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Neuerscheinungen der Woche Cass McCombs | Die Goldenen Zitronen | LCD Soundsystem

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Mercury Rev, Yak, Cass McCombs, The Lemonheads, den Goldenen Zitronen, LCD Soundsystem, Jessica Pratt, Health, Panda Bear, Hauschka und Dakota.

Von: Matthias Hacker

Stand: 07.02.2019

Cover: Die Goldenen Zitronen - More Than A Feeling  | Bild: Buback, Indigo

Yak – Pursuit Of Momentary Happiness

Das Psychrocktrio Yak aus London stellt ihr zweites Album vor. Es ist voll mit bluesigem Heavy Rock und fuzzlastigen Gitarren. Das Album war eine schwere Geburt sagen sie. Dass sie sich dann doch aufgerappelt haben, lag an einem durchaus bekannten Independent-Musiker, der gesagt hat: Jetzt reißt euch mal zusammen. Jason Pierce von Spiritualized war eine Zufallsbekanntschaft von Mastermind Oli Burslem. Er hat der Band ins Gewissen geredet, sie motiviert und auf dem Abschlusstrack der Platte auch mitgespielt. Dass Jason Pierce mal zum Motivationskünstler avanciert klingt zwar erstmal ungewöhnlich, Aber, wenn man die Platte „Pursuit Of Momentary Happiness“ hört, erkennt man seinen Einfluss doch deutlich. Vor allem dann, wenn sich zu den krachigen, psychedelischen Songs plötzlich Bläser und Orgeln gesellen und dem Ganzen den gewissen Spiritualized-Pathos einhauchen. Eine gesunde Portion Wahnsinn darf mit Jason Pierce an der Seite natürlich auch nicht fehlen. Den hört man besonders schön raus, wenn Yak wütend werden und beispielsweise die Traditional-Textzeile „Got The Whole World In His Hands“ nur noch grunzen und gröhlen. (8 von 10 Punkten)

Panda Bear – Buoys

Noah Lennox vom Animal Collective hat ein neues Album – solo nennt er sich Panda Bear. Aufgenommen hat er es in seiner Wahlheimat Lissabon. Was auffällt ist, dass Panda Bear das Tempo deutlich drosselt und downpitcht. Auf kleine, feine Gitarrenloops legt er ein paar HipHop Samples, Flanger und seinen Gesang, den er mal mit Autotune und Hall verfremdet. Sein Markenzeichen bleiben aber die psychedelischen Beach Boys Melodien, wie man sie auch schon von den Animal Collective Platten kennt. Panda Bear wollte, dass dieses Album nach Zukunft und SciFi klingt. Trotz der technischen Spielereien wiederholen sich die Tracks zu stark und wirken langatmig – und das wohlgemerkt bei einer Albumlänge von nur 31 Minuten. (6,5 von 10 Punkten)

Mercury Rev – Bobby Gentrys Delta Sweete Revisited

Mercury Rev melden sich mit einem Cover-Album zurück. Sie haben das komplette Album The Delta Sweete Revisited von der Südstaaten Countrysängerin Bobby Gentry gecovert. Dazu haben sie sich eine ziemlich beeindruckende Liste an Gastsängerinnen geholt. Bei Parchman Farm singt zum Beispiel Carice Van Houten. Sie kennt man eher aus dem Fernsehen als rothaarige Priesterin Melisandre in Game Of Thrones. Auf der Gästeliste stehen aber auch Hope Sandoval von Mazzy Star, Phoebe Bridges, Lucinda Williams oder Vashti Bunyan. Leider sagen die Interpretationen nicht sonderlich zu. Mercury Rev klingen gar nicht mehr nach Shoegaze, Psychedelic und düsteren 80zigern. Sie interpretieren Songs von Bobby Gentry aus den 60er neu - mit opulentem Orchester und überfrachten sie mit Flöten, indischen Sitars und anderem Schnick Schnack, Am Ende klingt alles nach cheesy Einheitsbrei aus den 90zigern. Auch die unterschiedlichen Sängerinnen wissen sie nicht in Szene zu setzen. (5 von 10 Punkten)

Jessica Pratt – Quiet Signs (8)

Apropos Vashti Bunyan. Wer die Entrücktheit einer Vashti Bunyan mag und die kindlich hohen
Sitmmen von Cocorosie – der mag auch Jessica Pratt.  Sie steht in der Tradition der 60er Jahre Folksängerinnen, hat aber immer auch diese junge Freakyness in der Stimme. Ihr drittes Album "Quiet Signs" ist das Erste, das sie in einem Studio aufgenommen hat und trotzdem ist es noch ruhiger, minimaler und erhabener geworden. Mit so wenig, kann man so große Musik machen. Jessica Pratt muss die Gitarre nur ein bisschen streicheln, mit ihrer markanten Stimme säuseln und es stellt mir die Nackenhaare auf. Quiet Signs von Jessica Pratt ist ganz unspektakulär fantastisch. Bevor Sie mir jetzt wegdösen nach dieser leisen Schlummermusik, wieder etwas zum Aufwachen und Aufschrecken. (8 von 10 Punkten)

Health – Slaves Of Fear Vol. 4

Health aus Kalifornien waren mal eine selbstzerstörerische, nervenzersägende Industrialrockband. Mittlerweile sind sie sortierter und arrangierter – aber nach wie vor düster und angsteinflößend.

Schon der Albumtitel „Slave of Fear Vol.4“ versprüht Horrorflair. Soundtechnisch sind sie nah an den Nine Inch Nails, aber der Shoegazer-Frauengesang macht sie dann doch immer einzigartig. Mittlerweile dürfen wir uns aber ruhig fragen: Leben wir nicht schon längst in dieser dystopischen Welt, die Health immerzu heraufbeschwören? Ich erinnere mich gern zurück an eine wilde, laute, dunkle, hedonistische Show von Health bei ihrem Debüt vor knapp 10 Jahren. Leider muss ich sagen, dass die Band ihr Repertoire seitdem nicht erweitert hat, denn auch das Gruselkabinett braucht ein wenig Abwechslung. Wenn man zum vierten Mal damit auf dem Volksfest fährt, erschrickt man schließlich auch nicht mehr. (5 von 10 Punkten)

The Lemonheads – Varshons 2

Zwei Cover haben die Lemonheads in den 90zigern weltberühmt gemacht. Luka war schon ein erster Hit, mit Mrs. Robinson gelang ihnen der internationale Durchbruch. Nach einigen Auf und Abs, bergeweise Drogen, Auflösungen und einer Reunion ist eigentlich nur noch Evan Dando selbst die Konstante. Und er huldigt nach wie vor am liebsten seinen Helden mit Coverversionen. Vor 10 Jahren erschien das Coveralbum Varshons. Jetzt zum Jubiläum legt Evan Dando mit Varshons II nach und covert darauf die Eagles, Yo La Tengo, Lucinda Williams oder auch Nick Cave. Die Originale verändert er kaum und gibt ihnen nur durch seine sonore tiefe Stimme den Lemonheads Stempel. Es gibt definitiv schlechtere Coverbands als die Lemonheads, aber ein eigenes neues Album würde uns dann doch mehr freuen und gefallen. (6,5 von 10 Punkten)

Cass McCombs – A Tip Of Sphere

 Der US Songwriter Cass McCombs veröffentlicht sein 9. Studioalbum. Er ist ein wunderbarer Storyteller. Seine Songs bestechen durch furztrockene Bassläufe und verhalltes Gitarrenfingerpicking, dann wieder mit trippigen Trommeln wie in einem Esoterik-Shop. Dazu hat er ein enormes Mitteilungs- und Missionierungsbedürfnis, singt in manchen Songs fast ohne Atempause. Gerade dann erinnert er an Mark Kozelek – auch wegen der dauerhaften schlechten Laune, die sich beide teilen. Auf der Platte sticht ein Stück besonders raus: „American Sutra Canyon“. Hier nutzt McCombs auch eine Beat-Maschine. (7,5 von 10 Punkten)

Die Goldenen Zitronen – More Than A Feeling

Die Goldenen Zitronen zeichnen auf ihrer neuesten Platte ein düsteres Bild von Deutschland. Sie legen den Finger in die Wunde und halten der Fratze der neuen offenen Fremdenfeindlichkeit einen Spiegel vor. Gleich im ersten Stück geht es darum. Sie zählen die vielen rassistischen Phrasen, Vorurteile und Narrative auf, die wieder salonfähig geworden sind. Von wegen „die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ und „die machen unser Viertel unsicher“. Darauf kontert Schorsch Kamerun nur nüchtern: „Alles frei erfunden“. Aber Sänger Kamerun weiß auch, dass aus diesen diffusen gefühlten Wahrheiten schnell grausame Realität werden kann. Der Titel „More Than A Feeling“ lässt sich also äußerst pessimistisch lesen. Und beinahe jeder bekommt sein Fett weg: „Ihr edlen Erfinder der Menschenrechte braucht doch in Wahrheit outgesourcte Knechte“ klagen sie beispielsweise die Kirchen an. Dieses Album geht wie ein scharfes Messer durch die zähe Masse aus Heuchelei und Doppelmoral.

Sie beschreiben die „monoweiße deutsche BRD“ und fragen „Wer ist das Volk“. Ist der kleinste gemeinsame Nenner wirklich das Schwein essende, Autokaufende, sich über den Fussball-Videobeweis echauffierend und Merkel satthabende Deutschbürgertum. Ist das wirklich ein Wir bzw. unser Wir? Im Song „Alte Kaufmannstadt“ thematisieren sie zu guter Letzt noch das Desaster beim G20 Gipfel in Hamburg.  Die Weltenführer gegen die Riots. Zitat: „Es kam wie es kommen musste. Alle kannten ihre Rolle“. Die Goldenen Zitronen kommentieren mal wieder sehr scharfsinnig das deutsche Zeitgeschehen. Klüger geht’s nimmer. Weil das Album musikalisch auch lange nicht so sperrig ist wie viele zuvor, kommt die Message noch klarer an. (9 von 10 Punkten)

Dakota – Here´s The 101 On How To Disappear

Die Band Dakota aus Amsterdam veröffentlicht ihr Debüt. Die vier Damen machen nostalgisch verhallten Dreampop. Sie schaffen es so gerade noch, dass ihre Melodien nicht zu süßlich und kitschig klingen. Das wenden sie auch mit zwei, drei wavigen Rocksongs ab. Freunde und Freundinnen der Girlbands Boy und Warpaint werden auch Dakota gernhaben. Allerdings haben sie nicht ganz so viel Talent. (6 von 10 Punkten)

LCD Soundsystem – Electry Lady Sessions

Die Electric Lady Studios in Manhattan wurden einst für den Jimi Hendrix Klassiker „Electric Ladyland“ eingerrichtet . Seitdem nehmen dort immer wieder namhafte Bands auf. So jetzt auch das LCD Soundsystem. Sie haben dort ein Livealbum in Studioathmosphäre eingespielt, wie sie es schon mal bei den London Sessions getan haben. Auf den Electric Lady Sessions konzentrieren sie sich auf ihrem letzten Album „American Dream“ und füllen den Rest mit alten Hits und drei Coverversionen auf. Es war eine riesen Party als ich beim Primavera Festival 2016 in Barcelona das Reunion Konzert des LCD Soundsystems gesehen hab. Ich war überrascht, wie energetisch James Murphy noch war. Dann das mehr als überzeugende Album „American Dream“. Da war klar, dass sie das mit einem Livealbum nicht steigern können. Aber Spaß macht es allemal. (7 von 10 Punkten)

Various Artists – Music Inspired By The Film „Roma“

Zum ersten Mal ging dieses Jahr ein Goldener Löwe bei den Filmfestspielen in Venedig an eine Netflix Porduktion, dann gab es auch noch den Golden Globe für den besten Film. Das Drama „Roma“ hat wohl auch Chancen im Rennen um einen Oscar. Die Geschichte einer mexikanischen Haushälterin geht einem auch so nahe, weil die Musik die Schwarz-weiß-Bilder so eindrücklich unterstreicht. Die Songs laufen während des Films mal im Autoradio oder im Haus, während die Haushälterin Cleo aufräumt. Einige von ihnen liefen wirklich in den 70er Jahren im mexikanischen Radio, andere sind aktuell wie When I Was Older von Shootingstar Billie Eilish. Ob Cumbia, Indiegitarren oder Latinopop. Auch der Soundtrack ist ein kleines und sehr abwechslungsreiches Meisterwerk. (7 von 10 Punkten)

Hauschka  - A Different Forrest

Der Komponist und Pianist Hauschka hat auf „A different forrest“ ausnahmsweise mal keine Mitmusiker dabei, probiert keine klanglichen Experimente und verzichtet auch auf das sonst so typisch technoide Hämmern auf den Klaviersaiten. Allerdings hat er dieses Mal komplett aufs Komponieren verzichtet. Nur mit ein paar Ideen im Kopf hat er sich ans Klavier gesetzt und gejamt. Obwohl im Hintergrund natürlich das mathematische Kompositions-Gehirn von Hauschka intuitiv gewerkelt hat, sind die neuen Songs also Momentaufnahmen. (7 von 10 Punkten)


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