KINGZ – Changes

Das erprobte Kölner Drum´n´-Bass-Duo ist schon seit über 20 Jahren auf dem Basswerk-Label zu hören. „Changes“ heisst ihr Rückkehr-Werk. Am Mikrofon wie immer der Deutsch-Ghanaer Kingsley Obeng mit der sanften Stimme und den friedlichen Messages: Kingz. Beatmaker ist der weisse Mann mit der Brille, The Green Man aka Heiner Kruse. Das Album geht der Veröffentlichung des Basswerk-Labelsamplers voran, der nächste Woche kommt – dort treffen wir dann ua auf Digital oder Klute, aber auch Musiker von ausserhalb des Drum´n´Bass-Universums: wie etwa Gregor Schwellenbach, ein Musiker von Tangerine Dream oder: der Kölner Männer-Gesang-Verein (!). (7,3 von 10 Punkten)

ADIR JAN – Leyla

Er kommt aus Berlin, spielt die Tembur-Laute und verhandelt ua schwule Themen in kurdischer Sprache. Adir Jan ist eine wohl einzigartige Mischung. Sein Debütalbum erscheint beim Label Trikont in München, wo auch die Release-Feier stattfindet: heute, Donnerstagabend, im Import Export. Adir Jan hat eine eigene Partyreihe in Berlin-Kreuzberg am Start: Zembil heisst sie, es gibt orientalischen Tanz, DJs und die Hausband, bei der er singt. Schon vor fünf Jahren wurde er zu den „Top Indie Artists of Middle Eastern Music“ gezählt. Er selbst nennt seinen Sound „Cosmopolitan Kurdesque“ und Vice nennt ihn „the new face of Kurdish Art Rock“. Adir Jan singt in mehreren Sprachen und versteht seine Musik als Aufruf gegen Homophobie und Rassismus – und für: freie Liebe. (7,0 von 10 Punkten)

SWMRS – Berkeley's On Fire

Der gute, alte California-Punk-Rock, immer etwas sonniger als der aus dem Rest der Welt, so dass er am Ende dann fast schon immer als Power-Pop erscheint. Auch so bei den Swimmers, die man ohne Vokale schreibt: SWMRS. Seit 15 Jahren sind die Gebrüder Becker und ihre zwei Kumpels aus Oakland schon dabei. Das erste Album hat Green Days Billie Joe Armstrong produziert, kein Wunder: Sohnemann Joey Armstrong ist DRMR der SWMRS. „Berkeley´s On Fire“ ist auf Dauer dann doch etwas süss geraten. (6,8 Punkte von 10 Punkten)

RY X – Unfurl

Ein Australier, der über Berlin in L.A. gelandet ist – und von hier die Beats mitgenommen hat, wenn man so will. „Untold“ ist mein Favorit von der neuen Platte von RY X – elegante Breakbeats, melancholische Synthies und dazu seine typische Sehnsuchts-Stimme. Klar, der Hall, in den RY X seine Vocals zieht, die Mikrofon-Einstellungen, all das erzeugt eine einnehmende Stimmung, die aber nicht alle mögen. Aber jede Wette: RY X haucht auch ohne Effekte wie nur wenige moderne Singer-Songwriter. (6,9 von 10 Punkten)

EFDEMIN – New Atlantis

Phillip Sollmann nennt sich als DJ und Produzent Efdemin – auf seinem neuen Album geht der Berliner neue Wege. Weg vom Minimal-Techno, hin zum elektronischen Experiment. Mythologie, Poesie, Utopie – wie die „Sound Houses“, um die es im gleichnamigen Stück geht. Eine 400 Jahre alte Idee aus dem unvollendeten Roman „New Atlantis“ von Francis Bacon: eine fiktive Insel, auf der sich neue Klänge erzeugen lassen: in extra gebauten „Häusern für Akustik“. Efdemin mit seinen Drones und Gitarren ist eine Insel für sich. Weit draussen. Weil es sein Debüt auf dem Berghain-Label Ostgut Ton ist, wird an diesem WE Veröffentlichung gefeiert – aber wie: von Samstag bis Montag hat Efdemin geladen. (7,5 von 10 Punkten)

BJARKI – Happy Earthday

Bjarki Runar Sigurdarson kommt aus Island und nennt sich Bjarki. Der Produzent lebt nahe eines Gletscherfluss im Norden der Insel. Isolation und Wetterextreme beeinflussen also das Werk dieses Musikers. „In der Natur verstehe ich mich besser“, sagt der Musiker, der mit Exos einer der Minimal-Techno-Pioniere auf Island war. Inzwischen lebte er in Holland und Dänemark, kehrte aber immer wieder zurück. Was er an seiner Heimat schätzt: die Leute sind offen für unterschiedliche Musik. 2015 landete er mit „I Wanna Go Bang“ auf dem Label von Nina Kraviz einen Clubhit, der ihn eher von seiner harten Seite zeigte. Vor zwei Jahren gründete er sein eigenes Label: bbbbb Records. Wenn der produktive Bjarki nicht als Bjarki veröffentlichen will, nennt er sich auch noch Cucumb45. „Happy Earthday“ ist nun seit viertes Album, auf dem er es eher ruhiger und experimenteller angehen lässt. Vor allem die Electronica- und Breakbeat-Nummern „Alone in Sandkassi“ und „(.)...(.)“ stechen heraus. Braucht seine Zeit, diese Platte. (7,4 von 10 Punkten)

METHYL ETHEL - Triage

Meine Enttäuschung der Woche: Methyl Ethel – die angeblich spannenden Australier. „Triage“ heisst ihr neues Werk, das mich mit seinem 80´s-inspirierten Electro-Pop nicht berührt. Da nützt es auch nix, dass The Cure und David Bowies „Heroes“ Pate standen. Sie selbst nennen ihre Herangehensweise „Cold Logic For Warm Bodies“. Klingt gut, aber nur theoretisch. (6,0 von 10 Punkten)

MOTORPSYCHO – The Crucible          

Die Norweger sind seit nunmehr 30 Jahren mit von der Partie. Auf ihrer neuen Platte „The Crucible“ - auf Deutsch: „Belastungsprobe“ - geht es um den Zustand der Welt in Zeiten von Brexit und Trump und die Angriffe auf die Demokratie. Motorpsycho liefern drei lange Kompositionen ab: die Stücke sind zwischen acht und 20 Minuten lang. Progressive- und Psychedelic-Rock inklusive gniedelnder Gitarrensoli. Ein Ausflug ins dunkle Mäandertal. (6,7 von 10 Punkten)


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