Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Ringsgwandl | Angelo De Augustine | Rhonda

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Ringsgwandl, Friska Viljor, Turbostaat, Ouzo Bazooka, Angelo De Augustine, Miriam Aida, Rhonda, The Struts, Solarize sowie Pom Pom vom Label Ostgutton.

Von: Matthias Hacker

Stand: 10.01.2019

Cover: Angelo de Augustine - "Tomb" | Bild: Cargo

Turbostaat – Nachtbrot

Das Jahr beginnt mit einem neuen Album von der Flensburger Punkband Turbostaat.
Am 7. Januar 1999 -  das war der Tag an dem in Washington das Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton begonnen hat, da haben sich in Husum in Norddeutschland 5 Jungs zu ihrer ersten Bandprobe getroffen. Um Zitat: „einfach ein bisschen Deutschpunk zu ballern“. Keiner von ihnen hat damals geahnt, was daraus mal werden würde. Die Band Turbostaat und 20 gemeinsame Jahre, die sie jetzt zum Jubiläum mit ihrem ersten Livealbum feiern. Aufgenommen haben sie es bei drei aufeinanderfolgenden Konzerten vergangenen April in Leipzig. Ich bin zwar kein bekennender Turbostaat-Fan, aber ich mochte diese rohe Aufnahme sehr gern. Es ist keine poliertes, beschönigendes Großevent, sondern ein kleines wildes Clubkonzert, bei dem wir im Moshpit Mäuschen spielen dürfen. Man sieht beim Hören förmlich den Schlagzeuger in seine Snaredrum Knüppeln und Sänger mit einem Fuß auf der Monitorbox stehen. Davor die textsicheren Fans, die mit der Band mitgehen und mitsingen. Empfand ich als sehr atmosphärisch und wunderbar direkt von Moses Schneider produziert. (7 von 10 Punkten)

Angelo de Augustine – Tomb

Auf einem viel niedrigeren Energie-Level spielt das neue Album von Angelo De Augustine. Es ist ein zartes, sentimentales Folkalbum. Zum ersten Mal hat er seine Songs nicht bei sich zuhause im Schlafzimmer – nahe Los Angeles - mit Laptop aufgenommen, sondern in einem Studio zusammen mit einem Freund in New York. Das intime Gefühl einer Schlafzimmer-Produktion bleibt aber. Er verarbeitet auf seinem dritten Album eine schwierige Trennung und erinnert an die ebenso schwierige Beziehung zu seinen Eltern und zur Musik selbst. Seine Eltern waren Studiomusiker – Papa Schlagzeuger, Mama Sängerin – und deshalb beide sehr oft unterwegs. Musik und das Machen von Musik stand für ihn lange Zeit exemplarisch für Einsamkeit. Als Teenager wollte Angelo de Augustine dann eigentlich Profi-Fußballspieler werden, aber eine schwere Verletzung hat seinen Plan durchkreuzt. Vielleicht hätten wir sonst nie dieses schöne Album von ihm hören dürfen, das morgen erscheint. Ein Freund schenkt ihm nach der Verletzung nämlich eine Akustikgitarre, und er fängt selber an, Songs zu schreiben. Sein Thema in der Musik bleibt Verlust, Trauer, Herzschmerz, Sehnsucht. Den Eltern-Sohn-Musik Komplex spricht er auch auf seiner dritten Platte an. Dieses zerbrechliche Album erscheint passenderweise auf dem Label Asthmatic Kitty von Sufjan Stevens . Und wir erinnern uns: Sufjan Stevens hat ja auch vor ein paar Jahren schon mal ein Album über seine verstorbene Mutter gemacht. Wir sehen und hören die Parallelen. (8 von 10 Punkten)

Ringsgwandl – Andacht und Radau

Vor kurzem hat Georg Ringsgwandl seinen 70. Geburtstag gefeiert. Er, der frühere Oberarzt in der Kardiologie, hat sich einmal selbst Irrsinn und eine mehrfach gespaltene Persönlichkeit attestiert. Beides könne nicht schaden, wenn man Kunst machen will. Mit seinem neuen Albumtitel ruft er „Andacht und Radau“ aus, wobei: ganz so wild wie früher ist er nicht mehr. Auch wilde Hunde trinken irgendwann Kamillentee, hat er mal gesagt. Schade, denn Andacht und Radau gefällt mir am besten, wenn Ringsgwandl auf Radau aus ist wie beispielswese im Song „Reiß de Hüttn weg“. Keine Oldie-Andacht, sondern ein Hochamt für aufgekratzte Geister im musikalischen Irrenhaus soll es sein. Der Irrsinn steht ihm nach wie vor gut. Er frotzelt er über das Digitale Proletariat, fragt sich „Wos is mit de Leid los?“ und groovt, rockt und sprechsingt in üblicher Weise ironisch und komisch über die etwas andere Tiernahrung und das Skifahren. (6.5 von 10 Punkten)

Rhonda – You Could Be Home Now

Die Hamburger Neosoul-Band Rhonda ist eine musikalisch sehr tighte und professionelle Truppe. Ihr Markenzeichen ist sicherlich die Stimme von Sängerin Milo Milone. Diese ist extrem wandelbar, bietet in der Single „Couldn't Say Yes“ so viel dunkles, melancholisches Timbre wie Amy Winehouse und in Songs wie Habits eine intensivere Rockröhre. Das Eröffnungs- und das Schlussstück der Platte klingen wie der Soundtrack zu einem wunderbaren Western-Showdown a la High Noon und sie betten den Rest des Albums stimmungsvoll ein. Der Vintagestyle und Sound der Band sind absolut authentisch. Doch sind eine sehr gute Backing Band und eine starke Sängerin nicht alles, was ein gutes Album braucht. Es fehlt an ausgefeilten und berührenden Songs. Die Musik soll uns nahegehen, tut es allerdings nur selten und wirkt oft zu technisch und steif arrangiert. (6 von 10 Punkten)

Friska Viljor – Broken

Die vergangenen zwei Jahre war es ziemlich leise um die beiden Schweden von Friska Viljor, die uns ja sonst so gern mit ihren gutgelaunten und oft feuchtfröhlichen Party-Prostrock zum Feiern und Fröhlich sein angestachelt  haben. Jetzt erscheint das siebte Album, und es ist die totale Kehrtwende. Es heißt  schon recht eindeutig „Broken“, beginnt zwar noch mit einer schmissigen Single. Aber schon in diesem ersten Track ist der Text traurig und melancholisch. DA heiß es: „I´m not in love with you, when you are not in Love with me - „I wanna break up“. Es ist unmissverständlich eine Trennungsplatte. Der zweite Song – ein sphärisches Instrumental – fragt nur noch unsicher „Is it over?“. Sänger Joakim Svenningsson verarbeitet hier hörbar eine tiefe Lebenskrise. Seine Familie ist in die Brüche gegangen und nach eigener Aussage, waren die letzten beiden Jahre die schlimmsten seines Lebens. Auch musikalisch passt hier der Spruch: Von himmelhochjauchzend bis zu  Tode betrübt. An diesen neuen traurigen, oft auch sphärischen Sound müssen sich Fans von Firska Viljor erst gewöhnen. Das ist keine Feierplatte mit Mitsing-Hits – im Gegenteil. Aber ohne unempathisch sein zu wollen, musikalisch lagen ihnen die schmissigen, launigen Hits früher besser. (6 von 10 Punkten)

Solarize – Nachtwerk

Wilfried Franzen und Thomas Grötz machen seit knapp 40 Jahren gemeinsam experimentelle Popmusik. Haben diese aber immer nur auf privaten Kassetten und CDs veröffentlicht. Jetzt erscheint unter ihrem Namen Solarize die erste offizielle CD. Sie heißt Nachtwerk und bündelt Kompositionen aus den Jahren 1991-1998. Eine Zeit, in der sie sich mit sphärischen Ambient, Synthpop und Krautrock befasst haben, aber auch für damals neuere Einflüsse wie Trance und Techno offen waren. Ihr erster offizieller Release nach 38 Jahren ist sozusagen auch eine Retrospektive. Das hört man auch, denn Nachtwerk besitzt keine eindeutige Handschrift, sondern ist ein tolles Sammelsurium der 1990ziger Bandjahre. Was die Songs eint, ist die spontane und ergebnisoffene Arbeitsweise der beiden Musiker. Das klingt mal nüchtern, mal colllagenartig verspielt. (7 von 10 Punkten)

Ouzo Bazooka – Transporter

Ouzo Bazooka aus Tel Aviv verschränken wieder kalifornischen Retro und Surfpop mit nahöstlichen Melodien. Das klingt  mal mehr nach intensiven Psychrock oder Hippiehymnen, kann aber auch avantgardistischer Krautrock oder Indie- und Stonerrock sein. Auf alle Fälle ist das neue Album nicht mehr so verspult wie der Vorgänger, was schade ist. Im Vergleich zu den vielen anderen jungen Psychbands sind Ouzo Bazooka vielleicht gehobenes Mittelfeld. Besonders ist ihre Musik vor allem dann, wenn östliche Melodien auf unsere westlich-geprägten Vorstellungen von Psychedelic-Musik treffen. Das möchte ich live auf alle Fälle sehen und hören: Sie spielen vier Termine in Bayern – München, Nürnberg, Augsburg und Viechtach im Bayerischen Wald. (7 von 10 Punkten)

Miriam Aida – Loving The Alien

Miriam Aida – in Schweden eine bekannte Jazzsängerin hat ein Coveralbum ausschließlich mit David-Bowie-Songs gemacht. Sie veröffentlicht es am 9. Januar, anlässlich Bowies dritten Todestags. Mutig mögen manche sagen, andere: Sakrileg. Es  heißt wie der Bowie Song „Loving The Alien“. Die coolen Lieder von Bowie werden hier in Latino-Jazz ertränkt. Man möchte die Songs manchmal nur noch mit Cocktail-Schirmchen garnieren. Das Anstößige von Bowie ist nicht mehr zu spüren. The Thin White Duke war immer ein Pionier, Provokateur und Grenzgänger. Wer weiß, ob ihm diese Versionen seiner Songs gefallen hätten. Als Grenzgänger hätte er es vielleicht sogar gut gefunden, dass es ausprobiert wurde. Ihre Art zu interpretieren, hat man schnell durchschaut, und dann sind die restlichen Songs ziemlich leicht austauschbar. Da sie sich auch noch auf Bowies größte Hits beschränkt, macht das „Loving The Alien“ ziemlich vorhersehbar. Ihre Song-Auswahl: Let´s Dance, eine portugiesische Version von Rebel Rebel, This is not America, The Man Who Sold The World oder Space Oddity. Es kommt für mich ein seichtes Barjazz-Flair auf. (5 von 10 Punkten)

The Struts – Young and Dangerous

 Auch das neue Album der Band The Struts ist kein Highlight. Es hat mich sogar richtig wütend gemacht.  Fast jeder Song klingt geklaut. Sie bedienen sich bei erfolgreichen Rock-Hits der Dandy Warhols, von The Darkness, Fun oder Razorlight. Lauter Plagiate oder wie Helene Hegemann sagen würde: Remixe. Es ist schlichtweg gewöhnlicher Mainstream-Baukasten-Rock. Die überkostümierte und überbewertete Glamrock Band wird ziemlich gehyped, und es würde mich auch nicht wundern, wenn ihr stadiontauglicher Rock bald in einer Fernsehwerbung auftaucht. Er ist nämlich maximal eingängig, glatt und langweilig. (4 von 10 Punkten)

Pom Pom – Untitled II

Nachdem der deutsche Produzent vergangenen April schon Untitled I veröffentlicht hat, erscheint jetzt der Nachfolger. Es ist das erste Album, dass er nicht auf seinem eigenen PomPom Label veröffentlicht, sondern auf dem Berghain-Label „Ostgut Ton“. Passend zum Berliner Techno Club ist das Albumartwork komplett in Schwarz gehalten und die Stücke haben keine Titel. So wenig Information wie möglich. (6,5 von 10 Punkten)


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